Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine – really?

Alle Seiten zeigen sich offen, aber will Putin überhaupt? Unsere Russland-Experten sind da skeptisch.

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Autor Bild Justus von Daniels

Symbolisch aufgeladen waren ja die Bilder von den Rauchwolken in St. Petersburg, als Putin seinen „Wirtschaftsgipfel“ inszenieren wollte. Die Ukraine setzte mit ihren Drohnenangriffen ein mächtiges Signal: Wenn wir wollen, treffen wir Euch ins Herz. 

Putin machte weiter, als sei nichts geschehen. In derselben Zeit sandten die Russen aber Botschaften aus, dass sie für Verhandlungen aufgeschlossen seien. Selenskyj wiederum erneuerte seine Bereitschaft, zu sprechen. Ich habe unser Russland-Team in der Redaktion – Silvia Stöber, Marcus Bensmann und Alexej Hock – gefragt, ob Russland militärisch und wirtschaftlich so angeschlagen ist, dass Putin nun bereit für echte Verhandlungen ist und wie die Chancen stehen. 

Was könnte die Motivation für Putin sein?
Ganz einfach: es läuft nicht gut für Putin. Das liege vor allem daran, dass die Ukraine mit ihren Drohnenschlägen tief ins russische Gebiet vordringt, ohne dass sich Russland schützen könne. Die „strategische Tiefe“ Russlands erweise sich als Nachteil, denn es ist unmöglich, ein solch großes Gebiet durch Luftverteidigung zu schützen.

Auch im Land mache sich Frust breit: Die Menschen in Russland sind durch die Angriffe auf die besonders geschützten Städte wie Moskau und Sankt-Petersburg verunsichert. Sie spürten jetzt selbst den Krieg. Das informelle Versprechen, die Menschen vom Krieg, der sogenannten „Spezialoperation“, zu verschonen, sei damit gebrochen. Zudem warnten sogar russische Offizielle, dass der Krieg finanziell nicht mehr zu stemmen sei. Denn die Geldreserven seien mehr oder weniger aufgebraucht. Um militärisch in die Offensive zu kommen, müsse Putin mobilisieren, was in der Bevölkerung wiederum kaum zu vermitteln sei. Denn dann würden noch mehr Repressionen nötig. Also: Putin steht wirtschaftlich und militärisch gerade nicht gut da.

Unsicher ist zudem, wie stabil sein Umfeld ist. Wir hatten kürzlich erst das Netzwerk um Putin herum aufgedröselt und beschrieben. Die stehen offiziell alle hinter ihm. Aber auch sie sehen ihre eigenen Interessen. Aus unbedingter Loyalität kann schnell ein ungeduldiges Ausharren werden. 

Auch aus Deutschland gab es interessante Signale. Bisher war an Gespräche nicht zu denken, weil Putin keinen ernsthaften Willen erkennen ließ. Daran entzündet sich ja die Friedens-Debatte in Deutschland. Während die AfD am liebsten alles akzeptieren würde, was Putin vorschlägt und damit auch viele Friedensbewegte abholt, deutet die Bundesregierung an, dass sie nun ernsthafte Bereitschaft erkennt. Zumindest bereitet sich das Kanzleramt offenbar vor, stimmt sich mit Großbritannien und Frankreich ab. Das sind Anzeichen für Verhandlungen, die kompliziert sind, viele Kanäle brauchen und bei denen Vertrauen aufgebaut werden müsste. Aber vielleicht spielt Putin wieder mal ein Spiel.

Wie hoch sind die Chancen, dass es auch Putin ernst meint?
Das ist die große Frage. Für Putin stehe in dieser Lage eine Richtungsentscheidung an: Eskalieren oder einen Ausweg suchen. Kompromisse kenne er nicht, zudem brauche er innenpolitisch den Krieg, um sich selbst an der Macht halten zu können. 

Alle drei aus unserem Team sehen noch keinen echten Umschwung: Statt um reale Friedensverhandlungen dürfte es sich beim öffentlichen Schlagabtausch zwischen den beiden Präsidenten vor allem um psychologische Spielchen und die Deutungshoheit über die Lage auf dem Schlachtfeld gehen. Putin versuche eher, mit Drohungen und Bombardierungen von Kiew seine Position zu verbessern. Am Ende gehe es darum, ob es eine gesichtswahrende Lösung gebe, die ihn nicht die Macht in Moskau kosten würde. Das ginge nur, wenn nun verlässliche Gesprächskanäle aufgebaut würden (also nicht Gerhard Schröder als Vermittler).

Bemerkenswert übrigens war der Auftritt des AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier in St. Petersburg auf Putins Wirtschaftsgipfel. Wie andere Gäste aus dem europäischen Rechtsaußen-Lager zeigte er sich in offener Begeisterung für seine Gastgeber. Über ihn hatte der Spiegel vor längerer Zeit recherchiert, dass es aus russischen Kreisen über ihn hieß: Den haben wir in der Hand

Das zeigt nochmal, wie wichtig es ist, zu überprüfen, in welchen Netzwerken politische Kandidaten stehen. Frohnmaier war ein Fall. Aber wir möchten alle Kandidaten prüfen. Daher läuft auch unsere derzeitige Aktion, an der sich schon viele beteiligt haben: Wir wollen unser Projekt Sunlight für mehr Transparenz von Kandidierenden ausbauen und werben gezielt um kleine (oder auch große) finanzielle Unterstützung. Sie können hier dafür einen wichtigen Beitrag leisten!

Ganz aktuell zitiert meine Kollegin Lena Köpsell exklusiv neue Details aus dem internen Bericht der EU, warum die rechtsradikale ESN-Fraktion, in der auch die AfD ist, ihre Finanzierung im EU-Parlament verlieren könnte. Lesen Sie unten mehr dazu.

Vorgestern berichteten wir über die Listen psychisch Erkrankter, die Ermittlungsbehörden erstellen wollen. Meine Kollegin Karolin Arnold erklärt am Ende dieses SPOTLIGHT, warum die mediale Verkürzung gerade bei so einem Thema ein Problem ist.

Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende, auch mit unseren Empfehlungen der Woche. Wenn Sie Anregungen oder Kritik haben, schreiben Sie mir wie immer gern.

Herzlich,

Kwasizabantu – eine evangelikale Sekte?
Kwasizabantu – angeblich „der Ort, an dem Menschen geholfen wird“: Ehemalige Mitglieder der evangelikalen Glaubensgemeinschaft Kwasizabantu berichten in der siebten Staffel des Seelenfänger-Podcasts „Holy Hell“ über Prügelstrafen, sexualisierte Gewalt und Höllenängste. Die Recherche-Reise führt das Seelenfänger-Team quer durch Europa bis nach Südafrika. Wie sieht es heute in der Gemeinschaft aus? Eine neue Staffel des großartigen Podcasts „Seelenfänger“ des Bayerischen Rundfunks.
Holy Hell: Keep Calm and Carry on (ardsounds.de, Podcast)

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Es ging dabei um ein geplantes Gesetz in Niedersachsen, das vorsieht, dass schwer psychisch kranke Menschen von Kliniken an die Polizeibehörden gemeldet werden müssen, wenn von ihnen eine Gefahr für andere ausgehen könnte. In Hessen gibt es ein ähnliches Gesetz schon. 

Portrait-Collage aus drei männlichen Personen: Der Rechtsextremist Martin Sellner, der frühere ICE-Chef Gregory Bovino und der AfD-Bundesvorstand Kay Gottschalk (vlnr.)

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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Marcus Bensmann, Martin Böhmer, Alexej Hock, Miriam Lenz, Finn Schöneck & Silvia Stöber.