
Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf Spotify, Amazon Music, Deezer und Apple Podcasts abrufbar.
Liebe Leserinnen und Leser,
es gibt kaum ein anderes Thema, das die Deutschen derart triggert: Migration. Die einen finden: Es kommen viel zu viele Zuwanderer ins Land, die seien überwiegend kriminell – und dann lägen sie auch noch dem Staat auf der Tasche. Und einige meinen, man dürfe überhaupt nie irgendetwas Kritisches über Zuwanderung sagen, sonst sei man gleich ein Rassist.
Es gibt in der Debatte über Migration kaum Grautöne, sehr selten ein „einerseits – andererseits“. Und das ist ein Riesenproblem. Denn es sorgt für Angst und Hass, und es beschert der AfD viele Wählerstimmen. Auch jetzt wieder, bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, ist das Reizthema wieder ganz oben auf der Agenda. Ich finde, so geht es nicht weiter.
Deshalb habe ich das Buch „Ich bin doch kein Rassist, aber …“ geschrieben, das heute erschienen ist. Mit Unterstützung von SPOTLIGHT-Chef Sebastian Haupt, der eine Menge informativer und teils überraschender Grafiken beigesteuert hat. Wenn Sie informiert über Migration diskutieren möchten: Hier können Sie es bestellen. Mehr im Thema des Tages.

Und es gibt seit heute noch ein neues Buch im CORRECTIV-Buchverlag: „Warnung an Deutschland“ – und auch dieses Buch hat mit den anstehenden Wahlen zu tun. Geschrieben haben es der bekannte türkische Journalist Can Dündar, der in unserer Redaktion im Exil arbeitet, und unser Reporter Marcus Bensmann, der viele Jahre in den autoritären Staaten Usbekistan und Kasachstan gelebt und von dort berichtet hat. Die beiden zeichnen nach, wie schnell eine Demokratie kippen kann.
Jetzt noch Ihr Feedback zum SPOTLIGHT von gestern, Thema: Warum konserviert die CDU nicht entschlossener die Schöpfung, obwohl sie doch konservativ ist? Die meisten von Ihnen finden dies wenig überraschend, weil die CDU nun einmal schon immer „konservativ“ als Bewahrung eines Lebensstandards interpretiert habe. Das schreibt zum Beispiel Leserin Aileen O.:
„Vermeintliche Freiheiten (wie kein Tempolimit) scheinen da doch diversen CDU-Kommentaren nach konservierenswerter. Sei es aus Überzeugung oder aus Schwäche (…). Bleibt vielleicht eher die Frage, was das aus CDU-Sicht zu konservierende, noch wert ist, wenn die Klimakrise sich weiter entfaltet.“
Leser Frank H. wirft die Frage auf, ob dem Bundeskanzler die Sache mit der Klimakatastrophe persönlich eher ein bisschen egal sein könnte, nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“. Und dazu passend vermutet Margot W.: Wichtiger als die Zukunft sei es der CDU womöglich, klare Kante gegen die Grünen zu zeigen. Natürlich immer auch, wie Christian P. schreibt, mit Blick auf Wählerstimmen, die man immer noch hofft, auf diese Weise der AfD abzujagen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und würde mich sehr freuen, wenn Sie mein Buch lesen. Und mir Feedback geben. Gern auch jetzt schon zum Thema Migration insgesamt: anette.dowideit@correctiv.org.
Thema des Tages: Ich bin doch kein Rassist, aber …
Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste
Neueste CORRECTIV-Recherchen: VW-Umbau – Niedersachsen drängt auf Kompromiss
Faktencheck: 485 Millionen Jahre Erdklima: Warum diese Grafik eine Warnung ist
CORRECTIV ganz persönlich: Ein toter Fisch wäre eine gute Nachricht
Grafik des Tages: Niedrigwasser in Flüssen ist leider ein Langzeittrend
Warum meint man überhaupt, ein Buch schreiben zu müssen? Und weshalb schreibt eine Frau, die selbst gar keine nennenswerte Migrationsgeschichte hat, über Migration? Beides sind berechtigte Fragen, die mir in den vergangenen Monaten viele Leute aus dem Bekanntenkreis gestellt haben. Also:
So ging es los:
Sie erinnern sich doch noch an Friedrich Merz und seine Aussage zum „Stadtbild“, oder? Das war im Oktober vergangenen Jahres. Merz’ Halbsatz sorgte wochenlang für hitzige Diskussionen im Land, und das zu Recht. Ich habe dazu damals auch einen Kommentar im Deutschlandfunk veröffentlicht, weil es mich wirklich aufgeregt hat:
Da stellt sich der Kanzler aller Deutschen hin – also auch der Kanzler aller Deutschen mit dunkler Hautfarbe, mit türkischer Herkunft, mit muslimischem Glauben – und raunt davon, „man“ (wer eigentlich: Alle Frauen? Alle? Nur Leute mit heller Hautfarbe?) könnte sich wegen des „Bildes“, das ihre Innenstadt abgibt, auf öffentlichen Plätzen nicht mehr sicher fühlen. Das war klar rassistisch von Merz, denn er ließ bewusst offen, wen er meinte.
Und das ohne Not:
Denn Merz hätte durchaus konkrete Probleme mit (einigen, aber eben nicht allen) Zuwanderern benennen können: Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt zum Beispiel, dass junge zugewanderte Männer aus Marokko deutlich häufiger Gewaltstraftaten begehen als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.
Darum ging es auch in einem Radiointerview bei WDR5, das ich gestern gegeben habe: Wir müssen als Gesellschaft Probleme konkret benennen, die im Zusammenhang mit Migration auftreten. Wir dürfen das Thema nicht den Rechtspopulisten überlassen. Denn sonst machen wir es ihnen leicht, auf dem Rücken von Menschen – Asylbewerbern und allen Menschen mit Migrationsgeschichte – Punkte bei Wählern zu machen.
Wir müssen dann aber differenzieren und dürfen keine voreiligen Schlüsse auf „alle Ausländer“ ziehen.
Warum ist das so?
Auch darum geht es im Buch: Das Thema Migration und Integration ist derart vielschichtig und schwer zu verstehen, dass viele Leute – auch jene im eher links-grünen politischen Spektrum – damit überfordert sind, sich eine informierte Meinung auf Basis von Fakten zu bilden.
Das liegt auch daran, dass mittlerweile viele Desinformations-Medien unterwegs sind, deren Geschäftsmodell es ist, gegen Migranten zu hetzen – und die deshalb gezielt Falschinformationen verbreiten und Ängste schüren. So wie neulich in Ceuta. Da wurden gezielt Bilder verbreitet, die es aussehen ließen, als würden hier „Massen“ ungebremst nach Europa strömen. Dabei war es so gar nicht, wie wir berichtet haben.
Und es liegt daran, dass es uns schwerfällt, zu akzeptieren, dass zwei Dinge gleichzeitig stimmen können – in diesem Fall: dass Migration gleichzeitig positive und auch negative Impulse in eine Gesellschaft tragen kann.
Deshalb …
… haben wir die relevanten Fakten zu den wichtigsten Fragen zusammengetragen:
- Sind Zugewanderte auch über alle Gruppen und Herkunftsländer hinweg krimineller?
- Liegen sie dem Staat auf der Tasche?
- Sind sie fundamentalistischer und antisemitischer eingestellt?
- Läuft der Unterricht an den Schulen aus dem Ruder, weil es mittlerweile zu viele Kinder gibt, die nicht richtig Deutsch sprechen?
Schon mal vorweg: Ja, es gibt spürbare Probleme in einigen Bereichen, zum Beispiel in den Schulen – darüber berichten wir von CORRECTIV ja auch fortlaufend mit unserem Bildungsteam. Zum Beispiel hier.
In anderen Bereichen dagegen lässt sich statistisch nicht belegen, dass mit Zuwanderern komplett neue Probleme importiert würden. Ein Beispiel: Antisemitismus. Letztes Jahr saß Bundeskanzler Merz bei einem TV-Interview in den USA, beim Trump-nahen Sender Fox News. Er behauptete dort unwidersprochen, wir hätten in Deutschland ein Problem mit „importiertem Antisemitismus“. Dabei zeigt die Forschung anderes – nämlich, dass dieses Narrativ vor allem Rechtspopulisten hilft, Hass gegen Muslime zu schüren.
Wenn ich einen Wunsch frei hätte:
Dann würde ich mir wünschen, dass alle, die sich öffentlich über Migration und Integration äußern, vorher über die Faktenlage informieren – und sich dann eine differenzierte Meinung bilden.
Nur dann nämlich kann es uns als Gesellschaft gelingen, die wirklichen Probleme im Zusammenhang mit Migration zu lösen. Momentan passiert das so gut wie nie. Stattdessen werden Dinge zusammengewürfelt, die nicht zusammengehören: Zum Beispiel werden Arbeitsmigranten, die wir gezielt in anderen Ländern anwerben, oft mit Geflüchteten in einen Topf geworfen.
Und wir sprechen kaum über Lösungen. Zum Beispiel darüber, dass man Geflüchtete mit mentalen Problemen viel konsequenter therapieren müsste – um so furchtbare Vorfälle wie Anschläge verwirrter, psychisch kranker Asylbewerber zu verhindern.
Dabei haben wir von CORRECTIV dieses Problem schon vor zweieinhalb Jahren aufgedeckt – getan hat sich seither aber nichts.

Jetzt noch mal zum Titel des Buchs:
Ich habe jetzt schon festgestellt, wie sich einige Leute getriggert und angesprochen fühlen – auch, wenn sie es gar nicht sind. Unter meinem LinkedIn-Post zum Buch kommentierte zum Beispiel jemand: „Man ist kein Rassist, wenn man kriminelle Gäste loswerden will.“
Eine spannende Reaktion, fand ich: Weder hatte ich diesen konkreten Leser als Rassist bezeichnet, noch hatte ich geschrieben, kriminelle Geflüchtete sollten in Deutschland bleiben dürfen. Der Fall der LinkedIn-Auseinandersetzung zeigt meiner Ansicht nach, wie dringend es nötig ist, das Thema differenziert und faktenbasiert aufzubohren.
Trumps Briefwahl-Pläne vorerst erlaubt
Der Oberste Gerichtshof hat die neuen Briefwahl-Pläne von US-Präsident Donald Trump vorerst zugelassen. Demnach dürfen nur Bürger per Briefwahl abstimmen, die auf der von der Trump-Regierung erstellten Staatsbürgerschaftsliste stehen. Kritiker warnen vor einer gezielten Benachteiligung demokratischer Wähler. Die endgültige Entscheidung steht noch aus.
tagesschau.de
Drei Drohnen nach Vorfall am Leipziger Flughafen entdeckt
Nach dem Sprengstoff-Drohnen-Vorfall Anfang August am Leipziger Flughafen gehen Ermittler davon aus, dass mehrere Drohnen im Einsatz waren. Eine zweite Drohne stieß demnach mit einem DHL-Flugzeug zusammen. Zehn Tage später fanden Ermittler in einer Gemeinde im sachsen-anhaltinischen Saalekreis eine dritte Drohne. Sicherheitskreise vermuten russische Geheimdienste hinter dem Vorfall, Moskau bestreitet das.
tagesspiegel.de
Nach Sommerpause: Erste Kabinettsklausur für Merz-Regierung
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und das neu besetzte Kabinett kommen nach der Sommerpause erstmals zu einer zweitägigen Kabinettsklausur zusammen. Im Mittelpunkt stehen das Wirtschaftswachstum und geplante Reformen, die im Herbst starten sollen. Auch das Klima rückt in den Fokus: Vor der Sitzung haben Umweltminister Carsten Schneider (SPD) und andere SPD-geführte Ministerien Handlungsbedarf bei diesem Thema betont.
welt.de / spiegel.de

Neueste CORRECTIV-Recherchen

VW-Umbau – Niedersachsen drängt auf Kompromiss
Der VW-Aufsichtsrat soll über drei konkurrierende Vorschläge für den Umbau entscheiden. Dem Konzern droht damit die Lähmung.
correctiv.org

Windräder vor der Haustür, aber was hat die Region davon? Annett Louisan spricht über Windkraft in Sachsen-Anhalt, Bürgerenergie – und Möglichkeiten, die Menschen vor Ort stärker an der Energiewende zu beteiligen.
tube.funfacts.de

Eine wissenschaftliche Grafik wird als Argument gegen den Klimawandel interpretiert. Doch die Studie und ihre Autorinnen sagen genau das Gegenteil aus: Sie warnen davor, wie schnell sich die Erde aktuell erwärmt.
correctiv.org
So geht’s auch
Nach einem Schlaganfall wird Einkaufen oft zur Herausforderung. Ein kleiner Penny-Markt in einer Hamburger Klinik unterstützt Menschen mit Schlaganfallgeschichte oder schweren neurologischen Erkrankungen dabei, das Einkaufen neu zu lernen. Dort üben die Patientinnen und Patienten mit Produktattrappen, Waren in den Einkaufswagen zu legen oder an der Kasse zu bezahlen.
watson.de
Endlich Verständlich
Die AfD behauptet von sich, eine christliche Partei zu sein. Doch ihre Pläne gegen die Kirche passen nicht dazu: Die AfD in Sachsen-Anhalt will die Staatsleistungen umverteilen, den Kirchensteuereinzug beenden und das Kirchenasyl abschaffen. Kirchenvertreter positionieren sich so deutlich wie nie. Regionalbischöfin Schlauraff redet mit dem Deutschlandfunk darüber, warum sie vor einem Wahlsieg der AfD warnt, erzählt von ihren Erfahrungen mit AfD-Wählern und über ihre Ängste.
deutschlandfunk.de
Fundstück
Der MDR hat sein Fernsehprogramm am Montagabend kurzzeitig mit einem schwarzen Bildschirm unterbrochen. Damit will der Sender darauf aufmerksam machen, was passieren könnte, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die Regierung stellt und ihr Versprechen hält, den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen.
mz.de / welt.de
Vergangene Woche haben wir eine Drehreise entlang des Rheins gemacht, von den Niederlanden bis zum Bodensee. Fünf Tage lang haben wir dokumentiert, was das Niedrigwasser anrichtet: Schiffe, die im Hafen auf Grund liegen, ausgetrocknete Fischtreppen und Ufer, an denen Schiffswracks auftauchen.
Unterwegs trafen wir Menschen, deren Existenz am Wasserstand hängt. Ein Fährbetrieb in zweiter Generation musste den Betrieb vorläufig einstellen, weil das Wasser so tief steht wie noch nie. In einem Strandbad am Bodensee zeigte uns ein Mitarbeiter den Badesteg, der komplett im Trockenen liegt, weil das Wasser so weit zurückgegangen ist. Besucher kommen kaum noch.
Am eindrücklichsten war für mich das Gespräch mit Samuel Gründler, dem Präsidenten des Fischereivereins Schaffhausen, der sich seit Jahren für den Äschen-Bestand einsetzt. Diese Süßwasserfische sterben bei hohen Wassertemperaturen wie in diesem Sommer. Dieses Jahr hat er jedoch kaum tote Äschen entdeckt, und genau das beunruhigt ihn. Er würde lieber ein paar tote Fische sehen als ein leeres Gewässer, in dem nichts mehr sterben kann. Denn von den Hitzesommern der letzten Jahre habe sich der Bestand nie erholt.
Wir recherchieren weiter zum Rhein und zu den Folgen des Klimawandels für den Fluss. Wenn Sie etwas beobachtet haben oder eine Geschichte teilen möchten, schreiben Sie mir: lennard.birmanns@correctiv.org

Die Hitze der Vorwochen hat sich gelegt, inzwischen hat es vielerorts auch etwas geregnet. Doch diese sommerlichen Niederschläge sind kein Anlass zur Entwarnung, denn sie helfen den Böden und Flüssen nur bedingt. Das Wasser ist weiter deutlich zu wenig. Und das ist ein langfristiger Trend, wie diese kürzlich erschienene CORRECTIV-Recherche zeigt.
correctiv.org
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert und Sebastian Haupt.
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


