Hier können Sie sich in die Datenbank für Null-Euro-Ärzte eintragen.
575 Millionen Euro haben Pharmakonzerne in Deutschland im Jahr 2015 an Ärztinnen und Ärzte gezahlt. Das Geld floss für Vortragshonorare, Reisespesen, für Anwendungsbeobachtungen oder als Honorar für die Durchführung von Studien. Im Juni 2016 veröffentlichten die Pharmaunternehmen erstmals die Namen von Ärzten und Heilberuflern, die Geld oder geldwerte Vorteile erhalten hatten. Um zu zeigen: Seht her, wir sind transparent, an unseren Zahlungen ist nichts anstößig, jeder Verdacht der Korruption ist an den Haaren herbeigezogen.
So ganz freiwillig war die Veröffentlichung allerdings nicht. Zahlungen von Pharmaunternehmen an Mediziner sind weithin umstritten. Eine Vielzahl von Studien belegt, dass Ärzte, die Gelder von den Konzernen annehmen oder sich einladen lassen zu Kongressen und anderem, häufiger zum Rezeptblock greifen und zudem teurere Medikamente verordnen.
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2010 beschloss die US-Regierung unter Barack Obama, dass Pharmaunternehmen ihre Zahlungen an US-Mediziner jedes Jahr namentlich veröffentlichen müssen – den „Sunshine Act“. Eine solche Regelung wollen die Konzerne in Europa um jeden Preis verhindern. Deshalb erklärten sie im vergangenen Jahr flugs, diese Transparenz hierzulande nun freiwillig zu leisten. Und veröffentlichten die Zahlungen.
Nur 29 Prozent der Ärzte sind transparent
Das Problem: Ärzte in Europa können, müssen aber nicht offenlegen, ob sie Geld von der Pharmaindustrie bekommen. Wer sich an der Transparenzinitiative nicht beteiligen wollte, für den blieb alles beim Alten. Und die Ärzte nutzten diese Möglichkeit reichlich. Unter jenen, die Zahlungen erhalten, stimmten nach Berechnungen von CORRECTIV nur 29 Prozent einer Veröffentlichung zu. Man darf davon ausgehen, dass es sich dabei vor allem um solche Mediziner handelt, deren Einnahmen unbedenklich waren. Heißt im Umkehrschluss: Von 71 Prozent der Ärzte, die Zuwendungen erhalten hatten, haben wir keine Daten. Ebenso wenig von Ärztinnen und Ärzten, die null Verbindungen zur Pharmaindustrie unterhalten.
Bei allen Ärzten, die nicht in der Datenbank stehen, kann dies zweierlei bedeuten. Erstens: Der Arzt, die Ärztin hat kein Geld erhalten. Oder, zweitens, er oder sie will nicht, dass die Pharma-Honorare bekannt werden und hat einer Veröffentlichung widersprochen. Ein Außenstehender weiß also nicht, ob die Ärztin besonders redlich ist und keinerlei finanzielle Beziehungen zur Pharmaindustrie hat – oder ob der Arzt sich besonders gern einladen und honorieren lässt, aber nicht will, dass das bekannt wird.
Im vergangenen Jahr hat CORRECTIV die Daten jener Ärzte, die mit der Nennung ihres Namens einverstanden waren, erstmals in einer Datenbank zusammengeführt und veröffentlicht. Danach meldeten sich viele Ärzte. Sie sagten, sie würden auch gern in dieser Datenbank auftauchen – mit dem Eintrag „null Euro“. Weil sie Wert darauf legten, vor Kollegen und Patienten zu dokumentieren, kein Geld von den Konzernen anzunehmen.
Die Pharmaindustrie selbst hat für dieses Problem keine Lösung, denn sie kennt nur die Namen jener Ärzte und Heilberufler, denen sie Geld überweist.
Deshalb startet CORRECTIV jetzt das Projekt „Null-Euro-Ärzte“. Hier können sich jene Mediziner eintragen, die im zurückliegenden Jahr KEIN Geld von der Pharmaindustrie für Vorträge und Fortbildungen angenommen haben. Diese Ärzte erscheinen künftig in unserer „Euros für Ärzte“-Datenbank mit dem Betrag „0 Euro“.
MEZIS und VDÄÄ unterstützen das Projekt
Mehrere Ärzteorganisationen unterstützen das CORRECTIV-Projekt von Beginn an. Darunter MEZIS, das steht für: Mein Essen Zahl Ich Selbst, eine Initiative kritischer Ärzte. Genau wie der Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VdÄÄ).
CORRECTIV bietet ab sofort allen Medizinern und Fachkreisangehörigen in Deutschland an, sich in die neue Datenbank einzutragen. Die helfen soll, dass Patientinnen und Patienten eine informierte Entscheidung bei der Auswahl ihres Arztes treffen können.
Update 31.5.2017: In den ersten zwei Tagen seit der Veröffentlichung der neuen Datenbank haben sich mehr als 400 Null-Euro-Ärztinnen und Ärzte eingetragen, darunter so bekannte Mediziner wie Prof. Dr. Michael M. Kochen, Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) und Prof. Dr. Peter Schönhöfer, langjähriger Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Uniklinikum Bremen-Mitte.
Update 7.6.2017: Seit gestern unterstützt auch die „Weisse Liste“ das Projekt auf ihrer Homepage, außerdem wirbt der Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“ (IPPNW) unter seinen Mitgliedern für die Teilnahme. Stand heute haben sich bereits mehr als 500 Medizinerinnen und Mediziner als Null-Euro-Ärzte registriert.
FAQ: Die wichtigsten Fragen für interessierte Ärztinnen und Ärzte
Ich bin Arzt, wie überprüfen Sie, ob mein Name und meine Adresse stimmen?
Zunächst müssen wir überprüfen, ob Sie tatsächlich der sind, für den Sie sich ausgeben. Dazu müssen Sie Ihre Anschrift und eine Email-Adresse angeben. An diese Email-Adresse bekommen Sie ein pdf-Dokument zugeschickt, das Sie bitte ausdrucken und unterschreiben. Wenn Sie eine eigene Arztpraxis haben, versehen Sie es bitte mit Ihrem Praxisstempel. Dieses Dokument senden Sie an uns per Post oder Fax zurück.
Wie überprüft CORRECTIV, ob meine Angaben richtig sind?
Wir nehmen Sie beim Wort. Sie versichern, dass Sie im Jahr 2015 oder 2016 keine finanziellen Zuwendungen bekommen haben von einem Pharmaunternehmen, das der Freiwilligen Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie (FSA) angehört. Nach dem aktuell gültigen FSA-Kodex können nur Honorare für Vorträge, Spesen und Fortbildungen veröffentlicht werden. Wenn Sie ankreuzen, in diesen Bereichen keine Zuwendungen erhalten zu haben, überprüfen wir, ob Ihr Name in den Veröffentlichungen der FSA-Firmen auftaucht. Wenn Sie zum Beispiel für das Jahr 2016 doch in der FSA-Liste aufgelistet sind, können Sie nicht gleichzeitig in der Liste der Null-Euro-Ärzte auftauchen. Denkbar ist aber, dass Sie 2015 in der FSA-Liste auftauchen, 2016 aber in der Null-Euro-Liste.
Ich habe nur an einer Fortbildungsmassnahme teilgenommen, bei der die Referenten von einer Pharmafirma bezahlt wurden. Zählt das als Zuwendung bei mir?
Grundsätzlich zählen pharmagesponserte Fortbildungsveranstaltungen dazu. Ob das Unternehmen dies als Zuwendung für Sie persönlich wertet, erkennen Sie daran, ob das Unternehmen (sofern es Mitglied im FSA ist) Sie gefragt hat, ob es diese Zuwendung (geldwerten Vorteil) mit der Nennung Ihres Namens individualisiert veröffentlichen darf.
Muss ich auch Honorar angeben, das ich für Anwendungsbeobachtungen erhalten habe?
Die im FSA-Kodex zusammengeschlossenen Firmen veröffentlichen keine Namen von Ärzten, die Honorar für die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen (AWB) bzw. Nicht-Interventionellen-Studien (NIS) erhalten haben. Dies wird zwar häufig kritisiert, weil gerade AWBs umstritten sind, da ihr Zweck meist darin besteht, einem Arzt dafür Geld zukommen zu lassen, dass er ein bestimmtes Medikament seinen Patienten verordnet. Aber die Industrie bleibt beim Thema AWBs intransparent. Das heißt: Wenn Sie als Arzt im vergangenen Jahr 10.000 Euro für AWBs bekommen haben und dann noch mal an einer Fortbildungsveranstaltung im Wert von 200 Euro teilgenommen haben, veröffentlichen die Pharmaunternehmen unter Ihrem Namen nur die 200 Euro. Wir halten dieses Vorgehen für fragwürdig und ermöglichen es Ärztinnen und Ärzten deshalb, zusätzlich anzugeben, dass sie auch kein Honorar für AWBs angenommen haben.
Ich bin kein Arzt, sondern Krankenschwester oder Apotheker. Kann ich mich auch eintragen in Ihre Liste?
Ja, denn die Pharmafirmen schließen in ihr Transparenzprojekt ausdrücklich Angehörige der Fachkreise ein. Dazu gehören auch Pflegekräfte, Apotheker und sogar Mitarbeiter von Krankenkassen. Der FSA definiert Fachkreisangehörige wie folgt: „,Angehörige der Fachkreise’ sind die (…) hauptberuflich tätigen Ärzte und Apotheker sowie alle Angehörigen medizinischer, zahnmedizinischer, pharmazeutischer oder sonstiger Heilberufe und sämtliche andere Personen, die im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit Humanarzneimittel verschreiben oder anwenden oder mit diesen in erlaubter Weise Handel treiben. Hierzu zählen auch Mitarbeiter öffentlicher Stellen oder Mitarbeiter der Kostenträger, die bei dieser Stelle dafür verantwortlich sind, Arzneimittel zu verschreiben, zu beziehen, zu liefern, zu verabreichen oder über die Erstattungsfähigkeit von Arzneimitteln zu entscheiden, sowie Mitarbeiter der Mitgliedsunternehmen, die neben ihrer Tätigkeit für das Unternehmen hauptberuflich als praktizierende Ärzte, Apotheker oder andere Angehörige der Fachkreise tätig sind, nicht aber diejenigen Ärzte, Apotheker oder andere Angehörigen der Fachkreise, die für Mitgliedsunternehmen hauptberuflich tätig sind.“
Ab wann wird CORRECTIV die Daten veröffentlichen?
Wir haben mit der Veröffentlichung der Namen der „Null-Euro-Ärzte“ bereits begonnen und werden die Liste fortlaufend aktualisieren.
Hier können Sie als Arzt oder Angehöriger der Heilberufe beim Projekt Null-Euro-Ärzte mitmachen
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.
