Flucht & Migration

Ich bin doch kein Rassist, aber …

Warum schaffen wir es in Deutschland nicht, differenziert über die Herausforderungen von Migration zu diskutieren? Die wichtigste Antwort: weil Pauschalisierung so einigen nützt. Ein Auszug aus dem neuen Buch von CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit.

von Anette Dowideit

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Wie diskutieren wir in Deutschland über Migration? Die Debatte wird kaum differenziert geführt – und das schürt Hass und Ängste.

Stellen Sie sich vor, Sie spielen in Ihrem Heimatdorf seit 20 Jahren in ein- und derselben Fußballmannschaft. Dieselben Männer jeden Samstagnachmittag auf dem Platz, manchen ist über die Jahre ein Bauch gewachsen, anderen sind die Haare dünn geworden – aber es sind eben immer die Leute, die Sie schon von Kind auf kennen.

Eines Tages schickt einer aus der Mannschaft kurz vor dem Treffen eine Whatsapp-Nachricht: „Kann ich heute jemanden mitbringen?“ „Klar“, werden Sie dann wahrscheinlich sagen, wie die meisten anderen in Ihrem Team, und den Neuen mitkicken lassen. Die Woche darauf ist er dann wieder da – und bringt zwei weitere Freunde mit. Die beiden wiederum haben noch mehr Kumpels, die mitspielen wollen. Irgendwann ist der Fußballplatz voller Leute, die Sie gar nicht kennen. Vielleicht finden Sie das spannend, weil Sie gern neue Menschen kennenlernen. Vielleicht denken Sie aber auch: Moment, das ist doch gar nicht mehr meine Fußballmannschaft.

Beides sind erst mal nachvollziehbare Gefühle. Sie können die Fußballmannschaft gedanklich durch Ihren Frauen-Yogaklub ersetzen und das Heimatdorf durch das Großstadtviertel, in dem Sie aufgewachsen sind. Das kommt aufs Gleiche hinaus: Viele Menschen fühlen sich wohl, wenn sie in gewohnter Umgebung sind – und von Menschen umgeben, die sie kennen, die einen ähnlichen Dialekt haben, die dieselben Feste feiern. Ob Sie selbst als Leserin oder Leser dieses Buchs eine türkische Familiengeschichte haben oder ob Ihre Vorfahren schon vor 20 Generationen in Wanne-Eickel lebten, ist dafür egal.

Gefühle sind in der Migrationsdebatte menschlich – doch was macht man daraus?

Es gibt unter Menschen jeglicher Herkunft jene, die mutig sind, Lust auf Neues haben und Menschen mit anderen Gebräuchen und Ansichten als Bereicherung für ihren Alltag und als Erweiterung ihres Horizonts empfinden. Es gibt aber auch jene, die sich nicht wohlfühlen, wenn sich Dinge ändern. Zum Beispiel, weil jemand neben ihnen im Bus eine Sprache spricht, die sie nicht verstehen.

Beides ist menschlich. Die Frage ist, was man aus diesen Gefühlen macht.

Was, wenn der Neue auf dem Fußballplatz aus einem anderen Land kommt und dunkle Haut hat? Wird er dann von den anderen besonders kritisch beäugt, weil er äußerlich auffällt? Vermutlich schon. Macht es dabei einen Unterschied, ob der neue Kicker ein IT-Fachmann aus Indien ist, der als Facharbeiter nach Deutschland gekommen ist – oder ein Asylbewerber aus Afghanistan, der erst einmal von Sozialleistungen lebt? Wahrscheinlich ja.

Dass Menschen, die anders aussehen, von vielen in Deutschland erst einmal misstrauisch angeschaut werden, ist nicht schön – aber es ist eine Erfahrung, die viele machen. Sonst hätte die „Stadtbild“-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz nicht über Wochen hinweg die politische Debatte in Deutschland bestimmt. Ähnlich verhält es sich damit, dass viele von uns, wenn wir ehrlich sind, Menschen nach ihrem Job und ihrem Einkommen bewerten: nicht gerade ehrenwert, aber so ist es nun mal.

Foto:Boris Roessler/picture alliance/dpa
Ein Mann steht in der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen vor einem Wohncontainer. Von hier aus werden die Menschen auf die Kommunen innerhalb des Bundeslandes verteilt. Foto:Boris Roessler/picture alliance/dpa

Geht es um Asylbewerber, also Menschen, die aus Not, wegen Krieg oder politischer Verfolgung in ihrer Heimat in Deutschland Schutz suchen, kommt psychologisch noch etwas hinzu – auch das ist menschlich nachvollziehbar, wenn auch nicht gerade edel: die Sorge, dass „wir“, also jene, die schon im Land leben und arbeiten, „die“ vielleicht mit unseren Sozialbeiträgen mitversorgen müssen. Dass Geflüchtete vor allem ein Kostenfaktor seien.

Migration und Integration kosten Geld

Auch diese Debatte ist wichtig. Denn es stimmt ja: Migration und Integration gibt es nicht zum Nulltarif. Sie kosten erst einmal Geld. Und erst später zeigt sich, ob sich die Investition auszahlt – ob die neuen Bewohner das Land sozial, kulturell und natürlich auch wirtschaftlich bereichern. Aber wie teuer sind Geflüchtete wirklich? Das will ich mit Ihnen in diesem Buch herausfinden.

Denn die Diskussion über die Kosten der Migration wird häufig nicht sachlich und auf Grundlage von Fakten geführt – sondern auf Basis von Gefühlen, Sorgen und Ängsten. Dasselbe gilt für viele andere Debatten, die wir in unserem Land über Migration austragen, und zwar vor allem über die Zuwanderung aus muslimisch geprägten Ländern: Führt sie zu mehr Kriminalität, zu mehr Hass gegen Juden und queere Menschen, zu einer höheren Terrorgefahr? Wenn wir uns diesen Fragen nicht stellen, werden sie von rechts beantwortet – mit Schreckensszenarien wie einer „Islamisierung des Abendlandes“ oder einer „kulturellen Auslöschung“. Dabei gibt es fundierte Antworten auf diese Fragen, die ich mit Ihnen ausleuchten möchte.

Über Sicherheitsrisiken durch Migration wird im ganzen Land hitzig diskutiert: an Stammtischen, in TV-Talkshows, in Betriebskantinen, beim Kaffeekränzchen. Bloß: Viel zu oft reden die Menschen dabei aneinander vorbei. Aus einem einfachen Grund: Sie glauben, über die relevanten Fakten und Statistiken informiert zu sein. Oft sind sie es aber nicht.

Migrations-Debatte: Fakten statt Gefühle

Deshalb sollten Sie dieses Buch bis zum Ende lesen. Dann können Sie in Diskussionen über Migration und Integration fundierter mitreden: Ist es begründet, wenn man sich über vermeintliche Migrationskriminalität Sorgen macht? Ist die derzeitige Zuwanderungspolitik für Deutschland zu teuer? Ist es okay, als Gesellschaft darüber zu diskutieren, ob wir künftig nur noch eine begrenzte Zahl von Schutzsuchenden bei uns aufnehmen sollten? Entfernen wir uns politisch gerade von der Menschlichkeit gegenüber Geflüchteten?

Ich bin für dieses Buch losgezogen und habe mit vielen Menschen gesprochen, die diese Debatte noch stärker betrifft als andere. Zum Beispiel, weil sie selbst zugewandert sind. Ich habe mit Leuten geredet, die politische Entscheidungen in der Migrationspolitik treffen – und mit einigen, die zu diesem Feld forschen.

Ich wollte wissen, was aus dem viel bemühten „Wir schaffen das!“ Angela Merkels aus dem Jahr 2015 wirklich geworden ist. Denn dieser Satz ist vor allem in rechtskonservativen bis rechtsextremistischen Kreisen zu einem Kampfbegriff verkommen – zu einer Verhöhnung deutscher Flüchtlingspolitik, deren Folgen wir angeblich heute ausbaden müssen.

Ich wollte verstehen: Kann man mit Blick auf statistische Erhebungen erklären, warum Migration Ängste und Ablehnung in Teilen der Bevölkerung auslöst? Und wenn diese Daten nicht die Ursache für die Gefühle und Einstellungen verraten – was könnte dann der Grund sein?

Warum CORRECTIV?

Falls Sie sich fragen, weshalb ausgerechnet ich mir dieses Thema vorgenommen habe, obwohl ich selbst keine Migrationsgeschichte habe: Ich möchte, dass die Migrationsdebatte in Deutschland fairer und konstruktiver geführt wird. Nämlich anhand von Fakten und nicht anhand von Ressentiments. Und ich finde, dass wir von CORRECTIV das richtige journalistische Medium sind, das zu unterstützen.

Für unsere Arbeit ist es entscheidend, Fakten zu recherchieren, diese einzuordnen und uns dann ein Urteil daraus zu bilden. Wir machen keinen Meinungsjournalismus, sondern schreiben das, was sich belegen lässt. Wir wollen, dass sich Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen können – deshalb legen wir die Fakten immer möglichst ausführlich dar und machen nachvollziehbar, wie wir zu unseren Informationen gelangt sind.

Und genau das braucht es aus meiner Sicht bei den heiklen Themen Migration und Integration. Ich bin gespannt, ob Sie das nach der Lektüre auch so sehen. Und ich freue mich, wenn Sie mir dann ehrliches, konstruktives Feedback schreiben. Oder auf eine Diskussionsveranstaltung kommen, die wir von CORRECTIV sicher nach der Veröffentlichung dieses Buches veranstalten werden.

Das Thema nicht Rechtsaußen überlassen

Ein weiterer Grund ist, dass unserer Redaktion oft nachgesagt wird, wir seien ein „links-grün“ angehauchtes Medienhaus, weil wir häufiger kritisch über die AfD berichten – und auch oft kritisch über jene im rechtskonservativen Spektrum, die dieser rechtsextremistischen Partei gedanklich nahestehen. Uns geht es jedoch bei unserer Arbeit um etwas anderes: darum, Transparenz herzustellen, Missstände aufzudecken und nachvollziehbar einzuordnen, wohin sich unser Land politisch bewegt. Als Journalistinnen und Journalisten arbeiten wir überparteilich – das gebietet unser Berufsethos.

Und dazu gehört es für mich, sowohl über die Gefahren von rechts zu berichten als auch abzubilden, dass Migration und unzureichende Integration Herausforderungen mit sich bringen können. Es geht für mich darum, die Dinge aufzugreifen und anzusprechen, die bei vielen Menschen Sorgen und Ängste auslösen und von rechten Kreisen instrumentalisiert werden – zum Beispiel der Hass gegen queere Menschen in bestimmten kulturellen oder religiös geprägten Milieus, die Messerattacken und Amokläufe von zum Teil seelisch schwer geschädigten Asylsuchenden in den vergangenen Jahren oder die jungen Männer mit Duldungsstatus, die in vielen Städten vor Bahnhöfen abhängen und Passanten blöd anquatschen, weil sie nichts Besseres mit sich anzufangen wissen.

Wir Journalistinnen und Journalisten müssen schreiben, was ist, damit wir unserer wichtigsten Aufgabe nachkommen: Probleme zu benennen. Und dann müssen wir differenzieren und einordnen. Wir müssen anhand von Statistiken und Studien prüfen, wie groß diese Probleme wirklich sind und ob sie – aus welchen Gründen auch immer – kleingeredet oder aufgebauscht werden.

Wir müssen ihren Ursachen auf den Grund gehen. Und wir müssen darüber informieren, welche konstruktiven Lösungsansätze es für diese Probleme gibt. Deshalb stelle ich am Ende dieses Buchs die Frage: Was sind die Schritte, die wir als Gesellschaft gehen sollten, um bessere und fairere Migration und Integration hinzubekommen?

Differenziertheit fällt uns schwer

Momentan haben wir in Deutschland ein enormes Problem damit, ehrlich, differenziert und konstruktiv über dieses Thema zu diskutieren. Das fängt damit an, dass viele Leute im Land nicht benennen, wen sie denn konkret meinen, wenn sie sagen, dass sie sich von „Zuwanderern“ im Stadtbild gestört fühlen. Denn sie meinen in der Regel ja nicht Dänen oder Franzosen, die zugewandert sind. Sondern Somalier oder Syrer. Menschen mit dunklerer Hautfarbe.

Ein Beispiel dafür sind die vielen Berichte, die sich – jedes Jahr wieder – in den Sommermonaten in Medien unter anderem des Axel-Springer-Verlags finden. Tenor ist darin, Frauen würden immer weniger gern ins Freibad gehen, weil es dort irgendwie immer unangenehmer werde; die Berichte handeln von sexuellen Übergriffen und von Massenschlägereien. Dass die Ursache dieses angeblichen Angstklimas aber Gruppen junger ausländischer – oder ausländisch aussehender? – Männer sein sollen, wird in den Texten meistens nicht klar benannt.

Die Temperaturen steigen, die Gemüter erhitzen sich – und plötzlich wird auch aus dem Freibad ein politischer Raum. Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann / SVEN SIMON

Wir vermengen in politischen Diskussionen auch immer wieder die Fluchtmigration und die Arbeitsmigration. Die einen kommen zu uns, weil sie in ihrer Heimat nicht mehr in Frieden und Freiheit leben können, weil ihr Leben bedroht ist – oder auch, weil sie sich hierzulande ein besseres Leben erhoffen und das Asylsystem als einzigen Weg sehen, nach Europa zu gelangen. Die anderen werben wir gezielt an, weil sie helfen, unseren Wohlstand zu sichern und in vielen Branchen dringend gebraucht werden – etwa um unsere Pflegebedürftigen in den Altenheimen zu versorgen. Wir tun aber oft so, als müssten uns auch Fluchtmigranten wirtschaftlich nützen. Was sie oft gar nicht können, weil sie vielleicht alt sind oder Kinder oder krank.

Dazu kommt: Das deutsche Asylrecht ist kompliziert. Es gibt einerseits Staaten, in denen Menschen politisch verfolgt werden, die Asylstaaten. Dann gibt es Staaten, die nicht offiziell als Asylherkunftsstaaten gelten, aus denen man aber trotzdem kommen und erfolgreich Hilfe in Deutschland suchen kann. Das heißt dann „subsidiärer Schutz“. Diesen Schutz erhalten Menschen, die nicht als individuell verfolgt gelten und daher keinen Anspruch auf Asyl haben – denen bei einer Rückkehr in ihr Heimatland aber trotzdem ernsthafter Schaden droht. Zum Beispiel, wenn dort ein Bürgerkrieg herrscht.

Entscheidend ist, dass es bei uns in Deutschland ein individuelles Recht auf Schutz gibt. Das heißt, jeder Fall muss einzeln geprüft werden. Das ist wichtig, damit nicht einige Nationalitäten rassistisch über einen Kamm geschoren werden. So etwas würde gegen unser Grundgesetz verstoßen. Und gegen völkerrechtliche Übereinkünfte (zum Beispiel die Genfer Flüchtlingskonvention), die wir Deutschen unterzeichnet haben.

Diese ganzen rechtlichen Details versteht natürlich kaum jemand, der nicht im Bundesamt für Migration arbeitet. Muss man auch nicht. Hilfreich ist es aber, wenn man sich als Normalo zumindest ein bisschen informiert. Das machen Sie ja jetzt, indem Sie dieses Buch lesen. Sie sind also nicht mitgemeint bei Folgendem:

Viele Menschen – an beiden Enden des politischen Spektrums – haben eine Schere im Kopf. Sie entsteht, weil man nicht so richtig Bescheid weiß und sich deshalb lieber in seine Vorurteile verbuddelt, als sich mit Leuten mit anderer Meinung auseinanderzusetzen. Ich will Ihnen ein Beispiel dafür geben – und fange selbstkritisch bei mir selbst an. Vielleicht finden Sie sich darin auch ein bisschen wieder.

Die Geschichte von der „Zigeunerfamilie“

Neulich saß ich beim Friseur. Die Besitzerin des Salons, in den ich schon seit vielen Jahren gehe, kam vor einigen Jahren aus Polen nach Deutschland. Sie baute sich hier eine Existenz als Friseurin auf, legte eine Meisterprüfung ab und führt nun den Laden mit gut einem Dutzend Mitarbeitenden. Während ich auf dem Friseurstuhl saß, erzählte sie mir aufgeregt: „Gestern Nachmittag war eine Zigeunerfamilie hier im Laden, die sind einfach hier so rein, das waren zwei Mütter mit ganz vielen Kindern, und haben versucht, uns die Spardosen mit dem Trinkgeld zu klauen.“

Während sie erzählte, merkte ich, wie sich meine Muskeln anspannten und sich in meinem Kopf gleich mehrere rote Schilder aufstellten. Schild eins: „Zigeuner“ sagt man nicht. Schild zwei: Was ist das denn für ein Vorurteil? Woher will sie wissen, woher die Leute kamen? Und Schild drei: Wer sagt, dass diese Familie vorhatte, zu klauen – nur weil es angeblich „Zigeuner“ waren?

Ich atmete einmal ruhig durch, denn ich dachte mir: Jetzt keinen Streit vom Zaun brechen und der Friseurin, die ich ja mag und schon lange kenne, Rassismus vorwerfen. Und trotzdem kritisch nachfragen, woher sie das denn alles so genau wissen wolle. Also fing ich mit der einfachsten Frage auf der Faktencheck-Liste in meinem Kopf an: „Woher weißt du, dass sie klauen wollten?“ „Naja, sie standen in unserem Kassenbereich, hatten die Spardosen in den Händen, und einer der Jungen war gerade dabei, eine davon in seine Sporttasche zu packen“, antwortete sie.

Touché, dachte ich. War ich gerade Opfer meiner eigenen politisch korrekten Schere im Kopf geworden? Meiner inneren Stimme, die mir sagte: Die glaubt doch nur deswegen, dass die etwas geklaut haben, weil sie Ausländer sind. Wahrscheinlich schon. Im anderen Punkt blieb ich aber dabei, das sagte ich der Friseurin auch: dass „Zigeuner“ ein Schimpfwort ist. Und dass man es auch dann nicht benutzen sollte, wenn man genau weiß, dass die Kinder gerade versucht haben, einen zu beklauen.

Die Friseurin schaute mich ein bisschen schief an, dachte kurz nach und sagte dann: „Das wusste ich nicht, das merke ich mir. Aber eigentlich ist mir egal, woher die Familie kam – sie hätten halt nicht versuchen sollen, unser Trinkgeld zu klauen.“ Gut, sagte ich, dann sind wir uns ja im Prinzip einig.

Weshalb ich das erzähle? Weil ich finde, dass die Geschichte für einiges steht: dafür, dass wir alle Bilder und Vorstellungen im Kopf haben. Die einen, dass eine Familie mit südosteuropäischem Erscheinungsbild und vielen Kindern wahrscheinlich eine Roma- oder Sinti-Familie ist. Und die anderen, wie in dem Fall ich, dass man bitte erst mal auf die korrekte Sprache achten muss, bevor man dann schaut, was los war.

Dabei lagen die Friseurin und ich eigentlich gar nicht so weit auseinander: Sie hatte ja keine pauschale, rassistische Aussage getroffen à la „Alle Roma und Sinti sind kriminell“, und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nichts gegen Zugewanderte hat – nicht weil sie selbst eine ist, sondern weil in ihrem Salon eine Reihe von Leute arbeiten, die als Schutzsuchende zu uns kamen. Eine dieser Friseurinnen wird in diesem Buch noch eine Rolle spielen.

Es mangelte meiner Friseurmeisterin an dieser Stelle bloß ein bisschen an sprachlicher Sensibilität, und das noch nicht einmal aus böser Absicht. Sie wusste schlicht nicht, dass die von ihr genutzte Bezeichnung für Roma und Sinti eine Beleidigung ist, hat das aber nach unserem Gespräch für sich mitgenommen. Und ich habe mitgenommen: Wenn jemand glaubhaft erzählt, dass er ein ärgerliches oder sogar kriminelles Verhalten bei jemand anderem beobachtet hat, dann kann man schon glauben, dass es stimmen könnte – selbst wenn es dabei um Ausländer oder Menschen mit Migrationsgeschichte geht.

Die Situation ging also gut aus – weil wir miteinander gesprochen haben und uns bemüht haben, dem auf den Grund zu gehen, was in dieser Situation wirklich los war.

Die Wahrheit liegt beim Thema Migration oft in der Mitte

Das Beispiel steht auch noch für etwas anderes: Wahrscheinlich können die meisten Menschen im Land an der Zuwanderung sowohl etwas Positives als auch etwas Negatives finden. Die Realität ist eben so, dass es ziemlich wenige Sachen auf der Welt gibt, die nur schön oder nur schrecklich sind.

Es gibt dafür ein kompliziertes Wort in der Psychologie: Ambiguitätstoleranz. Es bedeutet, dass es bei vielen Dingen ein Sowohl-als-auch gibt – und dass man Grautöne und Uneindeutigkeiten aushalten muss. Zwei Dinge, die auf den ersten Blick als Gegenteile erscheinen, können gleichzeitig wahr sein. Zum Beispiel: Zuwanderung bereichert eine Gesellschaft kulturell – und sie führt zu neuen Herausforderungen. Die Wahrheit liegt oft in der Mitte, im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Umstand aber ist für den menschlichen Geist schwer auszuhalten. Unser Gehirn strebt automatisch nach einem Zustand, wo entweder das eine wahr ist (Zuwanderung ist toll) oder das andere (Zuwanderung ist schlimm). Manche können mit diesem Spannungsverhältnis besser umgehen, andere schlechter.

Über die Sache mit der Ambiguitätstoleranz habe ich neulich mit Ahmad Mansour diskutiert. Falls Ihnen der Name nichts sagt: Mansour ist Psychologe, er wird häufig zu Extremismus unter zugewanderten Muslimen zitiert, vor allem von konservativen Medien. Er ist eine von mehreren streitbaren Personen, die ich für dieses Buch getroffen habe. Ich wollte die Ansichten von möglichst vielen Leuten verstehen, die sich stark mit Migration beschäftigen, von Konservativen genauso wie von Progressiven. Aber nicht von Extremisten. Ich habe von Mansour und auch allen anderen Leuten, mit denen ich sprach, ein paar neue Sichtweisen übernommen. Ich bin gespannt, ob es Ihnen am Ende der Lektüre auch so geht.

Zurück zur Ambiguitätstoleranz: Es gibt Leute, die es für ihre Zwecke nutzen, dass es einem Teil der Menschen so schwerfällt, zwei Dinge als gleichwertig wahr anzuerkennen. Und zwar einige Politiker und so manche Medien, die sich aus menschlichen Ängsten und Sorgen nähren – die Populisten. In der Politik gilt, dass sich aus Angst hohe Wahlergebnisse formen lassen. Und in den Medien (klassische und soziale Medien sind gemeint) gilt: Stimmungsmache und das Schüren von Furcht verkaufen Abonnements und sorgen für Reichweite.

Ein Sowohl-als-auch ist weder in der Politik noch in den Medien häufig zu finden. Aber wie groß ist die Verantwortung der Populisten dafür, dass die Migrationsdebatte auch von normalen Leuten so verbissen geführt wird? Dem gehe ich in diesem Buch auf den Grund. Besonders spannend wird es, wenn es um die Verkaufslogiken privatwirtschaftlicher Medien geht.

Aufwiegeln, statt konstruktiv zu denken

Statt den Austausch von Argumenten zu suchen, werden dort nämlich häufig Klischees für die eigenen Echokammern bemüht. In der Integrationsfrage ist dies besonders häufig das angebliche Tabu, Probleme wie Kriminalität unter Asylsuchenden klar beim Namen zu nennen. Von jenen, die weit rechts im demokratischen Spektrum (und weiter rechts davon) stehen – egal, ob Politiker oder Medienschaffende –, hört oder liest man häufig diesen Satz: „Darüber darf man in Deutschland ja heute gar nicht mehr reden.“ Mit dem „darüber“ meinen sie natürlich Probleme mit Migration.

Ich möchte Ihnen drei prominente Beispiele von Medienschaffenden liefern, bei denen das der Fall war. Sie zeigen nämlich, dass es den Aufwieglern oft nicht so sehr um das Thema an sich geht – die Herausforderungen durch Zuwanderung –, sondern eher um sich selbst und ihre Eigenvermarktung. Darum, aus Spaltung Geld zu machen oder damit Aufmerksamkeit zu erzielen.

Beispiel Nummer eins ist die Moderatorin Julia Ruhs – viele von Ihnen erinnern sich wahrscheinlich an sie. Ruhs ist eine Journalistin, die von zwei öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern eine Aufgabe zugedacht bekam, die sie und ihr Team nicht erfüllen konnten. Denn die Aufgabe war einfach viel zu verquer gedacht. NDR und BR beauftragten sie gemeinsam mit der Moderation einer Reportagereihe mit dem Namen „Klar – Was Deutschland bewegt“.

Das Format, und das war das Problem, war in seiner Konzeption nicht darauf angelegt, unvoreingenommen und ergebnisoffen zu berichten. Sondern darauf, besonders konservative Positionen einzunehmen – unter der Annahme, dass diese im öffentlich-rechtlichen Rundfunk unterrepräsentiert seien. Im April 2025 lief eine Ausgabe der Sendung mit dem Titel: „Migration: Was falsch läuft“. Darin ging es um einen ganzen Strauß negativer Folgen von Fluchtmigration: überforderte Behörden, überlastete Gemeinden und Städte, Kriminalität. Besonders viel Raum räumte die Redaktion dem Fall Brokstedt ein – wo ein Asylbewerber 2023 in einem Regionalzug mit einem Messer um sich gestochen und mehrere Menschen getötet hatte. Migration, so der Tenor der Sendung, sei eine Riesenbedrohung für Deutschland.

Das Problem der Sendungen, das kann ich Ihnen als recherchierende Journalistin mit einigen Jahren Berufserfahrung sagen, war nicht die politische Haltung. Sondern das fehlende Handwerkszeug. Journalistinnen und Journalisten haben viele Möglichkeiten, etwas als „wahr“ darzustellen, was aber nicht bedeutet, dass es gleichzeitig auch wahrhaftig ist – also möglichst wirklichkeitsnah. Aus einem Berg an Statistiken kann man sich jene heraussuchen, die zur eigenen These passen, und man lässt die weg, die nicht so gut passen. Das machen unheimlich viele Journalisten so – ich habe fast 18 Jahre lang bei Axel Springer gearbeitet, und glauben Sie mir, da habe ich so einiges erlebt. Zum Beispiel während der Coronapandemie: Da wurden immer wieder gezielt Statistiken so hingedreht, dass es zur Kernthese passte: „Die Regierung“ wolle „uns“ unterdrücken.

Im Fall Ruhs jedenfalls war es so: Die beiden öffentlich-rechtlichen Sender, die sie beauftragt hatten, merkten recht schnell, dass die Sendung nicht die allerhöchsten Qualitätsstandards erfüllte, was die Faktenauswahl betraf. Einer der verantwortlichen Sender, der NDR, entschied deshalb, nicht mehr mit der Moderatorin Julia Ruhs zu arbeiten.

Abgesehen davon, dass es von den Senderchefs ohnehin eine ungeschickte Idee war, ein Sendeformat zu konzipieren, das jetzt aber endlich mal konservative Positionen abbilden sollte (als hätte es diese vorher nie gegeben): Für den NDR geriet die Absetzung von Ruhs zum PR-Desaster. Und zwar deshalb, weil konservative Medien den Vorfall nutzten, um Ruhs zum Opfer einer vermeintlichen „woken“ Meinungsmacht zu stilisieren. Sogar die Unions-Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und Daniel Günther (CDU) ließen sich einspannen – oder nutzten den Moment für die Platzierung ihrer politischen Haltung: Die Absetzung der Moderatorin gefährde die Meinungsfreiheit, konservative Stimmen würden unterdrückt, fanden sie.

Am Ende trug der Vorgang vor allem dazu bei, die politische Stimmung im Land weiter aufzuheizen. Und enttäuschte Konservative fühlten sich in der Ansicht bestätigt, man dürfe ja gar nichts Kritisches mehr über Migration sagen.

In der deutschen Medien- und Meinungsmaschinerie sind viele Leute unterwegs, die sich – ähnlich wie Julia Ruhs – als vermeintlich gecancelte Migrationskritiker erfolgreich selbst vermarkten. Ein anderes Beispiel ist der konservative Kolumnist Harald Martenstein, der omnipräsent ist, aber permanent von einem vermeintlichen links-grünen Meinungsdiktat spricht. Und ein drittes Beispiel ist der Buchautor Frank Urbaniok. Er ist einer von mehreren selbst ernannten „unbequemen Experten“ zum Thema Migration, die immer wieder in den Medien auftauchen. Bei ihm geht es meistens um Kriminalität unter Zugewanderten. Hauptaussage: Diese seien extrem viel krimineller als andere – und in Deutschland sei es ein Tabu, darüber zu sprechen.

Über seine Thesen und darüber, wie sie einzuordnen sind, wird es im Kapitel 1.1 ausführlicher gehen. Urbaniok jedenfalls tritt in Podcasts und Talkshows regelmäßig mit der Behauptung auf, er werde für seine Forschungsarbeit und die Schlüsse, die er daraus ziehe, gecancelt. Zum Beispiel behauptete er, dass sich kein deutscher Buchverlag getraut habe, sein Buch „Schattenseiten der Migration“ (2025) zu veröffentlichen. Wir von CORRECTIV haben damals, als er das behauptete, einen Reporter beauftragt, dies einmal nachzurecherchieren. Es stellte sich heraus, dass von den großen Verlagen keiner bestätigen konnte, dass Urbaniok sein Buchprojekt überhaupt jemals vorgeschlagen hatte.

Von den vielen Leuten, die seine Behauptung zum Beispiel im prominenten Podcast des Bild-Reporters Paul Ronzheimer hörten, erfuhr das freilich niemand. Dort durfte er diese Behauptung unwidersprochen platzieren. Und bei den Hörern bleibt hängen: Da wurde mal wieder einer gecancelt, der die Wahrheit spricht. Genau so etwas heizt die Stimmung im Land an.

Progressive Scheuklappen

Man darf in Deutschland zum Glück alles sagen, was nicht Hass und Hetze ist. Wir sind ein sehr offenes Land, was Meinungsfreiheit angeht. Sonst gäbe es ja keine Geschäftsgrundlage für faktenverdrehende Kampagnenportale wie Nius. Unser Bundeskanzler darf von Problemen „im Stadtbild“ raunen, was, so pauschal formuliert, zumindest einen leicht rassistischen Anklang hatte – ohne dabei nennenswerten politischen Schaden zu nehmen. Und Jens Spahn (CDU), der Fraktionschef der Unions-Bundestagsfraktion, darf ebenso folgenlos behaupten, in Deutschland gebe es eine „unkontrollierte Massenmigration“. Was schrecklich bedrohlich klingt, durch Fakten aber nicht gedeckt ist.

Schon seit Längerem strömen keine ungebremsten Massen mehr nach Deutschland. Es fühlt sich für uns in Deutschland vermutlich nur so an, weil in letzter Zeit große Konflikte der Gegenwart näher an uns herangerückt sind: Anders als in früheren Jahrzehnten gab es und gibt es mehr politische Krisenherde an der Peripherie Europas, in Syrien oder der Ukraine zum Beispiel.

Trotzdem ging 2025 die sogenannte Netto-Zuwanderung um 40 Prozent zurück – also der Saldo zwischen denen, die zu uns kommen, und jenen, die das Land wieder verlassen haben. Das heißt: Unter dem Strich kamen deutlich weniger als eine Viertelmillion Menschen als Bewohner Deutschlands hinzu.

Es ist völlig legitim, wenn man im Verhältnis zu insgesamt rund 80 Millionen Einwohnern in Deutschland diese Zuwandererzahl dennoch zu hoch findet. Folgendes bloß als faktische Einordnung, um sich eine vollständige Meinung bilden zu können: Im Langzeitvergleich des Statistischen Bundesamtes zeigt sich, dass die Netto-Zuwanderung so niedrig ist wie zuletzt während der Coronapandemie 2020 – als viele Grenzen monatelang geschlossen waren. Und auch die Zahl der unerlaubten Grenzübertritte ging zuletzt deutlich zurück: um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Asylerstanträge sank im selben Zeitraum sogar um 38 Prozent.

Hier noch ein Beispiel, das deutlich macht, dass man Statistiken in der Migrationsdebatte so oder so interpretieren kann – je nachdem, wo man politisch steht: Unsere Analyse zeigt (siehe Abbildung 1), dass Deutschland weltweit unter den Top-5-Aufnahmeländern für Menschen ist, die aus ihren Heimatländern vertrieben wurden. Zumindest, wenn man die absoluten Zahlen betrachtet. Unsere Grafik zeigt aber auch: Schaut man sich das Verhältnis zwischen den Geflüchteten und der Gesamtbevölkerung an, sind es im Vergleich zu anderen Ländern gar nicht so viele.

In absoluten Zahlen ist Deutschland im internationalen Vergleich eines der Länder, die die meisten Geflüchteten aufnehmen. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung sieht es deutlich anders aus.

Übrigens haben wir von CORRECTIV kurz nach der „Stadtbild“-Aussage des Kanzlers die Leserinnen und Leser unseres Nachrichten-Newsletters „Spotlight“ gefragt, welche Probleme sie im Stadtbild ausgemacht haben. Mein Kollege Sebastian Haupt, der für uns die Grafiken baut, hat die Ergebnisse zusammengestellt.

Dunkle Haut und dunkle Haare als Hauptproblem im Stadtbild? CORRECTIV-Leser haben andere Dinge auf dem Schirm.

Die Konservativen haben allerdings einen Punkt, wenn sie sagen, dass es im progressiven Spektrum Scheuklappen dabei gibt, Probleme mit Migration konkret zu benennen: Homophobie, Sexismus, Gewalttaten, religiösen Extremismus.

In diesem Buch geht es beispielhaft um ein paar Problemfälle – an diesen zeige ich, wie schwer sich gerade das rot-grüne Milieu mitunter mit seiner Bewertung tut. Es geht zum Beispiel um traumatisierte Geflüchtete, die zur Gefahr für die Allgemeinheit werden, so wie der eben schon erwähnte Ibrahim A., der im Regionalzug bei Brokstedt mit einem Küchenmesser zwei Menschen tötete und vier weitere schwer verletzte. Und es geht um einen schweren Fall von homophobem Mobbing – ausgerechnet an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, die doch angeblich mittlerweile eine Vorzeigeschule sein soll. Auch hier schauten die Verantwortlichen in Behörden und Politik lange weg.

Einige Progressive tun sich sogar schwer damit, im Positiven über Integration zu sprechen. Zum Beispiel: nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg im Frühjahr 2026. Die Grünen erzielten die Mehrheit der Stimmen, also wurde ihr Spitzenkandidat Cem Özdemir Ministerpräsident – der erste Ministerpräsident mit einem Gastarbeiterhintergrund. Özdemirs Eltern waren als einfache Arbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er selbst wurde in Deutschland geboren, er macht die Herkunft seiner Familie aber selbst zum Gesprächsthema: Özdemir bezeichnet sich schon mal gern als „anatolischen Schwaben“. Deshalb hatte ich am Tag nach der Wahl die Idee, im Newsletter „Spotlight“ darüber zu schreiben: Das sei doch eine tolle Errungenschaft, dass man es mit Gastarbeitereltern schaffen könne, ein deutsches Bundesland anzuführen.

In Teilen unserer Redaktion, die sich natürlich müht, politisch korrekt zu sein, kam ein Gefühl des Unwohlseins auf: ob man das überhaupt thematisieren solle? Ob das nicht irgendwie rassistisch sei, weil man dann so tue, als sei Özdemir gar kein „richtiger Deutscher“? Das fand ich spannend. Ich wollte daher wissen, wie unsere Leserinnen und Leser zu dieser Frage stehen, und fragte sie nach Feedback: Sollten Medien die Herkunftsgeschichte des Ministerpräsidenten positiv herausheben?

Es kamen Hunderte E-Mails – und auch das war spannend: Die Hälfte der Absenderinnen und Absender stimmte zu, die anderen meinten: Nein! Das sei rückständig und wiegele nur gegen Zugewanderte auf. Nun ja. Ich meine, das kann man so sehen. Man kann aber auch entspannter mit dem Thema umgehen. Mein Eindruck ist, dass Leute mit Migrationsgeschichte selbst sehr viel entspannter darüber sprechen als Leute ohne. Jedenfalls sagten zur Özdemir-Frage alle Leute mit Migrationsgeschichte, die ich dazu fragte: Ja, klar soll man schreiben, dass das ein toller Erfolg ist!

Für solche Scheuklappen unter Progressiven gibt es Gründe: Man will kein Rassist sein. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht. Aber: Solches Ausblenden hilft nicht in einem demokratischen Diskurs, der konstruktiv sein will. Schlimmstenfalls spielt es den Rechtsextremisten in die Hände – die sich dann damit brüsten können, die Einzigen zu sein, die schmerzhafte Wahrheiten aussprechen.

Zwei Pole und wenig in der Mitte

Statt sachlicher Diskussionen in der politischen Mitte gibt es mittlerweile vor allem zwei Pole in der Migrationsfrage – deshalb spricht man ja auch von der Polarisierung der Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen Konservative in der Union wie Jens Spahn. Und noch weiter rechts natürlich die AfD, die Millionen von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte „remigrieren“ will – gern auch solche mit deutschem Pass, wie unsere Potsdam-Recherche zeigte.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Vertreterinnen und Vertreter des linken und grünen Spektrums – von denen natürlich längst nicht alle auf jeden sprachlichen Ausrutscher von Bundeskanzler Friedrich Merz übertrieben allergisch reagieren und am liebsten gar nicht über Antisemitismus unter arabischstämmigen Jugendlichen oder Messerangriffe in Regionalzügen reden würden.

Mit diesen beiden Extrempositionen erreichen die Politiker im Land die Menschen aber in vielen Fällen nicht mehr. Das eingangs gezeichnete Bild vom Fußballspiel und die Sache mit der Ambiguitätstoleranz belegen auch Studien zur aktuellen Stimmung im Land. Zum Beispiel der „Deutschland Monitor“, eine Untersuchung zur Gefühlslage der Deutschen, die einmal pro Jahr veröffentlicht wird.

Für die diesjährige Ausgabe befragten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des „Deutschland Monitors“ die Leute unter anderem zum Thema Integration. Das Ergebnis war: 59 Prozent der Befragten stimmten voll oder überwiegend der Aussage zu: „Deutschland sollte mehr für die Integration von Zuwanderern tun.“ Gleichzeitig sagten 22 Prozent der Befragten: „Für mich ist es eine Zumutung, wenn in meiner Nachbarschaft eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wird.“

Wie groß ist die Schnittmenge zwischen denen, die mehr Integration fordern, und jenen, die keine Flüchtlingsunterkunft bei sich in der Nähe haben wollen? Die Studie gibt keine Antwort darauf. Fest steht, dass beide Aussagen und Einstellungen in unserem Land weit verbreitet sind.

Ich habe mich weiter umgeschaut und eine andere Umfrage entdeckt, die ähnliche Standpunkte abbildet. Sie stammt von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und wurde 2024 veröffentlicht: Zwei Drittel der Befragten sagten demnach, sie hätten Angst vor Fremdenfeindlichkeit im Land. Ein Drittel der Teilnehmer sagte, sie hätten Angst vor Zuwanderung. Das Erstaunliche: Die Studie zeigt, dass in großen Teilen dieselben Leute diese beiden Aussagen machten.

Das heißt, viele Leute im Land – grob gesagt: die Menschen, die politisch in der Mitte stehen – sehen beim Thema Migration sehr wohl ein Sowohl-als-auch. Weil aber der Diskurs zu diesem Thema polarisierend statt konstruktiv geführt wird, sind mittlerweile viele von ihnen so verunsichert, dass sie gar nicht mehr wissen, wie sie zur Migration stehen sollen und wie sie sich einen nüchternen Blick bewahren können. Deshalb schaue ich mir mit Ihnen in den folgenden Kapiteln an, wie die Politiker die Wählerinnen und Wähler im Land dabei besser erreichen könnten.

Sie wollen sich zu diesem Thema austauschen? Kommen Sie zu unseren Veranstaltungen und diskutieren Sie mit uns. Alle Termine finden Sie auf unserer Eventseite.

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Dies ist ein Auszug aus dem Buch „Ich bin doch kein Rassist, aber …“, das im CORRECTIV-Verlag erschienen ist.

Das neue Buch von CORRECTIV-Chefredakteurin Anette Dowideit beschäftigt sich mit der Debatte über Migration in Deutschland.

Sie können das Buch unter diesem Link bestellen.

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Deshalb recherchieren wir. Wir decken Missstände auf, prüfen Behauptungen, machen Netzwerke sichtbar und veröffentlichen, was andere lieber verborgen halten würden. Nicht, weil eine einzelne Recherche die Welt rettet. Sondern weil Veränderung damit beginnt, dass Menschen wissen, was passiert.

Weil aus Wissen Handlung entstehen kann.

CORRECTIV gehört weder Investoren noch Konzernen. Wir arbeiten gemeinwohlorientiert und finanzieren unsere Recherchen durch Spenden. Recherchen wie diese hier gibt es nur durch Menschen, die unabhängigen Journalismus möglich machen.

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Wir können nicht vorhersagen, was als Nächstes passiert. Aber wir können dafür sorgen, dass Menschen informiert sind, wenn es darauf ankommt.

Lassen Sie uns machen. Gemeinsam.