Pflege

Billigpflege mit System

Mehr als 10.000 Euro geben allein die Pflegekassen für jeden einzelnen der bald drei Millionen alten und kranken Menschen in Deutschland pro Jahr aus. Dazu kommen die oft hohen Zuzahlungen, die Angehörige für den Platz im Heim zusätzlich leisten müssen. Obwohl so viel Geld im System ist, gerät fast jede Woche ein anderes Heim, ein anderes Problem in den Blick.

von Daniel Drepper

Zeit und Nähe: Für gute Pflege bleibt im bestehenden System wenig Zeit.© Ivo Mayr

Dies ist ein Ausschnitt aus unserem neuen Buch „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“. Das Buch gibt es im CORRECTIV-Shop. Der Text erscheint parallel auf Zeit Online.


Geschlagene und ans Bett gegurtete Großmütter. Verzweifelte Angehörige. Die Pflege-Mafia. Von den Behörden geschlossene Heime. Eine Pflegerin, die alleine ihre Bewohner nicht mehr versorgen kann, zum Telefonhörer greift und aus lauter Verzweiflung die Berliner Feuerwehr zu Hilfe ruft.

Die Pflege befindet sich in einer Abwärtsspirale: billige Pflege wird stärker honoriert als gute Pflege. Das liegt an drei ganz grundsätzlichen Problemen.

Erstens

Pflegeheime lassen sich nicht miteinander vergleichen. Die offiziellen „Pflegenoten“ sind Augenwischerei. Man kann von außen derzeit kaum entscheiden, wie gut oder wie schlecht ein Heim ist. Wir machen mit unserem Correctiv-Pflegewegweiser alle derzeit verfügbaren Daten und Prüfberichte transparent. Das ist aber nur ein Anfang, denn viele Daten werden entweder nicht erhoben oder nicht öffentlich gemacht.

Für jeden sichtbar ist allein der Preis. Die Kosten für einen Platz im Heim, die Höhe der eigenen Zuzahlung. Das allein sehen die Kunden, also die Bewohner und Angehörigen. Ein Jahr im Pflegeheim kostet rasch 20.000 Euro Zuzahlung. Zum Teil unterscheiden sich die Preise der Heime aber um mehr als 1000 Euro im Monat. Das treibt die Heimbetreiber dazu, möglichst billige Pflegeplätze anzubieten.

In allen Branchen gibt es diesen Preisdruck. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied. Ein billiges Auto, das Mängel hat, erhält schlechte Kritiken – und verkauft sich nicht. Ein günstiges Hotel, dessen Personal unfreundlich ist, wird schlecht bewertet – und kann am Markt nicht bestehen. Es gibt Produkttests und Bewertungsportale. All das gibt es für Pflegeheime nicht.

Ein gebrechlicher Mensch hat nur selten die Möglichkeit, mehrere Heime auszuprobieren. Eine kurze Besichtigung sagt meist nur wenig aus. Es gibt keine unabhängige Prüfstelle, die diesem Namen gerecht wird. Inspektionsberichte bleiben häufig unter Verschluss oder sind nicht vergleichbar.

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Es gibt keine Transparenz, keine unabhängigen Tester. Die Anbieter können nicht objektiv miteinander verglichen werden. Sie konkurrieren deshalb beim Preis – nicht bei der Qualität.

Zweitens

Zu viele Menschen reden bei der Finanzierung mit. In jedem einzelnen deutschen Bundesland werden Rahmenverträge ausgehandelt, von drei Parteien: den Pflegekassen, den Sozialämtern, den Heimbetreibern. Dabei müssen sich stets alle Beteiligten einig sein.

Wenn nur einer der Verhandler sein Veto einlegt, kommt kein Vertrag zustande. Pflegekassen und Sozialämter können also hohe Ausgaben blockieren. Viele werfen aber den großen Heimbetreibern Caritas, Diakonie oder AWO vor, dass sie sich nicht stark genug für bessere Bedingungen einsetzen, das heißt: für bessere Bezahlung und mehr Personal. Dass sie nicht häufiger ihr Veto einlegen.

Legen die Heimbetreiber ihr Veto ein, wird der Fall einem Schiedsgericht vorgelegt. Doch solche Verfahren ziehen sich hin, schnell vergeht mehr als ein Jahr. Bis eine Entscheidung fällt, gilt der alte Vertrag weiter – und müssen die Betreiber die gestiegenen Kosten selbst tragen. Und dann wissen sie immer noch nicht, ob ihnen das Schiedsgericht Recht gibt. Was dazu führt, dass die Heimbetreiber in den Verhandlungen auch Pflegesätze abnicken, die viel zu niedrig sind.

Drittens

Die Sozialämter der Kommunen haben ein zu großes Interesse an Billig-Pflege.

Warum? Die Preise in der Pflege steigen, aber die Pflegekassen zahlen gleich viel. Was dazu führt, dass der Eigenanteil für die Bewohner und ihre Angehörigen seit Jahren steigt. Ein Beispiel: Seit 1999 ist der Eigenanteil in Pflegestufe 1 um 400 Euro pro Monat gestiegen. Wer sich diesen Eigenanteil nicht leisten kann, beantragt Hilfe vom Staat. Darum sitzen auch die Sozialämter der Städte und Gemeinden mit am Verhandlungstisch, wenn die Pflegesätze ausgehandelt werden. Die meisten deutschen Städte sind pleite. Was dazu führt, dass die Sozialämter die Kosten noch härter drücken als die Pflegekassen.


Unser Reporter Daniel Drepper hat ein Buch über den Kampf um gute Pflege geschrieben. „Jeder pflegt allein: Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht“ ist im Sommer 2016 erschienen. Das Buch gibt es im CORRECTIV-Shop. Informationen über alle 13.000 deutschen Pflegeheime und weitere Recherchen zum Thema gibt es auf unserer Themenseite unter correctiv.org/pflege.