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Das sind die Fakes am Wahltag

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von Carla Reveland , Miro Dittrich , Lara Malberger , Karolin Schwarz

Die Bundestagswahl ist gelaufen. Auf Twitter und Facebook wurden am Sonntag Gerüchte und Warnungen rund um das Thema Wahlbetrug verbreitet. Wir prüfen nach.

Keine Stimmzettel im sächsischen Gornau?

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Die Behauptung, die Einprozent verbreitet, lässt sich nicht bestätigen

Die rechte EinProzent-Initiative, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird, hat zur Bundestagswahl eine Wahlbeobachter-Zentrale in Halle aufgebaut. In den sozialen Netzwerken berichten sie über vermeintliche Unregelmäßigkeiten während der Wahl, die ihnen von Wählern telefonisch gemeldet werden. In einem Tweet heißt es, dass das Wahllokal Gornau in Sachsen zwei Stunden keine Stimmzettel zur Verfügung hatte. Wir haben beim Landeswahlleiter in Sachsen nachgefragt. „Ich kann das in dem Umfang nicht bestätigen“, sagt er WahlCheck17. „Laut meinen Informationen vom Wahllokal in Gornau, gab es dort einen Engpass der Stimmzettel, der nach zehn Minuten behoben werden konnte.“ Die Wähler hätten auf die Stimmzettel gewartet und danach regulär ihre Stimme abgegeben.

Fazit: Es gab einen Engpass, der allerdings nicht annähernd so lange war, wie geschrieben.

Fotos von Wahlzetteln in sozialen Medien

In den sozialen Medien findet man immer wieder Fotos von ausgefüllten Wahlzetteln.v Dies ist jedoch seit der letzten Änderung von Paragraf 56 der Bundeswahlordnung verboten. Darin heißt es: „In der Wahlkabine darf nicht fotografiert oder gefilmt werden“

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Eines von vielen Fotos, die in sozialen Medien kursieren

Wenn „für den Wahlvorstand erkennbar in der Wahlkabine fotografiert oder gefilmt“ wurde, müsse der Wahlvorstand „einen Wähler zurückzuweisen“. Laut Innenministerium macht man sich dabei jedoch nicht strafbar.

Mit der Einführung dieser Änderung will man verhindern, dass etwa Menschen, die unter Druck gesetzt wurden, zu Beweisfotos gezwungen werden können. Auch soll die Beeinflussung anderer Wähler durch abfotografierte Stimmabgaben verhindert werden.

Doch selbst Berufspolitiker haben schon Fotos ihrer Wahlzettel publiziert. So teilte etwa der frühere Kieler Innenminister Andreas Breitner (SPD) vor der diesjährigen Landtagswahl in Schleswig-Holstein ein Foto seines Briefwahlscheins in den sozialen Medien. Seine zwei Stimmen wurden dadurch ungültig. Dies bestätigte der Landeswahlleiter Tilo von Riegen auf Nachfrage dem sh:z.

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Der Bundeswahlleiter meldete sich auf Twitter zu Wort

Auf Twitter erklärte der offizielle Account des Bundeswahlleiters, sie würden alle bekannt gewordenen Fälle von fotografierten Wahlzettel an die Staatsanwaltschaft weitergeben.

Fazit: Das Abfofografieren von ausgefüllten Stimmzetteln ist verboten.

Keine Wahlwerbung im Wahllokal

Den Account des Bundeswahlleiters erreichen viele Meldungen über illegale Wahlwerbung in Wahllokalen. Tatsächlich ist das Verbot von solchen Plakaten im Bundeswahlgesetz geregelt. Dort heißt es in § 32 zum Thema unzulässige Wahlpropaganda: „Während der Wahlzeit sind in und an dem Gebäude, in dem sich der Wahlraum befindet, sowie unmittelbar vor dem Zugang zu dem Gebäude jede Beeinflussung der Wähler durch Wort, Ton, Schrift oder Bild sowie jede Unterschriftensammlung verboten.“

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Wahlwerbung im Wahllokal

Aus dem zuständigen Wahlkreisamt in Dresden, aus dem das Bild im gezeigten Tweet stammt, heißt es auf Anfrage: „Es wird regelmäßig kontrolliert ob die Regelung eingehalten wird, auch von den Wahlhelfern. Wenn es Meldungen gibt, werden die Plakate entfernt.“ Hänge die Werbung aber einige Meter vom Wahllokal entfernt, könne nichts dagegen unternommen werden. Falsch sei, dass Stimmen aus einem Wahlbüro, in dem Wahlwerbung hängt, ungültig sind – eine Twitter-Userin hatte gefordert, dass die Wahl in einem Wahllokal, in dem Anti-Afd-Werbung hing, wiederholt werden müsse. Auch dort wurden die Plakate abgehängt.

Fazit: Jegliche Wahlwerbung in, an und direkt vor Gebäuden, in denen sich Wahlräume befinden, ist nicht erlaubt. Wer Verstöße beobachtet, soll sich an die jeweiligen Kreiswahlleiter wenden, die telefonisch zu erreichen sind. Die richtige Nummer findet man hier.

Tweets von vermeintlichen Wahlhelfern befeuern Betrugsgerüchte

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Der Tweet nährt Spekulationen

Mehrere Twitter-User befeuern die Spekulation über Wahlmanipulationen. Ein Tweet über eine angebliche Facebook-Gruppe mit dem Namen „Wahlhelfer gegen die afd“ wird massiv geteilt. Der Tweet stammt von der Twitter-Nutzerin @von_Sahringen.

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Zum Vergleich: Die Twitter-Accounts @von_Sahringen, @vonSahr und die Ergebnisse der Bildersuche bei Google

Das Profilbild ist eindeutig ein Fake: Es zeigt die pakistanische Schauspielerin Aiza Khan. Weitere Tweets des Accounts lassen darauf schließen, dass es sich um einen Troll-Account handelt. Der Account folgt mehreren Nutzern aus dem sogenannten Sifftwitter-Netzwerk und retweetet auch regelmäßig Tweets dieser Accounts. In der Vergangenheit fiel Sifftwitter vor allem durch Drohungen, Gewaltphantasien und derbes Trolling auf, indem sie unliebsame Twitter-Nutzer diffamierten.

Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Luca Hammer aus Hamburg hat das Netzwerk untersucht. Er vermutet, dass es sich um ein neu angelegtes Konto der inzwischen gesperrten @vonSahr handelt, das er zu dem Siff-Netzwerk zählt. Das Profilbild ist bei beiden Accounts dasselbe.

Dem Bundeswahlleiter sind diese Inhalte bekannt. Die Landeswahlleiter seien entsprechend informiert worden.

Fazit: Schon länger bekannte Trolle verbreiten Manipulationsgerüchte.

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Dem Bundeswahlleiter ist die Sache bekannt

Richtige Stifte, falsche Stifte

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Spekulationen über ausliegende Bleistifte auf Twitter

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Eigene Stifte in der Wahlkabine sind erlaubt

Zahlreiche Twitter-User behaupten, es würden Bleistifte in Wahllokalen ausliegen, um Stimmzettel nachträglich zu verändern. Das ist ebenso frei erfunden wie die Behauptung, dass ein mit dem Bleistift gemachtes Kreuz ungültig ist. Wichtig ist, dass das Kreuz mit einem Schreibstift gemacht wird. Laut Wahl-Lexikon des Bundeswahlleiters zählen dazu „Bleistifte (die nicht dokumentenecht sein müssen), Farbstifte, Kopierstifte, Tintenstifte, Kugelschreiber, Faserstifte, Filzstifte und ähnliche.“ Außerdem können eigene Stifte in die Wahllokale mitgebracht werden.

Fazit: Bleistiftkreuze sind gültig, eigene Stifte erlaubt

Kein falsches Kreuz

Auf Facebook und Twitter warnen Nutzer vor einer angeblichen Anweisung des Landeswahlleiters, das Kreuz mittig zu setzen und nicht die Ränder zu überschreiben.

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Diese angebliche Anweisung des Bundeswahlleiters ist ein Fake

Das ist falsch, beide abgebildeten Kreuze sind gültig. Wichtig ist: Die Stimmabgabe muss zweifelsfrei zu erkennen sein. Eine Stimme wird gezählt, wenn keine Kennzeichnung enthalten ist. Das bedeutet, wird ein Wahlzettel namentlich unterschrieben, ist die Stimme ungültig. Auch vermerkte Zusätze, Vorbehalte oder Streichungen sind nicht zulässig. Die Regelungen gelten für alle abgegebenen Stimmzettel, nicht nur für eine einzelne Partei.

Auch das Team des Bundeswahlleiters bestätigt auf Anfrage von WahlCheck17: „Wichtig ist, dass der Wählerwille eindeutig erkennbar ist. Wenn das Kreuz über den Rand geht, ist die Stimme NICHT ungültig.“

Fazit: Das ist frei erfunden.

© Amelie Querfurth / AFP

Artikel

Von einem rechten Narrativ und Zahlen – Zweiter Teil

Die hohe Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund in Großstädten seien ein Anzeichen für ein drohende Überfremdung in ganz Deutschland. Stimmt das? Rechte verbreiten immer wieder die Erzählung des „großen Austausches“. Diese Geschichte ist meist ein elementarer Teil ihrer Theorie über die Islamisierung Europas. Wir haben uns die Zahlen einmal näher angeschaut.

von Miro Dittrich

Die hohe Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund in Großstädten seien ein Anzeichen für ein drohende Überfremdung in ganz Deutschland. Stimmt das? Rechte verbreiten immer wieder die Erzählung des „großen Austausches“. Diese Geschichte ist meist ein elementarer Teil ihrer Theorie über die Islamisierung Europas. Wir haben uns die Zahlen einmal näher angeschaut.

Der „große Austausch“: Darunter verstehen Rechte, dass die deutsche Kultur in Deutschland/Europa durch „Fremde“ ausgetauscht werden soll. Hinter der Erzählung steckt ein breites Spektrum, es geht dabei von einem ungesteuerten Ereignis, über eine geplante Invasion durch Muslime, bis hin zu einer gesteuerten Übernahme (wobei am Ende meist die Juden dahinter stecken). Doch was ist dran an dieser Behauptung und wie argumentieren sie dabei genau? Dies soll in diesem Faktencheck überprüft werden.

These: Es gibt keinen Austausch? Schaut euch doch mal die Großstädte an!

Wer die Erzählung des „großen Austausches“ anzweifelt, bekommt häufig den Verweis auf die Lage in Großstädten. Dies passierte auch nach unserem letzten Artikel zum Thema  auf Facebook.

Dort wird geraten, durch „die Innenstadt einer beliebigen westdeutschen Großstadt zu gehen“, dort würde man sehen, „daß der Große Austausch bereits in vollem Gange ist“.

Weiterhin sei „in den meisten großen Städten […] der Migrationsanteil der unter 6 jährigen Kinder bereits über 50%“.

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Ein weiterer Facebook-Eintrag

Ein User weist auf den hohen Anteil von Kinder mit Migrationshintergrund in Frankfurt am Main hin. Dies „deckt sich nicht wirklich mit dem Artikel von Correctiv“.

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Ein weiterer Facebook-Kommentar

Dabei drehte sich unserer letzter Beitrag gar nicht um alle Kinder mit Migrationshintergrund, sondern lediglich um die unterschiedliche Geburtenrate zwischen Frauen mit und ohne deutscher Staatsbürgerschaft. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich, denn auch mit deutscher Staatsbürgerschaft, kann man einen Migrationshintergrund haben.

Um die rechten Argumente zu verstehen, haben wir uns die Berichterstattung diese Jahres dazu in der rechten Blase genauer angesehen und deren Quellen überprüft. Über Frankfurt am Main etwa schreiben die Autoren von „Info Direkt“ in dem Artikel: „Der Beweis: Wir werden zur Minderheit im eigenen Land.“

„Die Deutschen sind in der Main-Metropole also nur noch eine Minderheit unter vielen. Bei den Kindern unter sechs Jahren haben sogar schon drei von vier einen Migrationshintergrund. Die meisten Einwanderer kommen aus der Türkei (12,9 Prozent), Kroatien (7,3) und Italien (7,2).“

Daraus wird geschlussfolgert:

„Dieses Schicksal ereilt nicht nur die historisch bedeutungsvolle Stadt, sondern ganz Europa, wenn nicht bald gehandelt wird.“

Doch nicht nur mit den Zahlen für Frankfurt am Main wird das Bild einer drohenden Überfremdung erzeugt, auch die Situation in Essen wird dafür herangezogen. So berichtet der Artikel „In Essener Flüchtlingsfamilien herrscht ein Baby-Boom“ auf „Epochtimes“:

„Die so genannte Fruchtbarkeitsziffer zeigt aber, dass statistisch gesehen 1000 deutsche Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren im vorigen Jahr 47 Kinder zur Welt brachten, und Ausländerinnen im Vergleich 76 Babys.

Syrische Frauen brachten in 2016 in Essen 231 Kinder zur Welt. Das sind drei Mal so viele wie 2015. Auch bei anderen Flüchtlingsnationen lässt sich laut Statistik ein deutlicher Zuwachs in beiden Jahren erkennen.“

Es muss jedoch nicht immer eine Großstadt sein, wie der Bericht über die Kleinstadt Süderbrarups in Schleswig-Holstein zeigt. Dort ist die Einwohnerzahl (4.203 Ende 2015) laut eines Berichts des NDR durch die Familie Alsayed um fast 50 gewachsen.

Daraus macht „Journalistenwatch“:

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Quelle: Journalistenwatch “100.000 Kita-Plätze für Migranten und „Flüchtlinge“!

Das Problem sieht „Epochtimes“ dabei nicht nur in Deutschland, auch andere europäische Großstädte sind davon betroffen. So zitieren die Autoren im Artikel „Europa wird immer mehr vom Islam durchtränkt – Droht uns ein Bürgerkrieg?“, den Artikel der immer wieder durch falsche Berichterstattung ausgefallene rechten Denkfabrik „Gatestone Institute“, indirekt so:

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„Mohammed sei inzwischen der populärste Name für Neugeborene in Mailand, London und vielen anderen europäischen Großstädten.“

Für Deutschland wird diese These auch von den Autoren des „PI-Magazin“ im Artikel „Migranten-Nachwuchs: Die Kinderlein kommen…“ vertreten.

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Quelle Pi-News „Migranten-Nachwuchs: Die Kinderlein kommen…“

Ihr einziger Beleg dafür ist eine Auflistung des Migrantenanteils der Kinder unter 6 Jahren in Großstädten. Dafür verwenden sie die Zahlen aus dem Bericht „Bevölkerung nach Migrationsstatus regional“ des Statistischen Bundesamtes. Dieser wurde 2013 veröffentlicht, die Zahlen beziehen sich jedoch auf Ergebnisse aus 2009.

Hamburg 48,94 % Hannover 46,67 % Bremen 57,58 % Berlin 43,83 % Duisburg 57,14 % Dortmund 53,33 %, Köln 50,98 % Düsseldorf 50,00 % Essen 50,00 % Darmstadt 52,76 % Stuttgart 56,67 % Nürnberg 51,85 % München 58,44 % Augsburg 61,54 % Frankfurt 75,61 %

Dass diese Zahlen keine Aussagen über den Anteil an Muslimen in den Städten zulassen, erklären sie selbst in ihrer Angabe zur Quelle:

„Nicht ,alle’ der Kinder sind Muslime. Aber sie sind in der Mehrzahl. Wie viele genau. Null Statistiken.“

Wie sie ohne Statistiken wissen, dass die Mehrheit dieser Kinder muslimisch sind, wird nicht klar. Sie verweisen lediglich auf die niedrige Geburtenrate der Deutschen.

„Wie kann es sein, dass uns Migranten in den Städten bald eingeholt haben? Weil Deutschland inzwischen eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt hat.“

Sind diese Zahlen repräsentativ für Deutschland?

Stimmt also ihre These, dass der hohe Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in einzelnen, vor allem westdeutschen Großstädten, ein Anzeichen für einen Austausch ist?

Die Zahlenspielereien von „PI-News“ werden mit dem 2012 veröffentlichten Bericht „Familien mit Migrationshintergrund: Traditionelle Werte zählen“ in einen Kontext gesetzt. Dort heißt es: „Familien mit Migrationshintergrund [leben] überdurchschnittlich oft in Ballungsgebieten“. 2010 lag der Anteil an Familien mit Migrationshintergrund in Großstädten ab 500.000 Einwohnern bei 43 Prozent, in kleinen Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern jedoch nur bei 12 Prozent. Insgesamt hatten 29 Prozent aller Familien mit minderjährigen Kindern einen Migrationshintergrund. Dabei gab es jedoch starke Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland. So lag der Anteil in Westdeutschland mit 32 Prozent, mehr als doppelt so hoch wie in Ostdeutschland (einschließlich Berlin) mit 15 Prozent.
Dass „PI-News“, bis auf Berlin, nur westdeutsche Großstädte aufgelistet hat, erzeugt also ein verzerrtes Bild über die tatsächliche Anzahl an Kindern mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland.

Und auch die anderen Artikel berichten nur über Extrembeispiele, Zahlen für ganz Deutschland finden sich nicht. Dass die Berichte sich nur auf Einzelbeispiele fokussieren, die mit der eigenen These übereinstimmt, ist ein beliebtes Mittel um Tatsachen verzerrt darzustellen. Hier soll dabei der Eindruck entstehen, der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund sei größer als er tatsächlich ist. Diese Interpretation nutzen sie dabei, um die Angst vor einer „Überfremdung“ zu schüren. 

Fazit:

Ja, es gibt in einigen westdeutschen Städten einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, diese sind jedoch nicht repräsentativ für Deutschland. Weiterhin ist die Gleichsetzung von Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit muslimischen Glaubens einer verzerrten Wahrnehmung geschuldet. Diese machten 2015 nur etwa ein Viertel dieser Gruppe aus. Aus diesem Jahr kommt die letzten Schätzung des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Laut dieser lebten Ende 2015 zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Dies entspricht bei einer Gesamtbevölkerung von  82,2 Millionen, einem Anteil von 5,4 bis 5,7 Prozent, während 21 Prozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund hatten (2016: 22,5 Prozent).ozent der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund hatten (2016: 22,5 Prozent).

Artikel

Von einem rechten Narrativ und von Zahlen

Die steigende Geburtenrate in Deutschland, heißt es oft, sei nur auf Migranten zurückzuführen. Stimmt das? Rechte verbreiten immer wieder die Erzählung des „großen Austausches“. Diese Geschichte ist meist ein elementarer Teil ihrer Theorie über die Islamisierung Europas. Wir haben uns die Zahlen einmal näher angeschaut.

von Miro Dittrich

Der „große Austausch“: Darunter verstehen Rechte, dass die deutsche Kultur in Deutschland/Europa durch Fremde ausgetauscht werden soll. Hinter der Erzählung steckt ein breites Spektrum, es geht dabei von einem ungesteuerten Ereignis, über eine geplante Invasion durch Muslime, bis hin zu einer gesteuerten Übernahme (wobei am Ende meist die Juden dahinter stecken). Doch was ist dran an dieser Behauptung und wie argumentieren sie dabei genau? Dies wollen wir im Faktencheck überprüfen.

These: Die Geburtenrate ist in Deutschland nur durch Migranten gestiegen

Ein häufiges Element in ihrer Erklärung zu dem „großen Austausch“, ist dabei die niedrige Geburtenrate der Deutschen (obwohl diese weltweit sinkt) und die höhere Geburtenrate von „Fremden“, die angeblich dazu führt, dass Deutsche innerhalb weniger Generationen ausgetauscht werden sollen. Ist das belegbar?

Die aktuellsten Zahlen sind vom Jahr 2015, die veröffentlichte das Statistische Bundesamt am 17. Oktober 2016. Auf diese Veröffentlichung beziehen sich auch viele rechte Medien.

Die „Deutsche Wirtschafts Nachrichten“ schrieb dazu etwa Migranten sorgen dafür, dass die Geburtenrate in Deutschland erstmals seit 33 Jahren wieder ansteigt“.

Nur: Die Formulierung täuscht, es ist zwar die höchste Geburtenziffer in Deutschland seit 1983, jedoch steigt die Geburtenrate, also die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bereits seit 2011 (1,339 Kinder) jedes Jahr auf 1,427 Kinder 2015, und dies alleine bei Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit.

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Quelle: Statistisches Bundesamt 2015

Trotzdem berichtet die „Epoch Times“ über diese Zahlen falsch: „Die gestiegene Geburtenrate ist eine Folge dieser Zuwanderung, da jene der autochthonen Deutschen kontinuierlich sinkt.“ Und weiter berichteten die Autoren in einem anderen Artikel über Eva Herman. Auch die ehemalige entlassene Tagesschausprecherin erklärte sich zur gestiegenen Geburtenrate. In der „Epoch Times“ wird sie indirekt mit den Worten zitiert: Der Babyboom werde durch die Massenmigration verursacht – die Deutschen spielten dabei kaum eine Rolle. […] Der Bevölkerungsaustausch sei im vollen Gange und trage bereits ein Jahr nach Beginn der Masseneinwanderung 2015 Früchte. Die Autoren des Epoch-Times-Artikel weisen aber später darauf hin: „Ob Migranten verstärkt zum Babyboom beitragen, lässt sich statistisch nicht belegen.“ Trotzdem verbreiten sie Eva Hermanns vermeintliche Aussage weiter.

Doch wie sieht dieser „Bevölkerungsaustausch“ durch die „Massenmigration“ genau aus?

2015 setzten sich die Geburten aus folgenden Ländern zusammen:

  • Von insgesamt 737.575 Babys wurden 147.900 von Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit geboren.
  • Davon kamen 30.893 Mütter aus EU-Ländern, 48.750 aus dem restlichen Europa (ohne Türkei) und 4.262 aus Amerika, Australien und Ozeanien.
  • Dadurch bleiben 60.152 aus der Türkei, Afrika und Asien übrig, also 40,67 Prozent der Gebärenden ohne deutsche Staatsbürgerschaft.

Die höhere Geburtenrate der Frauen mit ausländischer Staatsangehörigkeit setzt sich also zu fast 60 Prozent aus Ländern zusammen, die nicht mehrheitlich muslimisch sind. Von allen in 2015 in Deutschland geborenen Kindern sind lediglich 60.152, also acht Prozent aus Ländern, die von Rechten als „kulturfremd“ bezeichnet werden.

Worum es ihnen in der Debatte eigentlich geht, zeigt das „Compact Magazin“ sehr deutlich, wenn sie in einem Artikel darüber zwischen deutschen Staatsangehörigen und „biodeutschen Babys“ unterscheiden. „Die Rede ist von Frauen mit deutscher bzw. ausländischer Staatsangehörigkeit. Das heißt, unter den 1,42 geborenen Kindern pro ‘deutscher’ Frau verbergen sich noch rund fünf Millionen Frauen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Wie viele biodeutsche Babys auf die Welt kommen, wird nicht erfasst.“  Für das „Compact-Magazin“ ist Deutsch-Sein ist also keine Frage von Staatsangehörigkeit, sondern von vemeintlicher Biologie.

© Odd Andersen /AFP

Artikel

Ein rotes Tuch

Hat sie das wirklich so gesagt? Das Faktencheck-Team hat sich eine vermeintliche Aussage von Claudia Roth näher angeschaut, das bereits zigfach geteilt wurde.

von Miro Dittrich

Sie werden aus dem Kontext gerissen, verdreht, mal sind sie komplett erfunden. Das Zuspitzen von Zitaten, die den inhaltlichen Teil des Gesagten verfremden, ist ein sehr beliebtes Mittel rechtspopulistischer und rechtsextremer Akteure. Immer wieder finden sich in den sozialen Netzwerken Bilder von Politikern, auf denen ihre vermeintlichen Aussagen montiert werden. Diese Collagen werden schnell hundertfach ungeprüft verbreitet. Zuletzt traf es wieder einmal Claudia Roth (Grüne), Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. 

Frauen mit Kopftuch klüger?

Am 7. September teilte die Facebook-Seite „Informationsschalter“ ein Video mit der Texteinblendung „Claudia Roth von den Grünen ‘Frauen mit Kopftuch sind meistens klüger als die Frauen ohne’“. Der Beitrag erzeugte in weniger als einem Tag mehr als 3.700 Interaktionen und schwemmte vermutlich den ein oder anderen Newsfeed der 43.000 Fans der Seite. 

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Screenshot vom Post der Facebook-Seite „Informationsschalter“

Hinter dem Play-Button verbirgt sich ein nur 27-sekündiges Video, das Claudia Roth im Gespräch im „WDR Hörsaaltalk“. Das Video ist auch nicht gerade neu, es zeigt eine Veranstaltung vom 14. Juni an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Darin äußert sie sich zu der Verbindung zwischen Intelligenz und Kopftuch so:

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„Ich kenn so viele Frauen mit Kopftuch, die so unglaublich klug sind und so viel im Hirn haben, was viele, die ohne Kopftuch rumrennen, nicht im Hirn haben, also mir geht es darum: was haben die im Kopf und nicht was haben sie aufm Kopf.“

Daraus lässt sich nur schwer das von „Informationsschalter“ verbreitete Zitat konstruieren. Erstaunlich bei diesem Fall ist, dass die Originalquelle direkt eingebunden ist und die User weniger als 30 Sekunden hätten aufbringen müssen, um das Zitat auf seinen Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Doch nicht einmal das unprofessionelle Overlay, die Einblenung im ungewöhnlichen Grün und den drei unterschiedlichen Schriftgrößen, hat bei den 1.400 Menschen, die den Beitrag geteilt haben, den Wunsch nach einer Überprüfung geweckt. Zu den 1.400 gehörten unter anderem diverse Ortsgruppen der AfD, wie „AfD Delmenhorst“, „Alternative für Deutschland — KV AfD Saarlouis“, die Fanseite „Freunde der AfD Fulda“ sowie Pegida-Gründer „Lutz Bachmann 4“.

Ein Evergreen

Roth passiert das nicht zum ersten Mal, immer wieder werden Zitate der Grünen-Politikerin in sozialen Netzwerken falsch verbreitet. Von der Politikerin tauchten bereits öfter falsche Twitteraccounts auf, dabei twittert sie selbst gar nicht. Roth mahnte unter anderem die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach für die Verbreitung eines falschen Zitats zur Silvesternacht in Köln ab.

Fake News – tiefer geht immer

Screenshot: Facebook-Seite „Ohne Zensur“

von Miro Dittrich

Der Troll ruht nie. "Er kommentiert überall im Netz", schrieb die Frankfurter AllgemeineZeitung über Uwe Ostertag. Nun erregt eine gefälschte Aussage von Angela Merkel Aufsehen.

Am 3. September wurde auf Facebook von der Seite „ Ohne Zensur“ ein Bild mit Angela Merkel und dem angeblichen Zitat: „Wenn ich will, dann werdet ihr morgen in der Zeitung lesen, dass 98% der Bevölkerung mit meiner Politik zufrieden ist“ gepostet. Es löste schnell mehr als tausend Interaktionen aus. In der unteren Ecke ist fast unleserlich „In (Satira) Veritas Uwe Ostertag“ zu erkennen.

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Screenshot: Facebook-Seite „Ohne Zensur“

Dies führt zu dem professionellen Troll Uwe Ostertag. Er wurde im Februar 2017 in erster Instanz zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung wegen Volksverhetzung, gefährlicher Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt. Vor Gericht prophezeite er den „Holocaust der Meinungsfreiheit“.

Hass im Internet war für Ostertag schon länger ein Vollzeitjob. So schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits 2014 über ihn: „Er kommentiert überall im Netz, von morgens bis in die Nacht hinein, sieben Tage die Woche.“ Ihn trieb dabei neben den ausgelösten Reaktionen („Provozieren, das ist wie ein Orgasmus“), auch der Wunsch an mit Überspitzungen „die Leute aufwecken“ zu wollen.

Wie dieses Aufwachen aussieht, zeigt sich in der Kommentarspalte unter dem Beitrag.

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Die früheste aktuell auffindbare Version des Bildes ist von Ende Februar 2016 auf Twitter, aber auch am 1. September diesen Jahres fand das Bild dort Zustimmung.

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Doch wer verbreitet eigentlich solche offensichtlich gefälschten Zitate weiter? Ihre Twitter-Biografien geben darüber einen Einblick. In diesen liest man: „Nur die Wahrheit ist das Ziel!“, „Veröffentlichung belegbarer Fakten aus seriöser Quellen“, „bin sehr kritisch“ und „Hinterfrage das was Du hörst, bis Du die Gründe dahinter verstehst“.

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Selbstbeschreibungen von Usern die den Beitrag retweetet haben

Das zeigt, wie im schnell im Netz ungeprüfte Aussagen weiterverbreitet werden.

Besonderheit am Rande. Im Forum grammatikfragen.de findet sich 2014 eine verblüffend ähnliche Anfrage.

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Ein Frosch, rechte Attacken und ein zorniger Bosbach

weiterlesen 4 Minuten

Wie beim US-Wahlkampf wurden Memes von Pepe der Frosch getwittert.

von Carla Reveland , Miro Dittrich

Die Oppositionsparteien mussten am Sonntagabend zuschauen. Sie kommentierten den Disput enttäuscht im Netz. Auch Rechtspopulisten waren aktiv.

Die Politik diskutiert und das Netz reagiert. Rechte Aktivisten haben unter dem Hashtag #Verräterduell versucht, die Debatte mit einer koordinierten Aktion zu beeinflussen. Mit vorbereiteten Memes wollten sie die Diskussion zum #TVDuell unterwandern und die rechtspopulistische AfD im Netz stärken. Der Erfolg war trotz großer Mobilmachung über den ultra-rechten YouTube-Account „Reconquista Germanica“ bescheiden. Die Memes schafften es nicht in die Trending Topics. Vorbild für den versuchten Meme-Angriff waren Strategie und Memes der Alt-Right-Bewegung, die den Frosch Pepe zum Symbol der rechtsradikalen Trump-Anhänger machten.

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Screenshot aus Twitter

Die Themengewichtung sorgte im Netz parteiübergreifend für viel Kritik, da das Thema Flüchtlinge und Migration überproportional viel Zeit einnahm. Viele deuteten dies als Zugeständnis an die AfD. Einig waren sich Vertreter von SPD, Grünen und FDP über die fehlenden Zukunftsthemen Bildung, Klima und Digitalisierung. Armut und Soziale Gerechtigkeit in der Debatte vermissten insbesondere Vertreter der Linken.

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Screenshot von der Twitter-Seite der Linke

 

Auch die Fernsehzuschauer vermissten viele Themen. Unter dem Hashtag #fragendiefehlen sammelt die Netzgemeinschaft Fragen, die sie sich im TV-Duell gewünscht hätten. Die Grünen griffen den Hashtag noch am Abend auf und verweisen mit dem Hashtag #antwortendiefehlen auf die TV-Debatte am heutigen Abend.

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Screenshot von Cem Özdemirs Twitter

Die größte Reichweite unter den Politiker-Beiträgen konnte FDP-Chef Christian Lindner erzielen.

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Screenshot von Christian Lindners Facebook-Seite

Überraschungen gab es keine. Eine scharfe inhaltliche Debatte blieb aus. Wenig verwunderlich daher, dass der erfolgreichste Beitrag unter dem Hashtag #TVDuell vom Postillon kam.

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Screenshot von Postillon Facebook-Seite

Vor dem Duell unterlief der SPD ein peinlicher Fehler: Sie erklärten Martin Schulz bereits in der Nacht zum Sonntag zum Gewinner. Dafür haben sie sich auf Twitter entschuldigt.

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Screenshot von der SPD Twitter-Seite