Ein 7-jähriger Junge verteidigte seine Mutter mit einem Tretroller gegen eine Vergewaltigung.© socialmamag / pixabay

von Niklas Trinkhaus

Der Blog „Halle-Leaks“ behauptet, dass es sich bei einem mutmaßlichen Vergewaltiger in Heilbronn um einen „Vergewaltiger-Flüchtling“ handelt. Ein Blick in die Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Heilbronn zeigt: Das ist falsch.

Halle-Leaks“ greift einen Vorfall vom 24.5.2018 in Heilbronn auf, der bundesweit für mediale Aufmerksamkeit sorgte: Ein 7-jähriger Junge verteidigte seine Mutter mit einem Roller gegen einen Mann, der diese vergewaltigen wollte.

„Halle-Leaks“ ruft in ihrem Artikel vom 27. Mai in diesem Zusammenhang zu Gewalt gegen Flüchtlinge auf. Dort steht: „Sie verstehen einfach keine andere Sprache. Das hat der 7-jährige in seiner kindlichen Intuition schon begriffen. Wir müssen uns geschlossen wehren und diese Tiere (sind nicht alle so) aus dem Land jagen.“

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Die Staatsanwaltschaft Heilbronn veröffentlichte am 25. Mai 2018 gemeinsam mit dem Polizeipräsidium Heilbronn eine Pressemitteilung zu dem Vorfall. Darin heißt es: „Im Zuge der weiteren Ermittlungen konnte ein 39-jähriger Deutscher in Neckargartach vorläufig festgenommen werden. Er steht im dringenden Tatverdacht, den Angriff auf die 44-Jährige am Donnerstagmorgen verübt zu haben“.

Auch „T-Online“, auf die „Halle-Leaks“ sich beruft, schreibt von einem 39-jährigen Täter. Dieser steht im Verdacht noch weitere Übergriffe begangen zu haben. Dass es sich bei dem Mann um einen Flüchtling handelt ist eine Erfindung von „Halle-Leaks“. Der mutmaßliche Täter befindet sich in Untersuchungshaft.

Unsere Bewertung:
Das ist Falsch. „Halle-Leaks“ erfindet den Fluchthintergrund des Täters. Laut Staatsanwaltschaft und Polizei war es ein deutscher Mann.

Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020.
Stoycho Katsarov (links), Vorsitzender des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen, interviewte den bulgarischen Pathologen Stoyan Alexov am 12. Mai 2020. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In mehreren Blog-Artikeln und Facebook-Beiträgen werden Behauptungen eines bulgarischen Pathologen verbreitet: Niemand sei durch das Coronavirus gestorben, es gebe keine Covid-19-spezifischen Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Diese Behauptungen sind falsch.

Das Coronavirus sei nicht tödlich, es gebe keine Antikörper und es sei unmöglich, einen Impfstoff herzustellen Dr. Stoyan Alexov ist Präsident der bulgarischen Pathologenvereinigung (BPA) und verbreitet in einem Video-Interview zahlreiche Behauptungen über die Corona-Pandemie. Interviewt wurde er von Stoycho Katsarov, dem Vorsitzenden des bulgarischen Zentrums für den Schutz der Rechte im Gesundheitswesen und ehemaligen stellvertretenden Gesundheitsminister, am 12. Mai.

In Sozialen Netzwerken und auf Blogs werden in mehreren Sprachen (zum Beispiel hier, hier oder hier) einige der Behauptungen, die der Pathologe Alexov in dem Interview aufstellte, verbreitet. Auch auf deutschsprachigen Blogs finden sich seit Juli seine Behauptungen (zum Beispiel hier). Ein Artikel auf der Seite Sariblog mit dem Titel „Niemand ist am Coronavirus gestorben“ wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 9.000 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptungen von Alexov, die auf der Webseite der Pathologie-Vereinigung BPA schriftlich zusammengefasst und auf den deutschen Blogs veröffentlicht wurden, geprüft. Die Aussagen beziehen sich auf die Tödlichkeit des Coronavirus, Antikörper und die Entwicklung eines Impfstoffes. Laut unserer Recherche sind sie falsch.

Die Faktenchecker von Health Feedback haben Alexovs Behauptungen ebenfalls geprüft und als falsch eingestuft. Health Feedback ist eine Webseite, die wissenschaftliche Behauptungen in Medien prüft. Sie ist Teil des von der WHO geleiteten Projekts „Vaccine Safety Net“ und (wie CORRECTIV) Mitglied im International Fact-Checking Network.

Behauptung 1: Das Coronavirus sei nicht tödlich und niemand sei daran gestorben

Laut der schriftlichen Zusammenfassung des Interviews behauptete Alexov, Pathologen kämen zu der Schlussfolgerung, dass das Coronavirus nicht tödlich und niemand daran gestorben sei. Er behauptete laut Health Feedback zudem, das sei Konsens der Teilnehmenden eines Webinars der Europäischen Gesellschaft für Pathologie (ESP) am 8. Mai gewesen. Das ist falsch. 

Alexov ist zwar Mitglied der ESP und es gab ein Webinar am 8. Mai 2020. Ob Alexov wirklich daran teilnahm, ist unklar. Health Feedback hat jedoch nach eigenen Angaben Mitglieder der ESP-Führung zur Richtigkeit von Alexovs Behauptungen befragt. Diese hätten im Namen der Gesellschaft eine offizielle Klarstellung zu Alexovs Interview abgegeben, die bei Health Feedback zu lesen ist. 

Pathologen und Rechtsmediziner bestätigen das Coronavirus als mögliche Todesursache

Darin heißt es von Seiten der ESP: „Wie in den beiden ESP-Webinaren zu diesem Thema (8. Mai und 25. Juni 2020) diskutiert wurde, sind die auffälligen Autopsiebefunde in der Lunge und anderen Organen von Covid-19-Patienten nicht als Folge einer gleichzeitigen Erkrankung zu erklären und sprechen für das neuartige Coronavirus (SARS-CoV-2) als Todesursache in diesen Fällen. In Übereinstimmung damit haben Autopsiestudien von Covid-19-Patienten das Vorhandensein des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) in einer Vielzahl von Geweben, hauptsächlich in der Lunge und der Innenauskleidung von Blutgefäßen, nachgewiesen. Es gibt Hinweise auf eine spezifische Covid-19-assoziierte Koagulopathie (Anm. d. Red.: Blutgerinnungsstörung), die tödliche Thromboembolien verursachen kann.“ 

Die Gesellschaft für Pathologie bestätigte demnach, dass Menschen an der Infektion mit dem Coronavirus sterben können. CORRECTIV hat sich am 10. August ebenfalls an die ESP gewandt und nachgefragt, ob das Statement weiterhin aktuell ist, doch bislang keine Rückmeldung erhalten.

Obduktionen in Deutschland zeigen Covid-19 als Todesursache in zahlreichen Fällen

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt über Covid-19: „Die Krankheitsverläufe sind unspezifisch, vielfältig und variieren in ihrer Symptomatik und Schwere stark, sie reichen von symptomlosen Verläufen bis zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod.“ 

Seit Beginn der Pandemie weist die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Todesfälle im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion aus. Am 8. Mai dem Tag des Interviews mit Alexov lag die Zahl der Todesfälle laut WHO weltweit bei 259.474. 

Todesfälle definiert die WHO wie folgt: „Ein Covid-19-Todesfall wird für Überwachungszwecke als ein Tod infolge einer klinisch kompatiblen Krankheit in einem wahrscheinlichen oder bestätigten Covid-19-Fall definiert, es sei denn, es gibt eine eindeutige alternative Todesursache, die nicht mit der Covid-19-Krankheit in Zusammenhang gebracht werden kann (z.B. Trauma). Zwischen der Erkrankung und dem Tod sollte es keine Zeitspanne der vollständigen Genesung geben.“ 

Bereits Mitte Mai zeigte auch eine Studie Hamburger Mediziner um Klaus Püschel, den Leiter des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), dass Menschen am Coronavirus sterben können. Für die Studie wurden die ersten 80 Autopsien von Todesfällen in Zusammenhang mit Covid-19 in Hamburg untersucht. 

In 57 der 80 Fälle sind die Patienten demnach an einer Lungenentzündung oder akutem Lungenversagen durch das Coronavirus gestorben. In 19 Fällen sind die Patienten wahrscheinlich oder möglicherweise durch das Coronavirus gestorben. In vier Fällen wurde das Coronavirus nachgewiesen, die Todesursache war jedoch eine andere.

Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)
Die UKE-Studie kategorisiert die Autopsien in vier verschiedene Kategorien: Kategorie 1: definitiver COVID-19-Tod; Kategorie 2: wahrscheinlicher COVID-19-Tod; Kategorie 3: möglicher COVID-19-Tod bei gleicher alternativer Todesursache; Kategorie 4: SARS-CoV-2-Nachweis mit nicht mit COVID-19 assoziierter Todesursache (Quelle: UKE, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Eine Erkrankung in Folge einer Infektion mit dem Coronavirus kann zum Tod führen. Rechtsmediziner, Pathologen sowie andere Wissenschaftler und ihre Forschung bestätigen das. 

Behauptung 2: Es gebe keine medizinische Möglichkeit, den Tod durch das Coronavirus vom Tod durch eine andere Virusinfektion zu unterscheiden

Alexov behauptet, bei der Autopsie sei keine Unterscheidung zwischen einer Person, die am Coronavirus gestorben ist, und einer Person, die an einer saisonalen Virusinfektion gestorben ist, möglich. Das ist nach Aussage von Experten falsch. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärt Karl-Friedrich Bürrig, Professor für Pathologie und Präsident des Bundesverbands Deutscher Pathologen per E-Mail, dass es durch eine klinische Obduktion möglich sei, Aussagen zur Todesursache eines Verstorbenen zu machen. Dies gelte für SARS-CoV-2-Infekte genauso wie für alle anderen Todesursachen. 

So schreibt der Pathologe: „Durch eine klinische Obduktion kann ganz überwiegend festgestellt werden, ob der Tod durch Covid-19 verursacht worden ist. Dazu werden alle bekannten Methoden zum Virusnachweis genutzt. Hinzu kommt, dass bei tödlichen Covid-19-Erkrankungen charakteristische Organveränderungen bei einer Obduktion festgestellt werden können.“ 

Tod durch das Coronavirus ist durch eine klinische Obduktion nachweisbar

Deshalb sei es auch möglich zu unterscheiden, ob Patienten an und nicht nur mit dem Coronavirus verstorben sind. Bürrig sagt: „Bei einer klinischen Obduktion werden alle krankhaften Veränderungen eines Verstorbenen bewertet und in ihrer Schwere beurteilt. Daraus ergibt sich eine Kausalkette des Krankheitsverlaufes, wobei in dem in Deutschland bekannten Obduktionsgut (Anm. d. Red.: bei den durchgeführten Obduktionen) bei Covid-19 -Verstorbenen dieser Infekt bei mehr als 4/5 der Verstorbenen Todesursache war.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des Bundesverbands Deutscher Pathologen an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

All das gilt auch für die oben beschriebene Studie aus Hamburg. Eine weitere Studie aus Deutschland, die als Preprint im Juni 2020 erschienen ist, zeigt, dass „die Todesursachen bei der Mehrzahl der Verstorbenen in direktem Zusammenhang mit Covid-19 standen, während sie anscheinend keine unmittelbare Folge von bereits bestehenden Gesundheitszuständen und Komorbiditäten waren.“ Die Mehrheit der Patienten sei daher an Covid-19 gestorben.

Die Ergebnisse deckten sich insgesamt mit den Publikationen aus der Pathologie im deutschsprachigen Gebiet, die sich in den Ergebnissen einer Umfrage des Bundesverbandes Deutscher Pathologen widerspiegeln würden, erklärt Pathologe Bürrig in seiner E-Mail an CORRECTIV. Der Bundesverband Deutscher Pathologen werde die Ergebnisse der verbandsinternen Umfrage zu Covid-19-Obduktionen der Öffentlichkeit am 20. August vorstellen, teilte der Bundesverband CORRECTIV mit.

In Deutschland gibt es seit Mai zudem ein zentrales Register der Obduktionen von Covid-19-Erkrankten am Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

Fazit: Falsch. Wie auch bei anderen Todesursachen ist es laut Experten durch eine klinische Obduktion möglich, SARS-CoV-2-Infekte als Todesursache zu identifizieren und von anderen Ursachen zu unterscheiden.

Behauptung 3: Die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen

Alexov behauptet, die WHO habe angewiesen, keine Autopsien durchzuführen. Das ist falsch. Zu Beginn der Pandemie gab es zwar immer wieder Diskussionen über die Durchführung von Autopsien so hatte beispielsweise das RKI laut Medienberichten im April noch empfohlen, bei Covid-19-Verstorbenen auf eine Obduktion zu verzichten, um eine Gefahr der Ausbreitung des Virus zu verringern. 

Damals gab es viel Kritik, zum Beispiel von Seiten der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin und dem Berufsverband Deutscher Rechtsmediziner. Noch im April änderte das RKI seine Einschätzung und veröffentlichte Empfehlungen zum Umgang mit Sars-CoV-2-Verstorbenen und bei der Leichenschau. 

Die WHO dagegen hatte bereits am 24. März 2020 einen Leitfaden für Autopsien von Covid-19-Erkrankten veröffentlicht. Darin ist nirgends von einem Obduktions-Verbot die Rede. In einem früheren Leitfaden zu Laboruntersuchungen im Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen vom 19. März 2020 empfahl die WHO explizit, Proben von Autopsien zu sammeln.

Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die WHO empfiehlt am 19. März, Autopsie-Gewebeproben zu entnehmen (Quelle: WHO, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die WHO hat nicht angewiesen, keine Autopsien an Covid-19-Verstorbenen durchzuführen. Auch in Deutschland gab es kein Verbot.

Behauptung 4: Es seien keine Antikörper identifiziert worden, die spezifisch für SARS-CoV-2 sind

Auch behauptete Alexov, europäische Pathologen hätten keine Antikörper gefunden, die spezifisch für SARS-CoV-2 seien. Das ist falsch. Mehrere veröffentlichte wissenschaftliche Studien berichten über spezifische Antikörper, die an SARS-CoV-2, den Erreger von COVID-19, binden.

Antikörper sind Proteine (Eiweiße), die vom Immunsystem eingesetzt werden, um Krankheitserreger wie Bakterien und Viren zu neutralisieren. Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) erklärt in einer Pressemitteilung vom 8. Juli, wie wichtig die Bildung neutralisierender Antikörper im Kampf gegen Covid-19 sei: „Diese können die Eindringlinge ausschalten und haben ein großes Potenzial, zum Schutz und zur Therapie von Covid-19 effektiv eingesetzt zu werden.“ Dem Forscherteam um Professor Florian Klein von der Uniklinik Köln und dem DZIF sei es gelungen, „Teile der Entwicklung dieser Antikörper zu entschlüsseln und gleichzeitig hochpotente neutralisierende Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu isolieren“.

Die Forscher haben im Blut von zwölf genesenen Covid-19 Patienten gezielt nach Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gesucht. Insgesamt fanden die Wissenschaftler so 28 Antikörper, die SARS-CoV-2 effektiv neutralisieren konnten.

Studien beweisen, dass Antikörper gegen SARS-CoV-2 existieren und bei Menschen nachgewiesen wurden

Es finden sich weltweit weitere zahlreiche Studien, die sich mit der SARS-CoV-2-Antikörperforschung beschäftigen. Bereits im März beschrieb beispielsweise eine internationale Gruppe Wissenschaftler in einer Studie sogenannte validierte Assays (Anm. d. Red.: Untersuchung zum Nachweis bestimmter Substanzen), die für den Nachweis von SARS-CoV-2-spezifischen Antikörpern für diagnostische, sero-epidemiologische und Impfstoff-Evaluierungsstudien genutzt werden könnten. 

Andere Studien haben Antikörper gegen SARS-CoV-2 bei Menschen nachgewiesen, die zuvor mit Covid-19 infiziert gewesen sind. Beispielsweise eine Studie vom 6. Juli 2020, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist. Experten haben für die Studie 35.883 Haushalte in Spanien untersucht und kamen unter anderem zu dem Ergebnis: „Die meisten PCR-bestätigten Fälle weisen nachweisbare Antikörper auf.“

Spezifische Antikörper sind wichtig, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln

Auch Anja Brandt, eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) schreibt auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass es SARS-CoV-2 spezifische Antikörper gebe. Während einer SARS-CoV-2 Infektion könnten unterschiedliche Antikörper gebildet werden. 

„Da es aber auch andere zirkulierende Corona-Viren mit unterschiedlichen Verwandtschaftsgrad zu SARS-CoV-2 gibt, die den Menschen infizieren können, kann es sein, dass ein Teil der unter der SARS-CoV-2-Infektion gebildeten Antikörper diese ebenfalls gut erkennt und umgekehrt. Dieses Phänomen nennt man Kreuz-Reaktivität. Ein (möglicherweise kleiner) Teil der gegen SARS-COV-2 gebildeten Antikörper wird aber diese verwandten Coronaviren nicht oder nur sehr schwach erkennen.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb ebenfalls, dass es spezifische SARS-CoV-2 Antikörper gebe: „Das gehört zu den Anforderungen in den klinischen Prüfungen (Anm. d. Red.: von Impfstoffen) der Phasen I und II, dass die Bildung von spezifischen Antikörpern gegen SARS-CoV-2 gezeigt wird. Bevorzugt neutralisierende Antikörper, die verhindern, dass das Virus an die Zellrezeptoren binden kann.“ 

Zudem gebe es klinische Prüfungen mit Blutserum von genesenen Personen, aus denen man spezifische Antikörper isoliere, um Patienten damit direkt zu behandeln.

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Und diagnostische Tests (Antikörper-Tests) seien ebenfalls auf spezielle Antikörper gegen SARS-CoV-2 ausgerichtet, schreibt die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC). 

Fazit: Falsch. Mehrere Studien zeigen, dass Wissenschaftler SARS-CoV-2-spezifische Antikörper entdeckt haben auch bereits zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov.

Behauptung 5: Es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln 

Laut einem deutschen Blog-Artikel behauptet Alexov zudem, es sei derzeit nicht möglich, einen Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln. Das ist falsch. 

„Der beste Schutz vor Covid-19 ist eine wirksame Impfung“, erklärte Klaus Cichutek, Virologe und Präsident des Paul-Ehrlich Instituts (PEI), des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, am 17. Juni in einem Presse-Briefing.

Einen Impfstoff gegen eine Krankheit zu entwickeln ist immer dann möglich, wenn Krankheiten von Erregern wie Viren oder Bakterien verursacht werden. „Es ist grundsätzlich möglich, Impfstoffe und antivirale Medikamente gegen eine Vielzahl, theoretisch wahrscheinlich sogar gegen alle Erreger von infektiösen Erkrankungen zu entwickeln, ebenso für Krankheiten, die von Viren oder Bakterien hervorgerufen werden“, erklärt eine Sprecherin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gegenüber CORRECTIV. 

Covid-19 ist eine Infektionskrankheit – folglich ist es möglich, einen Impfstoff zu entwickeln

Ein Impfstoff hilft dem Immunsystem dabei, Antikörper zu bilden. Da Covid-19 eine Infektionskrankheit ist, die von einem Virus ausgelöst wird, ist es grundsätzlich möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

Voraussetzung, um einen Impfstoff entwickeln zu können, sei, den Erreger einer Krankheit und idealerweise auch seine genetische Information zu kennen, erklärt die Sprecherin des UKE. 

Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des UKE an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor ein Impfstoff entwickelt werden kann, müssen Forscher Antigene identifizieren und isolieren. Antigene sind körperfremde Substanzen, die von Antikörpern auf Immunzellen erkannt werden. „Gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 hat man das Spike-Protein auf der Oberfläche des Virus als Antigen identifiziert, auf das unser Immunsystem mit der Bildung von schützenden Antikörpern reagiert“, erklärt das PEI auf seiner Webseite. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte auch Susanne Stöcker vom PEI, dass die Aussage, es sei derzeit unmöglich, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, falsch sei und „jeder wissenschaftlichen Grundlage“ entbehre. Sie verweist darauf, dass derzeit zahlreiche Impfstoff-Kandidaten weltweit in der klinischen Prüfung sind. 

29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 werden derzeit laut WHO klinisch getestet

Bislang gibt es zwar keinen Impfstoff, aber laut WHO sind aktuell (Stand 13. August) 29 Impfstoff-Kandidaten gegen Covid-19 in der Phase der klinischen Prüfung, werden also bereits an Menschen getestet. Weitere 138 potenzielle Impfstoffe sind noch in der Entwicklung. Auch zum Zeitpunkt des Interviews mit Alexov im Mai befanden sich bereits Impfstoffe in der klinischen Prüfung. Am 22. April wurde laut PEI die erste klinische Prüfung eines Covid-19-Impfstoffes in Deutschland genehmigt. 

Ausführliche Erläuterungen, wovon die Entwicklung eines neuartigen, sicheren und wirksamen Impfstoffs im Allgemeinen abhängt, finden sich hier in einem Artikel der Österreichischen Ärztezeitung von 2017

Fazit: Falsch. Es gibt bislang zwar noch keinen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus. Es ist jedoch laut Wissenschaftlern möglich, einen solchen Impfstoff zu entwickeln.

CORRECTIV hat Alexov mit den Fakten und Argumenten, die seinen Behauptungen widersprechen, per E-Mail konfrontiert und nachgefragt, ob er diese Ansichten weiterhin vertritt. Bis zur Veröffentlichung dieses Artikels haben wir darauf keine Antwort erhalten.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es sterben Menschen am Coronavirus, es wurden Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen und es ist laut Experten möglich, einen Impfstoff zu entwickeln.

Symbolbild Moskau
Deutsche Medien berichteten, Russland habe den ersten Covid-19-Impfstoff zugelassen. Stimmt das? (Symbolbild: Peggy und Marco Lachmann-Anke / Pixabay)   

von Alice Echtermann

Russland habe als erstes Land einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen und damit eine wichtige Sicherheitsprüfung übersprungen, berichteten Medien diese Woche. Haben sie da etwas falsch verstanden? Eine Analyse. 

Am 11. August gab der russische Präsident Wladimir Putin eine Video-Konferenz gemeinsam mit Gesundheitsminister Michail Muraschko. Sie verkündeten, in Russland sei der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff registriert worden. Mehrere Medien in Deutschland, darunter Spiegel und Welt, berichteten daraufhin, der Impfstoff namens Sputnik V sei „zugelassen“ worden und erwähnten Kritik, weil Russland nicht zuvor alle klinischen Studien abgeschlossen habe. 

Das russische Auslandsmedium RT Deutsch wiederum kritisierte die deutsche Berichterstattung und schrieb, Putins Aussage sei falsch übersetzt worden. Der Impfstoff sei „registriert“ worden, was eine „juristische Formalie“ für die dritte Testphase sei. Der Impfstoff werde nicht vor Januar 2021 eingesetzt.

Macht es also einen Unterschied, ob Putin „zugelassen“ oder „registriert“ gesagt hat? Wird der russische Impfstoff bereits angewendet, obwohl er noch nicht alle Phasen der klinischen Studien durchlaufen hat, oder nicht? 

Russischer Impfstoff Sputnik V wurde „registriert“

Der Vorwurf von RT Deutsch zu dem Übersetzungsfehler ist richtig: Putin sagte auf der Konferenz nicht „zugelassen“, sondern „registriert“. Allerdings sind die Medien nicht die einzigen, denen dieser Fehler passierte. Laut der offiziellen englischen Übersetzung auf der Webseite des Kreml sagte Putin: „I have been told that the world’s first coronavirus vaccine was approved this morning.“ Übersetzt: „Mir wurde gesagt, dass heute Morgen der weltweit erste Coronavirus-Impfstoff zugelassen wurde.“ 

Im russischen Original sprachen Putin – und auch später der Gesundheitsminister Muraschko – aber von der „Registrierung“. Zu hören ist das hier im Video

Aber ist eine Registrierung gleichbedeutend mit einer Zulassung? Das Zulassungsverfahren eines Impfstoffes (in Deutschland durch das Paul-Ehrlich-Institut oder die Europäische Arzneimittelagentur) beinhaltet normalerweise als „zwingende Voraussetzung […] eine konsistente Herstellung, eine hohe Qualität und klinische Prüfungen in drei Phasen“. 

Da die Entwicklung von Impfstoffen laut EU-Kommission sonst mehr als zehn Jahre dauert, wurden Verfahren während der Covid-19-Pandemie stark beschleunigt. Es müsse zum Beispiel parallel zur Testphase in die Produktion investiert werden, heißt es in dem Strategiepapier der EU-Kommission. Ein Impfstoff bekomme aber nur eine Zulassung, wenn „alle angemessenen Stadien der klinischen Studien“ abgeschlossen seien und der Impfstoff als sicher und effektiv gelte, schrieb uns ein Sprecher der EU-Kommission per E-Mail. 

Putin: Impfstoff hat alle notwendigen Kontrollen durchlaufen

Der Vorwurf, der zum Beispiel im Spiegel gemacht wurde, ist, dass Russland eine „Abkürzung“ genommen und „die finale Sicherheitsprüfung offenbar einfach übersprungen“ habe. In einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung hieß es: „Russland hat jetzt den ersten Impfstoff gegen das neue Virus zugelassen – ohne gründlich zu untersuchen, ob das Vakzin überhaupt wirkt und welche Schäden es anrichten könnte.“

Tatsächlich behauptete Wladimir Putin, der Impfstoff habe alle notwendigen Kontrollen durchlaufen, obwohl Phase 3 der klinischen Prüfung noch nicht begonnen hatte. In dieser Phase werden Impfstoffe an tausenden Menschen getestet. Für Sputnik V startete sie einen Tag nach der Registrierung, am 12. August. An 2.000 Menschen in Russland und weiteren in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi Arabien, Brasilien und Mexiko soll der Impfstoff erprobt werden. Bisher wurde er nur an sehr wenigen Menschen getestet, und die Ergebnisse wurden noch nicht veröffentlicht.  

Laut WHO sind weltweit mehrere Impfstoffe in der 3. Phase und werden an großen Gruppen Menschen getestet. Dazu zählen ein Impfstoff der University of Oxford, ein deutscher Impfstoff und einer aus den USA.

Wird der Impfstoff schon jetzt für die russische Bevölkerung verwendet?

Das Alleinstellungsmerkmal des russischen Impfstoffes ist also nur die staatliche Registrierung. Die Frage ist, ob er damit tatsächlich (wie die Welt schrieb) „für die breite Anwendung in der Bevölkerung zugelassen“ ist. 

Auf der Webseite für Sputnik V heißt es: „Der Impfstoff bekam am 11. August ein Registrierungszertifikat des russischen Gesundheitsministeriums und kann unter den Notfallregeln während der Covid-19-Pandemie genutzt werden, um die russische Bevölkerung zu impfen.“ Die Massenproduktion solle im September beginnen.

In den Tagesthemen am 11. August kritisierte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, das Vorgehen und mangelnde Transparenz Russlands. „Wenn es so ist, dass dieser Impfstoff nur vorgesehen würde für eine ausgewählte Gruppe mit besonders hohem Risiko, […] dann könnte man sagen: Okay, eventuell müssen noch weitere Sicherheits- und Wirksamkeitsdaten erhoben werden, aber man zieht die Zulassung für diese Personengruppe vor. Das ist in diesem Fall wohl nicht der Fall. Für größere Anwendungen würde ich diesen Impfstoff – nach der bisherigen Datenlagen, die wir kennen – nicht empfehlen.“

Gesundheitsminister Muraschko: „Parallel nach und nach eingeführt“

Tatsächlich sagte der russische Gesundheitsminister Muraschko bei der Video-Konferenz, der Impfstoff solle bereits schrittweise eingeführt werden. CORRECTIV hat die Original-Aussagen im Video der Konferenz übersetzt.

Demnach erklärte Muraschko, dass der Impfstoff nun an zwei Standorten hergestellt werde. Gleichzeitig werde er im Ausland beworben; einige Länder zeigten schon Interesse. „Parallel dazu beginnt eine schrittweise Anwendung des Impfstoffs im zivilen Verkehr. Zunächst halte ich es für notwendig, Impfungen für diejenigen anzubieten, deren Arbeit die Kommunikation mit infizierten Menschen beinhaltet. Dies sind medizinische Mitarbeiter und diejenigen, von denen die Gesundheit von Kindern abhängt – dies sind unsere Lehrer.“ Das deckt sich auch mit der englischen Übersetzung auf der Kreml-Webseite.

Wie viele Menschen den Impfstoff erhalten sollen, ist unklar. Das Science Magazin zitierte am 11. August einen Sprecher des russischen Gesundheitsministeriums: Das Zertifikat erlaube es, dass der Impfstoff „einer kleinen Anzahl Bürger aus verletzlichen Gruppen“ verabreicht werden könne, inklusive Medizinpersonal und älteren Menschen. 

Anwendung bei Risikogruppen soll bereits starten 

Die Wortwahl Muraschkos in der Video-Konferenz „in den zivilen Verkehr“ (в гражданский оборот) ist dieselbe wie in dem Registrierungszertifikat für Sputnik V. Dort ist vermerkt: Termin der Einführung in den zivilen Verkehr (Срок введения в гражданский оборот): 1. Januar 2021“. Das ist also der offizielle Termin für die Einführung, auf den auch RT Deutsch verwiesen hatte.

Der Gesundheitsminister bezog sich jedoch auf Lehrer und Angehörige der Medizinberufe und sagte, die Anwendung solle parallel „schrittweise” schon stattfinden. Das Schlüsselwort  („в гражданский оборот“) bedeutet die Einführung des Impfstoffes in den zivilen Umlauf und verweist nicht auf die klinische Studie.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Damit ist die „Registrierung“, anders als von RT Deutsch berichtet, mehr als nur eine legale Formalie zur Durchführung der dritten Testphase. Diese wird zwar nicht ausgelassen, aber parallel sollen schon bestimmte Menschen geimpft werden. Russland hat den Impfstoff noch nicht in der Masse zugelassen, zieht aber bestimmte Risikogruppen vor.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax zitierte Muraschko am 12. August mit den Worten, innerhalb von zwei Wochen würden die ersten Packungen des Impfstoffes freigegeben und für die Gesundheitsrisiko-Gruppen geliefert. Am 14. August hieß es, die Daten zu den bisherigen klinischen Studien würden in den kommenden Tagen veröffentlicht. 

CORRECTIV hat das Pressebüro des Kreml für eine Stellungnahme angefragt und bisher keine Rückmeldung erhalten.

Mitarbeit und Übersetzungen: Marcus Bensmann

world economic forum grafik
Eine interaktive Grafik, in der das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum) auf seiner Webseite Informationen bereitstellt, wird in einem Youtube-Video fälschlich als Beweis dafür interpretiert, dass die Corona-Pandemie geplant gewesen sei. (Quelle: WEF / Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video auf Youtube wird behauptet, Informationen auf der Webseite des Weltwirtschaftsforums seien Beweise für den Plan einer Weltregierung, für Menschenzucht und die Steuerung des freien Willens. Die Schlussfolgerungen, die gezogen werden, sind alle falsch. 

„Keine Verschwörungstheorie – Masterplan, schaut’s euch an“, sagt eine Frau in einem Youtube-Video des Kanals „Kulturstudio“ mit dem Titel „Der perfide Plan des World Economic Forum“. Es wurde am 1. August veröffentlicht und bisher fast 250.000 Mal angesehen. 

Zu sehen ist, wie die Sprecherin sich durch die Webseite des Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum, WEF) klickt und zu einer interaktiven Grafik gelangt, die Strategien und Wissen rund um Covid-19 bereitstellen soll. Sie klickt auf verschiedene Punkte und zieht Schlussfolgerungen. Zum Beispiel, dass die Covid-19-Pandemie geplant gewesen sei, Menschen gezüchtet und ihr freier Wille durch 5G ferngesteuert werden solle. Das alles steht jedoch überhaupt nicht in der Grafik. 

Nur, wer sich auf der Webseite des World Economic Forum anmeldet, erhält alle Informationen

Das WEF ist eine internationale Organisation, die einmal im Jahr eine große Konferenz in Davos veranstaltet. Ihr Ziel ist es nach eigenen Angaben, Kooperationen zwischen staatlichen und privaten Akteuren in Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder Kultur aufzubauen.

Wie im Video auf Youtube zu sehen ist, ist es erforderlich, sich auf der Webseite anzumelden, um alle Informationen hinter den einzelnen Punkten der interaktiven Grafik lesen zu können. CORRECTIV hat sich für die Recherche angemeldet. Es zeigt sich, dass die Behauptungen der Frau in dem Video haltlos sind. 

In dem Video des Kanals „Kulturstudio“ ist zu sehen, dass die Sprecherin nicht auf der Webseite des World Economic Forum angemeldet war und daher keinen Zugriff auf die vollen Informationen hatte. (Screenshot: CORRECTIV)

Bevor die Sprecherin zum eigentlichen Teil des Videos übergeht, erwähnt sie beiläufig (Minute 2:10), dass das Logo des World Economic Forum für Covid-19 angeblich dasselbe sei wie von „Black Lives Matter“. Das ist falsch. Das Logo der Bewegung gegen Rassismus sieht anders aus: 

Das Logo auf der Webseite des WEF, das laut der Frau im Video angeblich genauso aussieht wie das von „Black Lives Matter“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)
Suchergebnis bei Google nach „Black Lives Matter Logo“. (Quelle: Google / Black Lives Matter, Screenshot: CORRECTIV)

In der interaktiven Grafik des WEF ist Covid-19 nur eines von vielen Themen. Es ist mit anderen Bereichen verknüpft („related topics“), weil es Überschneidungen gibt. Naheliegenderweise zählt dazu zum Beispiel „Global Health“, also globale Gesundheit. CORRECTIV hat sich die Punkte, die die Frau im Video anklickt, angesehen.

Verbindung zwischen Covid-19-Bekämpfung und „Global Governance“

Der erste Punkt, auf den die Frau klickt, ist „Avoiding Covid-19 Infection and Spread“ (Vermeiden der Infektion mit und Ausbreitung von Covid-19 ) (ab Minute 2:45 im Video). Die Tatsache, dass von dort eine Verbindungslinie zu „Global Governance“ geht, interpretiert die Frau so, dass Corona der „Weltregierung auf den Thron helfen“ solle. Deshalb heiße es angeblich auch „Corona“, was auf Spanisch „Krone“ bedeutet. „Dann wissen wir eigentlich jetzt schon an diesem Punkt, dass es keine Pandemie ist, sondern eine Plandemie. Dass alles Absicht ist“, behauptet die Sprecherin (Minute 3:14).

Ihre Aussagen zur Bedeutung der Begriffe sind jedoch falsch. Coronaviren sind eine Virenfamilie und werden so bezeichnet, weil sie auf der Oberfläche sogenannte Spike-Proteine haben, die wie Zacken einer Krone abstehen. „Global Governance“ bedeutet nicht „Weltregierung“, sondern ist nach der Definition der Bundeszentrale für politische Bildung „ein internationaler Rahmen von Prinzipien, Regeln und Gesetzen inklusive einer Reihe von Institutionen um diese aufrechtzuerhalten, die notwendig sind, um globale Probleme zu bewältigen“.

Die interaktive Grafik informiert über alle wichtigen Themen des Weltwirtschaftsforums und zeigt, wie sie zusammenhängen – darunter ist auch Covid-19. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Human Enhancement“: Das menschliche Leben durch Technologie verbessern

Die Frau klickt dann über die Verbindungslinien weiter über „Global Health“ zu „Biotechnology“ und von dort zu „Human Enhancement“ (ab Minute 4:00). Damit hat sie sich schon völlig von Covid-19 entfernt, denn direkte Verbindungen zwischen diesen Themen gibt es in der Grafik nicht. 

„Human Enhancement“ bedeute „Menschenverbesserung“, also „Menschenzucht“, behauptet die Frau. Dann spricht sie davon, dass 5G-Strahlung die Menschen unfruchtbar machen werde. Wegen dieser Massensterilisation müssten Menschen dann künstlich (industriell) hergestellt werden.

Von all dem steht aber nichts in der Grafik. Wie CORRECTIV bereits in einem Faktencheck dargelegt hat, gibt es keine Belege, dass durch den neuen Mobilfunkstandard 5G in irgendeiner Art gesundheitliche Probleme auftreten können. 

In der Beschreibung zu „Human Enhancement“ und den damit verknüpften Themen wird klar, dass es um verschiedene Möglichkeiten geht, das menschliche Leben durch Technologie zu verbessern. So wird beschrieben, dass Menschen länger leben und mehr Leistung bringen könnten (zum Beispiel durch Prothesen). Es sei laut Forschern sogar möglich, Gedächtnisfunktionen durch Implantate zu verbessern. Beim Thema „Genome Engineering“ (frei übersetzt: Genmanipulation) wird auch darauf hingewiesen, dass es zahlreiche Bedenken gebe bei dieser Forschung, unter anderem ethische. 

In der Beschreibung steht, worum es bei „Human Enhancement“ geht – jedenfalls nicht um „Menschenzucht“. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

„Neuroscience“: Das Gehirn verstehen, um auf Fehlfunktionen reagieren zu können

Von „Human Enhancement“ klickt die Frau weiter zu „Neuroscience“, also Neurowissenschaft. Weil es von dort eine Verbindungslinie zum Thema „Behavior and Decision Making“ (Verhalten und Entscheidungsfindung) gibt, behauptet sie, es gehe hier darum, den freien Willen der Menschen fernzusteuern (ab Minute 5:41).

Auch dafür gibt es keinen Anhaltspunkt. In der Rubrik Neurowissenschaft geht es laut der Beschreibung in der Grafik darum, das menschliche Gehirn zu verstehen, um auf Fehlfunktionen besser reagieren zu können. 

Worum es bei dem Thema „Neuroscience“ geht. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Somit geht es auch bei „Behavior and Decision Making“ nicht um Fernsteuerung, wie die Frau im Youtube-Video behauptet, sondern darum, zu verstehen, wie Gehirnaktivitäten das menschliche Verhalten und die Art, wie wir Entscheidungen treffen, beeinflussen. Davon könne zum Beispiel auch die Sozialwissenschaft profitieren. 

Neurowissenschaft soll dazu dienen, das Gehirn und somit Entscheidungsprozesse besser zu verstehen. (Quelle: World Economic Forum, Screenshot: CORRECTIV)

Angebliche Studie über Mikropartikel, die das Gehirn per Mobilfunkstrahlung fernsteuern? 

Die Sprecherin des Videos zeigt dann noch eine Studie mit dem Titel „Non-viral gene transfection nanoparticles: Funktion and applications in the brain“ (ab Minute 6:30). Sie behauptet, dabei ginge es um Nanopartikel, die ans Gehirn „andocken“, sodass dann mit 5G-Mobilfunkwellen der freie Wille beeinflusst werden könne. „Das ist das Ende der Menschheit“, sagt die Frau.

Die Studie hat jedoch weder etwas mit 5G, noch mit Mobilfunkstrahlen allgemein oder Gedankenbeeinflussung zu tun. Sie wurde 2008 veröffentlicht, damals gab es noch kein 5G. Außerdem wird in der Studie nirgends Mobilfunk erwähnt; es geht um Gentherapie – die Behandlung oder Verhinderung von Krankheiten durch einen sogenannten Gentransfer. 

Es handelt sich dabei laut der Definition auf der Webseite der US National Library of Medicine, wo die Studie veröffentlicht wurde, um eine experimentelle Methode. Zum Beispiel könnte ein neues Gen in den Körper eingebracht werden, das dabei hilft, eine Krankheit zu bekämpfen. Nanopartikel könnten laut der Studie für diesen Transfer eingesetzt werden und fungierten gleichzeitig als „Echtzeit-Sonden“, mit denen der Vorgang visualisiert werden könne. Damit könne sei es zum Beispiel möglich, im Gehirn neuronale Störungen zu untersuchen.

Fazit: In dem Video werden Verbindungen gezogen, die nicht existieren. Begriffe werden nicht erklärt, sondern eigene Bedeutungen erfunden. Insgesamt baut die Sprecherin einen Verschwörungsmythos über eine geplante Pandemie und eine Weltregierung auf, ohne einen einzigen Beleg dafür zu liefern.  

Unsere Bewertung:
Falsch. In dem Video werden Informationen auf der Webseite des World Economic Forum völlig falsch interpretiert. 

Unfall in Bulgarien im Jahr 2016
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

von Sarah Thust

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von einem Unfall in Bulgarien. Es zeigt einen schwarzen PKW am Straßenrand mit deutschem Kennzeichen. Angeblich werden Familienangehörige gesucht. Doch das Foto stammt aus dem Jahr 2016.

Auf Facebook kursiert ein Foto von einem schwarzen PKW mit einem deutschen Kennzeichen, das mit den Buchstaben MTK (Main-Taunus-Kreis) beginnt. Das Bild zeigt einen Unfall in Bulgarien, heißt es in einem Beitrag, der Anfang Juli veröffentlicht wurde. Bei dem Unfall sei ein Mann gestorben, eine Frau liege schwer verletzt im Krankenhaus. Nun werden angeblich Familienangehörige gesucht. Deshalb bittet die Facebook-Nutzerin darum, das Foto zu teilen. 

Der Beitrag vom 7. Juli wurde bereits mehr als 10.000 Mal geteilt. Ein Faktencheck zeigt jedoch: Der Aufruf führt in die Irre. Er suggeriert, dass der Unfall aktuell sei. Er liegt jedoch vier Jahre zurück.

Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook.
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

Der Unfall in Bulgarien ereignete sich 2016

In dem Beitrag heißt es: „In Bulgarien hat ein PKW kennzeichen MTK […] schweres Unfall gehabt. Mann ist verstorben, Frau liegt Schwerferletzt im Spital, bitte soviel wie Möglich TEILEN Familien angehörige werden gesucht [sic!]“ Das Bild wird aktuell auch mit einem anderen Text geteilt, wie die Faktenchecker von Mimikama am 7. Juli berichteten

Das Foto wurde demnach bereits im Jahr 2016 in den Sozialen Netzwerken verbreitet – mit dem Aufruf, dass Angehörige gesucht werden. Eine Bilder-Rückwärtssuche ergibt für diesen Zeitraum dazu zwar keine Treffer, aber die Polizei Westhessen hat am 17. Juni 2016 auf Facebook bestätigt, dass das Bild echt ist und es den Unfall gab. Allerdings bat sie schon damals darum, das Foto nicht weiterzuverbreiten.

Polizei schrieb 2016 auf Facebook, die Angehörigen seien bereits informiert

„Unsere Polizeistationen im Main-Taunus-Kreis erreichen momentan zahlreiche Anrufe und persönliche Besuche. Grund ist die Sorge von Menschen, dass bei dem schweren Unfall in Bulgarien ihre Familie betroffen sein könnte“, hieß es in dem Beitrag der Polizei. „Bitte teilt die Unfallbilder NICHT weiter. Solltet Ihr sie sehen, würde es uns helfen, wenn Ihr sie entsprechend kommentiert: Die Angehörigen sind bereits informiert!“

Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten.
Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch 2016 hatte Mimikama schon darüber berichtet. Die Meldung über den Unfall wurde damals offenbar auch in türkischen Medien verbreitet, wie aus einem Tweet der Polizei Westhessen hervorgeht.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es wird suggeriert, es handele sich um einen aktuellen Unfall. Er geschah jedoch 2016.

steinmeier collage
Unter anderem die Webseite „Politikstube“ veröffentlichte das Foto von Frank-Walter Steinmeier in Südtirol. Ein Sprecher des Bundespräsidenten bestätigte uns die Echtheit. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Mehrere Webseiten veröffentlichten kürzlich ein Foto, auf dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier inmitten mehrerer Menschen ohne Abstand oder Maske zu sehen ist. Das Foto entstand tatsächlich kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür.

„Steinmeier macht Urlaub in Südtirol – natürlich ohne Maske und Abstand“, schreibt die Webseite „Politikstube“ in der Überschrift zu einem Artikel vom 3. August. Dazu zu sehen: Ein Foto des Bundespräsidenten inmitten mehrerer Menschen, offensichtlich dicht aneinander stehend und ohne Mund-Nasen-Schutz. 

Auch der Blog Tichy’s Einblick berichtete über das Foto, der Kolumnist Jan Fleischhauer teilte es ohne Quellenangabe ebenfalls auf Twitter. 

Mehrere Nutzer meldeten uns die Artikel von Politikstube und Tichy’s Einblick bei Facebook als mögliche Falschmeldungen. Die Berichte stimmen jedoch: Sie entstanden tatsächlich während Steinmeiers Sommerurlaub in Südtirol. Er traf sich dort laut der Webseite der Südtiroler Landesverwaltung am 22. Juli mit Landeshauptmann Arno Kompatscher. Das Foto ist dort ebenfalls zu sehen, Kompatscher steht ganz links.

Steinmeier entschuldigt sich für den Vorfall im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung

Laut der Südtiroler Landesregierung galt zu diesem Zeitpunkt nach wie vor eine Abstandspflicht von einem Meter, sowie eine Maskenpflicht, wenn dieser Abstand nicht eingehalten werden kann, und zwar „überall im Freien und in geschlossenen Räumen“. Mehrere Medien berichteten über den Vorfall, darunter die Süddeutsche Zeitung. Steinmeier sagte gegenüber der Zeitung: „In meinem Urlaub bin ich beim Verlassen einer Bergalm dem spontanen Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft nachgekommen.“ Dabei sei jedoch die Abstandsregel nicht eingehalten worden. „Fünf Sekunden Unaufmerksamkeit, die ich mir selbst vorwerfe und die nicht hätte passieren dürfen“, sagte Steinmeier der Süddeutschen Zeitung. „Das tut mir leid.“

Gegenüber CORRECTIV teilte ein Sprecher des Bundespräsidialamts per E-Mail mit, dass der Bundespräsident auch im Urlaub darauf achte, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. An Orten, an denen das nicht möglich sei, trage er eine Mund-Nasen-Bedeckung. „Dass das nicht immer ideal klappt, zum Beispiel wenn der spontane Wunsch nach einem gemeinsamen Foto an der frischen Luft entsteht, zeigt umso mehr: Es ist sehr wichtig, dass wir alle uns jeden Tag aufs Neue darauf besinnen, vorsichtig und achtsam zu sein“, sagte der Sprecher.

Unsere Bewertung:
Richtig. Das Foto entstand kürzlich in Südtirol – Steinmeier entschuldigte sich dafür, den Abstand nicht eingehalten zu haben.

Collage ohne Titel
Screenshot des auf Facebook und Twitter geteilten Zeitungsausschnitts, in dem unter anderem das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Wohneigentumsquote von Deutschland, Italien und Frankreich verglichen wurden. (Quelle: Facebook, Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Deutschland habe im Vergleich zu Italien und Frankreich ein niedrigeres Rentenniveau, eine niedrigere Wohneigentumsquote, ein niedrigeres mittleres Vermögen pro Kopf und ein höheres Renteneintrittsalter – das legt ein auf Facebook verbreitetes Foto nahe. Jedoch lassen sich die Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder kaum miteinander vergleichen.

In Sozialen Netzwerken kursiert ein abfotografierter Zeitungsausschnitt, in dem jeweils bezüglich Deutschland, Italien und Frankreich das mittlere Vermögen pro Person, die Wohneigentumsquote, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter einander gegenübergestellt werden. Das Bild wurde auf Facebook und Twitter insgesamt über 23.000 Mal geteilt.Verbreitet wurde es unter anderem vom Facebook-Account der AfD Offenbach Land und Russlanddeutsche für die AfD.

Der auf Facebook und Twitter geteilte Zeitungsausschnitt. (Quelle: Facebook)

Der Ausschnitt stammt offenbar aus der Regionalzeitung „Neues Gera“, wie eine Google-Suche nach dem Text zeigt. In der Ausgabe vom 5. Juni 2020 findet sich der Abschnitt unter dem Titel „Ist Deutschland wirklich so reich?“ auf Seite 9. 

Mittleres Vermögen pro Person liegt in Deutschland bei 35.313 US-Dollar

Laut des Berichts „Global Wealth Databook 2019“, den die Schweizer Bank Credit Suisse herausgab, liegt das durchschnittliche Vermögen eines Deutschen bei knapp 217.000 US-Dollar und hat sich somit seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Werte für Frankreich und Italien lagen bei 276.121 (Frankreich) und 234.139 (Italien) US-Dollar pro Person (PDF zum Download; Seite 20). 

Die Zahl aus dem Facebook-Bild bezieht sich dagegen nicht auf das durchschnittliche Vermögen, sondern offenbar auf das mittlere Vermögen, also auf den Median, wie er im „Global Wealth Databook“ angegeben ist. Dieser Wert lag im Jahr 2019 in Deutschland demnach bei 35.313 US-Dollar pro Person, in Italien bei 91.889 und in Frankreich bei 101.942 (Seite 108). Die Zahlen in dem Beitrag stimmen also mit den offiziellen Daten überein und scheinen aktuell zu sein.

Zum Vermögen werden auch Eigentumswohnung und -häuser gezählt, daher erklärt sich der Unterschied des mittleren Vermögens zwischen den Ländern zum Teil aus dem nächsten Punkt, der Wohneigentumsquote:

Wohneigentumsquote in Deutschland im Vergleich am niedrigsten

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die nicht zur Miete, sondern in Eigenheimen wohnten, im Jahr 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. Die Zahlen in dem auf Facebook geteilten Beitrag sind also korrekt. Potenzielle Gründe für diese Unterschiede werden jedoch nicht genannt weder im Screenshot, noch im Ursprungsartikel

Auszug der Aufstellung der Wohneigentumsquote in Europa laut Eurostat. (Quelle: Eurostat, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Mögliche Gründe für die niedrige Wohneigentumsquote und dem Reiz zum Mieten in Deutschland zählt die Bundesbank in einem Beitrag auf: „Höhere Grunderwerbsteuern machen Immobilien zu einem teureren und weniger liquiden Vermögenswert; die fehlende Abzugsmöglichkeit für Hypothekenzinsen für Eigennutzer ist zwar steuersystematisch schlüssig, verteuert aber die Finanzierungskosten, und das Mieten von Sozialwohnungen bietet, sofern verfügbar, eine kostengünstige Alternative zum Wohneigentum.“ 

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in Deutschland würden sich damit „in besonderer Weise“ von denen in anderen Ländern unterscheiden. Dieser Kontext fehlt in dem Beitrag, der auf Facebook geteilt wird.

Rentenniveau (netto) liegt aktuell in Deutschland bei 48,2 Prozent

Dass Rentensysteme unterschiedlicher Länder in Beiträgen in Sozialen Netzwerken miteinander verglichen werden, kommt immer wieder vor. Jedoch lassen sich die unterschiedlichen Systeme kaum vergleichen, da sie sehr unterschiedlich sein können – je nachdem wie groß oder klein beispielsweise der Anteil der gesetzlichen Rente am gesamten Altersvorsorgekonzept ist. Ist dieser Anteil hoch, ist auch die Abgabe an die Rentenversicherung höher als in einem Land, in dem der Anteil geringer ist; etwa weil dort die private Altersvorsorge stärker subventioniert wird. 

Laut Webseite der Deutschen Rentenversicherung zeigt das Rentenniveau die „Relation zwischen der Höhe einer Rente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines durchschnittlichen Einkommens) und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers“. Das Rentenniveau bezieht sich auf einen angenommenen Durchschnittsrentner und die Rente vor steuerlichen Abzügen („Sicherungsniveau vor Steuern“). Die aktuellste Information stammt aus dem Rentenversicherungsbericht 2019. Das Rentenniveau liegt demnach aktuell nicht bei 48,1, sondern bei 48,2 Prozent (Seite 11 im Bericht). 

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Das deutsche Rentenniveau in dem Zeitungsausschnitt ist also das „Sicherungsniveau vor Steuern“. Die anderen beiden Zahlen, für Italien und Frankreich, stammen jedoch nach unseren Recherchen aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) und sind nicht damit vergleichbar. 

Zahlen für Italien und Frankreich stammen vermutlich aus OECD-Bericht von 2017

Der Bericht der OECD „Renten auf einen Blick“ vergleicht unter anderem die Renten-Nettoersatzquoten von Ländern weltweit. Die Nettoersatzquote beschreibt das Verhältnis der Altersrente zu dem, was zuvor verdient wurde – netto, also nach Steuern. 

Ein Blick in den Bericht der OECD von 2017 zeigt, dass die Nettoersatzquote stark variiert – nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Einkommensgruppe zu Einkommensgruppe. Für Durchschnittsverdiener in Italien werden 93,2 Prozent angegeben, für Frankreich 74,5 Prozent. Deutschlands Nettoersatzquote von Durchschnittsverdienern lag laut OECD 2017 bei 50,5 Prozent (Seite 121 im Bericht). Bis auf Deutschland entsprechen diese Zahlen den Angaben in dem Zeitungsartikel. 

In dem Zeitungsartikel werden also Werte verglichen, die ganz unterschiedlich berechnet wurden. Zudem sind die Zahlen veraltet, da es von der OECD bereits einen neuen Bericht für das Jahr 2019 gibt, der zu anderen Zahlen kommt: Deutschland: 51,9 Prozent, Italien: 91,8 Prozent und Frankreich: 73,6 (Seite 159 im Bericht).

Wie wir bereits für einen anderen Faktencheck recherchierten, ist die Nettoersatzquote anders als das deutsche „Sicherungsniveau vor Steuern“ eine theoretische Modellrechnung. Sie bezieht sich auf die fiktive Rente eines 20-Jährigen, der (im Falle des OECD-Berichts von 2017) 2016 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist.

Auszug aus dem OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“ mit den Rentenniveaus für Gering-, Durchschnitts- und Besserverdiener. (Quelle: OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“, S. 119, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Die Angabe der Nettoersatzquote oder des Rentenniveaus allein sagt zudem nichts über die tatsächliche Versorgung im Alter aus. So lag die durchschnittliche Rente in Italien Anfang 2019 laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.197 Euro (Seite 16). In Deutschland lag sie Ende 2018 bei 864 Euro (West) (Seite 34/35 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“) und 1.075 Euro (Ost) (Seite 36/37 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“). Der Unterschied ist also nicht so groß, wie der Unterschied der Nettoersatzquoten zunächst vermuten lässt.

OECD: Durchschnittliches Renteneintrittsalter lag in Deutschland 2018 bei 65,5 Jahren

Für Personen, die 1964 oder später geboren wurden, liegt die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt in Deutschland bei 67 Jahren. Im Moment liegt das Durchschnittsalter noch leicht darunter: Laut des Berichts der OECD aus dem Jahr 2019 lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter im Jahr 2018 in Deutschland bei 65,5 Jahren. In Frankreich lag es durchschnittlich bei 63,3 Jahren und in Italien bei 67 Jahren (Männer) und 66,6 Jahren (Frauen).

Übersicht des durchschnittlichen Rentenalters im Jahr 2018 aus dem OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“. (Quelle: OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“, S. 139, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Um grundsätzlich Anspruch auf die gesetzliche Altersrente zu haben, muss man in Italien 67 Jahre alt sein und 20 Jahre eingezahlt haben. In Frankreich liegt das Mindestalter für Personen, die ab 1955 geboren wurden, bei 62 Jahren.

Fazit: Die Zahlen zum Rentenniveau in dem Zeitungsartikel stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden anhand von verschiedenen Modellen berechnet. Sie sind daher nicht vergleichbar. 

Einzelne spezifische Werte des Renten- und Wirtschaftssystems unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, ist nicht sinnvoll, weil diese einzelnen Punkte einander beeinflussen und bedingen. So hat Italien laut OECD etwa eine deutlich höhere Nettoersatzquote, was sich aber nicht in deutlich höheren Rentenzahlungen niederschlägt. Zudem hängen Zahlen wie das Rentenniveau oder die Wohneigentumsquote von vielen anderen Faktoren ab, wie der wirtschaftlichen Situation eines Landes oder wohnungspolitischen Maßnahmen.

Update, 11. August 2020: In einer früheren Version dieses Faktenchecks hatten wir die Nettoersatzquote der OECD mit dem Rentenniveau („Sicherungsniveau vor Steuern“) gleichgesetzt. Die Zahlen werden jedoch unterschiedlich berechnet und sind nicht vergleichbar. Wir haben den Fehler korrigiert.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext – Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder lassen sich nicht sinnvoll vergleichen.

Symbolbild Grippeschutzimpfung
Ein Patient wird zur Vorbeugung gegen eine Krankheit geimpft. (Symbolbild: Katja Fuhlert / Pixabay)

von Sarah Thust

Einer der Impfstoffe gegen SARS-CoV-2, der derzeit an Menschen getestet wird, ist der Impfstoff mRNA-1273. In einem Artikel wird behauptet, dass viele Probanden davon „ernsthaft krank“ geworden seien. Dabei zeigten nur vier von 45 Probanden stärkere Symptome wie Übelkeit oder Kopfschmerzen.

Zu mRNA-Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 kursieren mehrere Falschbehauptungen im Internet. Eine davon bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273, der seit März an einigen Probanden getestet wird. Die Bloggerin Niki Vogt behauptete in einem Text für den Schild- Verlag am 26. Mai: Jeder fünfte der Impfprobanden sei „ernsthaft krank“ geworden. 

Das stimmt so nicht. Zudem wird in dem Text die Wirkweise des Impfstoffs falsch erklärt. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 11.300 Mal auf Facebook geteilt – unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen“.

Wir haben die Behauptungen zum Impfstoff mRNA-1273 geprüft. Es stimmt nicht, dass jeder fünfte Proband „ernsthaft krank“ geworden ist. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg.

Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt.
Der Text von Niki Vogt wurde unter anderem in der Facebook-Gruppe „Corona-Rebellen” geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Behauptung: „Jeder fünfte der Impfprobanden wurde ernsthaft krank“

Die Kernbehauptung steht in der Überschrift des Textes. Die Behauptung bezieht sich auf den Impfstoff mRNA-1273 vom US-Hersteller Moderna. Angeblich habe das Unternehmen am 3. März „zusammen mit Dr. Fauci eine Versuchsreihe an Freiwilligen in Seattle“ gestartet. Dabei seien bei 20 Prozent der Probanden „ernste Komplikationen” aufgetreten.

Eine Recherche von CORRECTIV ergab: Die Studie gibt es, doch die Ergebnisse werden verzerrt dargestellt. Zudem sind einige Details und Erklärungen zur Studie falsch.

Der mRNA-Impfstoff wird derzeit getestet

Der Impfstoff mRNA-1273 befand sich bis Ende Mai in der ersten Phase der klinischen Prüfung, wie aus einer Pressemitteilung von Moderna vom 18. Mai hervorgeht. Das heißt, er wird an Menschen getestet. „Die klinische Prüfung von Impfstoffen ist ein zentraler Schritt bei der Entwicklung von Impfstoffen“, heißt es in einem Dokument des Paul-Ehrlich-Instituts. Das Institut ist in Deutschland für die Zulassung von Impfstoffen zuständig.

Was in der ersten Phase der klinischen Prüfung geschieht, beschreibt zum Beispiel das Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline auf seiner Internetseite: „Ein neues Arzneimittel oder ein neuer Impfstoff wird bei der ersten Prüfung am Menschen in der Regel nur einer kleinen Gruppe freiwilliger gesunder Testpersonen verabreicht.“

Phasen der klinischen Prüfung von GlaxoSmithKline
Ein Screenshot zeigt eine Übersicht über die Phasen der klinischen Prüfung vom Pharmakonzern GlaxoSmithKline. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Autorin suggeriert hingegen in ihrem Text über den Impfstoff mRNA-1273, dass die Auswahl gesunder Probanden eine „Vorsichtsmaßnahme“ von Moderna gewesen sei. Dann bezieht sie sich auf die Pressemitteilung des Konzerns vom 18. Mai, in der Moderna vorläufige positive Testergebnisse für Phase 1 verkündet hat. Die Mitteilung belegt die Aussage, dass „jeder fünfte Proband ernsthaft krank“ wurde, jedoch nicht.

Vier Probanden von 45 zeigten „Symptome der Stufe 3“, das ist nicht jeder fünfte

Durchgeführt wurde die klinische Phase-1-Studie für den Impfstoff am Kaiser Permanente Washington Health Research Institute in Seattle. Laut der Pressemitteilung von Moderna gab es drei Kohorten (Gruppen) mit jeweils 15 Probanden. Sie waren zwischen 18 und 55 Jahre alt. Die Probanden bekamen entweder eine Dosis von 25 Mikrogramm, 100 Mikrogramm oder 250 Mikrogramm verabreicht. Alle wurden jeweils zweimal geimpft. Die höchste Dosis war mit den meisten Impfreaktionen („unerwünschte Ereignisse“) verbunden.

Bei 20 Prozent der Probanden in der dritten Kohorte (drei von 15 Personen, die die Dosis 250 Mikrogramm erhielten) traten nach der zweiten Impfung „systemische Symptome der Stufe 3“ auf. Die gesamte Versuchsgruppe war aber viel größer: Von insgesamt 45 Probanden berichteten vier Personen „Symptome der Stufe 3“. Das sind rund 8,9 Prozent.

Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273
Ein Screenshot zeigt einen Absatz aus der Pressemitteilung von Moderna zum Impfstoff mRNA-1273. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Überschrift des Artikels beim Schild-Verlag führt also in die Irre, denn sie suggeriert, dass bei 20 Prozent aller Probanden ernste Komplikationen aufgetreten sind. Das stimmt nicht. Die Information, dass sich die 20 Prozent nur auf die dritte Kohorte und die zweite Impfung beziehen, folgt erst später und weit unten im Text.

„Systemische Symptome“ sind zum Beispiel Übelkeit, Kopfschmerzen, Müdigkeit und Muskelschmerzen

Welche Symptome konkret auftraten, ging aus der Pressemitteilung nicht hervor. Das erwähnt auch die Autorin des Artikels, schreibt aber: „‘Systemische Symptome der Stufe 3’ bedeutet laut Definition der FDA: ‘Verhinderung täglicher Aktivitäten und die Notwendigkeit einer medizinischen Intervention’.“ Dann behauptet sie: „Dabei handelt es sich also nicht um ein bisschen Temperatur oder Schnupfen. Diese drei Probanden wurden ernsthaft krank.“

Die Einordnung ist irreführend, weil sie auslässt, welche Art von Symptomen gemeint sind.

Die Autorin hat zur „Definition der FDA“ keine Quelle verlinkt, also haben wir gesucht und ein Dokument von 2007 gefunden: die Skala zur Toxizitätseinstufung der US-Behörde Food and Drug Administration (FDA). Demnach gehören zu „systemischen Symptomen der Stufe 3“ theoretisch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall, Müdigkeit oder Muskelschmerzen, die stark genug sind, um tägliche Aktivitäten zu verhindern oder die Einnahme von Schmerzmitteln nötig machen.

Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen
Ausschnitt aus der Toxizitätsskala der FDA für Probanden, die an präventiven klinischen Impfstoffstudien teilnehmen. (Quelle: US Food and Drug Administration / Screenshot: CORRECTIV)

Die am 14. Juli veröffentlichte Studie zum Impfstoff mRNA-1273 zeigt, dass mit den „schweren systemischen Symptomen“ Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopf- oder Muskelschmerzen gemeint waren. Sie traten nach der zweiten Impfdosis bei der Gruppe mit der höchsten Dosierung auf. Die Einstufung der Symptome erfolgte laut einer Fußnote im Anhang der Studie ebenfalls auf Grundlage der Toxizitätsskala der FDA.

Nach der ersten Impfung hatte laut der Studie keiner der 45 Probanden Fieber. Nach der zweiten Impfung trat leichtes Fieber bei sechs Personen der zweiten Kohorte und acht Personen der dritten Kohorte auf. In einem Fall wurde das Fieber mit 39,6 Grad als „schwer“ eingestuft.

Diagramm: Klinische Prüfung von mRNA-1270 - Häufigkeit der Symptome
Screenshot zweier Diagramme: Hier haben die Forscher die Häufigkeit der Symptome grafisch dargestellt. Die gelben Abschnitte markieren Symptome der Stufe 3. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hersteller Moderna schrieb dazu in der Pressemitteilung vom 18. Mai: „Alle unerwünschten Ereignisse waren vorübergehend und verschwanden von selbst. Es wurden keine unerwünschten Ereignisse des Grades 4 oder schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gemeldet.“ 

Wie funktionieren mRNA-Impfstoffe?

Pressesprecherin Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut erklärte CORRECTIV, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

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„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden.

Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen.
Auszug aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

In dem Text für den Schild-Verlag wird außerdem behauptet, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen dauerhaft verändern könnte. Sie könnten sogar vererbt werden, heißt es dort. Es gibt für diese Aussage jedoch keine Belege. 

Das sei kaum vorstellbar, sagte Susanne Stöcker CORRECTIV am Telefon. „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das SPIKE-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ Und: Könnten diese Eigenschaften weitervererbt werden? „Nein.“

Faktenchecker der DPA haben Veränderungen in der DNA nach einer mRNA-Impfung als nach Einschätzung von Experten „extrem unwahrscheinlich“ eingestuft. Ein Faktencheck von MDR Wissen kam zu dem Schluss, dass so ein Prozess nicht die gesamte menschliche DNA erfassen könnte, sondern nur einzelne Zellen.

mRNA-1273 ist einer von sechs RNA-Impfstoffen, die derzeit klinisch geprüft werden

Mehrere Impfstoff-Kandidaten gegen SARS-CoV-2 befinden sich laut Robert-Koch-Institut in der Entwicklungsphase. Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 31. Juli 2020 zeigte, trifft das auf 139 Impfstoffe zu. 26 Impfstoffe wurden zu diesem Stichtag in klinischen Studien an Menschen untersucht, sechs davon sind RNA-Impfstoffe.

Die erste Phase der klinischen Prüfung für mRNA-1273 war Ende Mai, als der Text beim Schild-Verlag erschien, noch nicht abgeschlossen. Im April war die Studie auf Erwachsene über 55 Jahre ausgeweitet worden, teilte das Forschungsinstitut Kaiser Permanente in einer Pressemitteilung am 14. Juli mit. Phase 2 der klinischen Prüfung hat Ende Mai begonnen, Phase 3 läuft seit dem 27. Juli.

„Die Daten zu Nebenwirkungen und Immunreaktionen bei verschiedenen Impfstoffdosen gaben Aufschluss darüber, welche Dosen in den klinischen Studien der Phase 2 und 3 des Prüfimpfstoffs verwendet werden oder für den Einsatz geplant sind“, hieß es weiter in der Mitteilung.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Artikel lässt wesentlichen Kontext weg. Insgesamt wurden weniger Probanden krank als in der Überschrift behauptet.

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Stare sitzen auf einer Leitung. (Symbolfoto: Сергей Шабанов / Pixabay)

von Till Eckert

In einem Blog-Artikel wird suggeriert, dass 120 Stare im Schweizer Kanton Thurgau wegen 5G-Strahlung tot vom Himmel gefallen seien. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass Mobilfunkstrahlung Tieren gefährlich werden könnte – die zuständige Vogelwarte geht von einer anderen Todesursache aus.

Immer wieder wird im Netz behauptet, Tiere würden wegen des neuen Mobilfunkstandards 5G sterben. So sollen in Sierra Madre etwa hunderte Bienen tot vom Himmel gefallen sein, in Nordwales und Kroatien Vögel. All diese Fälle haben wir bereits in Faktenchecks widerlegt.

In einem Artikel des Blogs Legitim.ch vom 11. März mit der Überschrift „STOPPT ENDLICH DAS 5G–MASSAKER! 120 Stare fallen im Thurgau tot vom Himmel !!!“ wird an mehreren Stellen suggeriert, 5G sei die Todesursache der Vögel gewesen. So steht etwa im Text, die Vögel hielten „diese Last“ der Strahlung nicht aus und würden „gegrillt“ und innerlich „verbluten“.

Unterhalb der 5G-Grenzwerte keine belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren

5G ist im Schweizer Kanton Thurgau zwar seit über einem halben Jahr flächendeckend verfügbar, jedoch ändere sich die Gesamt-Strahlen-Exposition – also die Einwirkung von Strahlung auf Lebewesen – in der Region dadurch nicht, wie das zuständige Umweltamt mitteilte. Das deutsche Bundesgesundheitsministerium teilte CORRECTIV für einen früheren Faktencheck außerdem mit, dass es unterhalb der gängigen Grenzwerte „keine wissenschaftlich belastbaren Hinweise auf eine Gefährdung von Tieren“ durch 5G-Mobilfunkstrahlung gebe. Das Bundesamt für Strahlenschutz bestätigte das uns gegenüber. Dass die Tiere also aufgrund von 5G-Strahlung innerlich „verbluteten“, ist unwahrscheinlich. 

Wir haben zur Todesursache außerdem bei der zuständigen Vogelwarte Sempach und dem Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin an der Universität Bern angefragt, wo einige der toten Vögel untersucht wurden. Es zeigt sich: 5G ist auch hier nicht Schuld am Tod der Vögel.

Vogelwarte: Bei den Vögeln wurden Schädeltraumata und Lungenblutungen festgestellt – wie nach dem Zusammenprall mit einem Fahrzeug

Marie-Pierre Ryser, Professorin am Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern, teilte auf CORRECTIV-Anfrage per E-Mail mit, dass im Zentrum einige der toten Vögel untersucht wurden. 

„Unsere Untersuchung bestand aus einer pathologischen Sektion, um herauszufinden, woran die eingesandten Vögel (es waren natürlich nicht alle) gestorben waren. Da es klare Hinweise auf ein stumpfes Trauma gab, hatten wir keinen Grund, weitere Untersuchungen einzuleiten“, sagte Ryser. 

Die Ursache des Traumas hätten die Forscher aufgrund der Befunde nicht eruieren können. Aber: „Mir sind keine nachweisbaren organischen Veränderungen bekannt, die durch 5G-Strahlung verursacht werden. Wir haben einfach Blutungen an verschiedenen Körperstellen beobachtet“, sagt Ryser. 

E-Mail von Marie-Pierre Ryser, Professorin am Zentrum für Fisch- und Wildtiermedizin der Universität Bern. (Screenshot: CORRECTIV)

Livio Rey, Sprecher der Vogelwarte Sempach, teilte per Mail mit, Schädeltraumata und Lungenblutungen seien „typische Verletzungen bei einem Aufprall“, zum Beispiel mit einem Gebäude oder Fahrzeug. „Die plausibelste Erklärung in diesem Fall ist deshalb der Zusammenprall mit einem Fahrzeug wie einem Lastwagen“, sagt Rey. 

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Dass in einem kleinen Gebiet manchmal sehr viele tote Vögel gefunden würden, sei laut Rey schon länger bekannt: „Die letzten mir bekannten Fälle (unter anderem Triboltingen, Barcelona, Den Haag) betreffen hauptsächlich den Star. Dass es sehr oft Starengruppen sind, die tot gefunden werden, liegt an ihrer Biologe. Sie sind oft in dichten Schwärmen und der Nähe von Menschen unterwegs. Dies begünstigt das Auftreten dieser scheinbar ‘mysteriösen’ Vogeltode.“  

Hätten 5G-Emissionen Einfluss auf Vögel, müssten auch andere Vogelarten betroffen sein

Wenn elektromagnetische Strahlung für den Tod der Vögel verantwortlich wäre, bliebe laut Rey die Frage, weshalb Stare stärker betroffen sein sollten, als etwa Tauben, Segler oder Sperlinge, die ebenfalls häufig in Siedlungen vorkommen würden. 

Die Vogelwarte führe außerdem ein jährliches, systematisches und landesweites Monitoring der Schweizer Brutvögel durch. „Die Schweiz wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit einem flächendeckenden Netz von Funksendern überzogen. Hätten die Emissionen all dieser Sender einen messbaren Einfluss auf Vögel, so müssten in unseren systematischen Kartierungen entsprechende Auswirkungen sichtbar sein. Wir finden jedoch in unseren umfassenden und landesweiten Daten keine Hinweise darauf, dass Mobilfunkstrahlung ganze Vogelpopulationen oder Arten beeinflusst“, sagt Rey.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Vögel wegen 5G starben – die zuständige Vogelwarte geht von einem Zusammenprall mit einem Fahrzeug aus.

Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor.
Eine Wissenschaftlerin untersucht Proben im Labor. (Symbolbild: Pixabay / fernando zhiminaicela)

von Sarah Thust

Hat die EU mit einer Ausnahmegenehmigung einen mRNA-Impfstoff „mit genmanipulierten Organismen” gegen Covid-19 erlaubt, wie derzeit in Sozialen Netzwerken behauptet wird? Nein. Bei dem Erlass geht es nicht um mRNA-Impfstoffe. Genetisch veränderte Organismen enthalten sie auch nicht. 

Ein Aufruf zum Protest, Vorwürfe gegen Angela Merkel und wütende Worte gegen das „System“: Die Bloggerin Anja Heussmann behauptete in einem Video auf Facebook am 16. Juli, die Europäische Union (EU) habe mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit „genmanipulierten Organismen“ erlaubt. Ihr Video wurde bisher mehr als 5.300 Mal geteilt. 

Ähnliche Behauptungen stellt auch eine Facebook-Nutzerin in einem Beitrag vom 15. Juli auf. Die Ausnahmeregelung sei „viel schlimmer als der Virus“, heißt es darin. Denn „der neue geplant und in der Prüfung stehende Corona Impfstoff ist von einer Art, die nicht mehr korrigierbar ist. Es handelt sich um einen mRNA Impfstoff, der unseren genetischen Code verändert.“ 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Die EU-Verordnung ist keine Zulassung für einen mRNA-Impfstoff, und solche Impfstoffe enthalten keine „genmanipulierten Organismen“. Beide Beiträge sollen offenbar Stimmung gegen Impfungen machen.

Behauptung: EU-Ausnahmeregelung erlaube „mRNA-Impfstoff mit genmanipulierten Organismen“ 

Anja Heussmann fordert im Beitragstext zum Video den „Rücktritt der gesamten Regierung“. Im Video sagt sie nach 25 Sekunden: „In der EU erlassen sie jetzt die Ausnahmeregelung für den Covid-19-Impfstoff. Denken Sie eigentlich, dass wir Menschen verblödet sind, oder was? Wissen Sie was? Man sollte Sie endlich entmündigen.“ Mit „Sie“ ist offenbar Bundeskanzlerin Angela Merkel gemeint.

Anja Heussmann spricht im Video über einen mRNA-Impfstoff
Anja Heussmann behauptet in ihrem Video vom 16. Juli, dass eine EU-Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 mit genmanipulierten Organismen erlaubt haben soll. (Quelle: Facebook-Seite „Lovestorm People“ / Screenshot am 29. Juli: CORRECTIV)

Das Video von Heussmann besteht hauptsächlich aus Meinung und Spekulationen. Und für die einzige überprüfbare Behauptung – nämlich die,dass die EU angeblich mit einer Ausnahmeregelung einen mRNA-Impfstoff gegen das Virus SARS-CoV-2 erlaubt habe und dieser genetisch veränderte Organismen enthalte –, nennt sie keine Belege.

mRNA-Impfstoff enthält keine gentechnisch veränderten Organismen

Eine Ausnahmeregelung hat die EU tatsächlich am 15. Juli erlassen, doch darin geht es nicht um die Zulassung eines Impfstoffes. Stattdessen geht es um eine Vereinfachung im Entwicklungsprozess. Die Regelung betrifft „Humanarzneimittel“, die gentechnisch veränderte Organismen (GVO) enthalten oder daraus bestehen, und deren Wirkung am Menschen geprüft werden soll („klinische Prüfung“). Das betrifft laut einer Pressemitteilung der EU auch einige Impfstoffe, die zum Beispiel mit genetisch veränderten abgeschwächten Viren arbeiten.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

mRNA-Impfstoffe enthalten jedoch keine GVO. Das bestätigte das Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland unter anderem für die Zulassung von Impfstoffen zuständig ist, gegenüber CORRECTIV. „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO. Sie werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen (Bei SARS-CoV-2 für das SPIKE-Protein oder Teile davon)“, schrieb Pressesprecherin Susanne Stöcker per E-Mail.

E-Mail des Paul-Ehrlich-Instituts
E-Mail der Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts in Deutschland: „mRNA-Impfstoffe sind keine GVO und enthalten auch keine GVO.“ (Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

EU-Verordnung bezieht sich laut Behörden nicht auf mRNA-Impfstoffe

Die Umweltverträglichkeitsprüfung gelte hingegen nur für Impfstoffe, die GVO enthalten. „Da weder mRNA-Impfstoffe noch DNA-Impfstoffe vermehrungsfähige Organismen darstellen, sind sie weder von der Prüfung noch von der Ausnahmeregelung betroffen“, so Stöcker.

Ein Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland bestätigte CORRECTIV ebenfalls: „Der Verzicht auf die Umweltverträglichkeitsprüfung bezieht sich auf Medikamente zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19, die mithilfe von GVOs entwickelt werden. mRNA-Impfstoffe sind keine GVOs.“ Ob bestimmte Impfstoffe mit Hilfe von GVO hergestellt würden, könne er nicht sagen; das hänge von dem jeweiligen Impfstoff ab.

Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten.
Die Europäische Kommission in Deutschland bestätigt in einer E-Mail, dass mRNA-Impfstoffe keine GVO enthalten. (Quelle: CORRECTIV)

Was bedeutet die Ausnahmeregelung für die Covid-19-Medikamente?

Gentechnisch hergestellte Arzneimittel gab es schon vor Covid-19. Dazu gehört laut dem Verband der forschenden Pharma-Unternehmen in Deutschland VFA unter anderem die Schutzimpfung gegen Hepatitis B.

Bevor klinische Prüfungen mit Arzneimitteln mit genetisch veränderten Organismen beginnen können, müssen zahlreiche Tests durchgeführt werden. Einer davon ist die Umweltverträglichkeitsprüfung, bei der es um die Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit und die Umwelt geht. 

Die neue EU-Regelung erlaubt nun, dass vor klinischen Prüfungen von Medikamenten zur Behandlung oder Vorbeugung von Covid-19 keine solche Umweltverträglichkeitsprüfung erfolgen muss. 

Auszug aus der EU-Verordnung
Auszug aus der EU-Verordnung 2020/1043. (Quelle: Amtsblatt der Europäischen Union / Screenshot am 30. Juli: CORRECTIV)

Durch die Ausnahmeregelung soll der Prozess der Entwicklung eines Impfstoffes beschleunigt werden. Denn die Umweltverträglichkeitsprüfung sei komplex und nehme viel Zeit in Anspruch, heißt es in der Verordnung. „Es ist von allergrößter Bedeutung, dass klinische Prüfungen mit GVO enthaltenden oder aus GVO bestehenden Prüfpräparaten zur Behandlung oder Verhütung von COVID-19 in der Union […] sich nicht wegen der Komplexität der unterschiedlichen nationalen Verfahren […] verzögern.“

Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut schreibt uns, die EU-Verordnung bedeute „keine Abstriche in der Sicherheitsbewertung“, sondern solle die Verfahrensabläufe beschleunigen.

Die Ausnahmeverordnung soll laut einer Pressemitteilung des EU-Rats vom 14. Juli nur gelten, solange „die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Covid-19 als Pandemie betrachtet oder ein Durchführungsrechtsakt der Kommission gilt, wonach eine gesundheitliche Notlage aufgrund von Covid-19 besteht.“

Pressemitteilung
In einer Pressemitteilung vom 14. Juli informiert der Rat der Europäischen Union über die Verordnung. (Quelle: Internetseite vom Rat der EU / Screenshot: CORRECTIV)

Was ist ein mRNA-Impfstoff?

Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf seiner Webseite: „mRNA-Impfstoffe enthalten Teile des Erbmaterials der Viren, die Baupläne für das Oberflächenprotein des Coronavirus-2 oder einem Teil davon umfassen.“ Die genetische Information des Virus könnte demnach durch die Impfung in einige Körperzellen des Geimpften gelangen. Die Zellen produzieren dann die entsprechenden Proteine. Das Immunsystem reagiert auf diese Proteine und bildet Abwehrstoffe wie Antikörper gegen das Virus. Die Funktionsweise von mRNA-Impfstoffen wird auch hier vom Science Media Center erklärt.  

Auszug Presse-Briefing PEI
Aus einem Presse-Briefing des Paul-Ehrlich-Instituts vom 22. April 2020 zur Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen. (Screenshot: CORRECTIV)

Die mRNA werde nicht in „Trägerviren“ transportiert, sondern in flüssigen Fetttröpfchen. „Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das Paul-Ehrlich-Institut. Es werde zwar an mRNA-Impfstoffen geforscht, aber es sei noch keiner für Menschen zugelassen worden

Es ist nicht sicher, ob es für Covid-19 einen mRNA-Impfstoff geben wird

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) steht bisher kein Impfstoff zur Verfügung, der vor einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützt, somit auch kein mRNA-Impfstoff.

Wie ein Überblick der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt, befanden sich am 31. Juli 139 Impfstoff-Kandidaten in der Entwicklung. 26 weitere Impfstoff-Kandidaten wurden bereits in klinischen Studien an Menschen untersucht. Dazu zählen auch sechs mRNA-Impfstoffe.

Fazit

Anders als in den Beiträgen von Anja Heussmann und hier auf Facebook dargestellt, geht es in der EU-Ausnahmeregelung nicht um die Zulassung einer bestimmten Substanz oder eines mRNA-Impfstoffes. Das Paul-Ehrlich-Institut und ein Sprecher der Europäischen Kommission bestätigten CORRECTIV, dass mRNA-Impfstoffe keine genetisch veränderten Organismen enthalten.

Die Behauptung auf Facebook, der „geplante Impfstoff“ sei ein mRNA-Impfstoff, ist ebenfalls falsch. Es steht noch nicht fest, welche Art von Impfstoff letztlich für Covid-19 zugelassen wird – es werden verschiedene Varianten geprüft.

Beiträge werden im Netzwerk der „Corona Rebellen“ verbreitet

Beiträge wie dieser von Anja Heussmann werden häufig in Facebook-Gruppen der „Corona Rebellen“ verbreitet, wie hier oder hier zu sehen ist. Die Bloggerin produziert seit Jahren Videos, die auf der Facebook-Seite von „Lovestorm People“ und auf Youtube veröffentlicht werden. In einem etwa drei Jahre alten Video von ihr heißt es, „Lovestorm People“ sei ein soziales Kunstprojekt. Im Impressum der Internetseite wird Heussmann als Verantwortliche genannt.´

Anja Heussmann hat in ihrem Video über den mRNA-Impfstoff und in weiteren Beiträgen auf Facebook eine Demonstration in Berlin am 1. August 2020 beworben, bei der das angebliche „Ende der Pandemie“ ausgerufen wurde. Laut Medienberichten wurde anschließend Kritik laut, weil tausende Menschen dort ohne Masken und ohne Abstand demonstrierten.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Mit der EU-Ausnahmeregelung wurde kein mRNA-Impfstoff erlaubt – und solche Impfstoffe enthalten keine gentechnisch veränderten Organismen.

Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf.
Der Beitrag des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber stellt falsche Behauptungen über Adrenochrom auf. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

In einem Beitrag eines türkischen Nachrichtensenders, der auch in deutscher Übersetzung verbreitet wird, wird behauptet, Kinder würden entführt, um ihnen Haut und ein Stoffwechselprodukt zu entnehmen, womit sich Erwachsene die Haut verjüngen ließen. Das ist falsch.

„Ich habe Ihnen gesagt, die heutigen Nachrichten werden Sie erschüttern“ – mit diesen Worten beginnt die deutsche Übersetzung eines Beitrags des türkischen Nachrichtensenders TGRT Haber auf Youtube. Der Sender gilt als regierungsnah. Sechs Minuten lang zeigt der Nachrichtensprecher Fotos von Prominenten und von einem Kleinkind mit schwarz-blau unterlaufenen Augen. 

Im Video ist immer wieder die Rede davon, dass Kinder in Angst versetzt würden, um ihnen Adrenochrom, ein Stoffwechselprodukt von Adrenalin, zu entnehmen. Dieses werde dann Prominenten als Verjüngungs- und Hautsstraffungsmittel gespritzt. 

CORRECTIV hat den Beitrag geprüft, die Übersetzung aus dem Türkischen ins Deutsche ist korrekt. Der Inhalt ist jedoch fragwürdig. Wann die Nachrichtensendung ausgestrahlt wurde, ist nicht ersichtlich. Das Video mit der deutschen Übersetzung wurde am 28. Juni auf Youtube veröffentlicht und bisher mehr als 177.000 Mal aufgerufen und mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt. Eine Bilder-Rückwärtssuche mit Google ergibt keine Treffer vor dem 28. Juni. Es finden sich zudem auch Übersetzungen des Videos in andere Sprachen, zum Beispiel Englisch. Auf der Webseite des Senders selbst oder seinen Youtube-Kanälen ist das Video nicht zu finden, das Studio und der Moderator weisen aber darauf hin, dass das Video wirklich von TGRT Haber stammt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass die Behauptungen im Beitrag in die Irre führen und einen bekannten Verschwörungsmythos wiederholen. 

1. Behauptung: Prominente würden sich mit „Hautfetzen von koreanischen Babys“ die Haut verjüngen

Zu Beginn des Beitrags (ab Minute 00:58) wird ein Ausschnitt aus der US-amerikanischen Talkshow The Ellen DeGeneres Show von Mitte Mai 2018 gezeigt. Dort sprach Schauspielerin Sandra Bullock darüber, dass sie Fan der sogenannten Penis Facial-Methode sei. Weltweit berichteten Medien (zum Beispiel hier oder hier) bereits seit März 2018 darüber, dass sich Prominente wie Sandra Bullock oder Cate Blanchett mit dieser Methode die Gesichtshaut behandeln lassen würden.

Der Sprecher des türkischen TV-Senders kommentiert dazu (ab Minute 1:47): Wie unschuldig sie es doch erzählen. Was ist es? Hautfetzen von koreanischen Kindern, die unter die Gesichtshaut injiziert werden, um jung und schön zu bleiben.“ Damit stellt er den Sachverhalt irreführend dar. Es werden keine Hautfetzen injiziert, sondern Stammzellen.

Die von Sandra Bullock angeführte Schönheitsbehandlung existiert tatsächlich. Angeboten wird sie Medienberichten zufolge in New York von der Kosmetikerin Georgia Louise. Sie hat sich auf Gesichtsbehandlungen spezialisiert und betreibt ein Studio in Manhattan.

Bullock ließ sich in einem  Kosmetikstudio in New York mit Microneedling und EGF-Serum behandeln

Die Behandlungsmethode nennt sich The Hollywood EGF Facial. Auf der Webseite von Georgia Louise ist zu lesen, dass es sich um eine TCA-Peel-Microneedling-Behandlung handelt. Es werde ein Epidermal Growth Factor (EGF)-Serum aufgetragen, um die Bildung von Kollagen und Elastin zur Straffung und Festigung der Haut zu unterstützen“.

Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)
Auf der Webseite von Georgia Louise ist erklärt, wie die „The Hollywood EGF Facial“-Behandlung abläuft (Quelle: Georgia Louise, Screenshot: CORRECTIV)

Microneedling beziehungsweise Mesotherapie wird beispielsweise bei Durchblutungsstörungen, Rheuma, Arthrose oder Rückenschmerzen angewandt. Aber auch in der Dermatologie und in der ästhetischen Medizin wird Microneedling eingesetzt. Wirkstoffe und Medikamente werden dabei mit winzigen Nadeln direkt in die Haut gespritzt. 

Die Kommission für kosmetische Mittel des Bundesinstituts für Risikobewertung schreibt in einem Protokoll von Mai 2013, die Methode sei kritisch zu bewerten, da Infektionen oder allergische Reaktionen auftreten können.

EGF epidermale Wachstumsfaktoren – spielen eine wichtige Rolle bei der Wundheilung, indem sie die Heilung der äußeren Zellschicht der Haut stimulieren. Auch bei der Behandlung von Krebs spielen Therapien, die epidermale Wachstumsfaktoren einsetzen, eine Rolle. EGF-Serum findet aber auch in der Kosmetikindustrie Verwendung, zahlreiche Hersteller verkaufen das Serum als Anti-Aging-Produkt oder bieten es in Kombination mit einer Mesotherapie an.

Die Stammzellen für die Gesichtsbehandlung werden angeblich aus der Vorhaut von Babys gewonnen

Gewonnen werden die EGF aus Stammzellen. Auf der Webseite von Georgia Louise sind dazu nicht direkt in der Behandlungsbeschreibung Details zu finden, aber auf der Webseite wird ein Artikel des People-Magazins verlinkt. Darin bestätigt eine Angestellte des Kosmetikstudios Sandra Bullocks Ausführungen, dass das Serum von der Vorhaut koreanischer Babys extrahiert werde. Die Angestellte von Georgia Louise erklärt People: Ja, sie hat recht. Das Serum wird aus der Vorhaut des Penis eines Babys gewonnen. […] EGF werden aus den Vorläuferzellen (Anm. d. Red.: Abkömmling einer Stammzelle) menschlicher Fibroblasten (Anm. d. Red.: Hauptbestandteil des Bindegewebes) von der Vorhaut koreanischer Neugeborener gewonnen.

Fremde Haut wird vom Körper abgestoßen, nicht jedoch embryonale Stammzellen

Professor Lukas Prantl, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen Chirurgen, erklärt im Gespräch mit CORRECTIV, dass selbst die Transplantation kleinster Hautpartikel eigentlich vom Körper abgestoßen werde. Die Haut ist ein Immunorgan mit verschiedenen Abwehrspezialisten. Immer wenn ich Zellen von fremden Personen nehme, kommt es zu  einer Abstoßungsreaktion. 

Anders sei das jedoch bei embryonalen Stammzellen. In Deutschland ist die Verwendung embryonaler Stammzellen streng reglementiert und wird als ethisch bedenklich eingestuft. Aber grundsätzlich besitzen sie ein hohes Potenzial zur Regeneration zum Beispiel von Sehnen, Knorpel oder der Verbesserung von Hautstrukturen. Eine Alternative bieten hier die Stammzellen aus dem Fettgewebe, sagt Prantl.

Im Zusammenhang mit der Penis Facial-Methode ist die Rede davon, dass dafür Stammzellen aus der Vorhaut bei der Beschneidung Neugeborener verwendet würden. Facharzt Prantl berichtet zudem davon, dass die Zellen auch entnommen werden könnten, wenn ein Embryo im Mutterleib stirbt und ausgeschabt werde.

Fazit: Hier fehlt wesentlicher Kontext. Es werden keine Hautfetzen von Babys injiziert. Es stimmt aber, dass eine Gesichtsbehandlungs-Methode existiert, bei der embryonale Stammzellen in Form eines Serums verwendet werden. Die Behauptung, dass diese von der Vorhaut koreanischer Babys stammen könnten, lässt sich lediglich in Medienberichten über ein Kosmetikstudio in New York wiederfinden. 

2. Behauptung: Kinder würden in Stress- oder Angstsituationen versetzt, um ihnen Adrenochrom zu entnehmen und dieses dann zur Verjüngung zu verkaufen

Im Beitrag spricht der Moderator des türkischen TV-Senders immer wieder davon, dass Kindern Adrenochrom entnommen werde und sie dazu in außerordentliche Stresssituationen versetzt würden. Denn Adrenochrom entstehe bei Kindern, wenn sie Schmerz oder Angst verspüren würden (zum Beispiel ab Minute 2:20). Es werde an Reiche und Berühmte teuer verkauft, behauptet er weiter. Zu diesem Zweck würden angeblich täglich weltweit tausende Kinder entführt, gefoltert und getötet, um ihnen im Augenblick des Todes das Blut zu entnehmen und das Hormon den Reichen zu verkaufen (ab Minute 5:32). 

Zur Stützung der Behauptung werden immer wieder Fotos von Prominenten und das Foto eines Kleinkindes mit Blutergüssen unter den Augen gezeigt. Eine Bilder-Rückwärtssuche des Kinderfotos führt lediglich immer wieder zum Video des türkischen TV-Senders. Der genaue Ursprung lässt sich nicht ausmachen.

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Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin ­ Erwachsene und Kinder produzieren es gleichermaßen

Die Behauptung, Kinder müssten Schmerz oder Angst verspüren, um Adrenochrom zu produzieren, ist falsch. Adrenochrom ist ein Abbauprodukt von Adrenalin. Adrenalin  produziert jeder Mensch, wenn er unter psychischem oder physischem Stress steht. Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene produzieren dann in geringen Mengen Adrenochrom, erklärt Lukas Prantl im Gespräch mit CORRECTIV. Adrenalin ist ein Hormon, und dieses Hormon hat eine feste chemische Struktur und die ist bei einem Kind nicht besser oder schlechter als bei einem Erwachsenen. Es ergebe folglich rein biologisch keinerlei Sinn, Adrenochrom nur in Zusammenhang mit Kindern zu betrachten. 

Dass Adrenochrom genutzt werden könnte, um die Haut zu verjüngen und beispielsweise über Microneedling zu injizieren, ist dem Facharzt nicht bekannt. Und ich wüsste auch nicht, welchen Nutzen das haben sollte. Zudem gibt es viele andere gute Möglichkeiten, wie die Anwendung von körpereigenen Vorläuferzellen aus dem Fettgewebe oder Blutplättchen.

Der Verschwörungsmythos um Adrenochrom hat seinen Ursprung in antisemitischen Motiven

Immer wieder kursieren Behauptungen im Netz, die die angebliche Entführung von Kindern mit Adrenochrom und einem vermeintlichen Verjüngungselixier in Verbindung bringen. Sie sind Teil des weltweiten QAnon-Verschwörungsmythos. Deren Anhänger glauben unter anderem daran, dass eine satanistische Elite die Welt beherrsche. Diese entführe Kinder, halte sie in unterirdischen Gefängnissen und versuche mit ihrem Blut, das eigene Leben zu verlängern und sich aufzuputschen. CORRECTIV hat schon in mehreren Faktenchecks gezeigt, dass diese Theorien auf falschen Annahmen beruhen (zum Beispiel hier, hier und hier).

Die Behauptungen über Adrenochrom und das Entführen von Kindern hat seinen Ursprung auch in alten antisemitischen Motiven. Ein Vorläufer sei der antisemitische Mythos der „Hexensalbe“, wie Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt. „In Werken wie dem Nürnberger ‘Formicarius’ von 1430 wurde vor allem Frauen vorgeworfen, gemeinsam mit Juden und Teufeln den ‘Hexensabbat’ zu begehen und aus ermordeten, christlichen Kindern eine teuflische, mächtige Salbe herzustellen“, sagt Blume. 

Fazit: 

Der türkische Fernsehbeitrag vermischt Informationen über eine umstrittene Gesichtsbehandlung mit embryonalen Stammzellen mit einem Verschwörungsmythos über Adrenochrom. Beides hat jedoch nichts miteinander zu tun.

Dafür, dass Kinder entführt und in Angst versetzt würden, um ihnen das Stoffwechselprodukt Adrenochrom zu entnehmen und es als Verjüngungsmittel an Prominente zu verkaufen, gibt es keine Belege. Auch aus medizinischer Sicht ergibt das laut einem Experten für Plastische Chirurgie keinen Sinn.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der türkische Fernsehbeitrag verbreitet einen Verschwörungsmythos über entführte, gefolterte Kinder und Adrenochrom.

Screenshot Video Header
In diesem Video explodiert angeblich ein Elektroauto auf der A8. Tatsächlich zeigen die Bilder aber einen Lastwagen, der Gasflaschen geladen hatte, und stammen aus Frankreich. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Eine auf Facebook verbreitete Aufnahme eines brennenden Fahrzeugs stammt angeblich von Ende Juli aus Süddeutschland. Tatsächlich ist die Aufnahme schon drei Jahre alt und zeigt – anders als behauptet – kein brennendes Elektroauto.

Am 23. Juli hätten „die umweltfreundlichen Elektroautos auf der A8 ihr wahres Gesicht gezeigt“, behauptete ein Facebook-Nutzer in einem Beitrag vom 26. Juli. Dazu teilte er ein Video eines Fahrzeugbrands und mehrerer Explosionen auf einer Autobahn. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen jedoch: Die Aufnahmen stammen weder aus Deutschland, noch sind sie aktuell, noch stehen sie in Zusammenhang mit Elektroautos.

Es ist zwar zutreffend, dass am 23. Juli auf der A8 in der Nähe des Kreuz Stuttgart laut der örtlichen Feuerwehr ein Fahrzeug brannte, es war aber kein Elektroauto. Und das Facebook-Video hat mit diesem Ereignis nichts zu tun. Ein Faktencheck von Mimikama kam zu dem Ergebnis, dass die Aufnahmen aus Frankreich stammen und im September 2017 entstanden. 

Video ist von 2017 aus Frankreich und zeigt kein Elektroauto

Tatsächlich wurde das Video am 19. September 2017 mit französischer Beschreibung von der Webseite Break For Buzz auf der Videoplattform Daily Motion hochgeladen. Die Schlagzeile dazu lautet: „Explosion eines mit Gasflaschen beladenen Lastwagens auf der Autobahn RN10“. Der Vorfall ereignete sich einem Bericht der Lokalzeitung Charente Libre vom 18. September 2017 zufolge in der Nähe der französischen Kleinstadt Chevanceaux in der Region Charente-Maritime. 

Ein Screenshot des Videos wurde auch von der Webseite Journalistenwatch als „Symbolbild“ für einen am 29. Juli veröffentlichten Artikel über einen Unfall verwendet, bei dem laut Medienberichten eine junge Frau in ihrem Elektroauto verbrannte.

Experten: Brandgefahr bei Elektroautos nicht größer als bei normalen PKW

Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen über brennende oder explodierende Elektroautos. Über die Herausforderungen für die Feuerwehr, einen brennenden Akku zu löschen, haben wir bereits einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht. Experten bestätigten, dass ein solcher Brand mit herkömmlichen Mitteln gelöscht werden kann, aber sehr lange gekühlt werden müsse. 

Im November 2019 kam ein Forschungsprojekt der Dekra Unfallforschung und der Verkehrsunfallforschung der Universitätsmedizin Göttingen zu dem Ergebnis, dass die getesteten Elektrofahrzeuge bei sogenannten Crash-Tests den „vergleichbaren konventionell angetriebenen Fahrzeugen bei der Sicherheit in nichts nach[stehen]“. Es sei auch bei starker Deformation der Batterien kein Brand ausgebrochen. 

Dass die Brandgefahr mit der eines normalen PKW vergleichbar sei, bestätigte im Dezember 2019 auch der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, Karl-Heinz Knorr, in einem Interview mit dem Spiegel.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Aufnahme zeigt den Brand eines mit Gasflaschen beladenen LKW, der 2017 auf einer Autobahn in Frankreich explodierte.

Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer.
Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

von Uschi Jonas

Am vergangenen Samstag protestierten in Berlin Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. Über die Zahl der Teilnehmer an der Demonstration und der anschließenden Kundgebung gibt es in Sozialen Netzwerken unterschiedliche Angaben. Manche behaupten, es seien 500.000 bis 3,5 Millionen Menschen gewesen. Das ist falsch.

Update, 6. August: Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass wir in unserem Text die Kundgebung auf der Straße des 17. Juni falsch verortet hatten. Die Polizei hatte uns mitgeteilt, dass der Hauptbereich auf Höhe des Sowjetischen Ehrendenkmals gelegen habe. Das ist nicht richtig. Der Bereich der Kundgebung lag zwischen der Yitzhak-Rabin-Straße und dem Großen Stern. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen und haben den Text überarbeitet. Die Gesamtbewertung dieses Faktenchecks veränderte sich dadurch nicht.

„Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ – unter diesem Motto protestierten am vergangenen Samstag organisiert von der Initiative „Querdenken 711“ Menschen gegen die Corona-Maßnahmen in der Hauptstadt. Laut der Polizei Berlin fanden sich zunächst gegen 11 Uhr Unter den Linden Menschen für einen Demonstrationszug zusammen. Anschließend gab es ab 15.30 Uhr eine Kundgebung auf der Straße des 17. Juni.

Doch vor allem die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgt im Nachgang für Diskussionen. In Sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Behauptungen und Vergleiche mit früheren Veranstaltungen wie der Love Parade, die von den offiziellen Angaben der Polizei abweichen. CORRECTIV hat einige dieser Behauptungen überprüft. Sie alle übertreiben die realistische Teilnehmerzahl bei der Kundgebung um ein Vielfaches. 

Behauptung 1: Luftaufnahme zeigt Teilnehmer der Anti-Corona-Kundgebung

In Sozialen Netzwerken tauchen zahlreiche Fotos auf, die die Anti-Corona-Kundgebung am vergangenen Samstag mit der Teilnehmerzahl bei der Techno-Veranstaltung Love Parade in Bezug setzen. In einem Facebook-Beitrag wird zum Beispiel mit einer Luftaufnahme behauptet, die Kundgebung habe auch rund um den Großen Stern und die Siegessäule stattgefunden, die Straßen seien in alle Himmelsrichtungen voller Demonstranten gewesen.

In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google ergibt jedoch, dass das verwendet Foto nicht die Kundgebung vom vergangenen Samstag zeigt. Stattdessen stammt es von der Love Parade am 21. Juli 2001, aufgenommen von einem Fotografen der Presseagentur AP. Die Polizei zählte damals laut Medienberichten 800.000 Besucher, die Veranstalter sprachen von rund einer Million. 

Fotos zeigen Kundgebung kurz nach ihrem Beginn

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher der Polizei Berlin am Montag, dass die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ für den Bereich auf der Straße des 17. Juni zwischen dem Sowjetischen Ehrendenkmal bis zum Brandenburger Tor angemeldet gewesen sei. Im weiteren Verlauf sei die Demonstration bis zur Yitzhak-Rabin-Straße erweitert worden. Der Bereich bis zum Großen Stern sei nur aus Sicherheitsgründen ebenfalls abgesperrt gewesen. 

Luftaufnahmen zeigen jedoch, dass das nicht stimmen kann. Ein Foto der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zeigt, dass sich für die Kundgebung Menschen auf der Straße des 17. Juni versammelten. An einer Stelle ist die Strecke durch mehrere Kastenwagen der Polizei getrennt. Klar zu sehen ist, dass die Hauptkundgebung westlich von der Absperrung stattgefunden hat – zu erkennen ist eine große Bühne mit dem Banner der Initiative „Querdenken“.

Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)
Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

Beim Hineinzoomen in die Luftaufnahme ist östlich von der Polizei-Absperrung eine Statue zu erkennen: „Der Rufer“. Wie Google Maps zeigt, steht diese Statue zwischen Brandenburger Tor und dem Sowjetischen Ehrendenkmal und somit östlich von der Yitzhak-Rabin-Straße. Zu erkennen ist ebenfalls, dass die Polizeiwagen in der Nähe von Ampeln platziert sind. Daher ist es plausibel, dass sie etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße stehen.

Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/Christoph Soeder/dpa, Markierung: CORRECTIV)
Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Markierung: CORRECTIV)

Die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ fand folglich im Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule statt. CORRECTIV hat die Polizei Berlin am Donnerstag damit konfrontiert, doch keine Rückmeldung mehr erhalten. 

Das Ende der Menschenmenge ist zwar auf dem Foto der DPA nicht ersichtlich, aber es ist zu erkennen, dass sich die Menschenmenge am unteren Rand des Fotos Richtung Siegessäule bereits ausdünnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die DPA mit, dass die Luftaufnahme des Fotografen Christoph Soeder zwischen 16:03 und 16:10 Uhr entstanden sei. Da die Kundgebung laut Polizei rund 30 Minuten zuvor um 15:30 Uhr begann, ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Teilnehmer zum Zeitpunkt des Fotos anwesend war. Es existieren zudem keine Aufnahmen, die zeigen, dass die Kundgebung bis zum Großen Stern reichte oder gar darüber hinaus. 

Eine andere Luftaufnahme, die von der Tagesschau veröffentlicht wurde, bestätigt, dass die Menschenmenge nicht bis zur Siegessäule reichte. Ein Tagesschau-Redakteur wies uns darauf hin, dass das Foto von Imago Images stamme. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte der Imago-Fotograf Christian Spicker mit, dass das Foto um 15:39 Uhr entstanden sei, also kurz nach dem offiziellen Beginn der Kundgebung. Ein größerer Ausschnitt des Fotos bei der Tagesschau zeigt ebenfalls, dass sich die Menge deutlich ausdünnt und zumindest zum Zeitpunkt des Fotografierens  nicht bis zur Siegessäule reichte.

Fazit: Falsch. Ein Foto, das Menschenmassen rund um den Großen Stern zeigt, stammt nicht von der Anti-Corona-Kundgebung am 1. August in Berlin, sondern von der Love Parade im Jahr 2001. Luftbilder der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ am 1. August zeigen deutlich geringere Menschenmengen.. 

Behauptung 2: Die Teilnehmerzahl bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor habe nicht etwa 20.000, sondern 500.000 bis über eine Million Menschen betragen

In einer Pressemitteilung teilte die Berliner Polizei bereits am Samstag, mit, dass sich bei der Kundgebung 20.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. 17.000 hätten an der davor stattgefundenen Demonstration, also dem Aufzug, der durch die Stadt führte, teilgenommen. Der Demonstrationszug war von 11 bis 15:30 Uhr angemeldet und stand unter dem Motto „Versammlung für die Freiheit“, wie ein Polizeisprecher CORRECTIV am Telefon erläuterte. 

Der Zug sollte eigentlich bis zur Straße des 17. Juni gehen, aber kam schon zuvor zum Ende, so der Polizeisprecher. Gestartet sei er Unter den Linden 74 bis 76 und zog dann über die Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthaler Straße, Weinmeisterstraße, Münzstraße, Memhardstraße, Karl-Liebknecht-Straße, Spandauer Straße, den Molkenmarkt, Leipziger Straße, Glinkastraße, Dorotheenstraße und die Ebertstraße. Er endete noch vor der Straße des 17. Juni. 

Am Montag sagte der Pressesprecher der Polizei CORRECTIV, dass sich an der Schätzung der Teilnehmerzahl nichts geändert habe. Weiter erklärte er, es sei üblich, dass die Polizei bei Großlagen wie bei der Veranstaltung am vergangenen Samstag in Berlin Polizeihubschrauber einsetze, um die Teilnehmerzahlen abzuschätzen. 

„Der Polizeihubschrauber hat eine Kamera an Bord. Von dort findet eine Direktübertragung der Bilder an den Führungsstab statt. Dieser nimmt anhand der Bilder dann eine Schätzung vor. Gespeichert werden die Bilder jedoch nicht, da dies datenschutzrechtlich verboten ist“, sagte der Pressesprecher CORRECTIV. 

In Sozialen Netzwerken verbreiten sich dennoch zahlreiche Behauptungen, die Teilnehmerzahl habe weitaus höher gelegen und die Medien würden lügen. So heißt es beispielsweise in einem Artikel des rechtspopulistischen Magazins Compact, es seien 500.000 bis eine Million Teilnehmer bei der Kundgebung anwesend gewesen. 

Sind 500.000 oder eine Million Menschen plausibel?

Auf Facebook wird in zahlreichen Beiträgen behauptet, es seien mindestens eine Million Teilnehmer gewesen (zum Beispiel hier, hier oder hier). Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese Behauptungen nicht richtig sein können. 

Immer wieder sind die Straßen im Tiergarten Schauplatz für Großveranstaltungen in Berlin. Ein Vergleich mit den Aufnahmen und den Informationen über die Teilnehmerzahl der Love Parade zeigt deutlich, dass bei der Kundgebung am Samstag nicht eine Million oder mehr Menschen anwesend gewesen sein können. 

Zwischen 1996 und 2003 fand die Veranstaltung rund um den Großen Stern im Tiergarten statt, 2004 und 2005 fiel sie aus, 2006 fand sie ein letztes Mal in Berlin statt. Auf Nachfrage von CORRECTIV konnte die Polizei Berlin keine Teilnehmerzahlen nennen; das Archiv reiche nicht so weit zurück. 

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Laut dem Online-Portal Statista, das sich als Quelle auf die Veranstalter der Love Parade beruft, betrug die Teilnehmerzahl im Berliner Tiergarten in den Jahren 1996 bis 2006 zwischen 750.000 und maximal 1,5 Millionen (1999).

Bei der Love Parade feierten die Teilnehmer dicht gedrängt nicht nur (wie am vergangenen Samstag bei der Anti-Corona-Kundgebung) auf dem Abschnitt zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule, sondern auf der ganzen Strecke zum Brandenburger Tor und auch auf allen Straßen rund um den Großen Stern. 

Das zeigen Fotos wie das bereits erwähnte Luftbild der Presseagentur AP von dem Event 2001, bei dem die Veranstalter von einer Million Menschen sprachen und die Polizei von 800.000. Immer wieder kommt es vor, dass Veranstalter höhere Angaben machen als die Polizei. Dennoch ist es nicht möglich, dass bei der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ ähnlich viele Menschen anwesend waren wie bei der Love Parade.

Schätzungen zeigen, es hätten dicht gedrängt maximal rund 173.600 Menschen bei der Anti-Corona-Kundgebung Platz gehabt

Das Online-Tool „Mapchecking“ ermöglicht es, die maximale Anzahl stehender Personen in einem bestimmten Gebiet zu schätzen. Das Tool bietet die Möglichkeit, bis maximal sieben Personen pro Quadratmeter die Größe einer Menschenmenge zu schätzen. Das Maximum liege bei fünf Menschen auf einem Quadratmeter; alles darüber hinaus sei ein großes gesundheitliches Risiko, zeigt eine Analyse zu Sicherheit und Risiko von Menschenansammlungen von Keith Still. Still ist ein Mathematik-Professor, der auch ein Gutachten zur Love Parade 2010 erstellt hat, bei der es zu einer Massenpanik kam.

So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)
So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)

Selbst bei der Annahme von fünf Personen pro Quadratmeter beträgt die Schätzung des Tools „Mapchecking“ lediglich rund 173.600 Personen, die auf dem Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule Platz hätten.

Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

In Sozialen Netzwerken kursiert zudem die Behauptung, die Polizei habe nicht alle Protestierenden, die zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ auf die Straße des 17. Juni wollten, auch dort hin gelassen. Stattdessen seien zahlreiche Menschen in Seitenstraßen und rund um den Großen Stern geleitet worden. 

Dies verneinte der Pressesprecher der Polizei gegenüber CORRECTIV: „Wir haben alle, die zu dieser Kundgebung wollten, auch in den Kundgebungsbereich hineingelassen.“ Hinter der Yitzhak-Rabin-Straße oder rund um den Großen Stern seien keine Menschen umgeleitet worden, auch habe es dort keine weiteren Versammlungen gegeben. Die Behauptung ist also unbelegt.

Rund um das Brandenburger Tor fanden andere Kundgebungen statt

Lediglich – wie auch auf Luftaufnahmen zu erkennen – rund um das Brandenburger Tor und den Pariser Platz habe es einen weiteren abgesperrten Bereich gegeben, so der Polizeisprecher. 

Wie auf Fotos erkennbar ist, war dieser Bereich von der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ durch die Kastenwagen der Polizei abgetrennt. „Es waren Teilnehmer anderer Kundgebungen“, sagte der Polizeisprecher. Um das Brandenburger Tor hätten im Tagesverlauf weitere Kundgebungen stattgefunden, die von anderen Veranstaltern angemeldet worden seien. 

„Dort hatten wir zeitgleich eine Versammlung unter dem Motto ‘Reform 3000  – Stolperstein auf der Querdenker-Demo’, die angemeldet war von 10:30 bis 18 Uhr. Und ebenfalls auf dem Pariser Platz eine Kundgebung ‘Gegen Rassismus, Antisemitismus – kein Fußbreit den Verschwörungstheoretikern’ von 10:30 bis 17:30 Uhr“, so der Sprecher. Die Angaben der Polizei von 20.000 Teilnehmer beziehen sich auf die große Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“.

Zur Teilnehmerzahl der anderen Kundgebungen um das Brandenburger Tor und auf dem Pariser Platz macht die Polizei keine Angaben. Großzügig mit dem „Mapchecking“-Tool berechnet hätten dort dicht gedrängt (fünf Personen pro Quadratmeter) 88.200 Menschen Platz.

Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

Jedoch ist auf Fotos zu sehen, dass die Menschen auch dort nicht dicht gedrängt versammelt waren.

Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)
Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Es haben nicht 500.000 bis über eine Million Menschen an der Kundgebung auf der Straße des 17. Juni teilgenommen. Die Polizei spricht von 20.000, Schätzungen zufolge würde die Fläche zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule maximal rund 173.600 Menschen dicht gedrängt zulassen. So dicht standen die Menschen am Samstag Luftaufnahmen zufolge jedoch nicht. Diese entstanden kurz nach Beginn der Veranstaltung. Selbst wenn später noch zahlreiche weitere Menschen zu der Kundgebung hinzugestoßen wären, sind Zahlen von 500.000 oder mehr Teilnehmern nicht realistisch. 

3. Behauptung: Die Polizei habe selbst von 800.000 Teilnehmern beim Demonstrationszug gesprochen

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe von 800.000 Menschen bei der Anti-Corona-Demonstration gesprochen, die durch die Stadt zog. Auch Daniel Wald, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt verbreitet diese Behauptung auf Facebook.

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte die Polizei Berlin diese Behauptung. Telefonisch bestätigte ein Sprecher die in einer Pressemitteilung am Samstag veröffentlichten Zahlen. Demnach nahmen höchstens 17.000 Personen an der Demonstration teil, die am Samstag gegen 11 Uhr Unter den Linden begann und gegen 14 Uhr noch vor der Straße des 17. Juni endete.

In einem Tweet teilte die Polizei Berlin bereits am 1. August mit, dass sie die „exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll“ nicht bestätigen könne.

Fazit: Falsch. Die Polizei sprach nicht von 800.000 Teilnehmern bei der Demonstration, sondern von 17.000.

4. Behauptung: Die Polizei habe getwittert, es seien 3,5 Millionen Teilnehmer bei der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigt

Auf Facebook wird außerdem ein angeblicher Tweet der Polizei Berlin verbreitet. Demnach habe die Polizei getwittert: „Auf der ‘Tag der Freiheit’ Demonstration können wir zurzeit mindestens 3,5 Millionen Teilnehmer bestätigen.“ 

Sowohl der Twitter-Account-Name als auch das Logo des Accounts „Polizei Berlin Einsatz“ des Screenshots des angeblichen Tweets stimmen mit dem verifizierten Account der Berliner Polizei überein. Dort ist ein solcher Tweet aber nicht zu finden. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte ein Sprecher der Polizei Berlin, dass die Polizei zu irgendeinem Zeitpunkt einen solchen Tweet veröffentlicht habe.

Eine Google-Suche nach dem Text des Tweets führt zu keinen relevanten Treffern. Der Screenshot des Tweets ist also eine Fälschung.

Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die Polizei hat nicht getwittert, sie könne 3,5 Millionen Teilnehmer auf der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigen.

Update, 5. August 2020: Zunächst hatten wir geschrieben, dass uns die Quelle der Luftaufnahme bei der Tagesschau unbekannt sei; diese Information haben wir ergänzt. Zudem haben wir den Text um Passagen über die angebliche Aufspaltung des Demonstrationszuges durch die Polizei ergänzt und erklärt, dass die Menschen rund um das Brandenburger Tor nicht zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ gehörten. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Angaben von 500.000 oder bis zu 3,5 Millionen Menschen bei dem Protest in Berlin sind falsch.