Faktencheck

Polio wurde durch Impfungen nahezu ausgerottet – einzelne Fälle werden aber durch Impfstoff-Viren ausgelöst

Der oral verabreichte Polio-Impfstoff verursache Kinderlähmung und sei „unwirksam“ gegen die Polio-Übertragung, heißt es auf Telegram und Twitter. Das ist irreführend: Die Impfung schützt wirksam vor Kinderlähmung, die Krankheit kommt weltweit kaum noch vor. Der Impfstoff enthält aber abgeschwächte Polio-Viren, die ausgeschieden werden und in seltenen Fällen bei Ungeimpften Polio-Erkrankungen auslösen können.

von Sarah Thust

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Der orale Polio-Impfstoff schützt vor Kinderlähmung, enthält aber abgeschwächte Polio-Viren. Wer nicht geimpft ist, kann sich mit diesen abgeschwächten Viren indirekt infizieren. (Symbolbild aus Pakistan: Picture Alliance / Associated Press / Fareed Khan)
Behauptung
Eine „Studie der Oxford Clinical Infectious Diseases Periodical“ habe ergeben, dass der orale Polio-Impfstoff Kinderlähmung verursache und „unwirksam zu sein scheint, um die Polio-Übertragung zu stoppen“. Bis 2019 seien laut WHO 70 Prozent der weltweiten Polio-Fälle auf orale Impfstoffe zurückzuführen. Impfprogramme in Indien hätten zu einer Zunahme der Polio-Fälle geführt.
Bewertung
Teilweise falsch
Über diese Bewertung
Teilweise falsch. Der oral verabreichte Polio-Impfstoff schützt wirksam vor der Erkrankung. Die abgeschwächten Viren darin können über den Stuhl ausgeschieden werden und Ungeimpfte infizieren. In seltenen Fällen mutiert das Virus und kann wieder Krankheiten auslösen. Die Impfungen haben bewirkt, dass die ursprünglichen Polio-Viren fast ausgerottet sind. Deshalb ist inzwischen der Großteil der Polio-Fälle auf Impfstoff-Viren zurückzuführen – es gibt pro Jahr ein paar hundert Fälle weltweit. Die Behauptung über Indien ist falsch: Die Polio-Fälle gingen dort durch Impfungen zurück; der letzte Fall wurde 2011 gemeldet.

Auf Twitter schrieb der Nutzer Henning Rosenbusch am 3. Januar: Laut einer Studie verursache „Gates’ oraler Polio-Impfstoff“ Kinderlähmung und sei „unwirksam, um die Polio-Übertragung zu stoppen“. 70 Prozent der weltweiten Polio-Fälle bis 2019 seien laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf orale Impfstoffe zurückzuführen. 2012 sei berichtet worden, dass Impfprogramme zu einer Zunahme der Polio-Fälle in Indien geführt hätten. Der Beitrag wurde mehr als 360 Mal auf Twitter geteilt und auf Telegram über 280.000 Mal gesehen (Stand: 24. Januar). 

Die Behauptungen sind irreführend: Der oral verabreichte Polio-Impfstoff („Schluckimpfung“) ist wirksam und immunisiert gegen die Krankheit. In Deutschland gibt es seit den 90er-Jahren keine Polio-Fälle mehr. Die Polio-Fallzahlen weltweit sind infolge der Impfkampagne laut WHO um über 99 Prozent gesunken – von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 591 Fälle im Jahr 2021 (Stand: 14. Januar 2022). Von diesen Fällen gingen nur fünf auf das ursprüngliche „Wildvirus“ zurück – der Rest wurde tatsächlich durch Viren aus Impfstoffen verursacht. Laut Daten der WHO gingen 2019 knapp 70 Prozent der Polio-Fälle auf Impfstoffe zurück – es waren aber weltweit nur 378 Fälle.  

Da der orale Polio-Impfstoff abgeschwächte Viren enthält, die von den Geimpften über den Stuhl ausgeschieden werden, kann es in seltenen Fällen dazu kommen, dass diese Viren Menschen infizieren, sich verändern und bei ungeimpften Personen Polio-Erkrankungen auslösen. Es gibt inzwischen auch Polio-Impfstoffe mit komplett inaktiven Viren; in Deutschland wird seit 1998 nur noch dieser Impfstoff empfohlen. Viele Länder nutzen aber den oralen Impfstoff immer noch (laut Daten der WHO von 2020). 

Dass Impfungen in Indien zu einem „Anstieg von Polio-Fällen“ geführt hätten, ist falsch. Das Land gilt als Polio-frei; den letzten Fall gab es im Jahr 2011. 

behauptung über polio auf telegram
Auf Telegram wird behauptet, der orale Polioimpfstoff verursache Kinderlähmung. Fälle von Kinderlähmung gibt es aber nur bei Menschen, die nicht gegen Polio geimpft sind. (Quelle: Telegram; Screenshot am 14. Januar 2022: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Viruskrankheit Polio kann bei Kindern zur Lähmung führen 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft und zu Lähmung führen kann. Erwachsene, die keine Grundimmunisierung als Kind erhalten haben, können sich auch anstecken. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung anschloss. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die routinemäßige Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff, unter anderem weil dieser billiger und durch die einfache Verabreichung breitflächiger in Impfkampagnen eingesetzt werden kann.  

Der orale Polio-Impfstoff (OPV) ist ein Lebendimpfstoff, der abgeschwächte Polio-Viren enthält. In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus selbst Krankheiten auslöst, erklärt die WHO auf ihrer Webseite. Die Viren können von geimpften Menschen ausgeschieden und in Gemeinschaften mit schlechten Hygienebedingungen und geringer Immunität über viele Monate zirkulieren. Mit der Zeit verändere sich der Erreger, er mutiere und könne selbst zur Gefahr werden und Lähmungen verursachen. Das wird als „Impfstoff-abgeleitete Polio“ bezeichnet.

In seltenen Fällen kommt es zu „Impfstoff-abgeleiteter Polio“

Das Problem dabei sei nicht der Impfstoff selbst, sondern ein zu geringer Impfschutz in der Gemeinschaft, erklärt die WHO. Denn: Wäre eine Bevölkerung vollständig immunisiert, gäbe es weder Wildpolio, also Erkrankungen durch den ursprünglichen Virustyp, noch die Impfstoff-abgeleiteten Polio-Fälle. Das Risiko für Impfstoff-Polio sei im Vergleich zu dem „enormen Nutzen für die öffentliche Gesundheit“ gering. Und: „Jedes Jahr werden Hunderttausende von durch wilde Polio-Viren verursachten Fällen verhindert.“ Weltweit gibt es laut der Hilfsorganisation Unicef nur noch zwei Länder, in denen Wildpolio vorkommt – Afghanistan und Pakistan. 

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) hat der orale Polio-Impfstoff „maßgeblich dazu beigetragen, dass die Kinderlähmung in den meisten Regionen der Welt heutzutage ausgerottet ist“. Es gebe ein bis zwei Impfstoff-abgeleitete Polio-Fälle pro Million Erstimpfungen. Um dem Risiko vorzubeugen, wird in Deutschland laut RKI nur noch ein Polio-Impfstoff mit inaktivierten Viren (IPV) verwendet. Dieser ist inzwischen in ganz Europa und in den USA Standard. 

„Studie im Oxford Clinical Infectious Diseases Periodical“ ist ein Meinungsbeitrag, der 2009 für Einsatz von IPV-Impfstoffen plädierte 

Henning Rosenbusch berief sich bei seiner Behauptung, der orale Polio-Impfstoff scheine „unwirksam“ zu sein, „um die Polioübertragung zu stoppen“, auf eine „Studie der Oxford Clinical Infectious Diseases Periodical“. Bei der Suche nach der „Studie“ fanden wir einen englischen Twitter-Beitrag vom 3. Januar 2022, der von Rosenbusch mutmaßlich übersetzt worden ist. Die Formulierung darin führte uns zu dem entsprechenden Text in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Clinical Infectious Diseases von Oxford Academic. Es ist keine Studie, sondern ein Meinungsartikel von 2009.  

Der Autor schrieb damals, dass zwar die vorhandenen Impfstoffe Polio in den meisten Ländern ausgerottet haben. Es sei aber „Zeit für einen weltweiten Wechsel“ von oralen Polio-Impfstoffen (OPV) zu inaktivierten Polio-Impfstoffen (IPV). Er verweist auf einen Bericht der WHO: Laut diesem erklärte eine Expertengruppe in den 90er-Jahren, dass die routinemäßige Immunisierung mit oralen Polio-Viren nach der Ausrottung des Wildvirus eingestellt werden solle, um das Risiko für Impfstoff-Polio-Fälle zu vermeiden. 

Daraus, dass Kinder an Impfstoff-Polio erkranken können, zieht der Autor die Schlussfolgerung, dass die oralen Impfstoffe „ihre Wirksamkeit bei der Herstellung von Herdenimmunität“ verloren hätten und „unwirksam“ seien, um die „Übertragung von Polio aus anderer Quelle“ zu stoppen. 

Es geht also darum, dass die alten Impfstoffe die Ausbreitung der mutierten Viren nicht verhindern können – nicht, dass sie generell ungeeignet seien, Polio einzudämmen. Dieser Kontext fehlt in der Behauptung auf Twitter. 

Der IPV-Impfstoff eignet sich nach neueren Erkenntnissen mutmaßlich aber auch nicht zur Eindämmung der Impfstoff-Polio, wie das Ärzteblatt im Dezember 2020 berichtete. Der Grund: Im Gegensatz zur Schluckimpfung erzeuge er keine Immunität im Darm. Die Geimpften erkranken zwar nicht an Polio, können die Viren aber aufnehmen und ausscheiden und damit Ungeimpfte gefährden. Um die Impfstoff-Polio einzudämmen, hat die WHO 2020 eine Notzulassung für eine neue Schluckimpfung herausgegeben. Eine klinische Studie dazu erschien im Dezember 2020. 

Aktuell sind die meisten weltweiten Polio-Fälle auf orale Impfstoffe zurückzuführen

Es stimmt, dass 2019 etwa 70 Prozent der weltweiten Polio-Fälle auf Viren aus oralen Impfstoffen zurückzuführen waren. Konkret waren das laut einer Datenbank der WHO weltweit 378 Fälle (im Vergleich zu 176 Fälle durch die sogenannten Wildviren). 

Für 2020 waren im Datenportal der WHO 1.113 Fälle von Impfstoff-Polio weltweit zu finden, 2021 sank die Zahl aber wieder auf 586 Fälle (Stand: 14. Januar 2022). Der prozentuale Anteil der Impfpolio-Fälle im Vergleich zu Wildpolio sagt nichts über die tatsächliche Verbreitung aus. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren gestiegen: Im Jahr 2021 wurden nur fünf Wildpolio-Fälle weltweit gemeldet, damit lag der Anteil der Impfstoff-Polio-Fälle bei 99 Prozent – die eigentliche Anzahl aber nur bei 586 Fällen.

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Diese Tabelle zeigt die Polio-Fallzahlen laut WHO in den Jahren 2019, 2020 und 2021 (Quelle: Datenportal der WHO am 14. Januar 2022; Tabelle: CORRECTIV.Faktencheck)

Die weltweiten Polio-Fallzahlen sind folglich gering – auch wenn sie 2020 deutlich höher waren. Eine Erklärung dafür nannte Unicef: Wegen der Covid-19-Pandemie hätten 2020 viele Länder ihre Polio-Impfkampagnen unterbrechen müssen, und weniger Menschen wurden geimpft.

In einem Bericht des WHO-Generaldirektors hieß es, im März 2020 habe man zum Schutz der Bevölkerung und des Personals den Ländern empfohlen, die Polio-Impfkampagnen mit Hausbesuchen vorübergehend auszusetzen, damit die Ressourcen im Kampf gegen Covid-19 eingesetzt werden konnten. „Die Covid-19-Pandemie hat die Bemühungen zur Bekämpfung von durch Impfung vermeidbaren Krankheiten, einschließlich Poliomyelitis, erheblich beeinträchtigt, die Gesundheitssysteme gefährdet und den Zugang zu lebenswichtigen Behandlungen und Impfdiensten auf der ganzen Welt eingeschränkt.“ 

Nein, es gab keinen Anstieg der Polio-Fälle in Indien durch Impfungen 

Rosenbusch behauptete auf Twitter weiter, das British Medical Journal habe 2012 berichtet, dass die von der Bill & Melinda Gates Stiftung geförderten Polio-Impfprogramme in Indien angeblich zu einer „Zunahme der Polio-Fälle“ dort führten. Doch der verlinkte Artikel ist tatsächlich ein Leserkommentar und stammt daher nicht von der Redaktion des British Medical Journal

In dem Leserkommentar werden mehrere Studien genannt, darunter ein wissenschaftlicher Artikel von 2018 aus Indien. Darüber haben wir bereits in einem anderen Faktencheck berichtet. In dem Artikel geht es nicht um einen Anstieg von Polio-Fällen. Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmen des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Wildpolio-Fall in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen auch, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von Impfstoff-Polio dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010).

In dem Artikel von 2018 geht es stattdessen um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio („Non-polio Acute Flaccid Paralysis“, NPAFP). Die Wissenschaftler merkten damals an, die Zahl der Meldungen für Indien sei höher als normalerweise zu erwarten wäre. Sie spekulierten, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte, da die NPAFP-Zahlen seit 2012 wieder gesunken seien – parallel zu einer Reduzierung der Impfungen („Korrelation“). Für einen Nachweis eines kausalen Zusammenhangs seien aber mehr Studien nötig.

Wie wir bereits 2020 berichteten, ist diese Entwicklung der WHO zufolge auf eine genauere Erfassung der Fälle zurückzuführen. „Die große Mehrheit der AFP-Fälle wird nicht durch Polio verursacht“, schrieb uns die WHO damals per E-Mail. Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polio-Viren mehr zirkulierten. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ Darauf sei der Anstieg der gemeldeten Fälle in Indien zurückzuführen.

Fazit:  

Durch Polio-Impfungen wurde das ursprüngliche Virus, das Kinderlähmung verursacht, nahezu ausgerottet. Polio-Impfungen mit einem oralen Impfstoff können vereinzelt in bestimmten Regionen mit niedriger Impfquote zu einer Zunahme von Polio-Fällen führen. Die Fallzahlen sind jedoch weltweit sehr gering. Der orale Impfstoff schützt wirksam vor der Krankheit, es gibt zudem andere Impfstoffe mit inaktivierten Viren, die in Europa inzwischen bevorzugt eingesetzt werden.  

Redigatur: Sophie Timmermann, Alice Echtermann 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • WHO über Poliomyelitis: Link
  • WHO-Datensatz: Link
  • Fragen und Antworten der WHO zu Poliomyelitis und Impfstoffen von 2016: Link
  • RKI über Poliomyelitis: Link
  • Notverordnung zur Zulassung einer neuen Schluckimpfung: Link
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