Faktencheck

Nein, dieser Zug wurde nicht von Geflüchteten aus der Ukraine verunreinigt

In einem Video schimpft ein Mann über leere Bierflaschen, Aufkleber und Schmierereien in einem Zug. Im Internet wird behauptet, Geflüchtete aus der Ukraine seien für die Verunreinigungen verantwortlich. Das stimmt nicht: Es waren offenbar Fußballfans.

von Matthias Bau

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Online kursiert dieses Video, das fälschlicherweise Geflüchtete aus der Ukraine für die Verunstaltung eines Zuges verantwortlich macht. Am selben Tag fand jedoch ein Fußballspiel statt. (Quelle: Whatsapp; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige einen verschmutzten Zug, in dem „die Flüchtlinge aus der Ukraine“ gebracht worden seien.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Laut Verkehrsministerium Baden-Württemberg handelte es sich um einen Zug im Regionalverkehr, der nicht explizit für Geflüchtete aus der Ukraine eingesetzt wird. Die Verunreinigungen seien vermutlich durch Anhänger des Fußballvereins FC Augsburg entstanden.

Leere Bierflaschen liegen herum, man sieht Aufkleber und Kritzeleien und offenbar urinierte jemand ins Waschbecken der Zugtoilette: Am 21. und 22. März kursierte im Internet ein Video, das anscheinend von einem Schaffner in Deutschland aufgenommen wurde. Der Mann, der in dem Video zu hören ist, beschreibt den Schaden, sagt aber nicht, wer ihn verursacht hat.

Unter dem Video, das mit einer eingefügten Beschreibung auf Whatsapp und Facebook (hier und hier) verbreitet wird, steht der Text: „Deutschland, der Fahrer zeigt entsetzt den Zug, in dem Flüchtlinge aus der Ukraine gebracht wurden“. 

Unsere Recherche zeigt: Der Zug fuhr in Baden-Württemberg, das dortige Verkehrsministerium teilte uns mit, es sei „kein einziger Fall bekannt, bei dem es zu unerwünschten Vorfällen oder Vorkommnissen“ mit ukrainischen Geflüchteten gekommen sei. Details im Video deuten eher auf Fußballfans als mögliche Verursacher hin. 

Das Video, das den verschmutzten Zug zeigt, wird aktuell auf Whatsapp herumgeschickt. Die Behauptung darauf ist falsch.
Das Video, das den verschmutzten Zug zeigt, wird aktuell auf Whatsapp herumgeschickt. Die Behauptung darauf ist falsch. (Quelle: Whatsapp; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Verkehrsministerium Baden-Württemberg: Zug wurde nicht für ukrainische Geflüchtete eingesetzt

Wir haben uns das Video genauer angeschaut, um herauszufinden, um was für einen Zug es sich handelt. Anhand der Sitzbezüge lässt sich erkennen, dass es ein Zug aus Baden-Württemberg ist. Genauer: ein Zug der Marke „bwegt“, die vom dortigen Verkehrsministerium betrieben wird.

Links ist eine Abbildung der Sitze in einem Zug der Marke „bwegt“ aus Baden-Württemberg zu sehen, rechts die Aufnahme der Sitze aus dem Whatsapp-Video
Links ist eine Abbildung der Sitze in einem Zug der Marke „bwegt“ aus Baden-Württemberg zu sehen, rechts die Aufnahme der Sitze aus dem Whatsapp-Video (Quelle: Verkehrsministerium Baden-Württemberg / Whatsapp; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Wir haben der Pressestelle des Verkehrsministeriums in Baden-Württemberg das Video zugeschickt und gefragt, wann sich der Vorfall ereignet hat. „Am 19.03.2022 war das betreffende Fahrzeug des MEX 16 als reguläre Zugverbindung 19126 von Ulm Hauptbahnhof (12:17 Uhr) nach Plochingen unterwegs“, antwortete uns eine Sprecherin. 

Der Zug sei nicht eingesetzt worden, um ukrainische Geflüchtete zu transportieren. In Baden-Württemberg seien täglich zwar einzelne Geflüchtete aus der Ukraine per Zug unterwegs – diese Fahrgäste hätten sich aber „bisher stets friedlich“ verhalten. 

Die Verursacher der Verunreinigungen seien anhand des Videos nicht eindeutig identifizierbar, schrieb die Sprecherin. „Allerdings deuten Aufkleber einer Fußballmannschaft, übrig gebliebene Bierflaschen, Kritzeleien mit dem Kürzel besagter Fußballmannschaft und der Termin des Erstligaspiels an besagtem Tag eher auf eine Fangruppe hin als auf andere Personengruppen.“ 

Am 19. März spielte der FC Augsburg gegen den VfB Stuttgart. Beginn des Spiels war 15.30 Uhr, wie auf der Webseite der deutschen Bundesliga nachzulesen ist. 

Der Zug wurde vor einem Fußball-Spiel des FC Augsburg verunreinigt

In dem Video gibt es mehrere Hinweise dafür, dass die Vermutung des Verkehrsministeriums richtig ist. In dem Video sind Aufkleber mit der Aufschrift „FCA“, „LA07“, ein Aufkleber mit einem doppelten Adler und die Kritzelei „LA07 FCA“ zu sehen.

Die Schmierereien und Aufkleber im Zug zeigen Symbole des Fußballvereins FC Augsburg und der Fan-Gruppierung „Legio Augusta“
Die Schmierereien und Aufkleber im Zug zeigen Symbole des Fußballvereins FC Augsburg und der Fan-Gruppierung „Legio Augusta“ (Quelle: Whatsapp; Screenshot, Markierung und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Eine Google-Bildersuche nach den Schlagworten „FCA LA07“ führt zu Aufnahmen, die sich auf den Fußballverein FC Augsburg und die Gruppierung „Legio Augusta“ beziehen. In einem Blog-Beitrag über die Gruppe ist auch der doppelte Adler, der in dem Video zu sehen ist, erkennbar. 

Die „Schmierereien“ und Aufkleber, die der Mann im Video zeigt, stehen folglich in Zusammenhang mit Fußball.

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

Redigatur: Viktor Marinov, Sarah Thust

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