Faktencheck

Diese Aufnahme zeigt keinen ukrainischen Neonazi, sondern einen russischen Polizisten

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Video einer Gefangennahme eines Beamten einer russischen Spezialeinheit. Deutschsprachige Telegram-Accounts behaupten, das Video sei eine Täuschung, der Mann sei ein ukrainischer Neonazi. Das ist falsch.

von Marc Steinau

Dmitri M. PK Kiew
Dimitri M. ist Beamter einer russischen Spezialeinheit (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Fotos und ein Video zeigten keinen russischen Offizier, sondern einen Ukrainer, der einer Neonazi-Organisation in der Stadt Ternopol angehöre.
Bewertung
Falsch. Der Mann im Video ist ein russischer Beamter einer Spezialeinheit, der bei einer Pressekonferenz in Kiew von seiner Gefangennahme und den Hintergründen berichtete. Der Mann auf den Fotos ist Ukrainer, der mutmaßlich aus Ternopol stammt oder dort lebt.

Seit Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs wurden zahlreiche Videos von russischen Gefangenen veröffentlicht. Darin werden die Gefangenen verhört oder richten Botschaften an Familienangehörige oder die russische Bevölkerung . Auch Medien berichten über diese Fälle.

In Sozialen Netzwerken werden teils gezielte Falschinformationen zu den Gefangenen verbreitet, auch von deutschsprachigen Kanälen. In einem Telegram-Beitrag hieß es am 26. Februar, ein gefangen genommener russischer Mann sei in Wirklichkeit „ein Mitglied einer militanten ukrainischen Nazi-Organisation aus der west-ukrainischen Stadt Ternopol“. Bisher sahen rund 137.000 Nutzende den Beitrag [Stand: 16. März]. Ein Video seiner Festnahme sowie zwei Fotos, die ihn angeblich ebenfalls zeigen, sollen die Behauptung belegen. So wird suggeriert, es handle sich bei dem Mann in dem Video und bei dem Mann auf den Fotos um dieselbe Person.

Deutschsprachige Telegram-Kanäle behaupten, die Person links und die Person in der Mitte und rechts seien identisch (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

CORRECTIV.Faktencheck hat mit Hilfe ukrainischer Mitglieder des Internationalen Faktencheck-Netzwerks (IFCN) das Foto- und Videomaterial ausgewertet. Es handelt sich nach unserer Recherche um verschiedene Männer. Das Video zeigt einen Beamten der russischen Spezialeinheit Sobr. Der Mann auf den Fotos ist hingegen offenbar ein ukrainischer Veteran.

Eindeutige Unterschiede zwischen Mann im Video und auf Fotos

Auf den ersten Blick weisen die beiden Männer mehrere Ähnlichkeit auf, zum Beispiel den markanten schwarz-grauen Backen- und Kinnbart sowie die Gesichtszüge. Ein wesentlicher Unterschied ist jedoch die Augenfarbe der Männer: Der Mann auf den Fotos hat blaue, helle Augen, der Mann im Video hingegen dunkle Augen, wie in einem Video der Festnahme zu erkennen ist. Und es gibt weitere Unterschiede, wie unsere Recherche zeigt.

Über eine Bilder-Rückwärtssuche in der russischen Suchmaschine Yandex konnten wir den Mann auf den Fotos ausfindig machen. Dort fanden wir einen Link zu einem Gesuch auf einer ukrainischen Jobbörse. In dem Gesuch ist er mit derselben Militärmütze zu sehen, als Ort ist die westukrainische Stadt Ternopil angegeben.

Über eine Bilder-Rückwärtssuche in der russischen Suchmaschine Yandex konnten wir ein Job-Gesuch der Person auf den Fotos in den Telegram-Beiträgen finden (Quelle: Yandex / Screenshot und Hervorhebung: CORRECTIV.Faktencheck)

Wir haben uns bei der Jobbörse registriert und konnten so den Name des Mannes einsehen, der das Gesuch erstellte: Jaroslaw P. Mit Hilfe ukrainischer Faktenchecker konnten wir ein Facebook-Profil ausfindig machen, das zu der Person auf den Fotos und dem Namen passt. Offenbar handelt, es sich bei Jaroslaw P. um einen ehemaligen Soldaten der ukrainischen Armee. Darauf deuten auch die Abzeichen auf seiner Kleidung hin. Als Wohnort ist in seinem Facebook-Profil ebenfalls die Stadt Ternopil angegeben. Ein Hinweis darauf, dass sowohl das Facebook-Profil als auch das Job-Gesuch von demselben Mann erstellt wurden.

Als Ort ist im Job-Gesuch von Jaroslaw P.  die Stadt Ternopil angeben (Quelle: Yandex / Screenshot und Hervorhebung: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf den Facebook-Fotos ist zu sehen, dass Jaroslaw P. der rechte Unterarm fehlt, auf manchen Fotos trägt er eine Prothese. Auf Telegram war das nicht zu erkennen, dort wurde lediglich seine linke Körperhälfte gezeigt. Auf Youtube ist ein Interview aus dem Jahr 2016 mit Jaroslaw P. zu finden. Darin sagt er, er habe den Arm bei den Euromaidan-Protesten 2014 in Kiew verloren. Für Verbindungen von P. zu rechtsextremen oder neonazistischen Organisationen, wie in den Telegram-Beiträgen behauptet, fanden wir keine Belege.

Facebook-Profil und  -Foto von Jaroslaw P. aus dem Jahr 2016 (Quelle: Facebook / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Video zeigt russischen Polizisten, der bei Vorstoß auf Kiew in der Ukraine festgenommen wurde

Der Mann in dem Video, das auf Telegram geteilt wird, ist hingegen offenbar Beamter einer Spezialeinheit der russischen Nationalgarde aus der Stadt Kemerow im Westen Sibiriens. Das sagte  er in einer Pressekonferenz in Kiew am 2. März. Die Einheit mit dem Namen Sobr ist mit dem deutschen SEK vergleichbar. In einem weiteren Youtube-Video seiner Gefangennahme nennt der Mann auch seinen Namen: Dimitri M.

Dimitri M. bei einer Pressekonferenz in der Ukraine
Dimitri M. bei einer Pressekonferenz in Kiew am 2. März 2022 (Quelle: Youtube / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Doch nicht nur der Name und die Herkunft des Mannes unterscheiden ihn von Jaroslaw P. In einem weiteren Video seiner Gefangennahme, das auf Facebook zu finden ist, sind sein rechter Unterarm und seine Hand deutlich zu sehen. Anders als Jaroslaw P. hat er keine Prothese.

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

Redigatur: Matthias Bau, Tania Röttger
Mitarbeit: Avi Bolotinsky, Marina Yurieva

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pressekonferenz russischer gefangener Beamter in Kiew, UNIAN, 2. März 2022: Link
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