Faktencheck

Berlin: Tödlicher Fahrradunfall wegen ausgeschalteter Straßenbeleuchtung erfunden

Laut einem angeblichen Bild-Artikel soll in Berlin ein 16-Jähriger mit dem Fahrrad tödlich verunglückt sein. Die Straßenbeleuchtung sei wegen Sparmaßnahmen ausgeschaltet gewesen. Der Artikel ist eine Fälschung.

von Steffen Kutzner

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In Berlin starb kein 16-Jähriger bei einem Fahrradunfall, weil die Straßenbeleuchtung ausgeschaltet war (Symbolbild: Pixabay / Renategranade0)
Behauptung
Weil die Straßenbeleuchtung auf der Sulzfelder Straße in Berlin wegen Stromsparmaßnahmen ausgeschaltet war, sei ein 16-Jähriger mit dem Fahrrad gestürzt und an den Kopfverletzungen gestorben.
Bewertung
Manipuliert. Wegen Stromsparmaßnahmen wird aktuell die nächtliche Beleuchtung mancher Gebäude abgeschaltet, aber nicht die Straßenbeleuchtung. Der Artikel ist eine Fälschung, die der Bild-Zeitung nachempfunden ist.

„Ein Jugendlicher wurde in Berlin wegen der Sparsamkeit der Straßenbeleuchtung getötet.“ Mit dieser merkwürdig formulierten Einblendung beginnt ein kurzes Video, das in einen angeblichen Artikel der Bild eingebunden ist. Laut dem Video sei ein 16-Jähriger namens Marius nachts mit dem Fahrrad gestürzt, weil die Straßenbeleuchtung abgeschaltet gewesen sei, um Strom zu sparen. Dazu werden verschiedene Aufnahmen gezeigt, die den Unfall und den folgenden Rettungseinsatz zeigen sollen. Unterhalb des Videos steht ein Text, der den genauen Ort des angeblichen Unfalls nennt: „Ein Junge starb in der Sulzfelder Straße.“

An dem Video, in dessen oberer linker Ecke das Logo der Bild zu sehen ist, sind jedoch mehrere Dinge auffällig. So soll sich der Unfall zwar nachts in Berlin ereignet haben – es sind jedoch Aufnahmen eines Einsatzwagens bei Tageslicht zu sehen, der ein Kennzeichen aus Hannover trägt. Auch einige schiefe Formulierungen, die so wohl nicht in einer etablierten Zeitung stehen würden, weisen darauf hin, dass an der Geschichte etwas nicht stimmt. Ein Beispiel dafür ist die Formulierung: „wegen der Sparsamkeit der Straßenbeleuchtung“.

Standbild aus dem Video, das auf der gefälschten Seite veröffentlicht wurde. Der angebliche Einsatz in Berlin wurde mit anscheinend willkürlich gewählten Ausschnitten von Polizeieinsätzen bebildert. (Quelle: bild.vip; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Zudem steht in der URL des Artikels nicht „bild.de“, sondern „bild.vip“. Gibt man diese Adresse jedoch in die Browserzeile ein, wird man zu bild.de umgeleitet. Auch alle anderen Artikel auf der Seite führen zu Artikeln auf bild.de. 

Berliner Senatsverwaltung: Straßenbeleuchtung nicht ausgeschaltet

Wir haben bei der Polizei Berlin nachgefragt, ob es einen solchen Unfall gab. Ein Pressesprecher schrieb uns, „dass ein derartiger Verkehrsunfall mit einem verstorbenen Radfahrer auf der Sulzfelder Straße der Polizei Berlin nicht bekannt“ sei. Die Entscheidung, Beleuchtungen abzuschalten, obliege dem Berliner Senat für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz, so der Sprecher weiter. Wir haben auch dort nachgefragt: „Wir können sagen, dass dies definitiv eine Falschmeldung ist“, hieß es aus der Senatsverwaltung. Man habe „lediglich aus Energiespargründen die Extra-Anstrahlungen von Bauwerken wie bekannten Gebäuden, Rathäusern, Denkmälern, Brücken unterbrochen – in keinem Fall aber die Straßenbeleuchtung“. Das gelte auch für die Sulzfelder Straße. 

Offensichtlich handelt es sich bei der vermeintlichen Webseite der Bild um eine Fälschung. Mit solchen gefälschten Artikeln, die wie Beiträge etablierter Zeitungen aussehen, wird aktuell Stimmung bezüglich des Ukraine-Krieges gemacht. So tauchen seit einiger Zeit gefälschte Webseiten von unter anderem FAZ, Welt, Bild und Spiegel auf. Laut Recherchen von T-Online und ZDF von August 2022 handelt es sich dabei um eine gezielte Aktion pro-russischer Akteure. Die Fakes werden offenbar mit großem Aufwand betrieben. T-Online konnte 30 neu registrierte Internetadressen finden, die vermeintlich zu deutschen Medienseiten führen.

Redigatur: Matthias Bau, Viktor Marinov

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