Faktencheck

Faktencheck: Sind Kernkraftwerke in Frankreich wegen Wassermangel abgeschaltet?

Der Grünen-Politiker Omid Nouripour sagte, dass Kernkraftwerke in Frankreich nicht laufen könnten, weil es nicht genug kaltes Wasser in den Flüssen gebe. Das stimmt nur teilweise; das Problem betrifft nur wenige Anlagen, andere sind aus anderen Gründen abgeschaltet.

von Sarah Thust

AKW Fessenheim wird stillgelegt - Luftbild
Ende einer Aera: am 30. Juni 2020 geht Reaktor 2 des AKW Fessenheim ausser Betrieb und wird rueckgebaut. Fessenheim ist das aelteste franzoesische AKW in und stand wegen der zahlreicher Pannen immer wieder in der Kritik. (Luftbild). Foto: Winfried Rothermel
Behauptung
In Frankreich könnten „die AKW nicht laufen“, weil es „nicht genug kaltes Wasser“ in den Flüssen gebe.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Etwa die Hälfte der Kernreaktoren in Frankreich wurde wegen Reparaturbedarfs abgeschaltet. Nur fünf Kraftwerke wurden diesen Sommer kurzzeitig gedrosselt, weil sie nicht ausreichend mit Wasser gekühlt werden konnten. Die Grenzwerte für die Rückleitung von Warmwasser in Flüsse wurden erhöht, sodass die Kraftwerke weiter laufen konnten.

Am 28. August sprach Grünen-Chef Omid Nouripour im ARD-Sommerinterview über den Stresstest für Atomkraftwerke in Deutschland. Mit dem Test wollte die Bundesregierung vor dem Hintergrund der Energiekrise prüfen, ob einzelne AKW als Notreserve länger am Netz bleiben könnten. Trotz einer möglichen Energiekrise schloss Nouripour eine Rückkehr zur Atomkraft oder eine Laufzeitverlängerung von AKW damals aus. 

Seine Aussage untermauerte er im Interview (Minute 13:15) mit einem Verweis auf die Situation in Frankreich: „Und in Frankreich, da wo die AKW nicht laufen können, weil es nicht genug kaltes Wasser gibt in den Flüssen, sieht man, Atomkraft ist Vergangenheit, ist zu Ende.“ Aufgegriffen und weiter verbreitet wurde das Zitat auch vom Twitter-Kanal von Bündnis 90/Die Grünen. 

Auf den Tweet reagierten mehr als 1.000 Nutzer, darunter die Aktivistin Anna Vero Wendland, die sich für Kernkraft ausspricht. Sie kommentierte: „@nouripour hat Unrecht. Einige wenige Anlagen waren wegen Wassertemperaturen gedrosselt. Die restlichen sind revisions- & reparaturbedingt vom Netz.“ Ein anderer Nutzer schreibt: „Die meisten AKW, die in Frankreich heruntergefahren wurden, weisen technische Mängel auf, Risse und ähnliches.“

Tweet der Grünen
Online kritisieren Nutzerinnen und Nutzer die Aussage Omid Nouripours als ungenau (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie unsere Recherche zeigt, ist an der Kritik etwas dran. Nouripours Aussage erweckt den Eindruck, dass alle abgeschaltete Atomkraftwerke wegen der Hitze heruntergefahren wurden. Tatsächlich gab es diesen Sommer laut Electricité de France (EDF) nur bei fünf Kernkraftwerken Produktionseinschränkungen aufgrund der hohen Temperaturen. Ein Großteil – 32 von 56 Reaktoren – war wegen Wartungsarbeiten oder Korrosion abgeschaltet (Stand: 25. August).

Kernreaktoren benötigen Wasser, um herunterzukühlen und leiten zuvor erhitztes Wasser zum Beispiel in einen Fluss ab

Alle Kernreaktoren in Frankreich werden von dem französischen Energieunternehmen Electricité de France (EDF) betrieben. Es gibt 56 Reaktoren. Das ARD-Sommerinterview fand am 28. August statt. Laut Medienberichten vom 25. August standen zu diesem Zeitpunkt 32 von 56 Reaktoren still. Laut France 24 waren einen Monat zuvor bereits 30 Reaktoren abgeschaltet – 12 wurden wegen Korrosion repariert und 18 wurden gewartet.

Die französische Atomsicherheitsbehörde ASN hatte bereits in ihrem im Mai veröffentlichten Jahresbericht Reparaturen angekündigt, nachdem in den Rohrleitungen mehrerer Reaktoren „Korrosionsprobleme“ festgestellt wurden.

Zusätzlich mussten einige Reaktoren ihre Leistung wegen der gestiegenen Temperaturen herunterfahren. Denn Kernreaktoren benötigen Wasser, zum Beispiel von einem Fluss, um heruntergekühlt zu werden, und sie müssen zuvor erhitztes Wasser ableiten. Steigen dadurch die Wassertemperaturen im Fluss, kann sich das zum Beispiel auf die Fischbestände auswirken. Darum legt die ASN für jedes Kraftwerk Grenzwerte für den maximalen Temperaturanstieg im Fluss fest. Sind diese überschritten, wird der Betrieb eingestellt, wie zum Beispiel im Jahr 2020 beim Kernkraftwerk Chooz geschehen

Die Dürre und der niedrige Wasserstand führten im Sommer 2022 an einigen Kraftwerksstandorten in Frankreich zu Problemen, da einerseits kaltes Wasser aus den Flüssen fehlte und andererseits das aus den Kernkraftwerken geleitete, erhitzte Wasser die Grenzwerte überschritt.

Laut EDF waren im Sommer aufgrund der hohen Temperaturen fünf Kernkraftwerke von Einschränkungen betroffen

Wir haben bei dem französischen Energiekonzern EDF per E-Mail nachgefragt, wie viele Kernkraftwerke Probleme wegen der Wassertemperaturen hatten. Eine Sprecherin schrieb uns: „In diesem Sommer waren aufgrund der hohen Temperaturen in den Flüssen Rhône und Garonne fünf Kernkraftwerke (Tricastin, Golfech, Saint-Alban, Blayais und Bugey) von Produktionseinschränkungen betroffen.“ Produktionsverluste aufgrund hoher Flusswassertemperaturen und geringer Flusswassermengen würden seit dem Jahr 2000 durchschnittlich 0,3 Prozent der Jahresproduktion des Kraftwerksparks ausmachen.

Die Sprecherin fügte hinzu, dass die Kraftwerke nicht abgeschaltet, sondern ihre Leistung nur für einige Stunden reduziert worden sei. Die Grenzwerte für Wärmeeinleitungen würden für jedes Kraftwerk einzeln festgelegt und dürften nicht überschritten werden. 

Die französische Behörde für nukleare Sicherheit lockerte aber am 8. August die Grenzwerte für fünf französische Kraftwerke bis September. Laut der Zeitung Libération mussten diese Standorte nun darauf achten, dass die Temperatur des Flusses, aus dem sie ihr Kühlwasser beziehen und in den sie es erwärmt wieder zurückleiten, nicht um mehr als 3 bis 5 Grad Celsius steigt. 

Grüne erklären auf Nachfrage: „Einige Kraftwerke mussten heruntergefahren werden, da eine ausreichende Kühlung nicht mehr gewährleistet werden kann“

Die Aussage von Nouripour ist also missverständlich. Wir baten auch die Pressestelle des Bundesvorstands der Grünen-Partei um eine Einordnung. 

Auf unsere Anfrage schrieb man uns am 14. September: „Aktuell sind über die Hälfte der französischen AKW vom Netz. Einige mussten heruntergefahren werden, da eine ausreichende Kühlung nicht mehr gewährleistet werden kann. Grund hierfür sind niedrige Pegelstände und hohe Wassertemperaturen in zur Kühlung genutzten Flüssen. Bei anderen AKW – insbesondere Kraftwerken der jüngsten Generation – liegt das Abschalten primär an Konstruktionsfehlern, daraus resultierenden Korrosionsschäden und den entsprechenden Sicherheitsbedenken.“

In Frankreich ist Kernkraft die wichtigste Quelle der Stromerzeugung (44 Prozent), doch laut Medienberichten musste das Land in diesem Jahr zusätzlich Energie aus Deutschland importieren. Ein Grund dafür waren auch die Engpässe bei der Kernenergie.  

Redigatur: Matthias Bau, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Eckdaten der Electricité de France zu Kernenergie in Frankreich: Link
  • Jahresbericht der französischen Atomsicherheitsbehörde ASN für 2021: Link
  • Mitteilung der ASN vom 8. August, wonach die Grenzwerte für einige Kernkraftwerke gelockert werden: Link

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