Unerwünscht und trotzdem da: Friedrich Merz in LSA

Der Kanzler stattet Sachsen-Anhalt einen Wahlkampfbesuch ab – die Landes-CDU geht aber auf Distanz zu ihm. Warum das wichtig ist.

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Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

falls Sie sich dies beim Lesen der heutigen Betreffzeile gefragt haben sollten: LSA ist die gängige Abkürzung für „Land Sachsen-Anhalt“. Heute hat der Bundeskanzler Sachsen-Anhalt besucht – um die CDU im Wahlkampf-Endspurt zu unterstützen. Bloß: Dort empfinden viele dies eher als das Gegenteil von Unterstützung. Warum das so ist und was es für die Wahl bedeutet: heute unser Thema des Tages.

Außerdem geht es heute um Sabotageakte auf deutschem Boden – und um die Frage: War der Hitzesommer 2026 das „neue normal“?

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend – und freue mich auf Ihre Einschätzungen zur Frage: Braucht die CDU eine neue Führung? Schreiben Sie mir unter: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Unerwünscht und trotzdem da: Friedrich Merz in LSA

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Ist der Hitzesommer 2026 das neue „Normal“? • VW bereitet sich auf Konfrontation vor • Nach Aus für das Russische Haus: Wird eine Villa in Dresden zum Ausweichort? • Wieso ein früherer CDU-Minister heute auf einer Konferenz für Trump-Fans auftritt

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Bundeskanzler Friedrich Merz war heute in Leuna – jener Stadt im Süden Sachsen-Anhalts, in der Deutschlands größter geschlossener Chemiepark steht. Leuna ist einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren des Landes, die Arbeiter dort wurden im Wahlkampf schon kräftig von AfD und BSW umworben – also scheint es eine kluge Idee für die CDU zu sein, dort im Wahlkampf-Endspurt auch Präsenz zu zeigen.

Kanzler inside: Haupthaus im Chemiepark Leuna. Quelle: Picture Alliance/dpa | Jan Woitas.

Die Frage ist …
… ob gerade Friedrich Merz der beste Mann ist, um in Leuna noch einmal um Wählerstimmen für die CDU zu werben. Denn seit einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa von Mitte August steht fest: Merz ist unfassbar unbeliebt – deutlich mehr noch als damals Olaf Scholz.

Deshalb, …
… so vermutete zumindest heute Morgen der Spiegel, hat die Landes-CDU ihn bei seinem heutigen Besuch so gut es ging vor potenziellen Wählerinnen und Wählern versteckt: Statt eines öffentlichen Auftrittes gab es lediglich einen Firmenrundgang gemeinsam mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze und ein kurzes Statement vor der Presse. Beim anschließenden Besuch mit Wirtschaftsvertretern in Braunsbedra war dann sogar gar keine Öffentlichkeit zugelassen.

Es war der vorläufige Höhepunkt einer langen Entfremdung:
Ministerpräsident Schulze geht schon seit einiger Zeit recht offen auf Distanz zu Merz. Der Grund dafür ist offenbar vor allem Merz’ Sozialsparkurs. Wer Leistungen für ohnehin schon gebeutelte Bürgerinnen und Bürger kürzt, kann natürlich nicht gut ankommen.

Zuletzt wurde das etwa beim Streit um die „Rente ab 63“ sichtbar: Bei einer Klausurtagung der Bundes-Koalition Ende August hatten Union und SPD über die Frage gestritten, ob die abschlagsfreie Rente (die ohnehin nur für jene gilt, die 45 Beitragsjahre lang gearbeitet und eingezahlt haben) nicht doch beibehalten werden könne. Merz stelle sich dagegen: Nein, die Anreize zur Frühverrentung müssten unbedingt abgeschafft werden. 

Schulze aus Sachsen-Anhalt war einer jener Parteikollegen gewesen, die sich energisch gegen die Streichung ausgesprochen hatten. Aus seiner Perspektive verständlich: Sozialkürzungen im Wahlkampf helfen natürlich nicht gerade – zumal dann, wenn die Menschen in einem Bundesland vor allem wirtschaftliche Sorgen umtreiben, wie in Sachsen-Anhalt.

Schulze setzte im Wahlkampf auf einen anderen älteren Herren:
Und zwar auf Dieter Hallervorden. Der nämlich absolvierte mehrere gemeinsame Auftritte mit dem Ministerpräsidenten – und teilte dabei ziemlich gegen die Politik der Bundesregierung aus.

Zwei aus Sachsen-Anhalt: Hallervorden und Schulze. Quelle: Picture Alliance/dpa | Hendrik Schmidt.

Für Friedrich Merz würde er ganz sicher keinen Wahlkampf machen, sagte Hallervorden unter anderem, außerdem nannte er Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sinngemäß Kriegstreiber. Deshalb gab es Stress zwischen der Bundes-CDU und Schulze: Erstere forderte, er solle sich von Hallervordens Äußerungen distanzieren, Letzterer konterte damit: 

„Die Frage ist ja, wenn ich mich mit Dieter Hallervorden nicht mehr auf eine Bühne stellen darf, wo soll denn das enden irgendwann?“

Das Verhältnis ist also einigermaßen zerrüttet.

Merz seinerseits müht sich trotzdem, zu unterstützen:
In einem Interview mit der Mitteldeutschen Zeitung und der Magdeburger Volksstimme setzte er vor ein paar Tagen ein Signal, das Sven Schulze tatsächlich nützen könnte:

Merz sagte zwar, die CDU schließe eine Regierungsbildung mit der Linken aus. Der entsprechende Grundsatzbeschluss seiner Partei bleibe also bestehen. Was er dagegen nicht ausschloss, waren andere Modelle der Zusammenarbeit – also pragmatische Lösungen. Solche praktiziert die CDU heute schon in Sachsen und Thüringen. 

Dort lässt sie sich themenbezogen zu einzelnen Gesetzen von den Linken unterstützen. Das nennt man „Konsultationsmechanismus“. Es bedeutet im Prinzip, dass die Regierung das Parlament frühzeitig beim Erstellen neuer Gesetze einbindet – für Sachsen ist dies hier genauer erklärt.

Jedenfalls scheint Merz klar zu sein:
Ohne Unterstützung der Linken wird die CDU in Sachsen-Anhalt eine AfD-Regierung kaum verhindern können. Auch wenn – wie das Onlinemedium Politico heute berichtet – jetzt schon mehrere Kreisverbände aus dem Bundesland dagegen auf die Barrikaden gehen. Zum Beispiel jener aus dem Landkreis Harz. Dieser hat dazu dieses Positionspapier verfasst.

Ob Merz sich bei einem CDU-Erfolg in Sachsen-Anhalt auch selbst an den Haaren aus dem Unbeliebtheits-Sumpf ziehen könnte, steht auf einem anderen Blatt. Einige Politik-Journalistinnen, die in der Union gut vernetzt sind, sehen Merz‘ Tage an der Spitze spätestens nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern als gezählt.

Mit Blick auf die nächsten Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin scheint jedenfalls ratsam, wenn sie ihn auch dort möglichst gut vor den Wählern verstecken würden.

Russland schließt deutsche Kulturzentren 
Russland schließt die deutschen Goethe-Institute im Land. Mit der Maßnahme reagiere man auf das Ende des Russischen Hauses in Berlin, sagte der russische Außenminister Sergei Lawrow. Die Schließung des Russischen Hauses war eine von mehreren deutschen Sanktionen gegen Russland nach dem versuchten Anschlag mit Drohnen auf den Flughafen Leipzig/Halle. 
deutschlandfunk.de

Demonstrationen in Spanien gegen die Migrationspolitik 
Angesichts der Migrationsbewegung in Ceuta haben in Spanien Zehntausende Menschen demonstriert – auch Rechtspopulisten waren anwesend. Teilnehmer und Redner werfen der spanischen Regierung eine Beschwichtigungspolitik vor und bemängeln mangelnde Hilfe für Ceuta. Zu der Demonstration aufgerufen hat die konservative oppositionelle Volkspartei PP. In einigen Städten gab es auch Gegendemonstrationen. 
tagesschau.de

Versuchter Brandanschlag auf Rüstungsunternehmen 
Gegen Mitternacht haben Personen einen Brandanschlag auf eine Baustelle in München verübt. Das Bayerische Landeskriminalamt vermutet einen Anschlagsversuch auf ein Rüstungsunternehmen. Die Polizei nahm zwei Verdächtige an einer nahegelegenen Tankstelle fest. Bei dem Rüstungsunternehmen handelt es sich um den Technologiekonzern Rohde & Schwarz. 
br.de

Eine gelbe Boje liegt trocken auf braunem Sand. Eigentlich sollte sie schwimmen.

Klimakrise oder Wetter: Ist der Hitzesommer 2026 das neue „Normal“?
Deutschland wird wärmer. Hitzewellen und Dürren nehmen zu – gleichzeitig verschiebt sich unser Gefühl dafür, was „normal“ ist. Was zeigen die Daten? Wie stark hat sich Deutschland bereits verändert? Ein Überblick.
correctiv.org

60.000 Jobs, fünf Werke: VW bereitet sich auf Konfrontation vor
Interne Planungen sehen offenbar tiefere Einschnitte vor als bisher bekannt. Der Vorstand hält trotz Widerstände an seinem Kurs fest. Am Freitag tagt der Aufsichtsrat.
correctiv.org

Nach Aus für das Russische Haus: Wird eine Villa in Dresden zum Ausweichort?
Das Russische Haus betreibt in Dresden einen Ableger – ohne eine gültige Vereinbarung. Mieter ist ein umstrittener deutsch-russischer Kulturverein. Grünen-Innenpolitiker Valentin Lippmann befürchtet eine Verlagerung der Aktivitäten von Berlin nach Sachsen.
correctiv.org

Wieso ein früherer CDU-Minister heute auf einer Konferenz für deutsche Konservative und Trump-Fans auftritt
Bei der Berlin Campaign Conference in Berlin tauschen sich deutsche Konservative mit Strategen aus dem US-amerikanischen MAGA-Lager aus. Mit dabei ist in diesem Jahr auch ein prominenter Christdemokrat.
correctiv.org

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Das Gartenreich Dessau-Wörlitz. Foto: picture alliance/imageBROKER/Michael Weber

Wer sich auch nach der Wahl noch für Sachsen-Anhalt interessiert und dort vielleicht sogar mal Urlaub machen will, sollte sich neben dem Brocken, dem Schloss Wernigerode und dem Naumburger Dom unbedingt den Mittellandkanal in Hohenwarthe anschauen. Das 918 Meter lange Wasserstraßenkreuz Magdeburg ist die größte Kanalbrücke Europas: Also eine Brücke über der Elbe, die zugleich selbst ein Kanal ist. 

Apropos Wasser: Im Gartenreich Dessau-Wörlitz wird man von freundlichen Sachsen-Anhaltern in flachen Booten durch die wunderschönen Gärten gefahren, die Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau anlegen ließ. 

Kulinarische Spezialitäten sind neben den deutschlandweit bekannten Halloren-Schokoladenkugeln aus Halle und dem Baumkuchen aus Salzwedel auch der Würchwitzer Milbenkäse. Bei diesem ist der Name Programm: Für die Reifung der Käsespezialität sorgen Käsemilben der Art Tyrolichus casei, die im Käse leben und zur Fermentation beitragen. Übrigens: Beim Verzehr des Käses leben die Milben noch und werden mitgegessen, dies ist aber unbedenklich. 

Wer es noch deftiger mag, sollte in einem Gasthof „Bötel mit Lehm und Stroh“ bestellen: gepökeltes Schweineeisbein (Bötel), dickes Erbsenpüree (Lehm) und fein geschnittenes Sauerkraut (Stroh).

Foto: maren-winter.de / Zoonar / Picture Alliance

So geht’s auch 
Finanzämter wollen ihre Schreiben kürzer, klarer und freundlicher gestalten. Dafür haben sie mehr als 730 Textbausteine überarbeitet. So erkennen Empfänger schneller, worum es in den Briefen geht. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache begleitete die Änderungen: Über 90 Prozent der Befragten fanden die neuen Formulierungen verständlicher als zuvor. 
wdr.de

Endlich verständlich 
Der Sommer 2026 zählt laut Deutschem Wetterdienst zu den wärmsten seit Beginn der Messungen. In Sachsen-Anhalt fiel sogar ein neuer Hitzerekord: In Möckern-Drewitz stieg das Thermometer Ende Juni auf 41,8 Grad. Mit dem interaktiven Wettermonitor von zdf. heute können Sie nachvollziehen, wie „normal“ – also wie stark vom aktuellen Klima abweichend – der Sommer bei Ihnen war. Wie „normal“ die Temperaturen das ganze Jahr waren, zeigt eine neue CORRECTIV-Geschichte.
zdfheute.de / correctiv.org

Fundstück 
Deutschland erreicht sein gesetzliches Solarausbauziel schon im August 2026. Inzwischen speisen sechs Millionen Solaranlagen Strom ins Netz. 2025 stammte ein Fünftel der Stromerzeugung aus Solarquellen. Der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) fordert trotzdem, dass die Regierung das Erneuerbare-Energien-Gesetz und das Netzanschlusspaket nachbessert. Das Tempo beim Ausbau müsse bis 2030 steigen, um die langfristigen Ausbauziele zu erreichen, sagt BSW-Solar-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. 
utopia.de


Wer derzeit die Nachrichten rund um mögliche Sabotagefälle und Anschläge verfolgt, könnte meinen: Die Lage spitzt sich zu. 

Und tatsächlich hat Moskau bei seinen Angriffen gegen die Bundesrepublik offenbar einen Gang höher geschaltet. Mein Kollege Alexej Hock und ich haben die neue Frequenz und Qualität der Attacken gestern Abend in einem Artikel aufgearbeitet. Wir berichten dabei außerdem von Vorgängen und Problemen im Innenministerium, das für die Abwehr von sogenannten hybriden Attacken wie der Drohnenattacke auf den Leipziger Flughafen federführend ist. 

Unser Bericht illustriert, dass die Arbeit dort mitnichten so koordiniert abläuft, wie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) das der Bevölkerung am Dienstag bei ihrer Pressekonferenz glauben machten. Das an für sich ist – angesichts der angespannten Lage – natürlich besorgniserregend. 

Allein in dieser Woche verzeichneten Behörden mindestens vier mögliche Sabotage- oder Anschlagsversuche in Deutschland. Zwei auf Umspannwerke in Brandenburg und NRW, eine am Augsburger Hauptbahnhof, heute eine Brandattacke auf eine Baustelle vor der Zentrale des Rüstungskonzerns Rhode und Schwarz in München. Hinzu kommen Fälle in ganz Europa.

Die Lage passt zu dem, was Expertinnen und Experten vermuten: Dass Russland wegen Problemen im Krieg jetzt stärker auf solche hybride Attacken setzen könnte. 

Wichtig ist aber: Ross und Reiter wurden bei all diesen aktuellen Vorfällen noch nicht genannt, die Ermittlungen laufen. „Fremde Mächte“ werden mindestens beim Fall in Brandenburg nicht ausgeschlossen. Anders als beim Fall in Leipzig: Dort sehen Regierung und Behörden mittlerweile genügend Belege, dass Russland dahinter steckt. Für die Bewertung nimmt sich Deutschland durchaus Zeit.

Ein aufmerksamer Blick ist daher geboten. Wir bleiben am Thema dran.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Till Eckert, Jacob Gehring, Sebastian Haupt und Elena Müller.