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Cristina Helberg

Faktencheckerin

Im CORRECTIV.Faktencheck-Team deckt Cristina fast täglich Falschnachrichten auf. Für die NRW-Redaktion von CORRECTIV recherchierte sie zum Medizinskandal um unterdosierte Krebsmedikamente aus Bottrop und begleitete den anschließenden Gerichtsprozess, oft als einzige Journalistin im Saal. 2018 wurde Cristina vom Medium Magazin als “Top 30 bis 30″- Nachwuchsjournalistin ausgezeichnet. Vorher reiste sie um die Welt, studierte Lateinamerikanistik auf Kuba und in Köln, absolvierte die Zeitenspiegel Journalistenschule und arbeitete als freie Journalistin.

E-Mail: cristina.helberg(at)correctiv.org

Bezahlte Posts auf Facebook und Twitter – Damit haben die bayerischen Parteien geworben

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Collage verschiedener Wahlwerbungen. (Grafik: BR24)

von Cristina Helberg , Tania Röttger , Anne-Lise Bouyer

In Bayern kauften Parteien Wahlwerbung in den sozialen Medien. CORRECTIV and BR24-Faktenfuchs haben die Anzeigen vor der Landtagswahl geprüft - und die Strategien von CSU, Grünen, AfD und Co.

Eine gemeinsame Recherche von CORRECTIV und BR24. Mitautoren: Sophie Rohrmeier und Max Muth. 

Wer Facebook und Twitter dafür bezahlt, kann seine Werbung direkt im Newsfeed seiner Zielgruppen platzieren. Versprechen von Politikern landen so zwischen Bildern von Freunden. Wie haben die bayerischen Parteien das im Wahlkampf für sich genutzt? Verhindern neue Transparenz-Maßnahmen von Facebook und Twitter den Missbrauch sogenannter Dark Ads?

Dark Ads waren eines der großen Themen des Wahlkampfes in den USA. Parteien haben damit die Möglichkeit, verschiedenen Zielgruppen in den sozialen Medien auf sie zugeschnittene Werbeanzeigen zu schicken. Damit können sich die Versprechen der Parteien je nach Zielgruppe widersprechen, ohne dass es die allgemeine Öffentlichkeit bemerken würde. In Großbritannien versuchten Brexit-Befürworter mit gesponserten Facebookposts Wähler vor dem Referendum zum EU-Ausstieg zu beeinflussen. Das Problem: Die Werbung enthielt oft Falschmeldungen. Gezielte Desinformation, die kaum jemand bemerkte, weil sie nur bestimmte Zielgruppen zu Gesicht bekamen. Erst zwei Jahre später wurden die Posts öffentlich – weil ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss in Großbritannien unermüdlich darum gekämpft hatte. Weil die Unternehmen nun restriktive Gesetze fürchten, reagieren sie. Seit dem Sommer machen Facebook und Twitter Werbung auf ihren Plattformen in Deutschland öffentlich zugänglich.

Wir haben die Accounts der CSU, der SPD, der Grünen, der Freien Wähler, der AfD, der FDP und der Linken bis auf Kreisebene in Bayern analysiert. Wie haben sie zwischen dem 9. und 12. Oktober auf Facebook und zwischen dem 16. September und 10. Oktober auf Twitter geworben? Welche Strategien verfolgen die Parteien? Sprechen sie mit widersprüchlichen Inhalten verschiedene Gruppen an?

Screenshot Facebook

CSU wirbt eher zurückhaltend auf Facebook

Heimat und die Bewahrung des Status quo – das waren die Hauptthemen der Anzeigen der CSU auf Facebook. Die zur Landtagswahl allgemein verbreiteten Hashtags, über die Nutzer Beiträge zu einem bestimmten Thema finden können, nutzte die CSU nicht. Etwa #ltwby18. Stattdessen zog sich die CSU auf eigene Hashtags zurück: #jazubayern, #jazumarkussöder oder #klartext. Letzteren verwendet sonst zum Beispiel David Bendels, der Chefredakteur des“Deutschlandkurier”, der AfD-Positionen verbreitet.

Den direkten Angriff auf die Opposition vermieden die Verbände in ihren Facebook-Anzeigen, außer in einem Beispiel: Der CSU Kreisverband Roth legte über ein Foto der Grünen zum Protest im Hambacher Forst eine Sprechblase, in der sie eine frühere Genehmigung der Rodung durch die Grünen behaupteten. Hier wird die Distanz der CSU zu dem breiten Protest gegen die Abholzung für Kohlegewinnung deutlich. Kleiner Exkurs: Die Grünen hatten 2016 in NRW in der Koalition mit der SPD den Entschluss mitgetragen, dass der Braunkohlen-Abbau weiterhin erforderlich sei – und damit die Abbaugrenzen in Hambach unverändert blieben. Allerdings setzten sie auch durch, dass etwa 1500 Menschen nicht wie geplant umgesiedelt werden mussten.

Widersprüchliche Inhalte in den CSU-Posts

An diesem Punkt fällt allerdings ein Widerspruch in der Wahlwerbung auf: In Eichstätt präsentierte sich eine CSU-Kandidatin als Naturpark-Freundin, die sich für Ranger und mehr Geld für den Naturpark Altmühltal einsetze. Hier wählte die CSU offenbar unterschiedliche Inhalte je nachdem, welche Interessen sie bei den Bürgern in der jeweiligen Region vermutet.

Insgesamt schalteten nur wenige CSU-Verbände überhaupt Anzeigen auf Facebook. Meist warben die einzelnen Verbände für Wahlkampfveranstaltungen oder berichteten über vergangene. Oder sie stellten Kandidaten vor. Dafür verwendeten sie meist schlicht gestaltete Kacheln mit Foto, die alle recht ähnlich aussahen. Ein vollkommen durchgängiges Design oder eine für alle Verbandsebenen gültige Strategie lässt sich aber nicht erkennen. Das CSU-Blau ist dominant, aber die bayerischen Rauten tauchen sehr selten auf, die Deutschland-Fahne gar nicht – im Unterschied zu den Anzeigen der AfD.

Bei den Kandidatenporträts konzentriert sich die CSU vor allem auf die Biografien. Nur vereinzelt nennen die Politiker konkrete Ziele, wie mehr Homeoffice oder eine bessere Ausstattung von Kindertagesstätten.

Vor allem der Hauptaccount der CSU verwendete Hochglanzanzeigen, hier findet sich am klarsten das offizielle Wahldesign der Christsozialen mit Spitzenkandidat und Ministerpräsident Markus Söder. Von diesen Werbeanzeigen gab es viele. Sonst zeigen die gesponserten Posts kaum bekannte Politiker.

Die Themen der CSU neben der Heimat: Breitband, EU-Subventionen für die Landwirtschaft, Unternehmen, Ehrenamt. Allerdings bleiben die Anzeigen inhaltlich meist sehr vage. Konkrete Versprechen sind – außer beim neuen Familiengeld – selten.

Das Thema Wohnen spielt nur einmal eine Rolle: Die Junge Union Landshut Stadt schaltete einen Post als Anzeige, in dem sie sich gegen eine städtische Wohnungsbaugesellschaft positionierte.

Screenshot Facebook

Grüne und FDP werben netzaffin auf Facebook

Die Grünen schalteten mehr Werbung als die CSU. Die sponsored posts – also bezahlten Anzeigen – während des Wahlkampfs trugen oft das offizielle Design, und die Spitzenkandidaten und sogar die Bundespartei-Spitzen Baerbock und Habeck waren auf den Fotos und in den Videos bis hinunter auf Kreisebene sehr präsent.

Die Videos waren oft mit dem offiziellen Wahldesign eingeleitet, die Kandidaten sprachen mehr über Inhalte als über ihre Biografien und bewegten sich mehr, die Schnitte sind oft schnell. Die Ansprache der Nutzer war klar, direkt und konkreter als bei der CSU. “Alles auf gleich: Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit, gleiche Chancen und Anerkennung. Niemand darf aufgrund seines Geschlechts benachteiligt werden. Du willst es? Dann wähl es!”, heißt es etwa in einem Post der Grünen Regensburg.

Die Grünen und die Grüne Jugend setzten auch in den Anzeigen auf Facebook ihre Themen von Mut statt Angst, Klima- und Artenschutz, Digitalisierung und Verkehrspolitik, Menschlichkeit und Gleichstellung.

Widersprüche in den gesponserten Posts der Grünen

Dennoch setzte auch eine Kandidatin auf das Thema Sicherheit: Dagmar Keis-Lechner von den Grünen Kulmbach dreht ihren Wahlwerbespot rund um den Begriff Sicherheit – versucht ihn aber anders zu besetzen als etwa die CSU oder die AfD. Eine ähnliche Strategie wie es die Grünen mit dem Begriff der Heimat versuchen. In anderen Regionen als Oberfranken jedoch stellen sich die Grünen in den gesponserten Anzeigen eher als Gegner der Sicherheitspolitik der Regierung dar, etwa die Grüne Jugend Bayern, die gegen das Polizeiaufgabengesetz mobil machte (#NoPag).

Auch die FDP in Bayern schaltete vergleichsweise häufig gesponserte Posts. Deren Videos sind – wie bei den Grünen – grafisch modern gestaltet oder mit schnellen Schnitten, zudem professioneller gesprochen als die der CSU.

Die Anzeigen kamen recht einheitlich daher – aber wie bei allen Parteien: Je niedriger die Verbandsebene, desto seltener waren die Anzeigen stilistisch auf einem Niveau mit der Landespartei. Die FDP Lichtenfels etwa postete einfach ein Foto einer FDP Broschüre, die FDP Unterfranken schlichte Fotos der Kandidaten, uneinheitlich entweder Schwarz-Weiß oder in Farbe und ohne offizielles Design. Die FDP Oberbayern platzierte eine Kandidatin vor gelb-pinkem Hintergrund, hinterlegte Namen und Listenplatz mit Blau und setzte den Slogan Frisches Bayern drunter.

AfD greift in Anzeigen am häufigsten Gegner an

Die Verbände der AfD sponsterten vor der Wahl im Parteienvergleich sehr viele Facebookanzeigen. Darin werden besonders häufig die politischen Gegner angegriffen, vor allem die Grünen und die CSU. Den Christsozialen wirft die AfD „zwei Gesichter” vor. „Im Europaparlament erkennt man das wahre Gesicht der Partei. Hier agiert die CSU an vorderster Front ganz im Sinne der Internationalisten und Merkel-Vasallen”, steht in einem gesponserten Post. Die Grünen diskreditiert die AfD als „Verbotspartei”.

Neben Angriffen auf CSU und Grüne dominieren drei Themen die Werbung: Migration, UN-Migrationspakt und Kriminalität. In mehreren bezahlten Beiträgen berichtet die Partei über angebliche Drohungen gegen Veranstalter von AfD-Terminen oder AfD-Kandidaten. Die AfD Nordschwaben sponserte einen Post, in dem sie mitteilte, eine Veranstaltung umzulegen, weil der Wirt bedroht worden sei. Der AfD Kreisverband Altötting warb mit einem Post, in dem behauptet wird, AfD Mitglieder seien in einem Restaurant nicht bedient worden. Der AfD Kreisverband Oberallgäu-Kempten-Lindau warb für eine Wahlkampfveranstaltung mit dem Besuch eines AfD-Bundestagsabgeordneten aus Chemnitz. „Ulrich Oehme war auch bei der Demonstration in Chemnitz dabei und wird von seinen Erfahrungen berichten”, heißt es in dem Post. Der AfD Kreisveband Ingolstadt/Eichstätt bewarb auf Facebook einen Link zu einem Parteiencheck des „Deutschlandkuriers”.

Das Design der AfD-Anzeigen ist noch am ehesten von allen Parteien durchgängig einheitlich. Die gesponserten Videos wirken teilweise unprofessionell, weil sie weder Untertitel, noch anderen Text enthalten. Andere wiederum sind grafisch aufbereitet und haben ein moderneres Erscheinungsbild.

Screenshot Facebook

SPD und Linke kaum mit sponsored ads auf Facebook

Die bayerischen Verbände der SPD sponserten im analysierten Zeitraum nur sehr wenige Posts. Während die BayernSPD mit Videos und Grafiken warb, ging es in gesponserten Posts auf Kreisebene fast ausschließlich um Kandidaten und Veranstaltungshinweise statt Inhalte. In den wenigen inhaltlichen Werbeanzeigen, versuchte die SPD mit den Themen bezahlbares Wohnen und Bildung zu punkten. Mit einem gesponserten Beitrag zum SPD-Wahlprogramm auf Russisch wollte die Partei gezielt russischsprachige Wähler werben.

Die Linke ist auf Facebook mit deutlich weniger Seiten von Kreisverbänden vertreten als andere Parteien. Außerdem nutzte die Partei nur sehr selten Facebookwerbung. In den wenigen Fällen waren das fast ausschließlich Hinweise auf Wahlkampfveranstaltungen.

Die Freien Wähler posteten ebenfalls eher spärlich Anzeigen in dem sozialen Netzwerk, meist handelte es sich um Slogans oder schlichte Wahlaufrufe. Die Partei betonte ihre kommunalpolitischen Wurzeln und warb mit konkreten Erfolgen. Sie stehe für Inklusion, sozialen Wohnungsbau und, wie es in einer Anzeige hieß, für kostenfreie Kitas. Eine FW-Kandidatin griff die CSU an, in dem sie sich gegen den Begriff “Ankerzentren” und den “Masterplan” von Horst Seehofer wandte. Die beiden Parteien stehen nun vor Koalitionsverhandlungen.

Screenshot Facebook

Wahlwerbung durch sponsored posts auf Twitter

Auch auf Twitter können Parteien Werbung schalten. Doch in Bayern sind bezahlte Tweets als Wahlkampfinstrument unserer Auswertung zufolge während des Landtagswahlkampfs noch unpopulär – zumindest bei den Parteien selbst.

Wir haben geprüft, wie viele beworbene Tweets der Parteien in Bayern und ihrer Jugendorganisationen es seit dem 16. September gab. Twitter listet im Sinne der Transparenz alle Tweets auf, die von einem Account in den zurückliegenden sieben Tagen gesponsert wurden. Teilweise tauchen in diesen Listen aber auch Tweets auf, die früher veröffentlicht wurden.

Welche Parteien waren Werbekunden von Twitter?

Vor allem die FDP nutzt das Instrument der gesponserten Tweets – und in derselben Optik wie auf Facebook und auf Straßenplakaten. Die Liberalen in Bayern zahlten vom 16. September bis zum 10. Oktober für 47 Tweets. Neben der FDP konnten wir nur eine Partei finden, die einen gesponserten Tweet bei Twitter in Auftrag gegeben hat, einen einzigen: die AfD. Die Grünen, die SPD, die Freien Wähler, die Linke und die Bayernpartei hingegen verzichteten in dem Zeitraum ganz darauf. Die Junge Union schickte drei gesponserte Tweets an die Nutzer – allerdings ohne jeden expliziten Zusammenhang zur Landtagswahl in Bayern.

Screenshot Facebook

FDP positioniert sich als Partei der Mitte

Die FDP Bayern nutzte sehr häufig ihren eigenen Wahlkampfslogan “Frisches Bayern” als Hashtag, vereinzelt auch “#ltwby18”. In den Farben ihrer Wahlplakate (blau, gelb, pink) sind auch die Bildtafeln in den gesponserten Tweets gehalten, auch darüber veröffentlichte Videos haben diese Optik. Immer wieder setzt die FDP Bayern Emojis in ihre Texte.

Thematisch setzte die FDP auf Glasfaserausbau, Bildung, der Cannabis-Legalisierung, das Einwanderungsgesetz, Wohnraum und Artenvielfalt, ihrer Position gegen Fahrverbote und gegen Angriffe auf Polizeibeamte.

Die bayerische FDP versuchte außerdem, sich als Partei der Mitte abseits der Extreme darzustellen. “Es kann nicht sein, dass wir nur die Wahl haben, Gutmenschen oder Wutbürger zu sein. Wir müssen aufhören, nur noch in Extremen zu denken”, heißt es in einem Tweet vom 10. Oktober. Die FDP Bayern bezeichnet damit “Gutmenschen” als ein Extrem. Der Begriff wurde 2016 als Unwort des Jahres gewählt und ist wird von Rechten häufig benutzt.

AfD-Kandidat wirbt per sponsored Tweet für sich

Der einzige Werbetweet der AfD kam vom lokalen AfD-Twitter-Account Ingolstadt-Eichstätt. Sein Inhalt: eine lange Hashtag-Liste mit Städtenamen aus Oberbayern, von Ingolstadt zum Beispiel über Ebersberg bis Starnberg – um gut in der Region gefunden zu werden. Der Text wirbt darum, die Zweitstimme dem AfD- Kandidaten Oskar Lipp zu geben, und unter den Hashtags sitzt ein Link zum “Donaukurier”, der ein Porträt über den jungen Mann veröffentlicht hatte.

Was machen Facebook und Twitter transparent, und was nicht?

Seit dem 28. Juni 2018 ist laut Facebook auf jeder Seite unter der Rubrik “Seiteninfos & Werbung” sichtbar, welche Anzeigen aktuell geschaltet sind. Allerdings gibt es kein zentrales Archiv wie in den USA. Das macht die Abfrage aufwändig und verhindert einen schnellen Überblick. Anzeigen aus der Vergangenheit sind außerdem auf Facebook nicht zugänglich. Und eine zentrale Information veröffentlichen weder Facebook noch Twitter in Deutschland: die Zielgruppe der Werbung.

Ein weiteres Problem: Die sogenannten Dark Ads in den USA und Großbritannien kamen vor allem von Unterstützerkanälen, nicht den offiziellen Facebook-Seiten der Parteien. Die Werbung schien daher unabhängig von der Politik, obwohl sie politisch war. In dem Werbungs-Archiv, das Facebook für die USA und Brasilien freischaltete, können Nutzer auch nach Begriffen suchen. Sie erhalten dann eine Übersicht über alle politischen Anzeigen zu dem Thema, und können sehen, in welchem Zeitraum der Post beworben wurde. Ohne ein solches Archiv ist es kaum möglich, das Dark-Ads-Phänomen transparent zu machen.

Auf Nachfrage erklärte Facebook Deutschland im August 2018 gegenüber CORRECTIV, ein Archiv für Werbeanzeigen, die Kennzeichnung politischer Werbung und die Registrierung für Auftraggeber politischer Werbung seien für Deutschland geplant, jedoch ohne festen Zeitpunkt. „Die bayerischen Landtagswahlen sehen wir natürlich am Horizont“, hieß es damals auf Nachfrage. Doch tatsächlich änderte sich bisher nichts.

Nach unserer Analyse ergeben sich keine Hinweise darauf, dass die bayerischen Parteien gesponserte Werbung gezielt für widersprüchliche Werbung verschiedener Wählergruppen nutzten. Nur vereinzelt scheinen sich einige Verbände an regionale Interessen ihrer Wähler anzupassen. Eine tief bis in die Landkreise greifende, koordinierte Strategie, die alle Organisationsebenen umfasst, lässt sich bei keiner Partei feststellen. Generell sind die Parteien recht zurückhaltend mit bezahlten Facebookpost und Tweets. Gesponserte Tweets und Anzeigen scheinen gerade auf Facebook sehr vom individuellen Engagement und Können der Verbandsmitglieder abzuhängen. Im digitalen Wahlkampf sind die meisten weiter Anfänger.

Wie Inhalte der AfD den Wahlkampf auf Youtube dominieren

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Christian Wiediger / Unsplash

von Tania Röttger , Cristina Helberg

Wer sich auf Youtube über die bayerische Landtagswahl informieren will, landet schnell bei der AfD. Sechs Videos von oder über die Partei schaffen es unter die zehn meistgeklickten Videos im vergangenen Monat. Warum sind die Inhalte so präsent?

Nach einer gemeinsamen Recherche von  CORRECTIV und BR24. Mitautorin: Jenny Stern

Grüne Wiesen, ein Song bayerischer Künstler und eine “Abrechnung” mit deutschen Promis: Auf den ersten Blick wirken die erfolgreichsten Youtube-Videos zur Landtagswahl in Bayern vielfältig. Doch insgesamt dominiert die AfD die Top 10 der meistgeklickten Videos. Zu sehen sind ein Werbespot der Partei, das Video einer bayerischen Bundestagsabgeordneten und vier Wahlkampfreden der Co-Vorsitzenden der Bundestagsfraktion Alice Weidel und des Thüringer Vorsitzenden Björn Höcke.

Wir haben den gesamten September die meistgeklickten Videos auf Youtube zur bayerischen Landtagswahl analysiert. Der erfolgreichste Clip hat mehr als 950.000 Ansichten (Views), der Clip auf Platz 10 immer noch mehr als 59.000. Von den sechs AfD-Videos stammt eines von einem offiziellen Kanal der Partei (AfD Bayern TV), eines vom Kanal einer AfD-Politikerin und vier von AfD-Unterstützer-Kanälen.

Für unsere Analyse haben wir die meistgeklickten Videos zu den Stichworten “Bayern Wahl”, “Landtagswahl Bayern”, “Wahlkampf” und “Bayern” gesucht. Fußballvideos haben wir aus den Trefferlisten ausgeschlossen.

Außer der CSU, den Grünen und der AfD schaffte es keine andere Partei in die Top 10. Dafür aber “Russia Today” (RT). In dem Video reisen Journalisten des von Russland finanzierten TV-Senders durch Bayern und sprechen mit Kandidaten und Bürgern über den Wahlkampf. Zu Wort kommen Politiker der CSU, AfD, SPD und Grünen.

Screenshot von Youtube

Die AfD-Unterstützer-Kanäle

Obwohl nur zwei Videos eines offiziellen AfD-Kanals unter den Top 10 landen, sind die Inhalte der Partei unverhältnismäßig präsent. Denn zehntausende Nutzer klickten auf Videos von AfD-Unterstützer-Kanälen. Drei der Videos in unserer Auswertung stammen vom Kanal “PolitikUpdate”. Darin zu sehen: drei Reden Alice Weidels, der Vizevorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion.

AfD-Wahlkampfreden sind das bestimmende Format des Kanals “PolitikUpdate”, der erst seit Anfang September existiert. Seitdem wurden dort 95 Videos veröffentlicht und damit erstaunlich viele Zuschauer erreicht: Das Top-Video (“Schlagabtausch zwischen Schulz und Gauland”) hatte mehr als 302.000 Ansichten. Nicht bekannt ist, wer den Kanal betreibt. Allerdings ist eine Webseite unter den Videos verlinkt: “Unterstützt unabhängigen Journalismus: Express-Zeitung”.

Die “Express Zeitung” sitzt in der Schweiz. In den meist monatlich erscheinenden Online-Ausgaben zweifeln Autoren an, dass Menschen auf dem Mond gelandet sind, sie bezweifeln die Wirkung von Impfstoffen oder kritisieren die Migrationspolitik. Einer der Geschäftsführer ist André Barmettler. Er schreibt auf Anfrage, die “Express Zeitung” habe nichts mit dem erwähnten Youtube-Kanal zu tun. Bei dem Link auf Youtube handele es sich um ein Partnerprogramm: “Der Link auf unsere Seite ist ein Affiliate-Link, wofür man sich anmelden kann, wenn man die Zeitung bewerben möchte. Bei einem Abschluss eines neuen Abonnements, welcher durch einen solchen Partnerlink vermittelt wurde, erhält der Affiliate-Partner eine entsprechende Kommission.”

Screenshot von Youtube

Noch ein zweiter Unterstützer-Kanal der AfD taucht in unserer Recherche auf. Auf Platz 8 landet das Video einer Rede von Björn Höcke, die er in Bayern gehalten hat. Das Video wurde vom Kanal “LokalFernsehen” hochgeladen. Der Kanal postet verschiedene Videos anderer Kanäle, oft über die AfD, zum Beispiel von “RT Deutsch”, aber auch von öffentlich-rechtlichen Sendern. Auch Artikel von Seiten wie “Journalistenwatch” oder “Anonymousnews”, die für Falschmeldungen bekannt sind, verbreitet der Kanal. In den vergangenen Wochen war er sehr aktiv, postete AfD-Inhalte, Reden, die auf Wahlkampfveranstaltungen oder im Bundestag gehalten wurden. Das Video der Rede Höckes erreichte für den Kanal ungewöhnlich viele Klicks: knapp 60.000. Die meisten Videos der vergangenen Wochen haben nur ein paar hundert Ansichten, viele aber auch weniger. Die AfD dominiert die Top 10 durch Kanäle wie “PolitikUpdate” und “Lokalfernsehen”.

Was hinter solchen Unterstützer-Vereinen stecken könnte, ordnet Joachim Trebbe ein. Er hat ein ähnliches Phänomen bereits in der Schweiz beobachtet. Trebbe ist Professor für Kommunikationswissenschaften an der Freien Universität Berlin, forscht unter anderem zum Nutzerverhalten in den Sozialen Medien. In der Schweiz komme die Kampagnenarbeit bei Volksabstimmungen weniger von den Parteien selbst, sagt er. Sondern vielmehr von Vereinen, die für das Programm einer Partei werben: “Parteien wollen Abstimmung nicht offen beeinflussen, sondern verdeckt – über Vereine”, sagt Trebber.

Die AfD-Unterstützer-Kanäle könnten laut Trebbe denselben Zweck erfüllen: Das Video stehe nicht unter dem Banner einer Partei, sondern wirke eher wie eine thematische Initiative. Trebbe sagt: “Wer so ein Video sieht, denkt nicht zuerst: Ach, das ist AfD, das schaue ich mir nicht an.”

Screenshot von Youtube

Wie die Videos sich auf Desinformationsseiten weiterverbreiten

Einmal auf Youtube veröffentlicht, werden die Videos mit AfD-Inhalten über andere Webseiten weiterverbreitet. Dabei fallen in unserer Analyse die Webseiten “Gloria.tv“, “Ungeheuerliches” und “Friedliche-loesungen.org” auf.

“Gloria.TV”

“Gloria.TV” ist bekannt für erzkonservative Inhalte. Damit ist die Seite seit Jahren erfolgreich, oft auch mit gezielter Desinformation. Im Sommer des vergangenen Jahres recherchierte BuzzFeedNews die erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel auf Facebook zwischen 2012 und 2017. Das Ergebnis: Sieben von zehn Artikeln waren Falschmeldungen. Die erfolgreichste Meldung in den fünf Jahren war ein falsches Merkel-Zitat, das über GloriaTV verbreitet wurde.

„Die erfolgreichste Fake News über Angela Merkel hat der Analyse zufolge nicht nur mehr Interaktionen als alle anderen Artikel über Merkel, sondern sogar als jegliche Artikel der meisten deutschen Leitmedien. Egal ob BILD, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ oder Stern – kein Artikel aus diesen Quellen hat auf Facebook so viele Interaktionen erzeugt wie das erfolgreichste Stück, um das es in dieser Analyse geht”, schrieb BuzzFeedNews.

“Gloria.TV” funktioniert ähnlich wie Youtube. Nutzer können Videos hochladen. Aber die Seite veröffentlicht auch regelmäßig eigene Nachrichten-Clips. Medien wie “Spiegel”, “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, “Le Monde” und “Financial Times” bezeichnet der Sender darin als „Oligarchen-Medien”, die Missbrauchsfälle in der Kirche „hochspielen” würden.

Auch AfD-Wahlkampfreden werden auf der Seite regelmäßig geteilt. In unserer Analyse teilt Gloria.TV zwei Reden von Weidel, eine von Höcke. Gloria.TV bezeichnet sich selbst als „gemeinnütziges, weltumspannendes katholisches soziales Netzwerk”. Der Sender gibt an, eine private Initiative zu sein, „die nicht direkt mit der kirchlichen Hierarchie verbunden ist”. Im Impressum wird eine US-amerikanische Adresse in Dover (Delaware) genannt.

Die katholische Kirche in Deutschland distanziert sich ausdrücklich von der Seite. „Die Deutsche Bischofskonferenz ist in keiner Weise an gloria.tv beteiligt”, schreibt Pressesprecher Matthias Kopp auf Nachfrage. Bereits 2013 hatte sich die Kirche distanziert, nachdem der Sender unerlaubt Angebote von kirche.tv, dem offiziellen Account der Katholischen Fernseharbeit, übernommen hatte. „Gloria.tv ist eine Art YouTube für katholische Radikale”, schrieb “Spiegel Online” 2013 in einem Artikel. “Die Zeit” bezeichnete die Seitenbetreiber als „katholische Fundamentalistentruppe”. Aktuell wird die Seite des Senders anonym betrieben.

“Ungeheuerliches”

Auf der Website “Ungeheuerliches” können sich User durch einen Video-Mix aus vermeintlichen Ufo-Sichtungen, Verschwörungstheorien und Reden der AfD klicken. Aus der kontroversen Mischung von Videos machen die Betreiber kein Geheimnis. „Politik, Grenzwissenschaft, UFOs, Verschwörungstheorien und kurioses aus aller Welt” lautet der offizielle Untertitel der Webseite. Die Seite “Ungeheuerliches” verbreitete das Video der AfD-Bundestagsabgeordneten Corinna Miazga und Björn Höckes Rede. Ansonsten stammen besonders viele geteilte Videos von “Anonymousnews”. Auch Artikel der Blogs “Philosophia Perennis”, “PI-News” und “News for friends” finden sich auf der Seite. Alle vier haben in der Vergangenheit falsche oder teilweise falsche Meldungen verbreitet und gezielt desinformiert.

Im Impressum der Website von “Ungeheuerliches” ist der Name Michael Stawicki als Verantwortlicher samt einer Adresse in der Nähe von Bonn eingetragen. Auf Twitter postet ein Account unter demselben Namen Links zum AfD-nahen “Compact-Magazin”, “Philosophia Perennis” und “RT Deutsch”. Die Top-Google-Treffer für den Namen Michael Stawicki führen zu einem ehemaligen Präsidenten der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Auf Nachfrage stellt er klar, nichts mit der Seite zu tun zu haben und nicht der genannte Michael Stawicki zu sein.

“Friedliche Lösungen”

Die Seite “Friedliche-loesungen.org” verbreitet das Video von “RT Deutsch” und die Wahlkampfrede von Höcke. Auch diese Seite basiert zum großen Teil auf von anderen Portalen übernommen Meldungen. Sie wirbt damit, angemeldeten Benutzern einen eigenen „Nachrichtenstrom” aus deren bevorzugten Quellen zur Verfügung zu stellen. Zur Auswahl stehen dafür beispielsweise die Seiten “Ungeheuerliches.de“, “Watergate”, “Sputniknews”, “pravda.tv“, die in der Vergangenheit Falschmeldungen weiterverbreitet haben. Im Impressum der Seite steht eine englische Adresse in Manchester.

Screenshot von Youtube

Das sagen die bayerischen Parteien zu Youtube

Nur drei Parteien sind unter den zehn meistgeklickten Videos in unserer Analyse vertreten. CSU und Grüne mit je einem Video ihres offiziellen Kanals und die AfD direkt und indirekt durch sechs Videos von Unterstützer-Kanälen und ein Video der AfD-Bundestagsabgeordneten Corinna Miazga. Für wie wichtig halten die Parteien selbst den Wahlkampf auf Youtube? Wir haben nachgefragt.

Der Wahlwerbespot der Grünen erreichte in unserem Ranking den vierten Platz. Die Grünen Bayern nutzen Youtube „als wichtige Ergänzung vor allem für diejenigen, die aktiv im Netz nach uns suchen. Hier bleiben die Inhalte länger präsent als z.B. in der Facebook-Timeline”, schreibt ihre Pressesprecherin. Weil Bewegtbild immer wichtiger werde, bereite man verstärkt Inhalte in Videoform auf. Die CSU antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf unsere Presseanfrage.

Die AfD Bayern möchte auf Nachfrage weder kommentieren, ob sie Youtube für den Wahlkampf nutzt, noch warum und wie. „Zum großen Teil werden unsere Plattformen von ehrenamtlichen Unterstützern aus der Bevölkerung gepflegt”, antwortet die Partei allgemein auf unsere Anfrage und distanziert sich damit von der Verantwortung für ihre Kanäle.

Für die SPD spiele Youtube im Wahlkampf „eine unterstützende Rolle”, um die Reden der Spitzenkandidatin, Streams ihrer Gesprächsreihe, Aufrufe zu Demonstrationen und Wahlwerbespots zu teilen. Außerdem nutze die Partei Youtube für das Untertiteln ihrer Videos.

Die Freien Wähler schreiben: „Wir konzentrieren uns auf die etwas politischere Plattform Facebook.” Youtube werde aufgrund begrenzter finanzieller und personeller Möglichkeiten „nicht zentral bedient”. „Im Vergleich eher weniger wichtig” findet die FDP Bayern Youtube für ihren Wahlkampf, dafür nutze sie eher andere Soziale Medien. Ähnlich antwortet die bayerische Linke: „Youtube hat einen geringeren Stellenwert als Facebook, Instagram oder Twitter.“ Auch die Bayernpartei nutzt Youtube „momentan eher nachrangig” und vor allem zum Teilen in anderen Sozialen Medien.

Problematische Plattform Youtube?

Die Hälfte der Videos, die wir analysiert haben, erreichten weniger als 100.000 Menschen. In der Welt der Youtube-Clips vergleichsweise wenig. Ist die Plattform für die Landtagswahlen überhaupt relevant? Informieren sich Menschen dort über Politik, wenn die Parteien selbst eher Facebook und Twitter vorziehen? In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov und der Jugendzeitschrift Bravo von Juni 2017 gaben 58 Prozent der 14- bis 17-Jährigen an, sich auf Youtube über politische Themen zu informieren. Youtube stand damit an erster Stelle der Sozialen Medien, noch vor Instagram, Facebook und Whatsapp.

Die Plattform ist aber nicht nur bei jungen Menschen populär. Laut YouGov-Umfragen waren 27 Prozent der Nutzer im vergangenen Monat über 55 Jahre alt. Das ist der größte Anteil in den verschiedenen Altersgruppen.

Dass Youtube bei den Älteren so populär ist, war zunächst eine Überraschung, sagt Kommunikationswissenschaftler Trebbe. Ein Grund dafür: Youtube sei ein Medium mit niedriger Schwelle. Die Videos und Kommentarfunktionen sind öffentlich, man brauche keine Hashtags zu kennen, wie etwa auf Twitter, so Trebbe.

Screenshot von Youtube

Den Kommunikationswissenschaftler Alexander Sängerlaub überrascht es nicht, dass unter den meistgeklickten Videos unserer Analyse viele AfD-Unterstützer-Kanäle sind. Er hat für den Berliner Thinktank “Stiftung Neue Verantwortung” die Nutzung von Sozialen Medien verschiedener Wählergruppen im Zusammenhang mit der Bundestagswahl 2017 untersucht. „Die Wähler der AfD haben den Eindruck, wahre Informationen nur direkt von der Partei zu bekommen oder über der Partei nahestehende Angebote und auf alternativen Medienplattformen”. Tatsächlich passiere dadurch oft genau das Gegenteil, da die Beiträge weder seriös journalistisch aufbereitet sind, noch objektiv informieren. „Das ist einerseits nicht jedem bewusst und andererseits auch eine Strategie, bei der die Presse ausgeschaltet wird”, so Sängerlaub. Durch die direkte Kommunikation der Parteien über die sozialen Netzwerke falle die Einordnung und Hintergrundberichterstattung durch Journalisten weg.

„Teilöffentlichkeit“ nennt Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe das. Diese Teilöffentlichkeit wird schnell zur einzigen Öffentlichkeit vieler Nutzer. Das liegt auch an den Plattformen selbst. Trebbe sagt: „Die Filterbubble ist allgegenwärtig.“ Denn auf Youtube bekommen Nutzer Videos vorgeschlagen, die sie möglichst lange auf der Seite halten sollen. Die Clips mit den besten Aussichten darauf wählt ein Algorithmus aus. Wer sich also mehrere Clips über die AfD ansieht, erhält bald ähnliche Vorschläge – solche, die das System passend für die angenommene Meinung hält.

Bewertung: falsch

Nein – Merkel kündigt keinen islamischen Staat in Deutschland an

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

von Cristina Helberg

Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert seit August wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, BRD-Schwindel und Halle Leaks. Eins haben alle Texte gemeinsam: Sie verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien. 

In etwas abgeänderter Version veröffentlichte Halle Leaks bereits am 12. November 2017 einen Artikel mit dem Titel „Merkel – Deutschland wird ein islamischer Staat – findet Euch damit ab!“. Als Quelle verwies Halle Leaks darin auf die Seite Indexexpurgatorius. Auch in diesem Artikel wird wiederum auf Jewsnews verwiesen.  

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Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Was hat Angela Merkel wirklich gesagt?

Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

Unsere Bewertung:
Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

Angebliches „Fakevideo“ über die AfD stellt sich als Satire heraus

weiterlesen 5 Minuten

Screenshot aus dem Youtube Video der AfD-Berlin© Youtube (https://youtu.be/lrRonqNzx009)

von Cristina Helberg , Jacques Pezet , Tania Röttger

Der Berliner Landesverband der AfD hat ein Video auf Facebook veröffentlicht und behauptet, es handele sich um ein „Fakevideo”, das die AfD diskreditieren solle. Unsere Recherchen haben ergeben: Es handelt sich um ein Video der Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“.

„Die #AfD ist entsetzt über den Versuch, Fakevideos an einem falschen Parteistand zu drehen. Durch einen Zufall konnte jetzt ein solches Projekt in Lichtenberg aufgedeckt werden“, schrieb der Landesverband der AfD Berlin in einem Facebookpost am Mittwoch Vormittag. Darunter ein Video mit dem Titel „Neues Fake-Video aufgedeckt“. Um 12:46 Uhr veröffentlichte die AfD zusätzlich eine Pressemitteilung und verwies auf dasselbe Video in ihrem Youtube-Kanal, das dort ebenfalls am 12.9. veröffentlicht wurde.

Durch Recherchen auf Google Maps, in den Sozialen Medien und Presseanfragen an verschiedene Fernsehsender konnten wir belegen, dass das Video Dreharbeiten für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gedreht wurde.

Das passiert in dem Video

In dem Video reagieren die AfD-Politiker Dirk Spaniel und Karsten Woldeit „fassungslos“ auf Videoausschnitte, die ein Kamerateam bei Dreharbeiten zeigt. Gefilmt werden Personen an einem AfD-Parteistand, so wie ein von zwei weißen Männern gejagter schwarzer Mann. Eine andere Szene zeigt eine Frau, die in ein oranges Mikrofon spricht, umgeben von Demonstranten mit Deutschlandfahnen.

Auf Twitter vermuteten deshalb gestern viele Nutzer, dass es sich um ZDF-Dreharbeiten handelt. Ob in dem Video tatsächlich ein ZDF-Mikro zum Einsatz kommt, ist aufgrund der schlechten Bildqualität nicht erkennbar.

Das ZDF hat uns gegenüber am 12. September 2018 jedoch dementiert: „Bei den gezeigten Aufnahmen handelt es sich nicht um Dreharbeiten für das ZDF.“

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Screenshot von dem Video

Wo wurde das Video aufgenommen?

Laut dem Facebook-Post der AfD sollen die Dreharbeiten am 7. September 2018 gegen 15 Uhr von Passanten beobachtet worden sein. Während die Partei in ihrer Pressemitteilung nur Berlin als Ort nennt, ist in dem Facebook-Post der Anton-Saefkow-Platz markiert.

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Tatsächlich wurde das Video offenbar am Anton-Saefkow-Platz in Berlin aufgenommen. Die auffälligen roten Markierungen auf dem Boden sind auf Google Maps und im Video gut erkennbar.

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Screenshot von Google Maps

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Screenshot aus dem Video

Wer steckt hinter dem Video?

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Dreharbeiten für das Satireformat „Bohemian Browser Ballett“. Wie haben wir das herausgefunden?

Nachdem wir über den Bildervergleich feststellen konnten, dass das Video am Anton-Saefkow-Platz in Berlin gedreht wurde, suchten wir nach Zeugen der Szene im Netz. Dabei fanden wir den folgenden Retweet eines Tweets vom 8. September mit einem Bild des Platzes. Dazu der Text: „Dreharbeiten in #Berlin #Lichtenberg # Satire Sendung #Film #zdf #swr… Dabei wurde eine Demo inszeniert.. nicht jeder Anwohner verstand auf Anhieb um was es dabei ging“. CORRECTIV kontaktierte die Person, die das Bild zuerst gepostet hatte und erfuhr so, dass es sich um einen Dreh für die Satire-Sendung „Bohemian Browser Ballett“ gehandelt haben soll. Nach unserem Gespräch löschte die Person den Tweet.

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Screenshot von Twitter

Auch auf Instagram fanden wir Hinweise auf den Dreh. Der Account @kristin_meyer_official teilte am 7. September 2018 um 16:43 Uhr ein Selfie. Im Hintergrund sind mehrere Personen mit Deutschlandflaggen und Filmequipment zu erkennen. Das rote Muster auf dem Asphaltboden passt zu den Google Aufnahmen des Anton-Saefkow-Platzes in Berlin. Der Account ist mit dem blauen Haken von Instagram verifiziert, offenbar handelt es sich also um den offiziellen Account der Schauspielerin Kristin Meyer, die auch auf dem Selfie zu sehen ist. Als Hashtag nutzt sie unter anderem #bohemianbrowserballett und #satire.

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Screenshot vom Instagram-Profil der Schauspielerin Kristin Meyer

Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigte der SWR-Unternehmenssprecher Wolfgang Utz, „dass es sich dabei um Dreharbeiten der zuständigen Produktionsfirma für das satirische Funk-Format ‘Bohemian Browser Ballett’ handelt“. Er betonte, dass das Fernsehteam im Besitz einer Drehgenehmigungen war und ist der Meinung, dass bei den Aufnahmen eindeutig zu erkennen war, „dass es sich um Dreharbeiten mit inszenierten Szenen handelt“ – wegen der aufgestellten Zelte für die Schauspieler und das technische Team. Es ist dem SWR zufolge noch unklar, „ob und in welchem Umfang die gedrehten Szenen für das Satireformat verwendet werden“.

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Antwort von Wolfgang Utz (SWR)

Was ist „Bohemian Browser Ballett“ ?

„Bohemian Browser Ballett“ ist ein Satireformat von Funk, einem Online-Medienangebot von ARD und ZDF. Verantwortlich für die laufenden Geschäfte ist laut Impressum der Funk-Website der SWR. Der Youtube-Kanal „Bohemian Browser Ballett“ stellt in seiner Beschreibung klar: „Das Browser Ballett ist ein staatlich finanziertes Unterhaltungsangebot für Deutschland. Alle Inhalte entstehen in einem satirischen Kontext und bilden weder Fakten noch Überzeugungen ab.“

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Screenshot von Youtube

Hat die AfD Anzeige erstattet?

In ihrer Pressemitteilung kündigte die AfD an: „Noch wissen wir nicht, wer dieses bizarre Schauspiel inszeniert hat, werden aber selbstverständlich Anzeige gegen unbekannt erstatten. So ist das AfD-Logo markenrechtlich geschützt und darf für derartige Fake-Aktionen natürlich nicht verwendet werden. Zudem fühlen wir uns durch die dargestellten und gefilmten Szenen verleumdet. Die widerlichen ‘Jagdszenen’ erfüllen darüber hinaus den Tatbestand des Vortäuschens einer Straftat.“

Auf Facebook und Twitter kommentierte die Partei, sie habe Anzeige erstattet. Wir haben gestern bei der AfD nachgefragt, bei welcher Polizeidirektion sie Anzeige erstattet hat. Nach unserer Anfrage änderte die AfD ihren Kommentar auf Facebook ab. Dort hatte eine Nutzerin kommentiert: „Sofort Anzeige erstatten“. Darauf antwortete die AfD am Mittwoch zunächst „Haben wir“, später änderte sie das in „Machen wir“ ab. Im Bearbeitungsverlauf ist die Änderung dokumentiert.

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Screenshot von Facebook

Der Polizei Berlin lag laut eigener Aussage zum Stand von heute um 14.30 Uhr keine Strafanzeige vor.

AfD will Fragen zum Ursprung des Videos nicht kommentieren

Auf Nachfrage unserer Redaktion wollte die AfD nicht kommentieren, ob sie den Urheber des veröffentlichten Videos kennt. Auch woher die Informationen der Partei zu Datum, Ort und Zeitpunkt der Aufnahme stammen, will die AfD auf unsere Anfrage nicht kommentieren.

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Anfrage von CORRECTIV an die AfD

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Antwort der AfD

Bewertung: falsch

Falsche Berichterstattung über mutmaßliche sexuelle Nötigung in Bremen

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Ein Unbekannter soll im April 2017 eine 15-Jährige in Bremen-Walle festgehalten und gegen ihren Willen an intimen Körperstellen berührt haben. (Symbolbild).© thomashendele / pixabay

von Cristina Helberg

Ein Blog behauptet, die Polizei suche im Zusammenhang mit einer mutmaßlichen sexuellen Nötigung in Bremen einen „arabischen Armutsflüchtling”. Das ist frei erfunden. Der Fahndungsaufruf der Polizei enthält nur ein Foto und eine Personenbeschreibung des Mannes. Weder Staatsangehörigkeit noch ein Migrationshintergrund werden benannt.

Am 20. August 2018 bat die Polizei Bremen die Bevölkerung bei der Suche nach einem mutmaßlichen „Sexualstraftäter“ um mithilfe. In einer Pressemitteilung veröffentlichte sie ein Foto, das einen Tatverdächtigen zeigt. Darunter stellte die Polizei die Frage: „Wer kennt diesen Mann?“. Der Unbekannte soll im April 2017 eine 15-Jährige in Bremen-Walle festgehalten und gegen ihren Willen an intimen Körperstellen berührt haben. Das Mädchen konnte sich der Pressemitteilung zufolge losreißen und flüchten.

Die Meldung der Polizei griff die Webseite Truth24 auf und veröffentlichte am 21. August 2018 einen Artikel, der verschiedene falsche Behauptungen aufstellt.

Keine Vergewaltigung, sondern sexuelle Nötigung

Schon in der Überschrift des Truth24-Artikels werden verschiedene Tatsachen falsch dargestellt. „Arabischer Armutsflüchtling vergewaltigt Mädchen (15) – Polizei Bremen vertuscht mehr als 1 Jahr!“, lautet der Titel des Artikels.

In der Pressemitteilung der Polizei wird keine Vergewaltigung, sondern eine sexuelle Nötigung beschrieben. „Staatsanwaltschaft und Polizei fahnden mit einem Foto nach einem Mann, der im vergangenen Jahr in Walle eine Jugendliche sexuell genötigt haben soll“, heißt es in der Mitteilung. Truth24 schreibt dagegen, ohne dafür eine Quelle zu benennen, von einer Vergewaltigung.

Außerdem wird der Tatverdächtige als „arabischer Armutsflüchtling“ und als einer von „vielen pädophilen arabischen Asyltouristen“ bezeichnet. Auch für diese Behauptungen nennt Truth24 keine Quellen. Die Darstellung ist offenbar frei erfunden, denn in der Pressemitteilung der Polizei wird der Tatverdächtige mit einem Foto und folgender Beschreibung gesucht: „Er wird auf etwa 25 Jahre geschätzt, 175 Zentimeter groß, hat eine dickliche Statur, schwarze Haare und einen dunklen Teint.“ Weder eine Staatsangehörigkeit, noch einen möglicher Migrationshintergrund nennt die Polizei in ihrer Pressemitteilung. Auf Nachfrage von CORRECTIV betont die Polizei am Telefon: „Wir kennen den Mann ja nicht.“ Dementsprechend könne man nur auf die Beschreibung der Pressemitteilung verweisen und habe keine Informationen zur Staatsangehörigkeit oder zu einem möglichen Migrationshintergrund.

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Truth24 spricht von Vertuschung, Polizei dementiert

Die Polizei veröffentlichte ihre Pressemitteilung am 20. August 2018. Die mutmaßliche sexuelle Nötigung soll aber bereits im April 2017 stattgefunden haben. Die Seite Truth24 schloss daraus, die Polizei Bremen habe die Tat 16 Monate lang „vertuscht“.

Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigt die Polizei, dass ihr der Fall seit April 2017 bekannt sei. Damals habe man die Öffentlichkeit jedoch zum Schutz des Opfers nicht über den Fall informiert. Nachdem nun alle Ermittlungsmaßnahmen ausgeschöpft seien, habe man sich zu der Fahndung per Foto entschlossen. 

In der Pressemeldung schreibt die Polizei: „Nach intensiven Ermittlungen, Befragungen und Auswertungen von kriminaltechnischen Untersuchungen, fahnden Staatsanwaltschaft und Polizei mit dem Foto einer Überwachungskamera nach dem mutmaßlichen Täter und fragen: Wer kennt diesen Mann?“

Unsere Bewertung:
Falsche Behauptungen. Es gibt keine Informationen, über die Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters. Die Polizei ermittelt wegen einer mutmaßlichen sexuellen Nötigung, nicht wegen einer Vergewaltigung.

Bewertung: falsch

Nein – Merkel kündigt keinen islamischen Staat in Deutschland an

weiterlesen 4 Minuten

Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

von Cristina Helberg

Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, BRD-Schwindel und GloriaTV. Alle Texte verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

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Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Was hat Angela Merkel wirklich gesagt?

Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

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Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

Bewertung: falsch

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

von Cristina Helberg

Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, BRD-Schwindel und Halle Leaks. Alle Texte verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

Bildschirmfoto 2018-08-23 um 14.39.09.png

Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

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Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

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Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, Bigfood News Staseve und DerHonigmannsagt. Alle Texte verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

Bildschirmfoto 2018-08-23 um 14.39.09.png

Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

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Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

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Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, BRD-Schwindel und Pressefreiheit24. Alle Texte verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

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Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

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Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

Bewertung: falsch

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

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Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien und auf mehreren Blogs wie Michael Mannheimer, BRD-Schwindel und Indexexpurgatorius’s Blog. Alle Texte verweisen auf die Seite Jewsnews als Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

Bildschirmfoto 2018-08-23 um 14.39.09.png

Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

Unsere Bewertung:
Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

Bewertung: falsch

Nein – Merkel kündigt keinen islamischen Staat in Deutschland an

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Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

von Cristina Helberg

Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien. Nachdem der Blog Michael Mannheimer in einem Artikel vom 21. August 2018 das Zitat verbreitete, kopierten weitere Seiten wie BRD-Schwindel und News for friends den Text. Alle Berichte verweisen auf die Seite Jewsnewsals Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

Bildschirmfoto 2018-08-23 um 14.39.09.png

Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Was hat Angela Merkel wirklich gesagt?

Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

Unsere Bewertung:
Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.

Bewertung: falsch

Nein – Merkel kündigt keinen islamischen Staat in Deutschland an

weiterlesen 4 Minuten

Angela Merkel spricht bei einer Pressekonferenz am 5. Juli 2018 in Berlin. (Symbolbild).© Omer Messinger / AFP

von Cristina Helberg

Ein falsches Zitat von Angela Merkel geistert seit 2010 durch das Internet. Aktuell wird es wieder von mehreren Blogs aufgegriffen. Was steckt dahinter?

„Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden“. Dieses angebliche Zitat von Angela Merkel kursiert aktuell wieder in Sozialen Medien. Nachdem der Blog Michael Mannheimer in einem Artikel vom 21. August 2018 das Zitat verbreitete, kopierten weitere Seiten wie BRD-Schwindel und News for friends den Text. Alle Berichte verweisen auf die Seite Jewsnewsals Quelle und einen Artikel, der dort am 7. Mai 2017 erschien.

Bildschirmfoto 2018-08-23 um 14.39.09.png

Screenshot, aufgenommen am 23.08.2018, von einem Artikel des Blogs Michael Mannheimer

Der Artikel auf der Seite Jewsnews vom 7. Mai 2017 ist auf Englisch verfasst. „Germany will become an Islamic State, says Merkel – and adds they’ll have to come to terms with it“, steht in der Überschrift. Übersetzt: „Deutschland werde ein islamischer Staat, sagt Merkel – und fügt hinzu, dass sie sich damit abfinden müssen“. Im Text wird dieses vermeintliche Zitat jedoch weder aufgegriffen, noch erklärt oder eine Quelle dafür benannt.

Stattdessen berichten die Autoren über mehrere andere Aussagen, die Angela Merkel gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getroffen haben soll. Darunter der Satz: „For years we’ve been deceiving ourselves about this. Mosques, for example, are going to be a more prominent part of our cities than they were before.“ Auf Deutsch: „Seit Jahren machen wir uns etwas vor. Zum Beispiel werden Moscheen ein prominenterer Teil unserer Städte sein als früher.”

Durch eine Google Suche stoßen wir auf einen Artikel mit demselben Wortlaut, der vor acht Jahren, am 21. September 2010, auf der Webseite EUtimes erschien. Auch dieser Artikel bezieht sich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung als Quelle. Zusätzlich verweist er in einem Link auf die Seite Unitycoalitionforisrael. Folgt man dem Link, landet man jedoch nur auf der Startseite der Website. Auch im Archiv der Seite findet sich kein Treffer zu dem verlinkten Text. Also haben wir bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach dem Ursprung der angeblichen Aussage Angela Merkels gesucht.

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Was hat Angela Merkel wirklich gesagt?

Am 18. September 2010, also drei Tage vor der Veröffentlichung des EUtimes-Artikel, erschien in der gedruckten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview mit Angela Merkel. Online ist nur eine Zusammenfassung des Interviews frei einsehbar, die ebenfalls am 18. September 2010 erschien. Den vollständigen Interviewtext kann man im Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für 2,50 Euro kaufen. Das haben wir gemacht, um die Aussagen zu überprüfen.

In dem Interview beantwortet Angela Merkel vor allem Fragen zur Integration, konservativen Werten und zu dem Autor Thilo Sarrazin. Aber sie redet zu keinem Zeitpunkt von einem Islamischen Staat in Deutschland. Das vermeintliche Zitat aus dem Interview ist frei erfunden.

Tatsächlich sagt Merkel in dem Interview: „Unser Land wird sich weiter verändern, und Integration ist auch eine Aufgabe für die Gesellschaft, die die Einwanderer aufnimmt. Wir haben uns über viele Jahre darüber Illusionen gemacht. Moscheen etwa werden stärker als früher ein Teil unseres Stadtbildes sein“. Dieses Zitat wählte die Frankfurter Allgemeine Zeitung für den zusammenfassenden Online-Artikel auch als Überschrift: „Moscheen werden Teil unseres Stadtbildes sein“.

Die Seite Jewsnews veröffentlicht „einige Falschnachrichten“, schreiben die US-amerikanischen Faktencheckern von Politifact in ihrer Liste von Webseiten, die Falschnachrichten verbreiten.

Unsere Bewertung:
Das Zitat ist frei erfunden. In dem Interview hat Angela Merkel 2010 gesagt, dass Moscheen ein Teil unseres Stadtbildes sein werden. Von einem islamischen Staat in Deutschland spricht sie nicht.