Profil

Cristina Helberg

Faktencheckerin

Im CORRECTIV.Faktencheck-Team recherchiert Cristina zu Desinformation im Netz und deckt fast täglich Falschnachrichten auf. Für die Faktencheck-Community-Redaktion Checkjetzt bildet sie Interessierte in Verifikation und Recherche aus. Für die NRW-Redaktion von CORRECTIV recherchierte sie zum Medizinskandal um unterdosierte Krebsmedikamente aus Bottrop und begleitete den anschließenden Gerichtsprozess, oft als einzige Journalistin im Saal. 2019 absolvierte Cristina eine Weiterbildung in investigativer Recherche an der Columbia University in New York. 2018 wurde sie vom Medium Magazin als “Top 30 bis 30″- Nachwuchsjournalistin ausgezeichnet. Vorher reiste sie um die Welt, studierte Lateinamerikanistik auf Kuba und in Köln, absolvierte die Zeitenspiegel Journalistenschule und arbeitete als freie Journalistin.

E-Mail: cristina.helberg(at)correctiv.org

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Dieses Video zeigt, wie mehrere Menschen einen Weihnachtsbaum demolieren. Es wurde aber nicht, wie behauptet, in Europa aufgenommen, sondern im Nahen Osten. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In einem bei Facebook verbreiteten Video wird behauptet, Geflüchtete und Muslime hätten einen Weihnachtsbaum in einem deutschen oder europäischen Einkaufszentrum zerstört haben, weil sie das christliche Symbol angeblich ablehnen. Das Video wurde jedoch in Ägypten aufgenommen. Mit Deutschland hat die Szene nichts zu tun.

Am 9. Dezember veröffentlichte ein Facebook-Nutzer ein Video, in dem zu sehen ist, wie Menschen in einem Einkaufszentrum einen Weihnachtsbaum hinaufklettern und den Schmuck entfernen und demolieren. Dazu schrieb er „Was Deutschland mit sich machen lässt“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 2.600 Mal geteilt. 

Das Video beginnt mit einer Frauenstimme aus dem Off: „Dramatische Szenen haben sich mitten in einem Kaufhaus in Europa abgespielt“. Tannenbäume und Weihnachtsartikel würden „mutwillig von Flüchtlingen wütend und mit brutaler Aggressivität zerstört“, weil sie als Muslime die christlichen oder jüdischen Artikel ablehnen würden. Später wird suggeriert, der Vorfall habe sich in Dortmund in einer Filiale der Kette Woolworth abgespielt. „Aus Rücksicht vor weiteren Konfrontationen hat Woolworth Dortmund sämtliche Weihnachtsartikel aus seinem Programm komplett herausgenommen“, sagt die Frauenstimme aus dem Off. Angela Merkel schweige zu dem Vorfall. 

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Zwei Sequenzen aus dem Video. Links wird suggeriert, die Szene habe sich in Dortmund abgespielt. (Screenshot: CORRECTIV).

Nein, diese Szene hat sich nicht in Deutschland abgespielt

Woolworth schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Das Video zeigt keine Woolworth-Filiale. Als deutsches Einzelhandelsunternehmen haben wir ein umfangreiches Weihnachtssortiment […]. Es gibt für uns keine Veranlassung, Weihnachtsartikel aus dem Verkauf zu nehmen.“

Die Antwort von Woolworth per E-Mail: „Das Video zeigt keine Woolworth Filiale“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Dezember 2018 kursierte dieselbe Videoszene schon einmal, nur die Behauptungen darüber wichen etwas ab. Dortmund wurde in dem Video nicht genannt. In unserem Faktencheck haben wir 2018 herausgefunden, dass die Szene nicht in Deutschland gefilmt wurde. Recherchen von Bussiness Insider, Le Monde oder Buzzfeed zeigen, dass es in der Mall of Arabia in Kairo, Ägypten, aufgenommen wurde. Das Originalvideo wurde am 4. Januar 2016 auf Youtube hochgeladen.

Für einen Artikel, der im November 2016 erschien, fragte Le Monde bei der Mall of Arabia nach. Laut dem Artikel antwortete die Mall, dass die Szene an Weihnachten 2015 stattfand und erklärte: „Das waren Kinder, die nicht wussten, was sie taten, und unser Sicherheitsteam kümmerte sich um sie, sobald sie sie sahen“.

Gegen eine generelle Ablehnung von Weihnachten spricht auch, dass die Mall 2015 und auch aktuell auf ihrer Facebook-Seite offensiv mit der Weihnachtsdekoration wirbt. 

Narrativ der „Kulturverdränung“ wird besonders vor Weihnachten genutzt 

Besonders vor Festen wie Weihnachten wird die Erzählung, die deutsche Kultur drohe durch den Islam verdrängt zu werden, für Falschmeldungen genutzt. Die angebliche Umbenennung des Nikolaus in „Zipfelmützenmann“ oder des Weihnachtsmann in „Jahresendfigur“ sind nur zwei der Falschmeldungen, die wir in diesem Zusammenhang schon geprüft haben. In unserer Artikelserie „Narrative der Desinformation“ geben wir einen Überblick über häufige Erzählungen hinter Falschmeldungen. 

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Falsch. Die Szene wurde in Ägypten aufgenommen und zeigt keine Geflüchteten in Deutschland.

Luegenpresse22
Der Artikel von New Swiss Journal behauptet: „Am meisten morden Täter mit Migrationshintergrund“. Dabei wird das Merkmal in der Kriminalstatistik gar nicht erfasst. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Eine Webseite behauptet unter Berufung auf Medienberichte, die meisten Mörder in Deutschland seien Menschen mit Migrationshintergrund. Für diese Behauptung gibt es keine Grundlage. In der Kriminalstatistik wird ein Migrationshintergrund nicht erfasst – genauso wenig die Religion.

Die Webseite New Swiss Journal veröffentlichte am 26. November einen Artikel, mit der Überschrift: „Mehr Lügenpresse geht nicht – Die meisten Morde an Frauen verüben Täter mit Migrationshintergrund“. Darin behauptet der Autor außerdem auch, „die meisten Mordanschläge auf Frauen, werden von Tätern mit Migrations- und muslimischem Religionshintergrund verübt.“ Die Aussagen beziehen sich laut Text auf Deutschland, nicht auf die Schweiz. 

Später änderte die Redaktion die Überschrift und sprach nun allgemein von Morden, nicht mehr nur Frauenmorden. In der URL ist die alte Überschrift noch zu lesen. Als Quellen nennt der Autor „deutsche Medien“. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel bisher mehr als 680 Mal bei Facebook geteilt.

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Der Artikel mit der ersten Überschrift, später änderte die Redaktion die Überschrift in: „Mehr Lügenpresse geht nicht – Am meisten morden Täter mit Migrationshintergrund“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundeskriminalamt: Statistik erfasst Migrationshintergrund nicht

Das Bundeskriminalamt schreibt auf Nachfrage von CORRECTIV zu den zwei Behauptungen per E-Mail: „Statistiken, anhand derer die von Ihnen mitgesendeten Behauptungen zu überprüfen wären, sind hier nicht bekannt. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden weder Migrations-, noch Religionshintergrund erfasst.“ 

Als Menschen mit Migrationshintergrund werden Zugewanderte oder deren Nachfahren bezeichnet

2018 gab es laut der Kriminalstatistik (Grundtabelle – Excel) 901 erfasste Fälle von Mord, davon waren 649 Versuche. Im Zusammenhang damit gab es 853 Tatverdächtige (Männer und Frauen), davon 329 „nichtdeutsche Tatverdächtige“. Mehr als die Hälfte der Verdächtigen hatte also die deutsche Staatsbürgerschaft. Von den Tatverdächtigen waren 746 Männer und 107 Frauen. 

Die im Text getroffene Behauptung zum überwiegenden Täteranteil mit Migrationshintergrund oder mit muslimischen Hintergrund lässt sich anhand dieser Daten nicht prüfen, da diese Information nicht erfasst wird. 

Das stellte die Bundesregierung auch in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD im Dezember 2018 fest. „Aussagen zu Tatverdächtigen bzw. Straftaten von Tatverdächtigen mit ‘Migrationshintergrund’ sind nicht möglich, da ein solches Merkmal in der PKS nicht abgebildet wird“, schrieb die Bundesregierung.  

Schon im Jahr 2008 stellte der fraktionslose Abgeordnete Henry Nitzsche folgende Frage an die Bundesregierung: „Wie hoch ist deutschlandweit der prozentuale Anteil ausländischer Straftäter und Täter mit Migrationshintergrund bei Mord, Totschlag, Körperverletzungsdelikten, insbesondere schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie Raubdelikten, insbesondere schwerem Raub?“ 

Die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs des Innenministeriums, Peter Altmaier,  vom 24. Januar 2008: „In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wird bei den Tatverdächtigen nur die Staatsangehörigkeit erfasst […]. Bei deutschen Tatverdächtigen ist deshalb keine Aussage zu früheren Staatsangehörigkeiten, nichtdeutschen Vorfahren oder ausländischen Geburtsorten (Migrationshintergrund) möglich.“

Die Antwort war also in den vergangenen Jahren immer die gleiche und gilt auch aktuell: Zu Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund lassen sich keine statistischen Aussagen treffen, weil das Merkmal in der Kriminalstatistik nicht erfasst wird.

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Unbelegt. In der Kriminalstatistik wird weder die Religion noch ein Migrationshintergrund erfasst.

Weihnachtsbaum
Diesen Facebook-Beitrag mit einer falschen Behauptung teilte eine Nutzerin am 2. Dezember. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Ist es schon so weit, dass wir aus Rücksicht auf Muslime keine Weihnachtsbäume mehr aufstellen dürfen? Eine Falschmeldung, die genau das behauptet, sorgt für Empörung. Nutzer wittern den Untergang deutscher Kultur, dabei war der Grund in diesem Fall ziemlich deutsch: Brandschutz.

„Um Muslime nicht zu reizen“: Diese Behauptung steht in roten Buchstaben auf dem Bild, das eine Facebook-Nutzerin am 2. Dezember veröffentlichte. Jemand hat den Halbsatz auf den Screenshot einer Artikel-Vorschau eines Textes der Augsburger Allgemeinen (kostenpflichtig) montiert. Darin berichtet die Redaktion, die Uniklinik Augsburg dürfe den Christbaum in der Empfangshalle nicht mehr aufstellen. Im zugehörigen Text macht die Redaktion auch klar, warum: wegen des Brandschutzes. Dies habe eine Klinikumssprecherin bestätigt. 

Dieser Hinweis fehlt in dem Facebook-Beitrag. 

Bisher wurde der Beitrag mit der Behauptung über Muslime mehr als 1.300 Mal geteilt. Wir haben die Fakten geprüft. 

Schon aus den ersten Sätzen des Artikels der Augsburger Allgemeinen Zeitung ist ersichtlich, dass die Feuerwehr den Baum verboten hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage erklärt der Pressesprecher der Feuerwehr Augsburg, Friedhelm Bechtel, gegenüber CORRECTIV am Telefon: „Es geht rein um den Brandschutz. Es handelt sich um einen Flucht- und Rettungsweg und Krankenhäuser sind ein besonders sensibler Bereich.“ Zusätzlich sei das Gebäude des Klinikums relativ alt und berge deshalb besondere Gefahren für Brände. Gegen einen künstlichen, schwer entflammbaren Baum habe die Feuerwehr aber keine Einwände. 

Beitrag nährt die Angst vor einer „Kulturverdrängung“

Unter dem Beitrag kommentierten Facebook-Nutzer unter anderem: „Verrat am eigenen Volk“,„Ich scheiße auf die Muslime“, „Die sind in unserem Land und sollen sich gefälligst an unsere Feiertage gewöhnen“, „Es ist unfassbar, wie wir Deutschen vor Moslems in die Knie gehen“ und „Sollte das stimmen, dann wäre es Zeit für einen Aufstand für die Freiheit des eigenen Volkes!!“

Die Meldung passt in ein Narrativ der Desinformation, das besonders vor Weihnachten jedes Jahr von Bloggern, Webseiten und Politikern genutzt wird, um Angst vor einer „Kulturverdrängung“ durch Andersgläubige, insbesondere Muslime, zu schüren. Was dahinter steckt und welche Falschmeldungen wir schon in diesem Zusammenhang geprüft haben, ist in unserem Hintergrundartikel zusammengefasst.  

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Falsch. Der Baum wurde wegen Brandgefahr von der Feuerwehr verboten.

GERMANY-EUROPE-US-DIPLOMACY-OBAMA
Barack Obama am 6. April 2019 bei einem Auftritt in Berlin (Symbolbild: John Macdougall/ AFP).

von Cristina Helberg

Ein aus dem Englischen übersetzter Artikel behauptet, es gebe Beweise für die gezielte Unterstützung der Terrororganisation durch die Obama-Regierung. Das ist falsch. Die Autoren des Original-Artikels haben sich bereits korrigiert. In Deutschland wird die Falschmeldung weiter geteilt.

Die Webseite News for friends veröffentlichte am 24. Oktober einen Artikel mit dem Titel „Freigegebene Dokumente: Obama befahl der CIA, ISIS auszubilden“. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.700 Mal auf Facebook geteilt. Wir haben die aufgestellte Behauptung geprüft. 

Der Artikel mit den falschen Behauptungen (Screenshot: CORRECTIV).

Auch US-Faktenchecker haben die Behauptung geprüft

Als Quelle gibt News for friends einen Artikel der US-amerikanischen Webseite Newspunch vom 28. Mai 2015 an. Diesen haben US-amerikanische Faktenchecker von Snopes im Oktober 2019 geprüft. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Behauptung größtenteils falsch ist. 

In ihrer Bewertung schreiben sie, richtig sei, dass einige Waffen aus einem CIA-Programm in den Händes von Kämpfern des IS landeten. Das hätten mehrere seriöse Berichte und Untersuchungen ergeben. Die Waffen seien demnach zuerst durch das Programm namens Timber Sycamore an syrische Rebellen geliefert worden, die gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpften. 

Weiter schreiben die Faktenchecker: „Der Diebstahl und Schmuggel der Waffen war jedoch unbeabsichtigt und nicht das Ergebnis einer absichtlichen Politik oder Anweisungen von Präsident Barack Obama oder einem Teil seiner Regierung, die tatsächlich ein separates Programm zur Bewaffnung und Ausbildung syrischer Rebellen im Kampf gegen den Islamischen Staat aufstellte.“

News for friends übernahm Korrektur des US-Artikels nicht 

Die Webseite Newspunch reagierte auf den Faktencheck und änderte die Überschrift, sowie fast den gesamten Artikeltext, nur der Teaser blieb gleich. In der älteren Version, die die Faktenchecker von Snopes am 28. Oktober 2019 archiviert haben, stimmen die Überschrift und der Artikeltext mit dem deutschen Text von News for friends überein. Die deutsche Seite hat den Text also offenbar vor der Korrektur kopiert und am 24. Oktober veröffentlicht. Bis zur Veröffentlichung dieses Faktenchecks wurden die nachträglichen Korrekturen in der Version von News for friends nicht berücksichtigt. Dort fehlen die geänderte Überschrift, die im englischen Artikel nun lautet: „Freigegebene Dokumente: Obamas CIA hat unabsichtlich ISIS bewaffnet“, ein Korrekturhinweis und der gesamte geänderte Artikeltext. 

Im Korrekturhinweis von Newspunch steht: „Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Obama die CIA angewiesen habe, ISIS zu trainieren. Das ist eine Übertreibung der Fakten. Es ist zwar wahr, dass das Gesamtmanagement der Obama-Administration dazu geführt hat, dass Waffen in die Hände einiger ISIS-Kämpfer fielen, aber es ist nicht wahr, dass er ‘der CIA befohlen hat, ISIS auszubilden’. Die Überschrift und der Artikel wurden aktualisiert, um dieser Tatsache Rechnung zu tragen.“

Und was steckt hinter den Dokumenten, die Obamas Befehl angeblich belegen? 

Die Überschrift von News for friends „Freigegebene Dokumente: Obama befahl der CIA, ISIS auszubilden“, suggeriert, es gebe Dokumente, die die Behauptungen belegen. Weiter heißt es im Artikel: „Der Regierungswächter Judicial Watch veröffentlichte mehr als 100 Seiten früher klassifizierter Dokumente des US-Verteidigungsministeriums und des Außenministeriums.“ Auch in zwei verlinkten Artikeln, die Newspunch in der älteren Artikelversion als Quellen angab, wird auf diese Dokumente verwiesen. Dort wird aus den Dokumenten auch ein konkretes Dokument als Quelle benannt: ein Bericht des Verteidigungsministeriums. 

Richtig ist, dass die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Judicial Watch 2015 über Auskunftsklagen Dokumente der US-Regierung erhalten hat, darunter den Bericht des Verteidigungsministeriums von 2012. In dem Bericht geht es um die Situation im Irak, auch Syrien wird thematisiert, wo seit 2011 ein Bürgerkrieg herrschte. Auf diesen Bericht beruft sich Newspunch, stellt den Inhalt aber irreführend dar. 

Das US-Verteidigungsministerium warnt in dem Bericht tatsächlich deutlich vor einem Erstarken von Al Qaida. In dem Dokument steht, Al Qaida habe die syrische Opposition von Anfang an unterstützt und die „westlichen Staaten“ würden die Opposition unterstützen. Obama hatte die Unterstützung der syrischen Rebellen 2012 auch offen erklärt

Aus dem Dokument geht jedoch nirgends hervor, dass die US-Regierung Terroristen trainieren oder unterstützen wollte. Im Gegenteil: Unter Punkt 8 steht: „Die Verschlechterung der Situation hat verheerende Auswirkungen auf die irakische Situation und stellt sich wie folgt dar: 1. Dies schafft die ideale Atmosphäre für AQI [Anmerkung d. Red.: Al Qaida im Irak], um in ihre alten Besitztümer in Mosul und Ramadi zurückzukehren […]. ISI (Islamischer Staat des Irak, ein Vorläufer des Islamischen Staates des Irak und der Levante oder IS) könnte durch seine Verbindung mit anderen terroristischen Organisationen im Irak und in Syrien auch einen Islamischen Staat erklären, was eine große Gefahr für die Einheit des Irak und den Schutz seines Territoriums darstellen wird.“

Auszug aus einem von der US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Judicial Watch veröffentlichten Dokument des US-Verteidigungsministeriums (Screenshot: CORRECTIV).

Snopes schreibt über die Seite Newspunch, es handele sich um „eine Webseite, die früher YourNewsWire hieß und dafür bekannt ist, Junk-News sowie sensationelle Verzerrungen echter Nachrichten zu veröffentlichen.“

Auch die Seite News for friends haben wir bereits häufiger geprüft und immer wieder Falschmeldungen gefunden (hier und hier). 

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Falsch. Obama hat die CIA nicht angewiesen, ISIS zu trainieren

GERMANY-POLITICS-GOVERNMENT-EUROPE-MIGRATION-PARLIAMENT
Anton Hofreiter bei einer Rede am 4. Juli 2018 im Bundestag. (Symbolbild: Omer Messinger / AFP)

von Cristina Helberg

Auf Facebook wird ein angebliches Zitat des Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Anton Hofreiter, geteilt. Eine Quellenangabe fehlt. Hofreiters Sprecher dementiert den Satz und auch wir konnten keine Hinweise dafür finden, dass er stimmt.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 28. November ein Zitatbild mit einem Foto von Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag. Neben dessen Bild steht der Satz: „Wir können kriminelle Flüchtlinge nicht einfach so abschieben, denn mit dem, was sie bei uns tun, müssen sie in ihren Ländern mit Konsequenzen rechnen“. Das Zitatbild suggeriert, Hofreiter habe den Satz gesagt. Der Facebook-Beitrag wurde bisher mehr als 820 Mal geteilt. Auch bei Instagram teilte eine Nutzerin das Bild samt Zitat. 

Wir haben die Behauptung geprüft. 

Das falsche Zitat in einem Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Facebook-Beitrag ist keine Quelle für das vermeintliche Zitat angegeben. Auf Anfrage von CORRECTIV schrieb ein Sprecher der Grünen per E-Mail: „Es handelt sich um kein Zitat von Anton Hofreiter.“

Auch eine Googlesuche nach dem Zitat und eine Suche im Google News Archiv ergab keine Treffer.

Das Foto stammt aus einem Artikel der Münchner Abendzeitung  

Eine Rückwärtssuche bei Google nach dem Foto von Hofreiter führt zu einem Artikel der Münchner Abendzeitung vom 3. Juli 2019: einem Interview mit dem Grünen-Politiker. Das Artikelbild des Fotografen Daniel von Loeper ist identisch zu dem des Facebook- und Instagram-Beitrags, nur das Zitat fehlt. Auch im Text taucht ein solches Zitat nicht auf. 

Das Originalbild in der Münchner Abendzeitung. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die DPA hat den Facebook-Beitrag geprüft und kam zu dem Ergebnis, dass das Zitat falsch ist. 

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Falsch. Es gibt keine Hinweise, dass dieses Zitat stimmen könnte. Hofreiters Sprecher dementierte es.

BlackFriday
Dieses Bild wird von Nutzern auf Facebook geteilt und soll als angeblicher Beleg dienen, dass der „Black Friday“ im Sklavenhandel entstanden sei. Das ist falsch. Tatsächlich zeigt es gefangene Aborigines in Australien. (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Immer wieder behaupten Menschen im Netz, der Begriff „Black Friday“ sei entstanden, weil an diesem Tag ursprünglich Sklaven verkauft wurden. Das ist falsch.

Am „Black Friday“ locken zahlreiche Geschäfte mit besonders hohen Rabatten, besonders in den USA, aber auch zunehmend in Deutschland. Doch woher stammt die Bezeichnung „Black Friday“? Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte dazu am diesjährigen „Black Friday“, dem 29. November, eine Theorie. Das von ihm veröffentlichte Foto zeigt mehrere schwarze Männer, die mit Ketten um den Hals gefesselt sind und in Reihen hintereinander stehen, darunter steht „Black Friday“ und die Behauptung: „Der Begriff ‘Black Friday’ entstand aus der Praxis, Sklaven am Tag nach Thanksgiving zu verkaufen.“ 

Das ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag vom 29. November 2019. Der Beitrag wurde 175 Mal auf Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Das sagt ein Professor für Nordamerikanische Geschichte

Jedes Jahr vor dem „Black Friday“ taucht die Behauptung wieder auf. Wir haben sie bereits 2018 in einem Faktencheck geprüft und auch mit einem Historiker gesprochen. Norbert Finzsch war damals Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Köln. Mittlerweile lehrt er dort nicht mehr

Norbert Finzsch schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „An dem Gerücht ist nichts dran. Der innere Sklavenhandel wurde 1865 abgeschafft und der Begriff ‘Black Friday’ taucht zum ersten Mal 1951 auf. Er stammt aus der Praxis amerikanischer Arbeiter, sich am Freitag nach Thanksgiving krank zu melden, um vier hintereinander liegende Feiertage zu haben.“

Außerdem gibt es laut dem Professor für Nordamerikanische Geschichte noch eine weitere Herleitung. Demnach stammt der Begriff von der Verkehrspolizei des Philadelphia Police Department. Die Polizisten bezeichneten damit den Tag der schlimmsten Staus im Jahr, zu denen es immer am Freitag nach Thanksgiving kam. Das schrieb Joseph P. Barrett am 25. November 1994 in der Zeitung The Philadelphia Inquirer

Auch die Faktenchecker von Snopes haben die Behauptung schon 2013 geprüft und für falsch befunden.

Das Bild zeigt versklavte Menschen in Australien 

Das für die Falschmeldung genutzte Bild lässt sich über eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google zurückverfolgen. Gleich die ersten zwei Suchtreffer führen zu einem Buch mit dem Foto als Titelbild. Der Titel des Buches lautet: „Every Mother’s Son is Guilty: Policing the Kimberley Frontier of Western Australia 1882-1905“. Laut Beschreibung des Verlags handelt das Sachbuch von der Gewalt der kolonialen Besiedlung und des damit verbundenen Polizei- und Strafrechtssystems in Westaustralien gegenüber Aborigines von 1882 bis 1905. 

Auch die Faktenchecker von Lead Stories haben den aktuellen Facebook-Beitrag geprüft und sind dabei auf eine Bildbeschreibung in der britischen Zeitung Guardian gestoßen: „Das Foto zeigt etwa 100 Gefangene, Männer und Jungen der Aborigines, die an ihren Hälsen gefesselt sind, in Wyndham, der kleinen Hafenstadt des späten 19. Jahrhunderts, die für die Viehzucht und den Bergbau der Kimberley gegründet wurde. Das Bild wurde zwischen 1898 und 1906 aufgenommen.“

Eine Rezension des Buches über Australien samt einer Beschreibung des Titelbildes in der britischen Zeitung Guardian (Screenshot: CORRECTIV).

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Völlig falsch. Der Begriff „Black Friday“ hat nichts mit der Geschichte des Sklavenhandels zu tun.

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Als Reaktion auf eine Falschmeldung, der Schokoladen-Weihnachtsmann werde in einem Supermarkt zu „Jahresendfigur“ umbenannt, fragte ein Facebook-Nutzer: „Warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen?“ (Symbolhafte Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Cristina Helberg

„Zipfelmützenmann“ statt Nikolaus, „Traditionsrose“ statt Pfingstrose und „Traditionshasen“ statt Osterhasen: Gehen Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Das Narrativ nutzen Rechte rund ums Jahr zu verschiedenen Anlässen – oft dienen Falschmeldungen als vermeintliche Belege.

Die Schokoladen-Weihnachtsmänner im Supermarktregal sehen aus wie jedes Jahr, nur das Preisschild nicht: „Jahresendfigur“ steht dort. Ein Foto davon veröffentlichte ein Nutzer Mitte November auf Facebook, zusammen mit der Behauptung, es zeige das neue Sortiment einer großen Supermarktkette in Deutschland. Eine Falschmeldung, wie unsere Recherche ergab. Doch die Empörung lies im Netz nicht lange auf sich warten und die Wenigsten hinterfragten das Foto. 

Unter dem Beitrag kommentierten Nutzer: „Unfassbar… warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen???“, „Aber eine Islamisierung findet nicht statt..“, „Unfassbar wie wir auf Muslime Rücksicht nehmen Sie aber auf uns überhaupt nicht“, „Bitte lasst die Jahresendfigur in den Regalen, genauso wie den Winterstern“ und „Wer sowas kauft sollte einen Stempel in den Ausweis bekommen als Deutschlandhasser“.  

Obwohl im Originalbeitrag nichts von Muslimen stand, war das Foto für viele Kommentatoren der vermeintliche Beweis für einen drohenden Untergang der deutschen Kultur. Und das hat einen Grund: Rechte Webseiten, Blogger und Politiker wiederholen  diese Erzählung seit Jahren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Traditionelle deutsche Produkte und christliche Traditionen werden angeblich aus Rücksicht auf Andersgläubige neutral umbenannt. 

„Lichterfeste, Wintermärkte und abgesagte Weihnachtsfeiern – Alice Weidel: ‘Wie lange dürfen wir Weihnachten noch feiern?’ “, Schlagzeile der Webseite PI-News vom 20. Dezember 2017 (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Taktik steckt hinter den Falschmeldungen

Durch immer wiederkehrende Falschmeldungen soll im Kopf der Leser ein bestimmtes Narrativ dauerhaft verfestigt werden: Andersgläubige bedrohten unsere Kultur. Toleranz führe zur Aufgabe deutscher Traditionen. Neben einer angeblichen Kulturverdrängung durch Andersgläubige gibt es zahlreiche andere Erzählmuster der Desinformation: Erzählungen über eine angebliche Manipulation und Zensur der Presse und Sozialen Netwerken, die Ankündigung eines „Bevölkerungsaustauschs“, der Deutsche gegenüber Geflüchteten und Migranten zur Minderheit mache, und Behauptungen über eine drohende Islamisierung. 

Vor Weihnachten wird von all diesen Narrativen besonders gerne das der drohenden Kulturverdrängung ausgespielt – so wie im Fall der Weihnachtsmänner. Aber auch rund um das Jahr gilt: Wo eine deutsche Tradition ansteht, sind auch Desinformanten nicht weit. 

Auch Ostern und Pfingsten sind angeblich bedroht

Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkte – zu all diesen Produkten kursierten schon Falschmeldungen, sie seien im Sinne der Toleranz umbenannt worden. 

Mindestens seit 2015 teilen Faceboook-Nutzer die falsche Behauptung, aus „Respekt vor der islamischen Kultur“ würden die Grünen den Namen des Nikolauses in „Zipfelmützenmann” ändern wollen, wir veröffentlichten dazu einen Faktencheck. Den Untergang des Abendlandes befürchteten viele Menschen auch im November 2017, als eine Weihnachtsstern-Pflanze angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Damals stellte der vertreibende Baumarkt klar, dass es sich um zwei unterschiedliche Pflanzen handelte, wie die Faktenchecker von Mimikama recherchierten. Trotzdem griffen rechte Internetseiten das Thema dieses Jahr wieder auf, wie Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen. 

Der Facebook-Kommentar eines Baumarktes zu Vorwürfen, der Weihnachtsstern sei in Liebesstern umbenannt worden (Screenshot: CORRECTIV).

Die österreichische Zeitung Wochenblick behauptete im Mai 2018, „wegen Muslimen“ würden Blumenläden die christliche Bezeichnung „Pfingstrose“ in „Traditionsrose“ ändern. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Blumenläden gab es gar nicht, wie unser Faktencheck zeigte. Auch Schoko-Osterhasen gerieten schon in das Visier der Verteidiger des Abendlandes, weil sie auf Kassenbons als Traditionshasen gelistet wurden. Was dahinter steckt, haben wir in diesem Faktencheck im März 2018 aufgeschrieben.  

Im November 2018 lehnten sich Betreiber einer Facebook-Seite besonders weit aus dem Fenster und behaupteten, Weihnachten werde abgeschafft, weil auf einem Plakat ein Weihnachtsmarkt als Lichtermarkt angekündigt wurde und das Kind auf dem Plakat nicht weiß war. Die Geschäftsführerin des betroffenen Weihnachtsmarktes in Elmshorn erklärte uns damals: „Der Markt hat auf jeden Fall einen christlichen Hintergrund.“ Er sei ein traditioneller, klassischer Weihnachtsmarkt. Den Namen Lichtermarkt gebe es seit 2007. Der Grund: 120.000 Lichtpunkte in der Weihnachtsbeleuchtung seien ein Alleinstellungsmerkmal. Der Name war demnach nicht gewählt, um sich zu distanzieren. Und Weihnachten wurde 2018 auch gefeiert.

Nicht immer waren Meldungen über Umbenennungen, die wir geprüft haben, also frei erfunden. Manchmal waren sie aus dem Kontext gerissen oder es gab bestimmte Gründe für die Begriffe.

Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz 

Die Amadeu-Antonio Stiftung veröffentlichte 2017 den Bericht „Toxische Narrative – Monitoring rechts-alternativer Akteure“. Die Stiftung ist laut einem Sachstands-Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2018 „eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Heidelberg, die sich für eine demokratische Zivilgesellschaft einsetzt und sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“

In dem Bericht der Stiftung werden Narrative beschrieben, die zehn untersuchte „rechts-alternativen“ Webseiten, darunter PI-News und Compact Magazinam häufigsten nutzten. Dazu gehörte auch das Narrativ „Bedrohung von außen“, also Erzählungen darüber, dass Deutschen Gefahr durch Nicht-Deutsche drohe. 

Gezeichnet werde damit das Bild eines angeblichen Angriffs auf deutsche Identität und Kultur, die durch „Volksaustausch“ und „Islamisierung“ bedroht seien. „Konkret sind dies zum Beispiel Erzählungen darüber, dass in Kindergärten kein Weihnachten mehr gefeiert werden dürfe oder der Weihnachtsmarkt in Wintermarkt umbenannt werden müsse. Durch solche Erzählungen wird Toleranz negativ überspitzt und als nachteilig für die eigene Identität inszeniert“, schreibt die Amadeu-Antonio Stiftung. 

Aber nicht nur von Andersgläubigen und Zugezogenen wird die deutsche Tradition in dieser Logik bedroht. Es gebe auch Varianten, in denen für diese Angriffe nicht „Fremde“, sondern der politische Gegner verantwortlich gemacht würden, schreibt die Stiftung. „Häufig sind es Erzählungen darüber, dass zum Beispiel die Grünen etwas fordern würden, das konträr zur deutschen Kultur stünde.“ Womit wir wieder beim „Zipfelmützenmann“ wären. 

Die AfD und der Osterhase

In ihrem Bericht untersuchte die Stiftung auch die Facebook-Seite der Bundes-AfD. Die „Bedrohung von außen und innen“ waren dort die zwei am häufigsten genutzten Narrative. In 15 Beiträgen im Untersuchungszeitraum thematisierte die AfD angebliche Angriffe auf deutsche Kultur und Identität. 

Auch auf die weiter oben erwähnte Meldung zum umbenannten Schoko-Osterhasen war die Partei damals aufgesprungen. Der damalige AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen schrieb in einem Facebook-Beitrag: „Unser Land ist christlich geprägt, nicht islamisch; deshalb heißt es bei uns Osterhase, Osterei und Osterfest – nicht dagegen Traditionshase, Traditionsei und Traditionsfest.“

Facebook-Beitrag von Jörg Meuthen vom 29. März 2018 (Screenshot: CORRECTIV)

Unglücklich nur, dass die AfD selbst ihre parteieigenen Schoko-Osterhasen 2017 als „Schokohasen“, statt „Osterhasen“ bezeichnet hatte. Erst nach der öffentlichen Diskussion benannte die AfD sie im März 2018 in ihrem Facebook-Beitrag um: in „Schokoosterhasen“. Die Umbenennung ist im Bearbeitungsverlauf des Facebook-Beitrags weiter sichtbar.

Bearbeitungsverlauf des AfD-Facebook-Beitrags (Screenshot: CORRECTIV)

Wenn Sie das nächste Mal von umbenannten Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkten lesen, handelt es sich also mit großer Wahrscheinlichkeit um eine neue deutsche Tradition: Falschmeldungen, die vorgeben, das Abendland zu verteidigen.

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Eine Auswahl unserer Faktenchecks, die im November besonders relevant waren. (Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Bei unserer Arbeit als Faktenchecker sehen wir im Netz jeden Tag Meldungen und Bilder, die darauf ausgelegt sind, nur bestimmte Bevölkerungsgruppen zu erreichen und gegen andere aufzuhetzen. Oft sind Nutzer verunsichert – inzwischen erreichen uns viele Einreichungen mit der Bitte, Behauptungen zu prüfen. In unserer monatlichen Übersicht geben wir einen Einblick in die Welt der Gerüchte.

Unsere Faktenchecks zu den vier meist-geteilten Behauptungen, die wir im November geprüft haben

Nein, dieser Kleintransporter beförderte keine gestohlenen Hunde für Kämpfe in Europa

Ein Facebook-Nutzer warnt, dass Hundediebe in einem weißen Mercedes-Sprinter mit spanischen Kennzeichen „unsere Hunde für Hundekämpfe rund um Europa“ transportieren würden. Diese Behauptung ist falsch, trotzdem kursiert sie seit langer Zeit und in mehreren Sprachen in den Sozialen Netzwerken.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 30.000 Mal geteilt.

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Doch, deutsche Medien haben über die Bauernproteste in den Niederlanden berichtet

Auf Facebook verbreiten Nutzer falsche Behauptungen über die Bauernproteste in den Niederlanden  im Oktober. Es stimmt nicht, dass deutsche Medien diese ignoriert hätten. Und es gibt auch keine Pläne der niederländischen Regierung, 50 Prozent der Bauern die Arbeit wegzunehmen.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 14.000 Mal geteilt.

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Spanien: Keine Belege für Quälerei von Stieren vor Stierkämpfen

Eine Facebook-Seite veröffentlichte einen Beitrag, laut dem Stiere vor traditionellen Stierkämpfen angeblich tagelang gequält werden. Darüber hinaus wird suggeriert, die Kämpfe würden mit deutschen Steuergeldern subventioniert. Wir haben nachgefragt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 10.000 Mal geteilt.

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Nein, Trump nannte die Republikaner 1998 im „People Magazine“ nicht „dümmste Gruppe von Wählern“

Im Netz verbreitet sich seit Jahren eine angebliche abfällige Bemerkung Donald Trumps über republikanische Wähler. Doch das Zitat ist falsch.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 9.000 Mal geteilt.

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„Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin“: Ein unbelegtes Zitat von Angela Merkel und seine Geschichte

Seit 2015 kursiert eine angebliche Aussage von Angela Merkel aus einer Fraktionssitzung der Union. Sie wird als wörtliches Zitat verbreitet – doch eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht. Denn die Sitzungen sind nicht öffentlich.
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Das Foto aus dem Facebook-Beitrag kursiert mindestens seit 2017 (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Wie jedes Jahr vor Weihnachten kursiert auch dieses Jahr wieder die Behauptung, Supermärkte würden traditionelle Weihnachtsprodukte unter neutralen Namen vertreiben. Das Narrativ und die Falschmeldung zu den Weihnachtsmännern sind nicht neu.

Gehen christliche Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Besonders vor christlichen Feiertagen und Festen versuchen Webseiten im Netz immer wieder dieses Narrativ zu verbreiten. In diesem Fall veröffentlichte ein Facebook-Nutzer am 17. November ein Bild von Schoko-Weihnachtsmännern in einem Einkaufsregal. Auf dem Preisschild steht als Warenbezeichnung angeblich „Jahresendfigur“. Zu dem Bild schrieb er den Kommentar: „Neu bei Netto“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 350 Mal geteilt. 

Wir haben den Beitrag überprüft. 

Der Facebook-Beitrag vom 17. November 2019 (Screenshot: CORRECTIV).

Netto und Lindt dementieren die Bezeichnung „Jahresendfigur“

Den Namen „Netto“ führen in Deutschland zwei Supermarktketten: Netto Marken-Discount AG & Co. KG mit rot-gelbem Schriftzug und Netto ApS & Co. KG mit schwarzem Schriftzug und Hunde-Logo. Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV haben beide Unternehmen dementiert, dass das Preisschild von ihnen stammt 

Die vom letzteren Markt beauftragte Agentur Public Link antwortete: „Das Preisschild stammt nicht von unserem Kunden Netto ApS & Co. KG.“ Christina Stylianou, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Netto Marken-Discount AG & Co. KG, antwortete auf unsere Anfrage: „Die Schokoladenweihnachtsmänner unserer beliebten Eigenmarke Santa Claus in town als auch die Markenprodukte der Firma Lindt werden bei uns unter der Bezeichnung ‘Weihnachtsmann’ geführt.“

Auch Lindt selbst hat sich auf unsere Presseanfrage von der Bezeichnung „Jahresendfigur“ distanziert: „Wir bieten dieses Produkt als ‘Lindt Weihnachtsmann’ an. Der Lindt Weihnachtsmann ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil unseres Weihnachtssortiments und es ist nicht geplant, unseren […] beliebten Weihnachtsmann umzubenennen. Die Bezeichnung des Produktes auf dem Preisschild im Lebensmitteleinzelhandel ist in der Verantwortung des Händlers.” 

Wir haben den Barcode geprüft 

Um die Angaben zu prüfen, haben wir den Barcode, der in dem Facebook-Beitrag zu sehen ist, mit der App „CodeCheck“ eingescannt. Die Produktbeschreibung in der App lautet: „Lindt, Weihnachtsmann“. 

Produktbeschreibung des Barcodes aus dem Facebook-Beitrags in der App „CodeCheck“ (Screenshot: CORRECTIV).

Außerdem haben wir am 20. November stichprobenartig das Preisschild für Weihnachtsmänner in einem Netto Marken-Discount AG & Co. KG-Supermarkt in Düsseldorf überprüft. Dort wird die Schokoladenfigur zum selben Preis ebenfalls als „Weihnachtsmann“ bezeichnet. 

Preisschild in einem Netto-Markt in Düsseldorf am 20. November 2019 (Foto: CORRECTIV).

Rechtes Narrativ: Traditionelle Weihnachtsprodukte werden angeblich neutral umbenannt

Das Bild samt der Behauptung ist nicht neu. Die Faktenchecker von Mimikama berichteten bereits im Dezember 2017 darüber. In das Narrativ, das mit solchen Meldungen genährt werden soll, passen auch andere Falschmeldungen aus den vergangenen Jahren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Traditionelle deutsche Produkte und christliche Traditionen werden angeblich aus Rücksicht auf Andersgläubige neutral umbenannt. 

Debatten gab es im November 2017 um eine Weihnachtsstern-Pflanze, die angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Auch das war falsch, wie Mimikama damals recherchierte. Dieses Jahr griffen rechte Internetseiten das Thema wieder auf, wie Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen. 

Im November 2018 haben wir in einem Faktencheck erklärt, dass die Grünen entgegen anderer Behauptungen nie forderten, den Namen des Nikolaus in „Zipfelmützenmann” zu ändern. Weihnachten sollte auch nicht abgeschafft werden, als die Stadt Elmshorst ihren traditionellen Weihnachtsmarkt im selben Monat als „Lichtermarkt“ ankündigte. 

Schoko-Osterhasen gerieten ebenfalls schon in den Fokus, weil sie auf Kassenbons als „Traditionshasen“ gelistet wurden. Was dahinter steckte, haben wir in diesem Faktencheck im März 2018 aufgeschrieben. Und auch die christliche Bezeichnung „Pfingstrose“ sollte nicht von Blumenläden in „Traditionsrose“ umbenannt werden, wie eine Seite im Mai 2018 behauptete. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Beide deutschen Netto-Supermarktketten haben das Preisschild dementiert. Bei einem stichprobenartigen Besuch eines Marktes in Düsseldorf fanden wir die Bezeichnung „Weihnachtsmann“ vor.

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Der ehemalige ARD-aktuell-Chefredakteuer Kai Gniffke im Jahr 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Seit 2015 taucht im Netz immer wieder ein angebliches Zitat von Kai Gniffke auf, in dem er vermeintlich die öffentlich-rechtlichen Medien diffamiert. Der Spruch ist frei erfunden und entstand wohl ursprünglich als Aprilscherz.

Die Facebook-Seite „Gelbe Westen Berlin“ veröffentlichte am 12. November eine Collage mit einem angeblichen Zitat des langjährigen ARD-aktuell Chefredakteur Kai Gniffke. Er soll laut der Collage gesagt haben: „Ich kann diese Lügen und Manipulationen der deutschen Öffentlichkeit nicht länger ertragen und erkläre hiermit meine sofortige Kündigung“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 400 Mal geteilt. 

Wir haben das angebliche Zitat geprüft. 

Der Facebook-Beitrag vom 12. November 2019 (Screenshot: CORRECTIV).

SWR und NDR dementieren das Zitat

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV haben sowohl der NDR als auch der SWR das Zitat dementiert. Für den NDR war Kai Gniffke 16 Jahre lang bis zum 8. August 2019 bei ARD-aktuell Chefredakteur und in dieser Position verantwortlich für die Sendungen Tagesschau und Tagesthemen. NDR-Pressesprecher Frank Jahn schrieb uns per E-Mail: „Dieses Zitat ist frei erfunden.“ 

Seit September 2019 ist Gniffke Intendant des SWR. Er arbeitet also weiter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch der Pressesprecher des SWR, Wolfgang Utz, schrieb uns per E-Mail: „Das ist natürlich ein Fake, der schon 2016 ein solcher war und durch die Wiederholung nicht wahrer und nicht witziger wird.“

Kai Gniffke selbst schrieb in seiner Abschiedskolummne auf der Seite der Tagesschau außerdem nichts von angeblichen „Lügen und Manipulationen“, wie ihm auf dem im Netz geteilten Bild unterstellt wird. Stattdessen schrieb er: „Nach 16 Jahren verlasse ich die Redaktion, die ich das Glück und die Ehre hatte, 16 Jahre lang leiten zu dürfen. Ich hatte richtig Schiss vor diesem Tag. Denn es fällt mir emotional ganz, ganz schwer. […] Ich habe immer Stolz empfunden, hier zu arbeiten. […] Die Tagesschau hat einen gesellschaftlich ganz wichtigen Auftrag und wird ihn bestimmt glänzend erfüllen.“  

Mimikama berichtete schon 2016 über das falsche Zitat 

Eine Google-Suche nach dem angeblichen Zitat führt auch zu einem Faktencheck der österreichischen Webseite Mimikama vom 4. Oktober 2019. Die Redaktion stufte das Zitat erstmals 2016 als falsch ein. Damals war es von der Seite Propagandaschau als vermeintlicher Aprilscherz verbreitet worden. Mimikama schrieb: „Im Gegensatz zu vielen anderen Aprilscherzen, nimmt man bei der Webseite ‘Propagandaschau’ augenscheinlich wohlwollend in Kauf, dass die Leser diesen ‘Scherz’ einfach mal für wahr halten und weitergeben, so wie auch alle Blogs, die sich auch die ‘Propagandaschau’ beziehen.“ Mimikama fragte damals auch bei der Tagesschau nach, die das Zitat dementierte. 

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Zitat ist frei erfunden. Kai Gniffke arbeitet weiter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seit September 2019 als Intendant für den SWR.

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Der US-Präsident Donald Trump bei einer Rede im Economic Club in New York City am 12. November 2019. (Symbolbild: Brendan Smialowski / AFP)

von Cristina Helberg

Im Netz verbreitet sich seit Jahren eine angebliche abfällige Bemerkung Donald Trumps über republikanische Wähler. Doch das Zitat ist falsch.

Der deutsche Schauspieler Jan Josef Liefers veröffentlichte am 9. November 2016 auf Facebook eine Zitat-Collage mit einer angeblichen Äußerung von Donald Trump auf Englisch. Demnach soll er 1998 gesagt haben: „Wenn ich kandidieren würde, würde ich als Republikaner kandidieren. Sie sind die dümmste Gruppe von Wählern im Land. Sie glauben alles auf Fox News. Ich könnte lügen und sie würden es immer noch schlucken. Ich wette, meine Zahlen wären fantastisch.“ 

Als Quelle ist auf der Collage das US-amerikanische People Magazine angegeben. Zu dem Zitat schrieb Jan Josef Liefers auf seinem verifizierten Facebook-Profil: „Und so ist es nun gekommen.“ Der Beitrag wurde seit 2016 mehr als 9.700 Mal geteilt, auch mehrere Male in den letzten Tagen. Wir haben das angebliche Zitat geprüft. 

Der Beitrag von Jan Josef Liefers vom 9. November 2016 (Screenshot: CORRECTIV).

Nutzer teilen vermeintliches Zitat seit 2015

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete Julie Farin, eine Sprecherin des People Magazine: „PEOPLE untersuchte dies gründlich, als es erstmals im Oktober 2015 auftauchte. Wir haben jede Trump-Geschichte in unserem Archiv durchgesehen. Wir konnten nichts im entferntesten Ähnliches wie dieses Zitat finden – und überhaupt kein Interview im Jahr 1998.“

Die Antwort des People Magazine per E-Mail auf eine Presseanfrage von CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV).

US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes recherchierten schon im Oktober 2015 zu dem angeblichen Zitat, fanden jedoch keine Hinweise, dass Trump diesen oder einen ähnlichen Satz gesagt hat. Die Faktenchecker der US-Nachrichtenagentur Associated Press prüften das Zitat ebenfalls im Juni 2019, mit demselben Ergebnis.  

Auch während unserer Recherchen konnten wir keine Hinweise auf ein solches Zitat von Donald Trump finden, weder über eine Google-Suche nach dem Zitat auf der Webseite des People Magazine, noch bei Google News oder im Google News Archiv

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Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt keine Hinweise, dass Donald Trump den Satz dem People Magazine oder an anderer Stelle gesagt hat.

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In Neu-Anspach in Hessen wurde am 1. November ein Mann von mehreren Männern verletzt. (Foto: Symbolbild / lapping / pixabay)

von Cristina Helberg

In einem Artikel von Truth24 wird behauptet, eine „Syrer-Gang“ habe einen Mann in Neu-Anspach in Hessen verletzt. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann verletzt zu haben. Ein dritter möglicher Mittäter ist bisher unbekannt.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 2. November einen Artikel mit der Überschrift „Syrer-Gang schießt und sticht Mann in Neu-Anspach mit Messer krankenhausreif“. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 400 Mal auf Facebook geteilt. 

Bis auf die Überschrift, den Teaser und die Zwischenüberschrift ist der Text fast exakt aus einer Pressemitteilung der Polizei Bad Homburg vom 1. November übernommen worden. Die Polizeimeldung ist auch verlinkt. Daraus geht hervor, dass ein Mann am 1. November am Bahnhof in Neu-Anspach in Hessen mit einem Messer schwer verletzt wurde. „Aus bislang ungeklärter Ursache“ hätten ihn mehrere Männer angegriffen. Ein Tatverdächtiger mit syrischer Staatsbürgerschaft sei festgenommen worden. 

Truth24 ändert Pressemitteilung der Polizei

An zwei Stellen hat Truth24 jedoch Änderungen an dem Text der Polizei vorgenommen. Aus „durch mehrere Männer angegriffen“ macht Truth24 „durch eine Männerhorde angegriffen“. Und aus „den weiteren Tatbeteiligten“ werden die „weiteren Tatbeteiligten, die der Gang des Syrers angehören“. 

Außerdem suggeriert die Überschrift von Truth24, die Tatverdächtigen hätten auf das Opfer geschossen. Auf Nachfrage von CORRECTIV schreibt die Polizei Bad Homburg per E-Mail: „Wie in der ersten Pressemeldung berichtet, wurde mit der Waffe nach bisherigen Erkenntnissen in die Luft geschossen.“ Womit geschossen wurde, sei unklar.

Am 5. November, also nachdem der Artikel auf Truth24 erschienen war, veröffentlichte die Polizei Bad Homburg gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft eine weitere Pressemitteilung zu dem Fall und berichtete von der Verhaftung eines zweiten Tatverdächtigen. „Der 22 Jahre alte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit steht im Verdacht, gemeinsam mit einem bereits am Freitagmorgen festgenommenen 23-Jährigen sowie einem weiteren, noch unbekannten Mann den 25-Jährigen am Bahnhof angegriffen und schwer verletzt zu haben“, steht in der Mitteilung. 

Die Nationalität der Tatverdächtigen war – bis auf den 23-jährigen Syrer – zum Zeitpunkt, als Truth24 den Artikel veröffentlichte, unbekannt. Für eine „Syrer-Gang“ gab es also keine Belege. Truth24 nahm zudem die neuen Informationen der Polizei und Staatsanwaltschaft nicht nachträglich in den Artikel auf. 

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Polizei berichtete nicht von einer „Gang“ oder „Horde“. Richtig ist: Ein Syrer und ein Afghane werden verdächtigt, einen Mann mit einem Messer verletzt zu haben. Ein dritter mutmaßlicher Täter ist unbekannt.