Häusliche Gewalt

Häusliche Gewalt: Überlastete Schutzunterkünfte für Frauen und Kinder

Alarmierender Zustand in deutschen Frauenhäusern: Erstmals zeigt eine detaillierte Auswertung der Belegungsdaten, in welchen Regionen hunderte bis tausende Plätze für Frauen und Kinder fehlen. Nur zwei Bundesländer erfüllen die Empfehlungen des Europarates, zeigt eine bundesweite Recherche von CORRECTIV.Lokal mit zahlreichen Lokalmedien und BuzzFeed News. Das ist aktuell besonders bedeutsam, denn Studien legen den Anstieg von häuslicher Gewalt in der Corona-Pandemie nahe.

von Miriam Lenz , André Ricci , Pia Siber , Max Donheiser , Jonathan Sachse

Frauenhaus in Niedersachsen
Eine junge Frau blickt aus einem Zimmer im Frauenhaus in Nienburg. In Niedersachsen waren zahlreiche Frauenhäuser 2020 an der Kapazitätsgrenze. Credits: Peter Steffen/dpa

In den vergangenen Jahren haben mehr als 30.000 von Gewalt betroffene Frauen und Kinder alljährlich in deutschen Frauenhäusern Schutz gesucht. Die genaue Zahl kennt niemand, ebenso wenig ist bekannt, wie oft Schutzsuchende aus Platzmangel von Frauenhäusern nicht aufgenommen werden konnten. Es existiert bisher keine zentrale Datenerfassung und genau hier beginnt das Problem.

Erstmals zeigt eine Datenanalyse aller Frauenhäuser aus fünf Bundesländer, wie gravierend die Lage teilweise ist und in welchen Regionen zahlreiche Einrichtungen in den vergangenen Monaten – mitten in der Corona-Pandemie – voll belegt waren. Teilweise mussten sie dutzende oder sogar hunderte Frauen abweisen. Unsere Datenauswertung zeigt: Die meisten Bundesländer halten sich nicht an die Vorgaben aus der Istanbul-Konvention, die seit drei Jahren Frauen besser gegen Gewalt schützen soll.

Die letzten drei Monate: Dutzende Frauenhäuser voll belegt

In Nordrhein-Westfalen (NRW) meldeten neun der 70 Frauenhäuser, dass sie von November 2020 bis Ende Januar 2021 an keinem einzigen Tag neue Frauen und Kinder aufnehmen konnten. Nicht viel besser sah die Situation bei den übrigen 61 Frauenhäusern aus: Sie berichteten, dass sie an durchschnittlich etwa sechs Tagen pro Woche voll belegt waren.

Die Zahlen ergeben sich aus einer Auswertung von CORRECTIV.Lokal, die auf den Meldungen der Frauenhäuser basiert und die auf einer Übersichtskarte der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser NRW dargestellt werden. Die dort abgebildeten Belegungszahlen hat CORRECTIV.Lokal seit dem 1. November täglich einmalig erfasst (zu den Belegungsdaten für jedes Frauenhaus). In Hessen und Mecklenburg-Vorpommern konnten die Daten ebenfalls ausgewertet werden. Die restlichen Bundesländer veröffentlichten die Belegungsstände nicht oder führen erst gar keine aktuelle Statistik.

Deutschlandweite Recherche zu Häuslicher Gewalt

Dieser Artikel ist Teil einer Rechercheserie von CORRECTIV.Lokal mit zahlreichen Lokalmedien und BuzzFeed News. Deutschlandweit haben Lokalmedien als Teil des Netzwerkes von CORRECTIV.Lokal eigene Geschichten zum Thema recherchiert und werden in den kommenden Wochen darüber berichten. Auf unserer Themenseite finden Sie die Veröffentlichungen aller Medien und können einen Newsletter abonnieren, um über Neuigkeiten zum Thema informiert zu werden.
Zur Themenseite

Auch in Hessen zeigen die Belegungszahlen ein überlastetes Hilfesystem: Sieben der 31 Schutzunterkünfte konnten in den letzten drei Monaten keinen freien Platz mehr anbieten. Und die restlichen 24 Frauenhäuser meldeten durchschnittlich an sechs Wochentagen „keine freien Plätze“. Es gab sogar elf Tage, an denen sämtliche hessische Frauenhäuser nur rote Stoppschilder anzeigten. Keine einzige Einrichtung konnte Menschen aufnehmen. Für schutzsuchende Frauen blieb nur ein Hinweis unter der Karte: „Sollten alle Frauenhäuser belegt sein, wenden Sie sich bitte an das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen (…) oder an die Frauenhäuser und Beratungsstellen direkt.“

Die Karte von Hessen mit den Standorten der Frauenhäuser. Rote Stoppschilder zeigen an, dass am 5. Februar 2021 alle Einrichtungen belegt waren.
Zuletzt gab es Tage, an denen alle hessischen Frauenhäuser belegt waren, wie hier am 5. Februar 2021. Screenshot: frauenhaeuser-hessen.de

In Mecklenburg-Vorpommern sehen die gemeldeten Belegungszahlen besser aus. Hier wurden von November 2020 bis Ende Januar 2021 nur zwei der zehn Frauenhäuser jeden Tag als belegt angezeigt, von den restlichen Frauenhäuser boten zwei Frauenhäuser jeden Tag freie Plätze an, sechs Einrichtungen waren durchschnittlich an vier Tagen als voll gemeldet.

Im benachbarten Brandenburg war mit der Potsdamer Notwohnung nur eines der 22 Frauenhäuser durchgehend voll belegt, antwortet das brandenburgische Gesundheitsministerium auf eine Anfrage von CORRECTIV.Lokal für den Zeitraum Anfang Oktober bis Ende Dezember 2020. Allerdings werden die Daten nur wöchentlich erhoben. Immerhin: Fünf Frauenhäuser meldeten jede Tage freie Plätze.

Nur zwei Bundesländer erreichen Empfehlungen

Schon länger wird über einen Ausbau der Frauenhäuser diskutiert. Im Jahr 2006 empfahl der Europarat, dass es einen Frauenhausplatz pro 7.500 gemeldete Personen geben soll. CORRECTIV.Lokal hat in den zuständigen Ministerien der Bundesländer die Angebote für das Jahr 2020 angefragt und sie mit der Bevölkerungszahl verglichen.

Tatsächlich erreichen mit den Stadtstaaten Bremen und Berlin nur zwei Bundesländer die Vorgabe. Sieben Bundesländer bieten nur die Hälfte der empfohlenen Plätze an, wie unsere Karte zeigt. Bei ihnen fehlen hunderte Plätze für von Gewalt betroffene Frauen, in NRW mehr als Tausend. Bundesweit fehlen nach dieser Berechnung fast 3.900 Plätze.

Die Mehrheit der Bundesländer verfehlt damit ein Ziel, das in der sogenannten Istanbul-Konvention längst vereinbart wurde. Das Übereinkommen gilt seit Februar 2018 in Deutschland und soll geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen bekämpfen. In Artikel 23 werden „leicht zugängliche Schutzunterkünfte in ausreichender Zahl“ gefordert.

„Der Platzmangel ist nur eine von vielen Baustellen, wo wir den Anforderungen der Istanbul-Konvention noch gar nicht gerecht werden“, sagt Elisabeth Oberthür vom Verein Frauenhauskoordinierung (FHK), der sich für die Interessen der Frauenhäuser einsetzt. Es müsse laut Istanbul-Konvention ein Gesamtkonzept geben, weil das Übereinkommen für Kommunen, Bundesländer und den Bund gelte. „Noch ziehen auch nicht alle Ebenen im gleichen Maße mit“, sagt die FHK-Sprecherin.

Dort können Sie sich melden:

Sie leiden unter häuslicher Gewalt oder machen sich Sorgen um ein Kind? Sie fühlen sich als Elternteil überfordert oder neigen selbst zu Gewaltausbrüchen? An diese Anlaufstationen können Sie sich wenden:

Sie verweist auf die Praxis: „Da sitzen Frauen, die in einer akuten Notlage sind und die gehen auf die Karte, z.B. von Hessen, und sehen nur zwei Frauenhäuser mit freien Plätzen, die dann vielleicht auch noch weit weg sind. Wenn es in ihrem Bundesland überhaupt so eine Übersicht gibt.“ Diese Frauen müssten dann im schlimmsten Fall Schleife um Schleife drehen, um irgendwo einen geeigneten Platz im Frauenhaus zu finden.

Das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) plant 120 Millionen Euro für die Förderung von Hilfseinrichtungen bereitzustellen. Damit sollen auch neue Frauenhäuser gebaut werden. Die ersten Fördergelder seien vergangenes Jahr ausgezahlt worden, schreibt eine Sprecherin des BMFSFJ. Die Datenauswertung von CORRECTIV.Lokal und weitere Recherchen von Medienpartnern zeigen nun, wie dringend das Geld nötig ist. Dazu kommt, dass unklar ist, wie sich die politischen Prioritäten nach der Bundestagswahl verändern werden.

Während Corona-Einschränkungen mehr Gewalttaten zu Hause

Die Belegungszahlen aus NRW, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern bilden die Lage im laufenden Lockdown und die damit verbundenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ab. Als Ende Oktober die Maßnahmen wieder strenger (und später nochmals verschärft) wurden, begann CORRECTIV.Lokal die Auslastung täglich zu erfassen. Kurz vor Weihnachten wurden bundesweit die Schulen geschlossen und Kindergärten boten nur noch Notbetreuung an. Die Datenanalyse zeigt, dass in diesen Monaten zahlreiche Frauenhäuser bereits ausgelastet waren. In Hessen waren über die Weihnachtsfeiertage sämtliche Häuser ausgebucht. Womöglich steht die eigentliche Herausforderung aber noch bevor.

Mehrere Studien und Berichte legen nahe, dass häusliche Gewalt vor allem während der strengen Lockdown-Phasen im Frühjahr 2020 und im aktuellen Winter 2020/21 zugenommen hat bzw. zunimmt. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet damit, dass die Fälle in Europa mit Ausgangssperren und eingeschränkter Bewegungsfreiheit weiter ansteigen. Eine umfangreiche Studie der TU München kommt zu dem Ergebnis, dass rund drei Prozent der Frauen in Deutschland in der Zeit der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr 2020 zu Hause Opfer körperlicher Gewalt wurden.

Solche Studien sind wichtig, da bei häuslicher Gewalt von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen wird und die Polizeistatistik in solchen Fällen kaum aussagekräftig ist. Offiziell gab es 2019 mehr als 141.000 Opfer häuslicher Gewalt. Laut einer Erhebung einer EU-Expertenkommission aus dem Jahr 2014 hat jede dritte Frau körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Viele Übergriffe werden in keiner Polizeidatenbank auftauchen.

Gegenüber CORRECTIV.Lokal, BuzzFeed News und verschiedenen Lokalmedien gaben Mitarbeitende in Frauenhäusern an, sie hätten in der Phase der ersten Covid-19-Welle erst mit den Lockerungen verstärkt Anfragen erhalten. BuzzFeed News berichtet über eine Frau, die sich massiv bedroht fühlte. Als die Frauenhäuser in der Umgebung voll waren, ging sie zu Bekannten und kehrte nach ein paar Wochen zurück zu ihrem Mann. Erst mehr als ein Jahr später, als sich ihre Lage in der Corona-Krise abermals zuspitzte, fand sie Zuflucht in einem Frauenhaus.

Sommer 2020: Mit den Lockerungen suchten mehr Frauen Schutz vor Häuslicher Gewalt

„Während des Lockdowns gab es kaum Platzanfragen“, schreibt uns eine Mitarbeiterin aus einem hessischen Frauenhaus. Sie vermutet, dass Täter die Frauen besser kontrollieren konnten. Zudem sei es durch die Schulschließungen schwieriger gewesen, mit den Kindern unbemerkt zu flüchten. „Nach dem Lockdown hatten wir vermehrt Anfragen und in Hessen und NRW waren zeitweise mehrere Tage lang alle Frauenhäuser als belegt auf der Internetseite angezeigt.“

Sie ist eine von 92 Mitarbeiterinnen aus den rund 370 Frauenhäusern in Deutschland, die uns Fragen zur aktuellen Situation in den Frauenhäusern beantworteten (zur Auswertung). Sie füllten Fragen im CrowdNewsroom aus, einer Online-Plattform von CORRECTIV für Recherchen mit Bürgerinnen und Bürgern.

Einzelne Mitarbeiterinnen aus Frauenhäusern geben an, dass sie fast das ganze vergangene Jahr keine neuen Frauen und Kinder mehr aufnehmen konnten. Corona hat die Situation zusätzlich erschwert: Bei den meisten waren die Häuser so ausgelastet, dass sie seit Beginn der Pandemie „häufig“ und manchmal sogar „täglich“ Frauen und ihre Kinder abweisen mussten. Einzelne haben dokumentiert, dass sie alleine im vergangenen Jahr dutzende, teils hunderte Frauen abweisen mussten.

Nach dem ersten Lockdown: Prekäre Auslastung in niedersächsischen Frauenhäusern

Die Hälfte der Mitarbeiterinnen gab an, dass die schutzsuchenden Frauen „in den meisten Fällen“ an andere Häuser vermittelt werden konnten. Bei zahlreichen Fällen wüssten sie allerdings nicht, ob Frauen woanders Platz gefunden hätten. In Erstgesprächen haben Frauen das Recht, anonym zu bleiben. Für belegte Frauenhäuser ist deshalb oft nicht nachvollziehbar, wie der Weg für Schutzsuchende weiter verläuft, berichten mehrere Mitarbeiterinnen.

In Niedersachsen gerieten die Frauenhäuser an die Belastungsgrenze, als Ende April die Öffnung der Schulen begann und später auch die Kindergärten schrittweise für alle Kinder geöffnet wurden. Im Zeitraum danach, zwischen Mai und Oktober, waren 34 der 43 niedersächsischen Frauenhäuser an mindestens sechs Tagen pro Woche voll belegt. Das ergibt sich aus einer Kleinen Anfrage der Grünen im niedersächsischen Landtag.

Auf unserer Themenseite finden Sie weitere Veröffentlichungen zum Thema Häusliche Gewalt.

Mitarbeit: Henrike Freytag, Michel Penke / Redigatur: Katarina Huth / Chefredaktion: Olaya Argüeso

Recherchen für die Gesellschaft

Journalismus kann der Startpunkt von Veränderungen sein. Informierte Bürgerinnen und Bürger debattieren konstruktiv und lösen auf demokratischem Weg konkrete Probleme. Ob Steuerbetrug, sexueller Missbrauch oder illegale Parteienfinanzierung – erst wenn Missstände ans Licht kommen, können sie beseitigt werden. Das erreichen wir mit unseren Recherchen: Wir enthüllen bisher verborgene Skandale und thematisieren bislang nicht wahrgenommene Realitäten.

CORRECTIV ist das erste spendenfinanzierte Recherchezentrum in Deutschland. Als vielfach ausgezeichnetes Medium stehen wir für investigativen Journalismus. Wir lösen öffentliche Debatten aus, beteiligen Bürgerinnen und Bürger an unseren Recherchen und fördern Medienkompetenz mit unseren Bildungsprogrammen.

Sie lesen CORRECTIV ohne Werbung und beschränkende Paywall. Als Non-Profit-Organisation sind wir überzeugt, dass unabhängiger Journalismus nicht ausschließlich hinter Bezahlschranken zugänglich sein sollte. Stattdessen vertrauen wir auf die Unterstützung von Spenderinnen und Spendern, die unsere aufwendigen Recherchen ermöglichen. Leisten auch Sie einen Beitrag und unterstützen Sie unabhängigen Journalismus mit einer Spende!