Pflege

Was wir wissen, was wir nicht wissen

Hier erklären wir, wie unser CORRECTIV-Pflegewegweiser entstanden ist, was die Daten aussagen, welche Grenzen sie haben. Und wie Du mithelfen kannst, die tatsächliche Lage in den Pflegeheimen noch transparenter zu machen.

von Daniel Drepper

Im Pflege-Wegweiser können alle Heime miteinander verglichen werden.© Ivo Mayr

Wie viele Bewohner muss eine Pflegekraft pro Tag versorgen? Wie gut ist sie ausgebildet? Machen Pflegekräfte fachliche Fehler? Wie viel Geld gibt der Heimbetreiber für Mahlzeiten aus? Weist das Unternehmen einen hohen Gewinn aus – und steht damit weniger Geld für die Pflege der Bewohner zur Verfügung?

All das wissen wir nicht. Dabei müsste man all dies wissen, um die Qualität eines Heims richtig einschätzen zu können. Aber die Daten werden nicht veröffentlicht. Liegt es daran, dass die Geschäftsinteressen der Heimbetreiber den Politikern wichtiger sind als das Informationsinteresse der Bürger?

Andererseits gibt es eine Menge öffentlich zugänglicher Daten, mit denen man sich ein Bild machen kann über die Lage in den Heimen. Wir haben sämtliche Daten zusammen getragen und analysiert – und die Datenanalyse eingebettet in weitere Recherchen. Wir haben gemeinsam mit dem NDR einen Fernsehfilm gedreht, ein Buch zum Thema geschrieben und eine Website gebaut: den CORRECTIV-Pflegewegweiser. Dieser bereitet die Daten zu allen Pflegeheimen in Deutschland erstmals journalistisch auf.

Welche Daten gibt es?

Für den CORRECTIV-Pflegewegweiser haben wir die Daten genutzt, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bei seinen jährlichen Prüfungen in den Pflegeheimen sammelt. Der Bundesverband der AOK hat sie uns in gut strukturierten xml-Dateien zur Verfügung gestellt. Die auf unserer Seite verwendeten Daten stammen vom 7. April 2016.

Aus diesen Daten haben wir für jedes Heim einen eigenen kleinen Text erstellt. Diese rund 13.000 Texte wurden von einem Computerprogramm automatisch generiert. Autor des Programms ist unser Datenjournalist Stefan Wehrmeyer.

Wir haben auch herausgesucht, welcher MDK und welche Heimaufsicht für die einzelnen Heime zuständig sind. So könnt Ihr Euch direkt an die entsprechenden Stellen wenden, wenn Ihr Fragen oder Beschwerden habt.

Zusätzlich nutzen wir die Transparenzberichte jedes Heimes. Sie werden von vielen Seiten kritisiert, weil sie vor allem Formalien prüfen. Das führt zu einer Verzerrung: Die Heime können eine schlechte pflegerische und medizinische Versorgung mit einem gut lesbaren Speiseplan oder einem schön gestalteten Garten ausgleichen. Im Bundesschnitt werden die Heime in Deutschland mit einer 1,2 bewertet, mit glatt „sehr gut“ – und viele Heime werben mit dieser nichtssagenden Note.

Eigene Kriterien für Mängel in der Pflege

Wir haben deshalb die 77 Kriterien hinter dieser Gesamtnote auseinandergenommen – und fünf wichtige Prüfbereiche heraus gegriffen und analysiert. Die folgenden 17 Fragen stammen aus dem Prüfbericht des MDK. Diese Kriterien haben wir für unsere Auswertung genutzt:

1) Versorgung von Druckgeschwüren

  • Wird das individuelle Dekubitusrisiko erfasst?
  • Werden erforderliche Dekubitusprophylaxen durchgeführt?
  • Basieren die Maßnahmen zur Behandlung der chronischen Wunden oder des Dekubitus auf dem aktuellen Stand des Wissens?
  • Werden die Nachweise zur Behandlung chronischer Wunden oder des Dekubitus (z.B. Wunddokumentation) ausgewertet, ggf. der Arzt informiert und die Maßnahmen angepasst?

2) Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung

  • Werden individuelle Ernährungsrisiken erfasst?
  • Werden bei Einschränkung der selbständigen Nahrungsversorgung erforderliche Maßnahmen bei Ernährungsrisiken durchgeführt?
  • Ist der Ernährungszustand angemessen im Rahmen der Einwirkungsmöglichkeiten der Einrichtung?
  • Werden erforderliche Maßnahmen bei Einschränkungen der selbständigen Flüssigkeitsversorgung durchgeführt?

3) Schmerzpatienten

  • Erfolgt eine systematische Schmerzeinschätzung?
  • Kooperiert die Einrichtung bei Schmerzpatienten eng mit dem behandelnden Arzt?
  • Erhalten Bewohner mit chronischen Schmerzen die ärztlich verordneten Medikamente?

4) Inkontinenzpatienten

  • Werden bei Bewohnern mit Harninkontinenz bzw. mit Blasenkatheter individuelle Risiken und Ressourcen erfasst?
  • Werden bei Bewohnern mit Inkontinenz bzw. mit Blasenkatheter die erforderlichen Maßnahmen durchgeführt?

5) Medikamentenversorgung und ärztliche Anordnungen

  • Entspricht die Durchführung der behandlungspflegerischen Maßnahmen der ärztlichen Anordnung?
  • Entspricht die Medikamentenversorgung den ärztlichen Anordnungen?
  • Entspricht die Bedarfsmedikation den ärztlichen Anordnungen?
  • Ist der Umgang mit Medikamenten sachgerecht?

Die von CORRECTIV ausgewählten Kriterien orientieren sich an den Empfehlungen aus dem von der Selbstverwaltung in Auftrag gegebenen Evaluationsbericht (pdf) zur Beurteilung der Pflege-Transparenzvereinbarungen aus dem Jahr 2010. Ähnliche Empfehlungen hatten in der Vergangenheit auch der GKV-Spitzenverband und der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen abgegeben. CORRECTIV hat zusätzlich mit zahlreichen Pflegern und Experten über die Abläufe der Prüfung und die ausgewählten Kriterien gesprochen.

Wir haben uns für ein reduziertes Modell entschieden, bei dem nur die wichtigsten Kriterien aus dem Qualitätsbereich 1 mit in die Bewertung einfließen, also aus der pflegerischen und medizinischen Versorgung. Wir konzentrieren uns damit auf die Kriterien, die laut Experten am meisten über die Qualität der Pflege in dem jeweiligen Heim aussagen.

Für die Prüfung wählt der MDK nach dem Zufallsprinzip in jedem Heim bis zu neun Personen aus. Im Schnitt haben deutsche Heime 72 Bewohner. Die Stichprobe der MDK-Prüfungen ist also entsprechend klein, die Aussagekraft eingeschränkt. Und falls einige der 77 Fragen auf einige Bewohner nicht angewandt werden können, wird die Stichprobe sogar noch kleiner.

Zudem basieren unsere fünf Prüfkriterien auf denselben Daten, aus denen auch die Pflegenoten hervorgehen. Die methodischen Schwachstellen der Prüfung bleiben also bestehen. Wie die Autoren des Evaluationsberichtes schon 2010 festgestellt haben, bildet die große Mehrheit der Kriterien die Prozessqualität ab, zum Beispiel die Dokumentation der Pflege. Experten sind sich jedoch einig, dass vielmehr die Ergebnisqualität in den Einrichtungen geprüft werden sollte. Auch die von uns gemessenen Kriterien aus dem Bereich Pflege und Medizin bilden die Qualität der Pflege nur teilweise besser ab.

Wer mehr zum Thema lesen möchte: Prof. Klaus Wingenfeld hat in diesem Zusammenhang einen wissenschaftlichen Vorschlag (pdf) gemacht.

Die Prüfungen können alles in allem nur ein Hinweis auf Mängel sein und als Anregung dienen, in diesem Bereich genau nachzufragen. Weder schließen auffällige Prüfungen ein Heim von vornherein aus, noch ist eine einwandfreie Prüfung automatisch ein Zeichen für ein gutes Heim.

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Preise und weitere Daten

Vom Bundesverband der AOK haben wir nicht nur die 77 Kriterien aus den Transparenzberichten bekommen, sondern auch weitere Basisdaten zu den Heimen. Dazu gehören die Preise in den verschiedenen Pflegestufen, die Anzahl der belegten Betten und von wem eine Einrichtung betrieben wird. Die Preise und die Betten haben wir in den jeweiligen Heimbeschreibungen ins Verhältnis gesetzt zu anderen Heimen. 

Zunächst zu den Preisen: Wir nutzen die private Zuzahlung für vollstationäre Pflege in der Pflegestufe 3 für einen Monat. Dieser Eigenanteil schwankt sehr, von unter 1000 bis über 2000 Euro. Dazu müssen die Bewohner oder Angehörigen noch Investitionskosten zahlen. Diese schwanken ebenfalls sehr und liegen meist bei rund 500 Euro im Monat. Wir hätten diese Kosten gerne mit in die Rechnung einbezogen, leider sind diese in den Daten der AOK aber für die einzelnen Heime oft als Spanne angegeben (minimum – maximum). Somit hatten wir keine konkrete Zahl, die wir hätten nutzen können – und haben uns notgedrungen auf die Zuzahlung ohne Investitionskosten konzentriert.

Die Preise haben wir ins Verhältnis gesetzt zu den Preisen von Einrichtungen im selben Bundesland. Bewusst haben wir die Heime preislich nicht mit allen Heimen in Deutschland verglichen, da die Preise zwischen den Bundesländern extrem schwanken und so kein sinnvoller Vergleich möglich gewesen wäre. Wir haben die Preise gruppiert und in fünf Abschnitte unterteilt. Die günstigsten 20 Prozent werden als „sehr günstig“ bezeichnet, die 20 Prozent darüber als „günstig“, die mittleren 20 Prozent als „normal bepreist“, die 20 Prozent darüber als „teuer“ und die teuersten 20 Prozent als „sehr teuer“.

Zu den belegten Betten: Auch hier haben wir auf die Daten der AOK zurückgegriffen und die Anzahl der belegten Betten mit anderen Heimen verglichen. In diesem Fall haben wir die belegten Betten mit der Anzahl der belegten Betten in anderen Heimen in ganz Deutschland verglichen, weil die Bundesländer hier insgesamt homogener sind, die Zahlen weniger voneinander abweichen. Wieder haben wir die Heime in fünf gleich große Gruppen geteilt und diese dann im Text als „sehr klein“, „klein“, „normal groß“, „groß“ und „sehr groß“ bezeichnet.

Die Beschreibung der Daten (Preise, Betten, Noten) sind also keine eigene Bewertung, sondern lediglich eine Auswertung der Daten der Prüfberichte. Wir setzen die Angaben ins Verhältnis, um eine bessere Einschätzung zu ermöglichen, geben aber keine eigene Bewertung ab. Das wäre für 13.000 Pflegeheime in Deutschland auch nicht möglich.

Geheime Berichte zur Personalausstattung

Neben dem öffentlichen Transparenzbericht, dessen Daten wir auch für unseren Wegweiser genutzt haben, erstellt der MDK über jedes Heim auch einen ausführlichen Bericht (pdf).

Wir haben alle 16 Medizinischen Dienste der Krankenkassen nach diesen ausführlichen Berichten gefragt. Alle 16 haben sich geweigert, ihn uns zu geben und sich dabei auf § 115 SGB XI Absatz 1 berufen: „Gegenüber Dritten sind die Prüfer und die Empfänger der Daten zur Verschwiegenheit verpflichtet“, heißt es dort. Wir halten das für falsch. Diese Daten gehören veröffentlicht!

Berichte der Heimaufsichten – unterschiedlich, häufig geheim

Außerdem haben wir Informationen von zahlreichen Heimaufsichten besorgt. Die Heimaufsichten sind in allen Bundesländern unterschiedlich organisiert. Zum Teil ist die Landesregierung verantwortlich, zum Teil sind es Regierungspräsidien oder Kommunen selbst. Die Heimaufsicht kontrolliert zusätzlich zu den MDK die Heime alle ein bis zwei Jahre, kann nach Beschwerden „Anlassprüfungen“ durchführen und ein Heim, das gegen Auflagen verstößt, schließen.

Einige Heimaufsichten veröffentlichen ihre Berichte im Internet. Viele davon sind jedoch vereinfacht und oberflächlich. Andere Heimaufsichten halten die Prüfungsberichte geheim. Wir haben die Heimaufsichten in allen Bundesländern angeschrieben. Und können nun von acht Bundesländern Heimaufsichtsberichte zur Verfügung stellen: von Bayern, Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.

Für die Bundesländer, in denen die Berichte nicht im Netz veröffentlicht werden, haben wir jeweils beispielhaft einige wenige Berichte besorgt und auf unserer Plattform veröffentlicht. Alle übrigen Berichte sind zunächst nicht öffentlich. Aber: Ihr könnt sie öffentlich machen. Und das geht so:

Für jedes Heim haben wir eine Verknüpfung zu unserer Partner-Webseite FragDenStaat.de eingerichtet. Klickt auf den jeweiligen Link, dann erstellt unsere Seite Euch automatisch eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz.

So könnt Ihr den Prüfbericht für das Pflegeheim anfordern, das Euch interessiert. Jeden Bericht, den Ihr anfragt, veröffentlichen wir auf dem Pflegewegweiser. Je mehr von Euch mitmachen, desto mehr Aufsichts-Berichte können wir öffentlich machen. Desto transparenter werden Pflegeheime.

Wir haben festgestellt, dass viele Informationen, die wir zuvor für selbstverständlich gehalten haben, nicht öffentlich sind. Das ist ein großes Problem. Umso wichtiger, dass Ihr Euch möglichst umfassend informiert, bevor Ihr für Euch oder Eure Angehörigen ein Heim auswählt. Deshalb haben wir in unserem Ratgeber (Link) nicht nur Tipps und eine Checkliste aufgeführt, sondern auch andere Webseiten mit Informationen zu Heimen und eine lange Liste mit Kontakten von hilfreichen Organisationen.

Wer sich für die Hintergründe interessiert, wer wissen will, warum Pflegeheime in Deutschland solche Probleme haben, der kann hier unser Buch bestellen: „Jeder pflegt allein. Wie es in deutschen Heimen wirklich zugeht.“


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.


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