Profil

Oliver Schröm

Chefredakteur

Oliver hat die Idee von CORRECTIV mitentwickelt, seine Frau hat den Namen erfunden, und 2018 ist er endlich auch als Chefredakteur eingestiegen. Oliver ist einer der renommiertesten investigativen Journalisten Deutschlands und Autor und Co-Autor von zehn Enthüllungsbüchern, darunter etliche Bestseller. Für seine Recherchen erhielt er mehrere Auszeichnungen. 2010 gründete Schröm das Investigativ-Team des stern und leitete es bis zu seinem Wechsel zum ARD-Magazin Panorama. Für Die Zeit und das ZDF-Magazin Kennzeichen D enttarnte er Spione, Terrorzellen und Neonazi-Netzwerke. Mit seinem stern-Team enthüllte er Wettbetrug im Profifußball, wies Verbindungen des Rappers Bushido zur organisierten Kriminalität nach und spürte bereits 2014 das Panama-Konto des damaligen CDU-Schatzmeisters Helmut Linssen auf. Bei Panorama berichtete er zusammen mit Kollegen über die Cum-Ex-Geschäfte deutscher Finanzbetrüger und Banken, dem größten Steuerraub der Nachkriegsgeschichte, und deckte kriminelle Machenschaften in der Krebsmedizin auf.

E-Mail: oliver.schroem(at)correctiv.org
Twitter: @oliverschroem

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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Wirtschaft

Held, Dieb oder Spion?

Eine Schlüsselszene entlarvt, mit welcher Härte der Kampf geführt wird. Dr. Peter Giger, Schweizer Staatsbürger, Staatsanwalt, Mitglied der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei. Und Josef Talheimer, Deutscher, schwerbehindert, Mitarbeiter eines Schweizer Bankhauses. Sie treffen in einem Büro der Staatsanwaltschaft Zürich aufeinander. Sie sind zwei der vier Männer, die im Mittelpunkt einer Auseinandersetzung stehen, bei der es anfangs um 50 Millionen Euro geht, bald aber um systematischen Betrug an deutschen Steuerbehörden. Am Ende wird von Wirtschaftskrieg die Rede sein.

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von Jörg Göbel , Oliver Schröm , Sylke Gruhnwald , Michael Haselrieder , Carlos Hanimann

Dieser Text ist das Ergebnis gemeinsamer Recherchen von Correctiv, der Zeit, dem ZDF-Magazin Frontal21 und der Schweizer Digital-Redaktion Republik. Das Team hat Gerichtsunterlagen, geheime Ermittlungsakten, bankinterne Unterlagen und Emails ausgewertet und Dutzende Interviews mit Beschuldigten, Wissenschaftlern und Insidern geführt.

Dem Bankangestellten Josef Talheimer ist an diesem 20. Juni 2014 speiübel. „Mir geht es gesundheitlich sehr schlecht“, sagt er. Talheimer bittet den Staatsanwalt Giger, das Verhör abzubrechen. „Ich bin in der vergangenen Woche mehrfach gestürzt“, erzählt er. In seiner Gefängniszelle sei das gewesen. Talheimer befindet sich seit fünf Wochen in Untersuchungshaft.

Giger gibt sich unbeeindruckt. „Nach meiner Wahrnehmung sind Sie gut einvernahmefähig“, sagt der Staatsanwalt. Die Einvernahme dauere doch erst gut eine Stunde, hält Giger Talheimer vor. „Sie können also mit ihrer Offenlegung beginnen.“

Talheimer bittet den Staatsanwalt um Verständnis. „Das Problem ist, dass ich wirklich im Moment viele Dinge durcheinanderbringe. Ich möchte hier meine Aussagen besonders korrekt treffen. Dazu sehe ich mich nicht in der Lage.“

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ZDF/Frontal 21

Talheimer leidet an Schlaflosigkeit, seit Wochen. Er hat sich mehrfach übergeben müssen. Die anderen Häftlinge in der Sechs-Mann-Zelle schauten angewidert weg, wenn er über dem Klo hing.

Talheimer ist von Geburt an schwerbehindert. Die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals gelegt, sein Gehirn nicht genügend Sauerstoff bekommen. Als Säugling war er halbseitig gelähmt. Noch heute hält er seine rechte Hand wie abgeknickt. Beim Gehen zieht er das rechte Bein nach. Aber seine Sprache ist klar und flüssig, er hat Jura studiert und arbeitet seit langem für Banken in der Schweiz.

Sein Gesundheitszustand hat sich im Gefängnis verschlechtert. Talheimer fehlt die Physiotherapie, um seine Muskulatur zu stärken. Er benötigt eine spezielle Matratze. Doch im Gefängnis von Dielsdorf, 40 Autominuten von Zürich entfernt, wird sie ihm verweigert.

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ZDF/Frontal 21

Der Gefängnisarzt lässt ihm Tabletten gegen die Gliederschmerzen verabreichen. Drei Mal täglich reicht ihm eine Hand in Latexhandschuhen durch eine Klappe in der Zellentür einen Klarsichtschieber mit den Pillen. Er muss sie sofort einnehmen, anschließend den Mund aufmachen und die Zunge herausstrecken, damit sich der Wärter davon überzeugen kann, dass Talheimer die Tabletten auch geschluckt hat.

Talheimer wird schlecht von den Tabletten. Sie machen ihn auch müde, ohne dass er schlafen kann. Und appetitlos. Der Jogginganzug, den er in der Haftanstalt meist trägt, ist ihm inzwischen zwei Nummern zu groß.

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ZDF/Frontal 21

Der Staatsanwalt bleibt hart. „Sie sprechen nach wie vor druckreif.“ Talheimers Aussagen seien doch stringent. „Sie werden nach weiterer Haft nicht fitter sein als heute.“

Talheimer ringt weiter um Nachsicht, vergeblich. „Sie verpassen eine weitere Chance, Ihren Darstellungen durch Offenheit wieder Glaubwürdigkeit zu geben“, hält ihm der Staatsanwalt vor. „Es kann für Sie nicht so schwierig sein, auf der Zeitachse die Ereignisse ungeschminkt darzutun. Sie beginnen nicht einmal damit!“

Der Erzfeind

Josef Talheimer, der in Wirklichkeit einen anderen Namen hat, könnte aus deutscher Sicht ein Held sein. Talheimer half, eines der größten Steuerverbrechen der Nachkriegsgeschichte aufzudecken. Für seine früheren Vorgesetzten im Baseler Bankhaus Sarasin allerdings ist er ein Dieb. Und für den Staatsanwalt Giger ist Talheimer gar ein Spion, der sich mit dem „Erzfeind“ einließ. Der Erzfeind ist ein Wirtschaftsjurist aus Stuttgart, Eckart Seith.

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Seith hat einen bekannten und schwer reichen Klienten: Erwin Müller, Chef von 600 Drogeriefilialen und kleinen Kaufhäusern mit 34.000 Mitarbeitern. Müllers Vermögen wird auf 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Müller investierte über die Sarasin-Bank in komplizierte Aktiendeals, angeblich ohne zu wissen, dass es sich um so genannte Cum-Ex-Geschäfte handelte. Bei diesen Deals ging es darum, vom deutschen Fiskus Geld zu bekommen, das einem eigentlich nicht zusteht. Vereinfacht gesagt wurde eine Steuer einmal gezahlt, aber mehrfach zurückerstattet. Dem deutschen Staat wurden so über die Jahre viele Milliarden geraubt. Für Banken und Finanzberater war es ein Bombengeschäft, für die Anleger auch.

Bei Müller aber ging die Sache schief. Als der deutsche Fiskus misstrauisch wird, stoppt er die Auszahlungen. Das Geschäftsmodell bricht zusammen. Von Müllers Einlage, immerhin fast 50 Millionen Euro, ist nun alles weg. Das aber will der Unternehmer nicht akzeptieren. 

Müller engagiert den Wirtschaftsanwalt Eckart Seith. Seith fordert die Sarasin-Bank auf, 47.129.254,72 Euro an Müller zurückzuzahlen. Doch diese zahlt nicht.

Seith fällt auf, dass Erwin Müller bei der Beratung zu dem Groß-Investment nicht ausreichend über die Risiken aufgeklärt wurde. Er versucht, mehr über Müllers Cum-Ex-Deal zu erfahren. Die Sarasin-Bank aber gibt die erforderlichen Unterlagen nicht heraus. Seith muss auf anderem Weg an die Informationen kommen.

Später wird umstritten sein, wer zuerst auf wen zuging. Auf jeden Fall aber finden im März 2013 in der Altstadt des Schweizer Städtchens Schaffhausen der Wirtschaftsanwalt Seith, der Sarasin-Mitarbeiter Josef Talheimer und ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter der Bank zusammen. Sie haben das italienische Restaurant „St. Lucia“ ausgewählt. Dort ziehen sie sich in den Weinkeller zurück, einen Raum mit Wandbemalungen und ohne Fenster. Der Wein ist gut, und nach zehn Minuten ist man beim Du.

Fünf Jahre später, am 5. März 2018, wird die Staatsanwaltschaft Zürich aufgrund dieses Treffens und weiterer Zusammenkünfte Anklage gegen Seith, Talheimer und den weiteren früheren Sarasin-Mitarbeiter erheben. Die Strafverfolger wollen beweisen, dass die drei Deutschen sich der Wirtschaftsspionage und des Verstoßes gegen das Bankgeheimnis schuldig gemacht haben.

Es gibt viel zu besprechen im Restaurant „St. Lucia“ in Schaffhausen. Talheimer erzählt, wie die Cum-Ex-Geschäfte funktionieren. Er weiß, wovon er redet, Talheimer firmierte als „Head of Compliance“. Mit einem sechsköpfigen Team wacht er bei dem Geldhaus darüber, dass Gesetze und Regeln eingehalten werden. Bei der Sarasin-Bank werden sie nicht eingehalten.

Er habe die Deals geprüft, erzählt er Müllers Wirtschaftsanwalt Eckart Seith. Und er habe vor den gewaltigen Risiken gewarnt. Cum-Ex-Deals, habe er seinen Vorgesetzten erklärt, könnten die Bank ins Verderben reißen. Man habe nicht auf ihn gehört, erzählt Talheimer weiter. Nach dem Schreiben von Seith habe die Sarasin-Bank immerhin ein unabhängiges Gutachten anfertigen lassen, von der renommierten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Freshfields. Ein Gutachten? – Seith wird hellhörig.

Einige Wochen nach dem Treffen im Restaurant „St. Lucia“ beginnt Talheimer, Seith mit internen Unterlagen der Sarasin-Bank zu versorgen. Der Compliance-Verantwortliche wird zum Whistleblower. Unter den Dokumenten, die Seith erhält ist auch das Cum-Ex-Gutachten von Freshfields.

Die Prüfungsgesellschaft kommt darin zu dem Schluss, dass der Drogerieunternehmer Erwin Müller durch die Sarasin-Bank falsch beraten wurde. Daher habe Müller, der als „EM“ bezeichnet wird, Anspruch auf Schadensersatz. Der entscheidende Satz des Gutachtens lautet: „Somit ist EM berechtigt, eine Stornierung der Anlage zu fordern, unabhängig von der Frage, ob die Steuererstattung letztlich gewährt wird oder nicht.“ Es sei daher „hoch wahrscheinlich“, dass Müller eine Klage gewinnen werde.

Für die Sarasin-Bank ist das Gutachten von Freshfields eine streng vertrauliche Beurteilung. In den Händen von Müllers Anwalt Seith wird es zur Waffe gegen die Bank.

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In Ulm verklagt Eckart Seith die Sarasin-Bank auf Schadensersatz. Seith schreibt auch an das Bundeszentralamt für Steuern in Bonn. Und an die Bafin, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in Frankfurt. Beide Behörden informiert er über Cum-Ex-Geschäfte, unterfüttert seine Angaben mit Dokumenten der Sarasin-Bank. Er löst eine Lawine aus. 

Die Staatsanwaltschaft Köln leitet ein Verfahren wegen bandenmäßiger Steuerhinterziehung und Betrugs ein. 2014 lässt sie weltweit Privatwohnungen und Büros durchsuchen, auch Räumlichkeiten der Sarasin Bank in Basel und Zürich. Es ist der Beginn eines gigantischen Wirtschaftsstrafverfahrens. Mittlerweile ermitteln die Behörden in über 400 Fällen. Es geht gegen Banken, Broker und Berater. Seit 2005 sollen sie den deutschen Staat um mehr als 30 Milliarden Euro geschröpft haben. Im Untersuchungsausschuss des deutschen Bundestages ist die Rede von „organisierter Kriminalität“.

Seith wendet sich aber auch an die Schweizer Justiz. Bei der Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich erstattet er Strafanzeige gegen Manager der Sarasin-Bank. In Zürich allerdings scheint man kein großes Interesse daran zu haben, etwas zu unternehmen. Die Anzeige erhält das Aktenzeichen A-2/2013/56, wird aber vom zuständigen Staatsanwalt nicht weiter verfolgt. Der Staatsanwalt, so nennt man das in der Schweiz, schubladisiert die Anzeige. Sein Name: Dr. Peter Giger.

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Eckart Seith weiß nicht, dass seine Anzeige nicht weiter verfolgt wird. Ein Jahr später erkundigt er sich schriftlich bei Staatsanwalt Giger nach dem Stand der Ermittlungen. Giger schreibt zurück: Der Fall werde „bearbeitet, sobald es die Prioritätenordnung zulässt“.

Giger setzt die Prioritäten etwas anders. Er jagt nicht die Bank, sondern den Whistleblower Talheimer.

Giger entscheidet, Seiths Anzeige gegen die Sarasin-Manager an die Bank weiterzuleiten. „Anbei sende ich Ihnen, wie gewünscht, die Strafanzeige zur Einsichtnahme.“ Später wird deshalb gegen Giger ermittelt. Er habe, so der Vorwurf, Amtsgeheimnisse verletzt.

Ende 2013 erstattet die Sarasin-Bank Anzeige gegen Unbekannt wegen der entwendeten Unterlagen. Sie kann das nur deshalb tun, weil Giger ihr Seiths Anzeige überlassen hat, in der aus internen Sarasin-Dokumenten zitiert wird. Auch für die Gegenanzeige ist wieder der Staatsanwalt Giger zuständig.

Die Verhaftung

Giger und die Sarasin-Bank machen nun gemeinsame Sache gegen Josef Talheimer. Der hat inzwischen gekündigt und will künftig für die Bank Julius Bär arbeiten. An seinem letzten Arbeitstag bei Sarasin, dem 17. Januar 2014, räumt Talheimer seinen Schreibtisch auf. Er wirft viele Unterlagen weg, einige schreddert er auch. In seinem Kopf herrscht Chaos. Einige Dokumente hat er schon an Seith übergeben. Soll er jetzt noch weitere mitnehmen? Es ist seine letzte Gelegenheit.

Er druckt ein paar Unterlagen aus. Das ist gar nicht so einfach – der Drucker steht im Flur, wo jederzeit Kollegen vorbeikommen können. Außerdem erscheinen ständig Leute in seinem Büro, die sich verabschieden wollen. Talheimer zieht sich in ein Besprechungszimmer zurück. Er überlegt, was er tun soll. Einen Teil der Unterlagen schreddert er. Aber ein paar nimmt er doch mit nach Hause.

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Josef Talheimer ahnt nicht, dass die Druckerdaten ihn später verraten werden.

Die Schlinge zieht sich zu. Die Bank hat ihn mittlerweile in Verdacht und lässt ihn von Privatdetektiven überwachen. Diese beobachten am 12. Mai 2014, wie Talheimer, Seith und der andere frühere Sarasin-Mitarbeiter sich erneut in Schaffhausen im Restaurant „St. Lucia“ treffen. 

Am Morgen danach, früh um 7.10 Uhr, taucht in Talheimers Büro der Staatsanwalt Giger mit zwei Polizisten auf. „Sie sagten: ‘Guten Morgen, Polizei, Sie sind verhaftet’“, erinnert sich Talheimer. Talheimers Büro wird durchsucht, seine beiden Handys beschlagnahmt, er wird abgeführt und zur Kantonspolizei Zürich gebracht.

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Die erste Vernehmung startet der Staatsanwalt Peter Giger gleich am Tag der Festnahme. Talheimer bleibt an diesem Tag gelassen. Er streitet ab, interne Dokumente der Sarasin-Bank ausgedruckt und weitergegeben zu haben. Doch die Druckerdaten verraten ihn.

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Die Untersuchungshaft setzt Josef Talheimer zu. Ein Teil der Medikamente, die er bekommt, sind starke Schmerzmittel – Opioide. Aber das erfährt er erst viel später, lange nach seiner Haftentlassung. Ahnungslos stimmt er der Tablettengabe zu, von den Nebenwirkungen weiß er wenig: Schläfrigkeit, verschwommene Sicht, Verwirrtheit.

Talheimer will raus aus dem Gefängnis, raus aus seiner Sechser-Zelle. Er will auch, dass die Verhöre durch Peter Giger aufhören. Immer wieder lässt der Staatsanwalt ihn in Handschellen vorführen, als könne der gehbehinderte Talheimer flüchten. Wochen vergehen, Monate.

„Ich würde alles tun, um dieses Verfahren zu verkürzen. Ich würde es zugeben, wenn es so gewesen wäre“, sagt Talheimer in jener Vernehmung vom 20. Juni 2014, nachdem er sein Leiden ausführlich dargelegt hat.

„Ich muss hier raus. Ich würde Ihnen alles sagen.“

„Ich will Sie auf gar keinen Fall zu Zugeständnissen bewegen, die nicht der Wahrheit entsprechen“, antwortet Giger. Dann setzt er Talheimer mit seinem Wissen von der bespitzelten Zusammenkunft unter Druck: „Was in aller Welt haben Sie bei Seith zu suchen!“, ruft Giger.

Talheimer „weint“, vermerkt die Assistentin des Staatsanwalts an diesem Tag in ihrem Vernehmungsprotokoll.

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Einen Montag später ist Talheimer zermürbt. Er gibt zu, die Unterlagen übergeben zu haben. Wer am Steuer gesessen habe, will Staatsanwalt Giger wissen, und wechselt ins Englische: „Who was sitting in the driver’s seat?“ Giger weiß nicht, ob Talheimers ehemaliger Sarasin-Kollege die Treffen im Restaurant angeregt habe oder Müllers Anwalt Eckart Seith.

„Seith“, antwortet Talheimer und sagt aus, es sei dabei auch um Geld gegangen. Ein Prozent der Klagesumme, also rund eine halbe Million Euro, habe man ihm und seinem früheren Kollegen als Provision versprochen. Eckart Seith bestreitet das heute. „Es floss kein Geld und es gab auch keine Zusage darüber.“

Staatsanwalt Peter Giger lässt nun zuerst Talheimers Ex-Kollegen verhaften. Mit Müllers Anwalt Seith ist es nicht so einfach. Dass Seith von Deutschland an die Schweiz ausgeliefert würde, ist nach Lage der Fakten so gut wie ausgeschlossen.

Aber Eckart Seith ist nicht in Deutschland. Er segelt auf seinem Zweimaster vor Mallorcas Südküste, als er von der Festnahme des Talheimer-Kollegen in der Schweiz hört. Dessen Frau meldet sich, besorgt. Seith ist nun ebenfalls alarmiert. Er muss damit rechnen, dass auch gegen ihn ein Haftbefehl vorliegt. Für Seith ist klar: Passkontrollen am Flughafen von Palma de Mallorca sollte er besser meiden. Er chartert ein Privatflugzeug, eine Piper Mustang. Ein Freund aus Deutschland fliegt die Maschine nach Stuttgart-Echterdingen. Seiths Rückflug mit Air Berlin verfällt.

Der Rechtsanwalt kämpft nun nicht mehr nur für seinen Mandanten Erwin Müller. Er kämpft längst auch für sich selbst. Als er Giger fragt, ob er in die Schweiz reisen könne, um einige Mandanten zu besuchen, ist die Antwort vielsagend. „Die von Ihnen gewünschten Auskünfte und Garantien pflegen wir nicht abzugeben.“ Seith geht fest davon aus, dass Giger auch gegen ihn ermittelt.

Über Monate verfasst Seith nun immer neue Schriftsätze an die Schweizer Justiz. Er setzt Nadelstiche, aber auch nicht mehr. Erst im August 2015 schlägt der Rechtsanwalt zu.

Seith hat erfahren, dass der Staatsanwalt seine Anzeige gegen Sarasin-Manager an die Bank weitergereicht hatte. „Das war, als gebe man einem Täter die Tatwaffe zurück, die er am Tatort liegen gelassen hat“, sagt Seith heute. Gigers Verhalten erfülle den Straftatbestand Bruch von „Amtsgeheimnis und Amtsmissbrauch“. Seith zeigt Giger an. Der äußert sich, schickt dem Obergericht Zürich eine Stellungnahme auf 87 Seiten.

Die Sache zieht sich, doch im September 2016 wird Staatsanwalt Giger von seinem Behördenleiter von dem Fall abgezogen. Die offizielle Begründung: „Ressourcenplanung“. Ein Nachfolger übernimmt. Seitdem wird gegen Giger ermittelt.

Gigers Stellungnahme gegenüber dem Züricher Obergericht enthüllt unterdessen, dass der Wirtschaftskrimi um die Cum-Ex-Geschäfte der Sarasin-Bank inzwischen die Politik beschäftigt. Er habe Rückendeckung, lässt Giger durchblicken, und zwar von ganz oben. Die Schweizer Justizministerin sei informiert und habe zugestimmt, das Verfahren gegen die Deutschen auszuweiten. Es gehe nicht mehr nur um Verletzung von Geschäfts- und Bankgeheimnissen. 

Mit Erlaubnis der Justizministerin darf Giger nun ein viel schärferes Schwert schwingen: Wirtschaftlicher Nachrichtendienst, heißt der Vorwurf im Schweizer Juristenjargon, auf deutsch: Wirtschaftsspionage. In einer Email an CORRECTIV und die Recherchepartner spricht das Schweizer Justizdepartment später gar von einer „politischen Straftat“.

Die Einschüchterung

Im Mai 2017 entscheidet das Landgericht Ulm, dass die Sarasin-Bank dem Drogerieunternehmer Erwin Müller fast 50 Millionen Euro Schadensersatz zahlen muss. Es ist ein Triumph. Auch für Müllers Anwalt Eckart Seith.

Zwei Wochen später bekommt Seith nächtlichen Besuch. Überwachungskameras seiner Villa zeichnen auf, wie ein Mann über die Gartenmauer steigt, mit moderner Funktechnik die Haustür scannt. Er speichert in dem Gerät die elektronischen Signale des Autozündschlüssels. 

Danach geht er zu Seiths BMW 640i Cabrio, startet das Auto und fährt es rund 200 Meter weiter auf eine kleine Lichtung. Dort zerstört er Technik und Inneneinrichtung des Autos. Ein Profi, der einen Wagen klaut, ihn aber in Tatortnähe lässt und zerstört. „Wir haben ja einigen diese illegalen Geschäfte vermasselt“, sagt Seith. „Und dass man sich damit keine Freunde macht, war klar. Es gab auch schon andere Bedrohungen, aber das schien mir jetzt mal das deutlichste Zeichen.“

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Am 5. März 2018 erfährt Eckart Seith, dass er in der Schweiz angeklagt ist. Seith, Talheimer und dessen früherer Sarasin-Kollege. Drei Deutsche, die dazu beitrugen, dass die Cum-Ex-Geschäfte zu Lasten deutscher Steuerzahler durchleuchtet und juristisch aufgearbeitet werden. Ihnen drohen in der Schweiz Haftstrafen von mehr als drei Jahren. 

Seith ist heute 60 Jahre alt. Er bestreitet, dass er Josef Talheimer zum Diebstahl von Dokumenten angestiftet habe. Es gehe hier um etwas ganz Anderes: Die Zürcher Staatsanwaltschaft schütze eine Bank, die mit fragwürdigen Methoden seinen deutschen Mandanten Müller über den Tisch gezogen habe. Doch anstatt dem nachzugehen, mache sie nun Jagd auf jene, die den Cum-Ex-Betrug aufgedeckt hätten. „Hinter einem formal korrekten Erscheinungsbild steht die Auftragsjustiz der heimischen Finanzindustrie“, sagt er. „Das ist Strafjustiz, Einschüchterung, jeder Europäer soll wissen, dass er ins Gefängnis kommt, wenn er Fehlverhalten einer Schweizer Bank aufdeckt.“

Er habe sich nicht strafbar gemacht – und auch Josef Talheimer nicht. „Es ging um die Aufdeckung von Straftaten, und es ging um die Durchsetzung begründeter Schadenersatzansprüche“, sagt er. Das Geschäftsgeheimnis einer Bank sei nur dann geschützt, wenn sie rechtmäßig handle. Das bestätige ein Gutachten der zwei Strafrechts-Experten Martin Kilias und Daniel Jositsch. Darin schreiben sie, dass die Unterlagen der Bank Sarasin „Vorgänge über illegale Geschäftspraktiken betrafen“. Die aber seien nicht schutzfähig.

Staatsanwalt Peter Giger hält offenbar selbst wenig von den Cum-Ex-Geschäften. Als er sich in einem Brief an die Bundesanwaltschaft wendet, um diese über die laufenden Verfahren in Kenntnis zu setzen, schreibt er über Cum-Ex-Deals: „eine eher fragwürdige Finanzanlage“, die die Bank Sarasin „an sehr reiche Kunden“ vertrieben habe. „Diese fußt auf einer Steuerumgehung. Die Kunden der Bank J. Safra Sarasin AG erlitten sehr große Schäden, als der deutsche Staat die einschlägige Steuerlücke schloss.“

Josef Talheimer ist heute 51 Jahre alt. Er saß sechs Monate in Untersuchungshaft, verlor deswegen seinen Job beim Bankhaus Julius Bär. Inzwischen arbeitet er als Anwalt in einer großen deutschen Stadt. In seinen Augen wird er in der Schweiz verfolgt, weil er als Whistleblower half, das Cum-Ex-System bei Sarasin und anderen Banken aufzudecken. „Man wird Whistleblower, indem man ein Unrecht sieht, indem man – wie in meinem Fall – glasklar vor Augen Straftaten sieht, und mit aller Vorsicht zunächst und dann mit der gebotenen Deutlichkeit versucht, auf diese Missstände hinzuweisen und einfach nur ein Schulterzucken erntet.“

Die Vorgeschichte:

Oliver Schröm gehörte 2014 zu den ersten Journalisten, die auf Basis interner Unterlagen über die Cum-Ex-Geschäfte von Drogeriekönig Müller und anderen deutschen Investoren berichteten. Daraufhin geriet auch er ins Visier des Züricher Staatsanwalts Peter Giger, der ihn der Wirtschaftsspionage verdächtigte.
Oliver Schröm erreichen Sie per Email unter oliver.schroem(at)correctiv.org.
Falls Sie Hinweise haben und anonym bleiben wollen, können Sie unseren elektronischen Briefkasten nutzen. Oder schicken Sie Ihre Hinweise per Post: CORRECTIV, Singerstrasse 109, 10179 Berlin

Illustration: Vincent Burmeister
Grafik: Benjamin Schubert
Originalfotos: Karsten Raduenz

Whistlerblower hatten den Steuerbetrug der Schweizer Bank Sarasin ans Licht gebracht. Jetzt werden sie angeklagt.© Foto: Montage: Benjamin Schubert, Vorlage: AFP

Wirtschaft

Drei Deutsche wegen Spionage in der Schweiz angeklagt

Die Schweizer Justiz schlägt mit scharfem Schwert zurück: Nachdem ein deutsches Gericht die Schweizer Bank Sarasin wegen Steuerbetrugs in Millionenhöhe verurteilt hatte, verfolgt die Staatsanwaltschaft Zürich nun zwei deutsche Whistleblower und einen Rechtsanwalt aus Stuttgart wegen einer „politischen Straftat“.

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von Oliver Schröm , Justus von Daniels

Die Staatsanwaltschaft Zürich erhebt gegen drei Deutsche Anklage wegen Wirtschaftsspionage und Verstoß gegen das Bankgeheimnis. Ein Stuttgarter Anwalt und zwei ehemalige Mitarbeiter einer Schweizer Bank sollen illegal interne Bankunterlagen an deutsche Gerichte und Behörden weitergegeben haben. Das Schweizer Justizministerium stuft die Vorwürfe als „politische Straftaten“ ein. Das haben Recherchen von CORRECTIV, der Wochenzeitung „DIE ZEIT“, dem ZDF-Magazins „Frontal 21“ und des Schweizer Digitalmagazins „Republik“ ergeben, die diese Woche veröffentlicht werden.

Die Beschuldigten verweisen darauf, dass die Unterlagen wesentlich zur Aufklärung eines der größten Steuerskandale in Deutschland beigetragen haben, dem sogenannten Cum-Ex-Skandal. In der Schweiz drohen ihnen Haftstrafen von mehr als drei Jahren. Die beiden Banker wurden zeitweilig in der Schweiz in Untersuchungshaft genommen.

Hintergrund der Anklage ist eine Auseinandersetzung zwischen der Bank J. Safra Sarasin und einem ihrer reichsten Kunden, dem deutschen Milliardär und Drogeriekönig Erwin Müller. Müller hatte über die Bank in Cum-Ex-Geschäfte investiert und ist dabei nach eigenen Angaben falsch beraten worden.

Sein Anwalt Eckart Seith nahm von den beiden ehemaligen Mitarbeitern der Bank belastende Dokumente entgegen und nutzte sie für den Rechstsstreit. Darunter befand sich ein internes Gutachten, aus dem hervorgeht, dass die Bank mit dem Geld des Kunden vorsätzlich illegale Steuererstattungen veranlasst hatte. Im Mai 2017 verurteilte das Landgericht Ulm die Sarasin-Bank zur Zahlung von 45 Millionen Euro an Müller. Dagegen ist die Bank in Berufung gegangen.

Seith gab die Dokumente aber auch an deutsche Behörden weiter. So wurden sie zu zentralen Bausteinen im deutschen Verfahren rund um die dubiosen Cum-Ex-Geschäfte, durch die der deutsche Staat viele Milliarden verloren hat. Daran beteiligt waren Banken, Broker und Finanzberater. Drei deutsche Staatsanwaltschaften ermitteln. Es handelt sich um eines der größten Wirtschaftsverfahren in der Geschichte der Bundesrepublik.

Ein politischer Fall? 

Der Fokus der Schweizer Justiz liegt hingegen auf den drei Deutschen. Eine Anzeige, die Rechtsanwalt Seith 2013 auch bei der Staatsanwaltschaft Zürich gegen die Bank gestellt hatte, wurde noch nicht zur Anklage gebracht. Das Schweizer Justizministerium hatte die Staatsanwaltschaft Zürich 2015 aber ermächtigt, gegen die drei Deutschen wegen Wirtschaftsspionage zu ermitteln.

Ermittlungen wegen Wirtschaftsspionage werden in der Schweiz als politische Straftat eingestuft. Das Schweizer Ministerium erteilt nach eigenen Angaben pro Jahr „zwischen 10 und 15 Ermächtigungen zur Verfolgung politischer Straftaten“.

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CORRECTIV ist das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum. Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Diese Recherche wurde mit der Unterstützung unserer Fördermitglieder realisiert. Jetzt spenden!

Das könnte auch politische Konsequenzen haben. Lothar Binding, Finanzpolitischer Sprecher SPD-Bundestagsfraktion: „Ich glaube man sollte diesen Fall auch diplomatisch aufgreifen und einfach fragen, welchem Rechtsverständnis die Schweiz hier folgt. Vielleicht steckt dahinter, dass man ein Exempel statuieren will, dass man ein Beispiel geben will, wie hart man vorgeht, um möglicherweise andere abzuschrecken.“

CORRECTIV veröffentlicht eine zweiteilige Reportage zum Thema

Rund um die Ermittlungen spielte sich ein Krimi ab. Privatdetektive wurden angesetzt, Banker verhaftet und ein teures Cabrio auf einer Lichtung demoliert. Lesen Sie unsere ausführliche Reportage „Held, Dieb oder Spion?“. Die Recherche erscheint auch im Schweizer Digitalmagazin Republik und in der „Zeit“.

Mit der Einschaltung des Schweizer Justizministeriums spitzt sich ein schwelender Konflikt zwischen den deutschen und schweizer Justizbehörden um die Aufklärung massiven Steuerbetrugs in der Schweiz zu.

Es begann mit dem Ankauf von Steuer-CDs durch deutsche Behörden. Seitdem versuchen die Schweizer Ermittler, Whistleblower zu enttarnen und Rechtsbrüche zu ahnden. Umgekehrt wurde gerade erst einem Schweizer Ex-Polizisten der Prozess gemacht. Er sollte in geheimer Mission herausfinden, wie die deutschen Steuerfahnder in Wuppertal an die Schweizer Steuer-CDs gelangt waren.

Heute abend veröffentlichen wir dazu die Geschichte über den deutsch-schweizer Wirtschaftskrieg.









Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Gepanschte Krebsmedikamente: Tausende Menschen in sechs Bundesländern betroffen

Der Fall der falsch dosierten Krebsmedikamente des Bottroper Apothekers Peter S. betrifft weitaus mehr Menschen als bisher bekannt. Mehrere Tausend Patienten in sechs Bundesländern erhielten über Jahre hinweg teils wirkungslose Arzneien. Ein Großteil der Betroffenen ist darüber noch nicht informiert. Der Skandal wirft damit auch zunehmend ein schlechtes Licht auf die Behörden. Die verließen sich darauf, dass Ärzte und Kliniken die Patienten unterrichten.

von Bastian Schlange , Oliver Schröm , David Schraven

Durch zwei Mitarbeiter waren die Machenschaften des Bottroper Apothekers Peter S. im vergangenen Jahr aufgeflogen. Über Jahre hinweg hatte der Apotheker Krebsmittel entweder stark verdünnt oder mit falschen oder gar keinen Wirkstoffen angemischt. Peter S. besaß eine spezielle Zulassung für die Herstellung individueller Chemotherapien – sogenannter Zytostatika.

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Panschte über Jahre Krebsmedikamente: der Bottroper Apotheker Peter S.

Correctiv.Ruhr

Bisher ging man davon aus, dass sich der Skandal auf wenige belieferte Praxen in Bottrop und Teile des Ruhrgebiets beschränkte. Insgesamt sind jedoch sechs Bundesländer von dem Arzneimittelskandal betroffen.

37 Praxen und Kliniken bundesweit

Wie die verantwortliche Staatsanwaltschaft in Essen nun bestätigte, gehen die Ermittler bundesweit von rund 3700 Betroffenen aus. 37 Arztpraxen und Kliniken seien demnach in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker mit falsch dosierten Krebsmedikamenten beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen.

Die Staatsanwaltschaft hat bislang nur die vergangenen fünf Jahre ausgewertet, der für eine Anklage wegen Abrechnungsbetrug relevant ist. Fälle aus der Zeit davor wären strafrechtlich verjährt.

Damit könnte die Zahl der mutmaßlich betroffenen Patienten noch weit größer sein. Nach Recherchen des ARD-Magazins Panorama und des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV hat der Apotheker seit 2005 mehr als 7300 Menschen mit den 49 Wirkstoffen, die sich derzeit auf der Liste der manipulierten Wirkstoffe des Bottroper Gesundheitsamtes finden, beliefert.

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Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Ärzte in der Pflicht

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zeigte sich erschüttert, als er im Interview mit Panorama erfuhr, dass auch neun Monate nach Bekanntwerden des Skandals noch immer ein Großteil der betroffenen Patienten nicht unterrichtet ist. Die Dimensionen des Falles seien nicht bekannt gewesen. „Wir werden uns jetzt sofort darum kümmern, dass wir an die Adressen dieser Menschen kommen und dann werden wir sie selbstverständlich informieren“, sagte Laumann. „Wenn die Behörden, die Ärzte und Krankenhäuser, die die Medikamente verabreichten, informiert haben, dann ist es auch deren Aufgabe, ihre Patientinnen und Patienten zu informieren. Ich finde, das ist für einen Behandler schlicht die Pflicht, dieses zu tun.“

Der Fall des Bottroper Apothekers

Der Bottroper Apotheker Peter S., Erbe einer Familiendynastie von Bottroper Apothekern, war im November vergangenen Jahres festgenommen worden. Die Buchhaltung des Apothekers war ein deutliches Indiz für Unregelmäßigkeiten. Sie zeigte, dass deutlich mehr Medikamente verkauft als eingekauft wurden. Bei einzelnen Medikamenten wurde nur ein Fünftel des Wirkstoffes eingekauft, den die Patienten eigentlich erhalten sollten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Apotheker vor, über Jahre Chemotherapien und Antikörper-Infusionen für Krebspatienten zu niedrig dosiert und sogar Therapiebeutel gänzlich ohne Wirkstoff ausgeliefert zu haben. Dadurch haben tausende Krebspatienten vermutlich wirkungslose Medikamente bekommen und sind so zu Schaden gekommen.

Die Staatsanwaltschaft konnte in erster Linie den Betrug zur Strafanzeige bringen: Peter S. wurde wegen gepanschter Krebsmedikamente in 60.000 Fällen angeklagt. Der entstandene Schaden beläuft sich auf 56 Millionen Euro. Peter S. hat sich bisher zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Goldene Schlangen vor der Alten Apotheke© Lennart Schraven

Alte Apotheke

Die Alte Apotheke – Das Ende des Schweigens

Als der Apotheker Peter S. Ende November 2016 in Bottrop festgenommen wurde, konnte sich niemand vorstellen, dass die Vorwürfe stimmen könnten. Peter S. soll über Jahre Krebsmedikamente zu niedrig dosiert oder gar ohne Wirkstoff abgegeben haben. Tausende schwerkranke Menschen könnten betroffen sein. Ein Schock. Bis dahin kannten die Bottroper den Apotheker der Alten Apotheke als karitativen Sponsor, als treibende Kraft im Förderverein des Hospizes. Recherchen von CORRECTIV mit dem ARD-Magazin Panorama zeigen nun, dass sich der Skandal zu einem der größten Medizinskandale der Nachrkriegszeit entwickelt. Jetzt reden die Zeugen.

weiterlesen 12 Minuten

von Oliver Schröm , Niklas Schenck , David Schraven

Bisher haben sich die beiden Mitarbeiter der Alten Apotheke nicht öffentlich geäußert, deren Angaben im Herbst 2016 die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Essen ausgelöst haben.

Martin Porwoll begann 2014 als kaufmännischer Leiter in der Alten Apotheke – einem der wichtigsten Arbeitgeber in Bottrop, mit rund 90 Mitarbeitern zahlte die Alte Apotheke fast so viele Gewerbesteuern wie die letzte Zeche der Stadt. Porwoll sagt: „Ich wollte erst sicher sein, dass die Taten im Vordergrund stehen, und nicht ich als Person.“ Der Chef der Alten Apotheke, Peter S., war ein Freund von Porwolls Familie – beide sind zusammen aufgewachsen, beide gingen in das Heinrich-Heine-Gymnasium. „Als ich in der Apotheke anfing, hörte ich immer wieder Gerüchte von Kollegen, dass Peter Infusionen zu niedrig dosiere.“ Anfangs denkt Porwoll, an den Gerüchten könne nichts dran sein – und sucht nach einem Weg, sie zu entkräften. Dann beginnt er langsam zu zweifeln, weil er immer mehr Hinweise darauf entdeckt, dass Peter S. in seiner Apotheke grundlegende Sicherheitsregeln missachtet.

Sendehinweis:

Einen ausführlichen Bericht zum Fall des Bottroper Skandalapothekers sendet das ARD-Magazin Panorama am Donnerstag, 29. Juni 2017, um 23:30 Uhr: „Lebensgefährliche Gier – Chemotherapien ohne Wirkstoff“

Maria-Elisabeth Klein hat im Labor der Alten Apotheke gearbeitet. Sie stellt seit 17 Jahren Krebsmittel-Infusionen her, sie kennt die Regeln: „Mir sind als erstes die krassen Hygiene-Mängel aufgefallen“, sagt sie. „Peter S. ging mit Straßenkleidung ins Reinraumlabor, in Sakko und Hemd.“ Ein Verstoß gegen Sicherheitsmaßnahmen. Normalerweise muss man den Reinraum durch eine Schleuse betreten, zieht sterile Kleidung an und desinfiziert sich. Keimfreiheit ist zwingend, denn während einer Krebstherapie ist das Immunsystem der Patienten so heruntergefahren, dass jede Infektion ein tödliches Risiko darstellt. Eine Krankheit, übertragen durch ein verschmutztes Medikament, kann das Ende bedeuten.

Auch die Sicherheit der Kollegen schien Peter S. nicht zu interessieren. Viele der Wirkstoffe sind selbst krebserregend, andere sind schädlich für die Keimbahn, sie können unfruchtbar machen. Deshalb muss zwingend in einer so genannten Werkbank hantiert werden, hinter einer Glasscheibe, mit einem Abzug – so dass keine Kollegen einem umgeschütteten Wirkstoff ausgesetzt sind, wenn was bei der Zubereitung schief geht.

„S. arbeitete oft freihändig – außerhalb der Werkbank“, sagt Klein. Das Vier-Augen-Prinzip bei der Zubereitung habe er wissentlich gebrochen: „Du gehst jetzt mal raus hier“, sei ein Satz gewesen, der häufig gefallen sei.

Der größte Schock für Porwoll und Klein: Peter S. ging mit seinem Golden Retriever Grace ins Reinraumlabor. Porwoll hat den Hund gesehen, Klein fand regelmäßig große Mengen Hundehaare beim Säubern des Labors.

Alle im Labor hätten gewusst, dass Peter S. in Straßenkleidung Infusionen zubereite, sagt Maria-Elisabeth Klein. „Die Kollegen sagten dann nur: ‚Der Chef geht wieder spielen.’“ Peter S. habe oft am Wochenende gearbeitet oder frühmorgens, bevor die anderen Mitarbeiter zur Arbeit kamen, und Maria-Elisabeth Klein begann sich zu wundern, wie es ihm gelang, ein Vielfaches der Infusionen zuzubereiten, die andere Laborkräfte in derselben Zeit schafften. „Er sagte mir einmal, er sei eben der schnellste Zubereiter in Deutschland, das habe er während seiner Zeit bei der Bundeswehr gelernt.“ Auch dort wurde S. als Apotheker eingesetzt.

Peter S. MediCity

Peter S. bei der Eröffnung seiner MediCity

CORRECTIV

Als Mitte 2015 das neues Antikörper-Präparat „Opdivo“ für die Krebsimmuntherapie auf den Markt kommt, mit dem Wirkstoff „Nivolumab“, entscheidet sich Martin Porwoll, den Gerüchten über die Unterdosierung nachzugehen. Entweder er kann sie entkräften – oder beweisen.

Porwoll addiert alle Einkaufsrechnungen für den Wirkstoff, die aus der Alten Apotheke jemals bezahlt wurden, und vergleicht die Summe mit den Mengen, die Ärzte ihren Patienten verordnet hatten. Seit der Zulassung des Medikaments hatte S. genau 16.420 Milligramm davon eingekauft. Bei den Kassen aber habe er mehr als die dreifache Menge abgerechnet, nämlich 52.174 Milligramm. Peter S. muss die Wirkstoffe, die er eingekauft hatte, auf mehr als das dreifache Gewicht gestreckt haben: Bis zu 70 Prozent der Antikörper muss er einfach durch Kochsalzlösung oder Glukose ersetzt haben.

Hätte er die volle Menge „Opdivo“ mit dem Wirkstoff „Nivolumab“ eingekauft, die seine Patienten brauchten, dann hätte er allein mit diesem Wirkstoff in einem Jahr fast 34.000 Euro Gewinn gemacht. So aber, indem er den Kassen – und noch viel schlimmer: den Patienten – eine Kochsalzlösung als Wirkstoff unterjubelte, verachtzehnfachte sich sein Gewinn auf 615.000 Euro.

Dasselbe Ergebnis findet Porwoll bei Xgeva, einem Antikörper, der in Spritzen aufgezogen wird. 1,25 Millionen Euro Gewinnspanne statt 166.000 Euro, die legal gewesen wären. Für manche Wirkstoffe hat er nur ein Drittel der verordneten Menge eingekauft, für manche die Hälfte. Eine Handvoll Wirkstoffe rechnet Porwoll selbst durch, den Rest überlässt er der Staatsanwaltschaft.

Während die Staatsanwaltschaft Essen schon dabei ist, einen Durchsuchungsbeschluss zu erwirken, offenbart sich auch Marie Klein der Polizei – mit dem harten Beleg dafür, dass S. mindestens einzelne Infusionen komplett ohne Wirkstoff ausliefert.

Klein war damals in einer onkologischen Praxis zu einer Besprechung über die Zubereitung von Krebsmedikamenten. Auf dem Rückweg bat sie eine Sprechstundenhilfe, eine Antikörper-Infusion mit zurück in die Apotheke zu nehmen: Der Patientin, für die diese Infusion gedacht war, ging es zu schlecht, ihre Therapiesitzung musste abgesagt werden. „Dieses Präparat hätte schäumen müssen, Antikörper sind große Protein-Moleküle, das müssen Sie sich vorstellen wie mit einem Tropfen Priel im Wasserglas, da lässt die Oberflächenspannung nach“, erklärt Klein. Als sie den Beutel leicht schüttelt, schäumt gar nichts. „Also habe ich unter den Stopfen geschaut, mit dem solche Infusionen geschlossen werden. Das ist die Stelle, wo der Wirkstoff eingespritzt wird. Und dieser Stopfen war unverletzt. Das heißt, da ist nichts zugeführt worden.“

Klein geht mit dem Beutel zur KriPo. Sie will ihren Verdacht bestätigen lassen. Der Beutel wird beschlagnahmt und zu Tests in Paul-Ehrlich-Institut nach Langen geschickt. Das Ergebnis: In dem Beutel war kein Wirkstoff. Nichts. Es war eine reine Kochsalzlösung, die als Krebsmedikament einer schwerkranken Frau verabreicht werden sollte.

Weit mehr Wirkstoffe unterdosiert als bisher bekannt

Selbst betroffene Ärzte, mit denen Panorama und CORRECTIV gesprochen haben, gehen bisher davon aus, worüber sie die Staatsanwaltschaft nach der Verhaftung von Peter S. informiert hat: Dass nur fünf Wirkstoffe betroffen seien – diejenigen Wirkstoffe, die der Whistleblower Martin Porwoll für seine Anzeige beispielhaft durchgerechnet hat. Ein Onkologe, der hauptsächlich Brustkrebspatientinnen behandelt, gab seinen Patientinnen deswegen Entwarnung: Sie erhielten ja andere Medikamente. Sie seien nicht vom Skandal betroffen.

Eine Fehlinformation.

Die Ermittler beschlagnahmten bei einer Hausdurchsuchung am Tag der Festnahme von Peter S. alle Einkaufsrechnungen und die Abrechnungsdaten mit den Krankenkassen und stellten dieselben Vergleiche wie Porwoll auch für weitere Wirkstoffe an. In den meisten Fällen mit demselben Ergebnis: „Wir befassen uns in diesem Verfahren mit ungefähr 50 verschiedenen Medikamenten“, sagt die zuständige Staatsanwältin Annette Milk. Darunter befänden sich Zytostatika, also klassische Chemotherapien, hochpreisige Tumor-Antikörpertherapien, außerdem Begleitmedikationen, welche Nebenwirkungen abmildern sollen. „Bei dieser Vielzahl von Medikamenten taucht immer wieder auf, dass der Apotheker nach unserem bisherigen Erkenntnisstand signifikant weniger Material eingekauft hat als er abgegeben haben will. Wir reden hier über signifikante Unterschiede, das heißt, es geht hier nicht um Unterdosierungen von wenigen Prozent, die sowieso auch schon mal bei der Herstellung anfallen können und die auch gar nicht als bedenklich angesehen werden, sondern es geht hier um Unterschiede von 20 zu 80 Prozent bei einzelnen Medikamenten.“

Das dürfte auch für die Stadt Bottrop überraschend sein. Im Gespräch mit Panorama und CORRECTIV sagte der Gesundheitsdezernent Willie Loeven, dass er keine Informationen über weitere Wirkstoffe habe, neben den fünf anfangs übermittelten. Das sind auch die Medikamente, die das Rathaus damals in einer Hotline als „möglicherweise betroffen“ öffentlich machte.

Bislang gehen alle davon aus, dass Peter S. nur bei fünf Medikamenten geschummelt hat. Tatsächlich sind es Dutzende.

Die Staatsanwaltschaft beteuert, jedem Menschen mit Sachverstand hätte von Beginn an klar sein müssen, dass sich die Zahl der gepanschten Medikamente im Laufe der Ermittlungen ausweiten werde. Die erste Meldung war eine Mindestmeldung.

Peter S. hat sich bislang nicht zu den Vorwürfen eingelassen. Sein Anwalt wollte sich gegenüber CORRECTIV und Panorama nicht äußern.

Sind Sie selbst betroffen, oder haben Informationen für uns, sprechen Sie mit uns und mit anderen Betroffenen in unserer Facebook-Gruppe zur Alten Apotheke Bottrop

Maximale Verunsicherung in Bottrop

„Wir haben im Radio davon erfahren, und meine Tochter hat geweint und gesagt: Mensch, Mama, ich krieg doch auch meine Medikamente von dem.“ Das erzählt Annelie Scholz. Ihre Tochter Nicole Abresche-Drenski bekam Xgeva aus der Alten Apotheke. Sie hatte Brustkrebs, und Metastasen griffen ihr Knochengerüst stark an. Auf den Seiten des Rathauses erfuhren Mutter und Tochter schnell, dass Abresche-Drenskis Medikament möglicherweise auch unterdosiert wurde. Drei Wochen später starb Nicole Abresche-Drenski. Ihre Therapie hatte nicht angeschlagen. Ihr acht Jahre alter Tochter lebt nun bei den Großeltern. Vor einigen Wochen hat sie erstmals ihren Vater kennengelernt. „Mich macht das verrückt bei dem Gedanken, dass er vielleicht daran schuld ist, dass Lara jetzt schon Halbwaise ist und ihre Mama nicht mehr hat“, sagt Annelie Scholz. „Wir wissen das alle nicht – aber es ist eine Möglichkeit.“

Die Rechtsanwältin Sabrina Diehl vertritt etliche Patienten, die Peter S. nach Bekanntwerden der Vorfälle angezeigt und auf Schmerzensgeld verklagt haben. „Bei einer meiner Klientinnen hat man gesehen, dass die Tumormarker unglaublich hoch gestiegen sind, teilweise bis über 12.000 bei einem Normwert von 30“, erzählt Diehl. „Die Therapie ging über Monate, hat aber keinerlei Wirkung gezeigt. Sie hatte noch nicht einmal die Nebenwirkungen, die sie sonst in der Vergangenheit hatte. Und nachdem der Skandal dann aufgedeckt worden ist, wurden die Medikamente über eine andere Apotheke bezogen und schlagartig sind innerhalb von wenigen Wochen die Tumormarker gesunken.“

Bottrop hat etwas mehr als 100.000 Einwohner, mehrere tausend Patienten könnten laut Staatsanwaltschaft von dem Vorgehen von Peter S. betroffen sein. „Nahezu jeder in der Stadt kennt jemanden oder hat Verwandte, die mit Krebsmedikamenten aus der Alten Apotheke behandelt wurden“, sagt Willie Loeven, der Gesundheitsdezernent der Stadt Bottrop. Auch Bekannte von Loeven waren betroffen; Mitarbeiter der Hotline des Rathauses hatten kurz vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe ihre Eltern verloren; ein Mitarbeiter im Krisenstab begleitete gerade seine Ehefrau durch die Krebstherapie.

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Viele Menschen in Bottrop treibt die Frage nach dem Motiv um? Warum hat Peter S. das getan? Hat er Menschen leiden, vielleicht sogar sterben lassen, um ein Leben in Luxus führen zu können? Seine Zehn-Millionen-Euro-Villa in Kirchhellen wollte er mit einem Themenpark umgeben. Von Atlantis bis zu Grimms Märchen. Er hatte eine Rutsche vom Badezimmer im ersten Stock hinunter in den Swimmingpool im Erdgeschoss. Sein Haus lies er exakt so hoch bauen, dass er von der Dachterasse aus die letzte Zeche sehen konnte. Das ist exzentrisch – aber nicht schlimm. Oder doch Anzeichen seines Wahns?

Peter S. Spendenlauf

Peter S. verteilt Geld beim Spendenlauf von seinem Hochsitz vor der Alten Apotheke aus.

CORRECTIV

Peter S. war mit der Stadt eng verbunden. Auf der Hochstraße kaufte er nach und nach Häuser zusammen und formte aus den Immobilien seine „MediCity“. Die Stadt übernahm das Logo, um damit zu werben. Peter S. war im Vorstand des Stadtmarketings. Lies sich zusammen mit dem Oberbürgermeister Bernd Tischler fotografieren. Peter S. liebte den Auftritt als Gönner. Schenkte Geld der Stadt, veranstaltete einen Spendenlauf, bei dem er vor seiner Alten Apotheke auf einem Hochsitz saß, während an ihm vorbei die Menschen liefen. Für jede Runde, die Kinder, Frauen und Männer um die Apotheke drehten, warf er einen Euro in eine Spendentonne. Das Geld gab er später dem Hospiz, für das er sich engagierte, in dem Krebskranke auf einen würdigen Tod vorbereitet wurden. Brauchte Peter S. das Geld, um sein Selbstwertgefühl über die Masse zu heben?

Wir wissen es nicht.

Mehr Taten als juristisch verfolgt werden

Gerade wurde Peter S.’s Untersuchungshaft verlängert. Die Staatsanwälte planen in wenigen Tagen Anklage zu erheben – zunächst wohl nur wegen gewerbsmäßigen Abrechnungsbetruges zum Nachteil der Krankenkassen und wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Die Beweishürden für den Vorwurf der Körperverletzung und möglicher Tötungsdelikte sind womöglich zu hoch. „Wir müssen ganz genau sagen: Dieser eine ganz bestimmte Patient hat zu wenig Medikation bekommen“, erklärt die zuständige Staatsanwältin Annette Milk. „Und in einem zweiten Schritt müssten wir dann auch nachweisen, dass es ihm genau deshalb hinterher schlechter gegangen ist – und nicht etwa, weil es ihm sowieso schlecht geht. Wir haben also zwei Beweisschritte zu vollziehen, und für uns ist schon der erste Schritt extrem schwierig.“ Peter S. könnte die Vorwürfe aufklären, aber er hat bisher nicht ausgesagt.

„Wir wissen nicht, wie der Apotheker seine Gunst oder Ungunst verteilt hat“, sagt die Essener Oberstaatsanwältin Annette Milk. „Hat er zum Beispiel Montags bis Mittwochs immer ordnungsgemäß die Medikamente verteilt und am Rest der Woche nicht? Oder hat er Männer bevorzugt, Frauen benachteiligt? Hat er junge Leute bevorzugt, Alte benachteiligt? All das wissen wir nicht und das aufzuklären, ist extrem schwierig.“

Milk und ihre Kollegen gehen von 50.000 einzelnen Verschreibungen aus, bei denen S. betrogen haben könnte. Allerdings verfolgen sie nur Taten ab 2012, damit keine Einzeltaten während der Prozesse verjähren. Die Alte Apotheke hatte aber seit 2001 ein Reinraumlabor für Krebsmedikamente. Es könnten also noch deutlich mehr Patienten betroffen gewesen sein als bisher angegeben.

Peter S. Marketing Bottrop

Peter S. war in der Stadt bestens vernetzt. Hier ist er mit Bottrops OB Bernd Tischler (2. von rechts) im Vorstand des Marketing-Vereins Bottrop.

CORRECTIV

Auch klinische Studien könnten betroffen sein

Auch wissenschaftliche Studien könnten verfälscht worden sein, warnte im Dezember 2016 das Bundesinstitut für Arzneimittelsicherheit (BfArM). Bisher seien mindestens 30 klinische Studien identifiziert worden, deren Teilnehmer mit Medikamenten aus der Bottroper Apotheke beliefert wurden, so Maik Pommer, ein Sprecher des BfArM, auf Anfrage von Panorama und CORRECTIV. Betroffen seien Studien mit mindestens 25 Wirkstoffen. Das BfArM wertet derzeit die Angaben der Sponsoren der klinischen Studien aus, in der Regel Pharmakonzerne oder Universitätskliniken. „Wir müssen verhindern, dass solche Daten in Zulassungsverfahren für neue Medikamente eingebracht werden, und werden deshalb nach Auswertung der Antworten alle europäischen Zulassungsbehörden informieren.“

Das BfArM geht bisher nicht davon aus, dass verfälschten Daten Eingang in frühere Zulassungsstudien gefunden haben. Sollte Peter S. auch Prüfsubstanzen falsch dosiert haben, so sind verschiedene Szenarien der Verzerrung der Ergebnisse denkbar – je nach Aufbau der Studie: Hätte er den zu prüfenden Wirkstoff unterdosiert, würde dessen Wirkung unterschätzt, die Nebenwirkungen aber womöglich ebenfalls unterschätzt. Hätte er umgekehrt das Vergleichspräparat unterdosiert, könnte die Wirkung des geprüften Medikaments sowie seine Nebenwirkungen überschätzt worden sein.

Auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), zuständig für biologische Wirkstoffe wie monoklonale Antikörper, rief die Sponsoren klinischer Studien dazu auf, sich zu melden, sollten einzelne Studienzentren aus der Apotheke von Peter S. versorgt worden sein. Das Ergebnis: Vier klinische Prüfungen im Zuständigkeitsbereich des PEI könnten betroffen sein, mit zwei Antikörpern und einer „chemisch-definierten Prüfsubstanz“. „Wie viele Patienten in Deutschland in diesen klinischen Prüfungen letztendlich tatsächlich eingeschlossen wurden, ist dem Paul-Ehrlich-Institut derzeit noch nicht bekannt.“

Hinweise schon 2014

Die Staatsanwaltschaft Essen hatte bereits 2014 Hinweise auf krasse hygienische Mängel und auf Unterdosierung in der Alten Apotheke vorliegen. Ein früherer Fahrer der Apotheke hatte sich damals bei den Ermittlern gemeldet. Auf Basis seiner Angaben ließ sich aber kein Durchsuchungsbeschluss erwirken – zumal seine Ehefrau, die im Labor arbeitete, seine Angaben nicht bestätigte, als sie ebenfalls vernommen wurde.

Forderungen nach intensiveren Kontrollen – aus allen Lagern

Martin Porwoll hat sich auch bei der Staatsanwaltschaft gemeldet, weil ihm als Mitarbeiter der Alten Apotheke die Kontrollen durch die Amtsapotheker der Stadt wirkungslos vorkamen. Wie alle Aufsichtsbehörden in Deutschland prüften die Bottroper Amtsapotheker das Zytostatika-Labor von Peter S. im Abstand von zwei bis vier Jahren. Immer angekündigt, um die Produktionsprozesse nicht zu stören und die Versorgung der Patienten nicht zu verzögern. „Auf solche Kontrollen wurde das Labor akribisch vorbereitet“, sagt Martin Porwoll. „Dann war natürlich an dem Tag alles so, wie es sein soll.“

„Wir brauchen mindestens vier Kontrollen pro Jahr, und sie müssen unangekündigt sein“, fordert Eugen Brysch, Vorstand der „Deutschen Stiftung Patientenschutz“ in Dortmund, die sich laut eigener Auskunft vor allem für die Belange schwerkranker und sterbender Patienten einsetzt.

Außerdem müsse eine Chargenkontrolle ins Repertoire der Regel-Überprüfungen aufgenommen werden, also der Abgleich der Einkaufsbelege mit den Abrechnungsdaten der Krankenkassen, wie die Staatsanwälte ihn nun für die Alte Apotheke durchgerechnet haben.

Für die kaufmännische Prüfung fehle bisher die Rechtsgrundlage, sagt Willie Loeven, der Gesundheitsdezernent der Stadt Bottrop. Dafür müssten im Land oder im Bund die Grundlagen geschaffen werden. Im Landesgesundheitsministerium von NRW will man zunächst das Ermittlungsverfahren abwarten, prüft aber parallel mögliche Konsequenzen für die Kontrollpraxis. Ein Sprecher erläutert gegenüber Panorama und CORRECTIV die Frage, die man sich bezüglich der kaufmännischen Überwachung stelle: „Gäbe es die Möglichkeit für ein gesetzlich vorgegebenes Verfahren, das bei Herstellung dieser Arzneimittel eine automatisierte digitale Plausibilitätsprüfung zwischen eingekaufter, verarbeiteter und verkaufter Wirkstoffmenge zur Regel macht?“

Panorama und CORRECTIV haben die Aufsichtsbehörden aller Bundesländer angefragt. Die Ergebnisse gleichen sich: Eine kaufmännische Kontrolle gehöre bisher nicht zur Aufgabe der pharmazeutischen Überwachung, dafür fehle die Rechtsgrundlage. Auch werden bisher in keinem Bundesland regelmäßig physische Stichproben der teuren Krebs-Medikamente gezogen. Das Argument: Die Kosten für einzelne Beutel können sich auf mehrere tausend Euro belaufen, und wenn eine Probe genommen wird, steht die betreffende Infusion den Patienten nicht mehr zur Verfügung. Für diese Herausforderungen könnte es eine Lösung geben: Das Landesgesundheitsministerium in NRW (MGEPA) schreibt, es werde darüber nachgedacht, ob nicht künftig von jedem patientenindividuell hergestellten Medikament zur Krebsbehandlung ein Überschuss hergestellt werden müsse, zur Rückstellung für mögliche behördliche Kontrollen.

Diesem Vorschlag entgegnen Apotheker zwar mit Skepsis – nur der volle Beutel könne einer aussagekräftigen Kontrolle unterzogen werden. Ein anderer Vorschlag findet aber mehr Anklang: Wenn Infusionen ohnehin zur Vernichtung aus der Arztpraxis in die Apotheke zurückgeschickt werden, etwa weil Patienten aufgrund schlechter Blutwerte nicht bereit sind für eine Behandlung, könnten diese Rückläufer stattdessen an zentralen Stellen gesammelt werden. Alle Infusionen, die dann noch haltbar sind, stünden für mögliche Stichproben zur Verfügung – ohne prohibitive Zusatzkosten.


Sendehinweis:

Einen ausführlichen Bericht zu dem Fall des Bottroper Skandalapothekers sendet das ARD-Magazin Panorama am Donnerstag, 29. Juni 2017, um 23:30 Uhr: „Lebensgefährliche Gier – Chemotherapien ohne Wirkstoff“