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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: völlig falsch

Kündigungsgeschichte von einem LIDL-Mitarbeiter ist Werbung für ein Onlinekasino

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Erstaunlicherweise beleidigen viele Menschen ihre Chefs nachdem sie die gleiche Summe Online gewonnen haben? Ein Zufall...

von Jacques Pezet

In einer Kooperation mit Facebook überprüft CORRECTIV die Genauigkeit Artikeln, die auf dem sozialen Netzwerk geteilt werden. Unter den potenziell fehlerhaften Links befand sich in dieser Woche ein Text von „orangez-tangle.com“, der am 21. März 2018 veröffentlicht worden ist. 

Die Webseite erzählt die Geschichte des österreichischen Lidl-Mitarbeiter Martin Reiter aus Wien, der innerhalb von ein paar Minuten 1.206.630 Euro in einem Onlinekasino gewonnen hat. Danach sei er zu seinem Chef gegangen und habe ihm gesagt: „Er könne mich mal am A*sch lecken und warf meine Dienstkleidung vor ihm auf den Boden“. Der Text endet mit diesem Absatz „Die Erfolgsgeschichte von Martin Reiter motiviert und die Tatsache, dass die Gewinnwahrscheinlichkeit im Onlinekasino deutlich höher als bei der Konkurrenz ist, sorgt ebenfalls für Euphorie im Internet“.

Diese Geschichte glauben wir nicht. Warum? Weil wir genau auf der gleichen Webseite, die Geschichte eines Lidl-Mitarbeiters, diesmal aus Berlin lesen können. Der heißt auch Martin Reiter, und hat auch genau 1.206.630 Euro beim Online-Spielen gewonnen und danach sein Chef beleidigt. 

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Zwei gleich aussehende Martin Reiter in zwei Städten…

Genauso wie sein Namensvetter aus Wien hat der Berliner Martin Reiter der niederländischen Tageszeitung „De Telegraaf“ ein Interview gegeben, wie man an dem Logo des Mikrofons erkennen kann. Im Originalvideo vom „Telegraaf“ heißt der Lidl-Mitarbeiter Rein van der Plas und gibt ein Interview, weil er einen Mann, der in dem Discounter onanierte, gestoppt hat.

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Casino De telegraaf

Martin Reiter heißt nicht Martin Reiter und lebt weder in Berlin, noch in Wien, sondern in den Niederlanden…

Andere Versionen dieser Geschichte kursieren im Netz seit 2015. Der Onlinekasino-Spieler heißt immer Martin Reiter, hat die gleiche Summe gewonnen aber diesmal arbeitet er für die Fast-Food-Kette McDonald’s. Diese Texte haben nicht nur den Name von Martin Reiter gemeinsam. Sie erwähnen immer das „Onlinekasino Stargames“ mit fetten Buchstaben.

Es handelt sich um eine Online-Werbung. Am 3. April 2018 schickte „CORRECTIV“ eine Anfrage an „Greentube“ (die Eigentümer von „Stargames“), um die Herkunft des Werbetexts zu erfahren. Die Firma antwortete: „Greentube hat keine dieser Geschichten produziert und daher gibt es keinen weiteren Kommentar von unserer Seite“.

Es ist nicht das erste Mal, dass wir solche Fälle bei „Echtjetzt“ beobachten. Im August 2017 hatten wir über den Fall des Onlinekasinos „Grand Mondial Casino“ berichtet, der mit einer Falschnachricht für seine Spiele warb und damit Ressentiments gegen Asylbewerber anfachte. 

Unsere Bewertung:
Erfundene Werbung mit falschen Bildern

Bewertung: falsch

Der Fahrer, der in Berlin mit einem SUV in eine Menschengruppe raste, ist Deutscher

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Vier Menschen starben in Berlin, als ein SUV auf einen Gehweg raste. Die Polizei spricht bisher von einem Verkehrsunfall, ermittelt aber noch die Ursache. (Symbolfoto: Golda Falk / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem Verkehrsunfall in Berlin, bei dem ein Porsche Macan – ein SUV – in eine Gruppe Menschen fuhr, kursiert auf Facebook das Gerücht, der Fahrer sei Marokkaner. Das ist falsch. 

Am 6. September raste nach Angaben der Polizei in Berlin-Mitte ein Porsche Macan – ein sogenannter SUV (Geländewagen) – in eine Gruppe Menschen. Vier Personen starben, fünf weitere wurden verletzt. Der Vorfall ereignete sich an der Kreuzung Invalidenstraße Ecke Ackerstraße. Die Polizei spricht bisher stets von einem „schweren Verkehrsunfall“. 

Nun behaupten Nutzer auf Facebook, der Fahrer sei Marokkaner gewesen. In einem der Beiträge, der am 12. September veröffentlicht und mehr als 450 Mal geteilt wurde, steht: „Der SUV Fahrer, der in Berlin in eine Menschenmenge fuhr und dabei 4 Menschen tötete ist ein Marokkaner! Warum verschweigen die Medien das?“ Es handelt sich offenbar um eine Kopie eines Beitrags vom 10. September (mehr als 500 Mal geteilt), der wortgleich von mehreren Nutzern übernommen wurde.

Die Behauptung, der Fahrer sei Marokkaner, ist falsch. 

Ein Facebook-Beitrag mit der Behauptung vom 10. September 2019. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)
Ein weiteres Beispiel für einen Beitrag mit identischem Text. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)

Wie ein Pressesprecher der Polizei Berlin, Stefan Petersen, CORRECTIV am Telefon mitteilte, hat der 42-jährige Fahrer die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch sei er nicht marokkanischer Herkunft. Auch der Deutschen Presse-Agentur gab die Polizei diese Information. In Medienberichten wird der Name des Fahrers mit „Michael M.“ angegeben. 

Es wird geprüft, ob der Fahrer gesundheitliche Probleme hatte

Der Unfallhergang ist laut Polizei noch immer unklar. Am 9. September bat sie die Öffentlichkeit um Hinweise und ging nach eigenen Angaben unter anderem der Möglichkeit nach, dass ein medizinischer Notfall zu dem Unfall geführt hat.

Am 16. September teilte dann die Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft Berlin auf Twitter mit, die Wohnung des Fahrers sei am Freitag, dem 13. September, durchsucht worden. Es seien Beweismittel sichergestellt worden, deren Untersuchung zeigen solle, „ob sich die Hinweise auf eine unfallursächliche, akute gesundheitliche Notlage konkretisieren lassen“. Einem Bericht des RBB vom 16. September zufolge hat der Anwalt des Fahrers bei der Staatsanwaltschaft eine schriftliche Stellungnahme abgegeben, nach der eine „akute gesundheitliche Problematik“ die Ursache des Unfalls gewesen sein könnte. Medien berichten über Hinweise, dass der Fahrer möglicherweise einen epileptischen Anfall hatte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Fahrer des SUV war laut Polizei Berlin Deutscher und ist nicht marokkanischer Herkunft.  

Bewertung: größtenteils falsch

Grüne hatten keinen Einfluss auf die Finanzierung eines Kohlekraftwerkes in Griechenland

Bildschirmfoto 2019-08-19 um 11.35.32
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Auf Facebook wird behauptet, die Grünen seien an der Finanzierung eines griechischen Kohlekraftwerks beteiligt. Tatsächlich wird das Vorhaben von einem deutschen Unternehmen, einer deutschen Bank und mit einer Bürgschaft des deutschen Staates realisiert. Die Grünen haben damit nichts zu tun.

von Hüdaverdi Güngör

Auf Facebook wird behauptet, die Grünen seien an der Finanzierung eines griechischen Kohlekraftwerks beteiligt. Tatsächlich wird das Vorhaben von einem deutschen Unternehmen, einer deutschen Bank und mit einer Bürgschaft des deutschen Staates realisiert. Die Grünen haben damit nichts zu tun.

Die Facebook-Seite „AfD-Freunde Tübingen“ veröffentlichte am 3. August eine Text-Bild-Collage. Darauf ist in weißer Schrift zu lesen: „Wollt ihr uns verarschen!? Griechenland bekommt 730 Millionen Euro zur Restauration von Kohlekraftwerk. Wir zahlen CO2-Steuer, müssen Kohlekraftwerke abschalten und verlieren unsere Arbeitsplätze!“ 

Unter dem Text ist ein Foto des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion der Grünen, Anton Hofreiter, zu sehen, mit dem Logo der Grünen im Hintergrund. Neben ihm wurde das Bild eines Kraftwerks eingefügt. So wird der Eindruck erweckt, dass die Grünen oder Hofreiter am Finanzierungsvorhaben für ein Kohlekraftwerk in Griechenland beteiligt gewesen wären. Der Facebook-Beitrag wurde mehr als 18.000 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag wurde mehr als 18.000 Mal geteilt (Screenshot: CORRECTIV)

Finanzierung für den Bau eines neuen Kohlekraftwerks in Griechenland

Die Facebook-Seite schreibt zu dem Bild: „DEUTSCHE KFW BANK FINANZIERT GRIECHISCHES KOHLEKRAFTWERK“. Konkret habe die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) für den Bau eines Kohlekraftwerkes in Griechenland Kredite in Höhe von 730 Millionen Euro gegeben. Hier weicht der Beschreibungstext von der Aussage auf dem Bild selbst ab; dort ist von einer „Restaurierung“ eines Kraftwerks die Rede. Ob und inwiefern die Grünen beteiligt sind oder waren, wird nicht erwähnt. Aber unter dem Text wurde der Hashtag „#GrünenWahnsinnSTOPPEN“ eingefügt. 

Außerdem verweist die Facebook-Seite auf zwei weitere Webseiten. Der erste verlinkte Artikel führt auf die Webseite von Christian Loose, einem AfD-Landtagsabgeordneten in Nordrhein-Westfalen. Der Beitrag auf seiner Seite ist nahezu identisch mit dem auf der Facebook-Seite, auch dort heißt es, die KfW finanziere den Bau eines Kohlekraftwerks. Nur die Text-Bild-Collage fehlt. Außerdem werden die Grünen nicht erwähnt. 

Der zweite Link, auf den sich auch Loose in seinem Artikel als Quelle bezieht, führt zu einem am 28. Mai 2019 veröffentlichten Bericht von German Trade & Invest (GTAI). GTAI ist eine GmbH, welche laut ihrer Internetseite vom Bundesministerium für Wirtschaft gefördert wird. Nach eigenen Angaben ist sie zuständig für „Außenwirtschaft und Standortmarketing“ und hat das Ziel, „deutsche und ausländische Unternehmen beim Auslandsgeschäft oder der Ansiedlung in Deutschland“ zu unterstützen.

Wie viel Geld stellte die KfW-Bank zur Verfügung?

In dem Artikel von GTAI wird erwähnt, dass die KfW-Bank den Bau eines neuen Kohlekraftwerks namens „Ptolemaida 5“ in Griechenland finanziere. Eine Restaurierung oder die Grünen werden nicht erwähnt. Lediglich, dass sich deutsche Unternehmen an der Modernisierung weiterer Kraftwerke beteiligten. Der Bau von Ptolemaida 5 werde demnach von auch von der Firma Hitachi Power Europe GmbH mit Sitz in Duisburg umgesetzt.

Auszug aus dem GTAI-Artikel. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben bei der KfW-Bank nachgefragt. In einer Mail an CORRECTIV bestätigt die Bank die Finanzierung des Kraftwerks durch die Tochtergesellschaft KfW IPEX-Bank: „Die Finanzierung wurde bereits im September 2013 abgeschlossen. Das Gesamtinvestitionsvolumen beläuft sich auf insgesamt 1,4 Mrd. EUR, davon wurden 739 Mio. EUR durch ein Konsortium internationaler Banken finanziert. Der Anteil der KfW IPEX-Bank liegt bei 397 Mio. EUR.“

Die Information, die auch im Artikel der GTAI steht, die KfW habe einen Kredit von 730 Millionen Euro gegeben, stimmt also nicht.

Die vollständige Antwort der KfW-Bank per Email. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer weiteren Mail an CORRECTIV bestätigt die KfW-Bank: „Kreditnehmer war die überwiegend staatliche (51 Prozent) Public Power Corporation (PPC), Griechenlands wichtigster Energieversorger. Mit den Mitteln aus dem Kredit wurden u.a. Lieferungen der deutschen Hitachi Power Europe GmbH (seit 2014: Mitsubishi Hitachi Power Systems Europe GmbH) aus Duisburg finanziert.“ 

Die Grünen haben mit der Finanzierung des Kohlekraftwerkes nichts zu tun

Die KfW-Bank ist eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Deshalb sitzen auch Politiker der Bundesregierungen im Verwaltungs- und Aufsichtsrat, die auch über „einzelne Finanzierungsprojekte“ entscheiden. Wie die KfW-Bank per Email erklärte, besteht der Aufsichtsrat aus insgesamt neun Mitgliedern: zwei Vertreter des Bundes – davon einer vom Bundesfinanzministerium und einer vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – zwei Vertreter der Industrie, zwei Vertreter der KfW und drei Vertreter der Arbeitnehmer der KfW IPEX-Bank. Alle aktuellen Mitglieder des Aufsichtsrats sind auf der Webseite der Bank zu finden. 

Wir haben anhand des KfW-Jahresberichtes (Seite 82) von 2014 überprüft, ob im Jahr der Entscheidung für die Finanzierung ein Vertreter der Grünen im Aufsichts- oder Verwaltungsrat saß. Zu diesem Zeitpunkt waren die Grünen nicht in der KfW-Bank vertreten. 

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Weil die Grünen zuletzt 2005 an der Bundesregierung beteiligt waren, kann man ausschließen, dass sie an der Genehmigung der Finanzierung beteiligt waren. Dass die Grünen keinen Einfluss auf das Geschäft hatten, bestätigte uns die KfW-Bank ebenfalls in einer Mail. Auch Anton Hofreiter habe keine Rolle gespielt: „Anton Hofreiter war an der Finanzierung des Braunkohlekraftwerks Ptolemaida V nicht beteiligt.“

Bürgt der deutsche Staat für die Finanzierung?

Dass ein Duisburger Konzern – gemeint ist Hitachi Power Europe – eine Euler-Hermes-Bürgschaft für den Bau des Kraftwerks erhalten habe, steht auch im Artikel der GTAI. Die KfW-Bank bestätigt, dass es für das Bauvorhaben eine Euler-Hermes-Bürgschaft gibt. Das bedeutet, dass die deutschen Unternehmen (Exporteure) sich durch eine staatliche Exportkreditversicherung absichern. Diese tritt ein, wenn die ausländischen Käufer oder Auftraggeber ihrer Zahlung nicht nachkommen. Dann bürgt der deutsche Staat. Wie KfW-Bank in ihrer Email schrieb, gilt die Euler-Hermes-Bürgschaft für 95 Prozent der Konsortialfinanzierung.

Diese Grafik, die die KfW CORRECTIV per Email schickte, erklärt das Prinzip einer Euler-Hermes-Bürgschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Grüne kritisieren Kredit-Vergabe der KfW

Wir wollten die Text-Bild-Collage zusätzlich Anton Hofreiter per Email vorgelegen. Uns antwortete daraufhin der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Oliver Krischer. Auch er stellte klar: „Als Grüne hatten wir keinen Einfluss auf diesen Kredit der KfW Bank, Herr Hofreiter auch nicht. Die KfW ist eine bundeseigene Bank und zum Zeitpunkt der Kreditvergabe vor 6 oder 7 Jahren saßen die Grünen nicht in der Bundesregierung. Wir setzen uns seit Jahren dafür ein, dass die KfW keine Kredite mehr für Kohle- oder Atomprojekte vergibt, deswegen ist der dargestellte Zusammenhang auf dem sharepic auch eine Frechheit. Als Opposition im Bundestag hatten wir keine Möglichkeit diese aus unserer Sicht schlechte Kreditvergabe zu stoppen (…).“ 

Das vollständige Statement von Oliver Krischer, dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die KfW finanzierte den Bau eines Kohlekraftwerks in Griechenland nach eigenen Angaben mit 397 Millionen Euro, nicht 730 Millionen. Weder die Grünen noch Anton Hofreiter hatten Einfluss auf diese Entscheidung.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, nicht alle Menschen, die andere in den vergangenen Jahren vor Züge stießen, sind Zuwanderer

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Nicht nur Zuwanderer stießen andere Menschen mutwillig vor Züge. (Symbolbild: Unsplash/Daniel Abadia)

von Philip Steeg

Ein Facebook-Beitrag behauptet pauschal, dass „fast alle“ Menschen, die andere Personen in den vergangenen Jahren vor Züge gestoßen haben, Zuwanderer seien. Eine Recherche von CORRECTIV zeigt, dass das nicht der Realität entspricht. 

In einem Facebook-Beitrag vom 29. Juli 2019 werden mehr als 25 Fälle aufgelistet, in denen Menschen vor Züge oder auf Gleise gestoßen worden seien. Dabei wird suggeriert, dass die Täter in der Regel bereits „vorbestrafte Straftäter mit Aufenthaltstiteln“, also Zuwanderer, oder Personen „mit Migrationshintergrund“ sind. Der Beitrag wurde mittlerweile mehr als 16.000 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag nutzt eine Grafik der Bild (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Wir haben zum einen recherchiert, ob es die Fälle überhaupt gab, und zum anderen überprüft, ob die Aussage, bei diesen seien fast immer Zuwanderer beteiligt gewesen, so stimmt. 

Ob die beteiligten Personen einen Migrationshintergrund haben, wird von der Polizei nicht erfasst. Menschen mit deutschem Pass sind Deutsche und werden auch in der Polizeilichen Kriminalstatistik so aufgeführt. In der PKS 2018 steht (Seite 8): „Die PKS differenziert zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen. Kriterium ist die Staatsangehörigkeit, dabei wird ein eventueller Migrationshintergrund nicht berücksichtigt.“

„Fast immer“ Zuwanderer oder Deutsche ist falsch

Es stimmt nicht, dass bei den hier aufgelisteten 23 Fällen von 2017 bis 2019, in denen Menschen vor Züge gestoßen wurden, „fast immer“ Zuwanderer oder Ausländer als Täter beteiligt waren. In ungefähr der Hälfte der Fälle sind die Täter entweder unbekannt oder deutsche Staatsbürger.

Alle 23 Fälle im Detail

1. Angeblicher Fall in München im April 2017 

Zitat: Die schon aktenkundige 38-jährige Csilla H. sprach das Opfer an, (…) bevor sie ihn von hinten vor die U-Bahn schubste.“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft München auf Anfrage von CORRECTIV per Mail mitteilte, fand die Tat am 19. Mai 2017 wie im Facebook-Beitrag beschrieben statt. Zudem teilte die Pressestelle mit, dass die Täterin ungarische Staatsangehörige ist. Sie hatte zum Tatzeitpunkt einen Blutalkoholwert von 1,77 Promille und litt an einer psychischen Erkrankung. 

Fazit: Die Tat fand so statt, die Täterin ist keine deutsche Staatsbürgerin. 

2. Angeblicher Fall in Frankfurt am Main im Mai 2017 

Zitat:Unbekannte, laut Zeugen wohl Osteuropäer’, haben einen jungen Mann auf einem Bahnhof in Frankfurt/Main auf die Gleise gestoßen und schwer verletzt liegen lassen.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle des Polizeipräsidiums Frankfurt am Main per Email mit, dass die Tat am 19. Mai 2017 so geschehen sei. Die Täter konnten jedoch nicht gefasst werden.

Fazit: Die Tat fand statt, jedoch sind die Täter bislang unbekannt. Deshalb konnte ihre Nationalität nicht festgestellt werden.

3. Angeblicher Fall in Köln im Juli 2017

Zitat:Polizeibekannter ‘26-Jähriger ohne festen Wohnsitz’ stieß 18-jährige Touristin völlig unvermittelt gegen eine einfahrende U-Bahn, Opfer wurde leicht verletzt!

Faktencheck: Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Köln teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 24. Juli 2017 stattgefunden habe. Der Täter sei deutscher Staatsangehöriger. Auch Medienberichte, zum Beispiel von der Rheinischen Post, liefern für die Annahme eines Migrationshintergrundes keine Anhaltspunkte. 

Fazit: Die Tat fand so statt. Der Täter ist deutscher Staatsbürger. 

4. Angeblicher Fall in Gerlingen im Oktober 2017

Zitat:21-Jähriger Algerier (…) schlug und trat mit seiner Bekannten einen jungen Gerlinger bewegungsunfähig, um ihn dann ins Gleisbett der Stadtbahn zu stoßen.“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Ludwigsburg per Email auf Anfrage von CORRECTIV mitteilte, fand die Tat am 6. Oktober 2017 statt. Laut Pressestelle war „ein Zug (…) zu diesem Zeitpunkt nicht in der Nähe“. Der Täter sei algerischer Staatsbürger, die Mittäterin sei deutsche Staatsangehörige. 

Fazit: Die Tat fand statt. Einer der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. Die zweite Täterin ist deutsche Staatsbürgerin.

5. Angeblicher Fall in Berlin-Marzahn im Oktober 2017 

Zitat: Täter Gruppe junger Männer flüchtig: 25-Jähriger vor Straßenbahn gestoßen und schwer verletzt.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigte die Staatsanwaltschaft Berlin per Email, dass die Tat am 22. Oktober 2017 so stattfand. Außerdem teilte die Pressesprecherin mit, dass die Täter deutsche Staatsbürger seien. 

Fazit: Die Tat gab es. Die Täter sind deutsche Staatsbürger.

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6. Angeblicher Fall in Berlin-Gropiusstadt im Oktober 2017 

Zitat: Zwei Gruppen gerieten in Streit, ehe ein Unbekannter einen 32-Jährigen Mann von der Bahnsteigkante ins Gleisbett schubste und dort auf ihn einprügelte.

Faktencheck: Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Berlin teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 8. Oktober 2017 wie beschrieben stattfand. Der Täter sei moldauischer Staatsbürger.

Fazit: Diese Tat fand so statt, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

7. Angeblicher Fall in Berlin-Charlottenburg im November 2017  

Zitat: 28-jähriger Iraner trat 20-jährige Frau mit Anlauf vor die einfahrende U-Bahn, Opfer wurde überrollt und verstarb noch am Unfallort.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Berlin auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, fand die Tat zwar so statt. Allerdings weicht das angegebene Datum erheblich vom tatsächlichen Zeitpunkt der Tat ab. Sie fand nicht wie behauptet im November 2017, sondern am 19. Januar 2016 statt. Außerdem teilte die Pressesprecherin mit, dass der Täter iranischer Staatsbürger sei. Laut Medienberichten wurde er in Hamburg geboren. 

Fazit: Es gab einen entsprechenden Fall, allerdings an einem anderen Datum. Der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

8. Angeblicher Fall in Wendlingen im Dezember 2017 

Zitat: Ein „tatverdächtige Nigerianer soll (auf eine) Frau eingeschlagen und eingetreten haben. Danach soll er sie an den Haaren gepackt und an die Bahnsteigkante gezogen haben, in der Absicht, die Frau vor einen in diesem Moment einfahrenden Zug auf das Gleis zu stoßen’.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Polizei Reutlingen per Email mit, dass die Tat am 29. Dezember 2017 stattfand. Sie bestätigte außerdem, dass der Täter nigerianischer Staatsbürger sei. Die Polizei Reutlingen veröffentlichte zu dem Fall eine Pressemitteilung

Fazit: Der Fall hat sich so zugetragen, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger.

Die Polizei Reutlingen veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

9. Angeblicher Fall in Wuppertal im April 2018

Zitat:Unter den Augen der entsetzten Eltern und der zwei Geschwister hatte der geistig verwirrte Täter aus Indien (…) den fünfjährigen Jungen auf dem Wuppertaler Hauptbahnhof gegriffen und war mit ihm vor einen Zug gesprungen.

Faktencheck: Wie aus der Pressemitteilung der Polizei Wuppertal hervorgeht, fand die Tat am 12. April 2018 wie beschrieben statt. Die Pressestelle bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per Email, dass der Täter indischer Staatsbürger sei, der in Gelsenkirchen lebte. In der Mitteilung heißt es außerdem, Hinweise dafür, dass es sich um eine religiös oder politisch motivierte Straftat handelt, lägen nicht vor. 

Fazit: Der Fall hat sich so zugetragen – der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Wuppertal veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

10. Angeblicher Fall in Hamburg-St. Pauli im August 2018 

Zitat: Ein 55-jähriger Mann habe an einer Bahnstation in St. Pauli „plötzlich einen Stoß (bekommen) und stürzte daraufhin in das Gleisbett“. 

Faktencheck: Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Hamburg teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 19. August 2018 so stattfand. Dies geht auch aus der Pressemitteilung der Polizei Hamburg hervor. Außerdem teilte die Pressesprecherin mit, dass sich die Ermittlungen „gegen einen deutschen Staatsangehörigen“ richteten. 

Fazit: Den Fall gab es. Der Täter ist deutscher Staatsbürger.

Die Polizei Hamburg veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

11. Angeblicher Fall in Köln-Ehrenfeld im September 2018 

Zitat: 18-jähriger Täter stieß einen 42-Jährigen, der am Bahnsteig wartete, so heftig, dass dieser ins Gleisbett stürzte.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Polizei Köln auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, geschah die Tat wie beschrieben. Allerdings fand der Vorfall „(…) bereits am 28.06.2018 statt“, nicht im September, wie im Facebook-Beitrag behauptet.

Zudem teilte die Pressesprecherin mit, dass der Täter deutscher Staatsbürger sei. Aus einer zu der Tat veröffentlichten Pressemeldung der Polizei Köln geht hervor, dass der Täter ein „ein westeuropäisches Aussehen“ hat. 

Fazit: Die Tat fand an einem anderen Datum statt. Der Täter hat die deutsche Staatsbürgerschaft. 

Die Polizei Köln veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

12. Angeblicher Fall am Centralbahnplatz in Basel (Schweiz) im November 2018 

Zitat: Flüchtiger dunkelhäutiger Täter stieß 73-Jährigen vor die Straßenbahn.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Staatsanwaltschaft Basel per Email mit, dass es am 6. November 2018 einen Vorfall am Centralbahnplatz gegeben habe, bei dem ein älterer Mann gegen eine Straßenbahn fiel. Der Pressesprecher berichtete jedoch auf weitere Nachfrage, „dass bisherige Ermittlungen davon aus[gehen], dass keine Mutwilligkeit hinsichtlich des Stoßens vor die Tram vorliegt, sondern es sich offensichtlich um eine Rempelei gehandelt hat“. Der mutmaßliche Täter wurde nicht ermittelt. 

Fazit: Die Polizei geht von einer Rempelei aus, der nicht die Absicht zugrunde lag, den Mann vor die Straßenbahn zu stoßen. Die Nationalität des mutmaßlichen Täters ist nicht bekannt.

Die Staatsanwaltschaft Basel geht bei diesem Fall nicht von Mutwilligkeit aus (Screenshot: CORRECTIV)

13. Angeblicher Fall in Duisburg im November 2018 

Zitat: Ein unbekannter Junge hat am U-Bahnhof König-Heinrich-Platz in Duisburg ein zehnjähriges Mädchen ins Gleisbett geschubst.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Polizei Duisburg auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, fand die Tat am 19. November 2018 wie beschrieben statt. Zu dem Vorfall veröffentlichte die Polizei eine Pressemitteilungen. Laut Pressestelle konnte der Täter nicht ermittelt werden. Auch in den im Facebook-Beitrag angegebenen Medienverweisen ist von der Nationalität des Täters keine Rede. 

Fazit: Die Tat gab es, der Täter und seine Nationalität sind jedoch unbekannt.

Die Polizei Duisburg veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

14. Angeblicher Fall in Hamburg an der Sternschanze im November 2018

Zitat:Psychisch Kranke hat von hinten einer 56-jährigen Frau unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund einen kräftigen Schulterstoß versetzt und sie so ins Gleisbett geschubst.“ 

Faktencheck: Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Hamburg teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat im November 2018 wie beschrieben stattgefunden habe. Die Täterin sei venezolanische Staatsangehörige.

Fazit: Den Fall gab es, die Täterin ist nicht deutsche Staatsbürgerin. 

15. Angeblicher Fall in Nürnberg im Februar 2019 

Zitat: Von den drei deutschen Jugendlichen, die ins Gleisbett der S-Bahn gestoßen wurden von zwei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, sind zwei dabei getötet worden!“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, fand die Tat am 27. Januar 2019 wie beschrieben statt. Zur Staatsangehörigkeit der Täter schreibt die Pressestelle: „Beide Angeschuldigten haben die deutsche Staatsangehörigkeit und sind in der Region geboren. Beide haben Migrationshintergrund, einer einen griechischen, der andere einen türkischen. Sie besitzen jeweils auch die zweite Staatsangehörigkeit.“

Fazit: Den Fall gab es, beide Täter sind Deutsche, haben allerdings die doppelte Staatsbürgerschaft. 

16. Angeblicher Fall in Leipzig im März 2019 

Zitat: 62-jährige von Unbekannten aus der Straßenbahn geschubst, Opfer schwer verletzt!“ 

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Polizei Leipzig mit, dass die Tat am 26. März 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Laut Pressesprecher liegen „zum Tatverdächtigen (…) keinerlei Erkenntnisse/Beschreibungen vor“.

Fazit: Die Tat fand statt, aber zum Täter gibt es bisher keine Erkenntnisse.

17. Angeblicher Fall in Blaubeuren im April 2019 

Zitat:Zwei männliche Personen schwarzafrikanischem Typus ohne Fahrschein schubsten Bahnmitarbeiterin nach einem schon im Zug vorausgehenden Gerangel bei einem Halt in das Gleisbett und flüchteten.

Faktencheck: Die Pressestelle der Bundespolizei Stuttgart teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 4. März 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Zudem teilte die Pressesprecherin mit, dass „durch die Bundespolizei letztlich zwei tatverdächtige Personen ermittelt werden [konnten]. Das Ermittlungsverfahren ist derzeit noch nicht abgeschlossen.“ Daher können „zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine darüber hinausgehenden Auskünfte“ erteilt werden. Zu der Tat veröffentlichte die Bundespolizei Stuttgart eine Pressemitteilung. Darin steht, die beiden Männer seien schwarz gewesen.

Fazit: Den Fall gab es, die Nationalität der mutmaßlichen Täter ist bisher nicht bekannt.

Die Bundespolizei veröffentlichte eine Pressemitteilung. (Screenshot: CORRECTIV)

18. Angeblicher Fall in Wien (Österreich) im Mai 2019 

Zitat: Ein 20-jähriger Iraker stieß den ihm unbekannten 36-jährigen Mann unmittelbar vor den einfahrenden Zug.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Polizei Wien auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, fand die Tat am 8. Mai 2019 wie beschrieben statt. Außerdem bestätigte die Pressestelle Medienberichte, nach denen es sich um einen irakischen Staatsangehörigen gehandelt habe. 

Fazit: Der Fall hat sich so zugetragen, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Pressemitteilung der Polizei Wien. (Screenshot: CORRECTIV)

19. Angeblicher Fall in Berlin-Lichtenberg im Juni 2019 

Zitat: Sechs Jugendliche gingen laut Polizeiangaben aus ungeklärter Ursache auf den 51-Jährigen los und fingen an, den Mann zu treten und zu schlagen, als er dadurch auf den S-Bahnsteig fiel, schlug einer der Tatverdächtigen sogar noch mit einem Ledergürtel auf ihn ein. Laut Zeugenaussagen sollen die Jugendlichen ca. 16 Jahre alt und männlich gewesen sein und ein südländisches Erscheinungsbild gehabt haben.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Bundespolizei Berlin per Email mit, die Tat habe am 5. Juni 2019 wie beschrieben stattgefunden. In der dazu veröffentlichten Pressemitteilung heißt es außerdem, dass „die Jugendlichen (laut Zeugenaussagen) ca. 16 Jahre sowie männlich gewesen sein und ein südländisches Erscheinungsbild gehabt haben“.

Fazit: Die Tat fand statt, die Herkunft der Täter kann nicht belegt werden, da diese noch nicht gefasst wurden. 

Die Bundespolizei veröffentlichte eine Pressemitteilung. (Screenshot: CORRECTIV)

20. Angeblicher Fall in Dortmund im Juli 2019 

Zitat: ‘12- und 13-Jährige’ stoßen 14-jährigen Jungen ins Gleisbett und hinderten ihn daran, das Gleisbett zu verlassen!

Faktencheck: Die Pressestelle der Polizei Dortmund teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 10. Juli 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Einer der Täter sei spanischer, der andere deutscher Staatsbürger. Zu der Tat hat die Polizei Dortmund eine Pressemitteilung herausgegeben. 

Fazit: Die Tat gab es, einer der Täter ist kein deutscher Staatsbürger.

Die Polizei Dortmund veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

21. Angebliche Tat in Bergisch Gladbach im Juli 2019 

Zitat:Nach einem Streit ist eine Frau am Sonntagnachmittag ins Gleisbett gestürzt. Vorausgegangen war laut Polizei zunächst eine verbale und dann eine körperliche Auseinandersetzung zwischen der 25-jährigen jungen Mutter aus Bergisch Gladbach und einem 17-jährigen Zuwanderer.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Kreispolizeibehörde Rheinisch-Bergischer Kreis auf Anfrage von CORRECTIV per Email mitteilte, fand die Auseinandersetzung am 21. Juli 2019 statt. Allerdings bestreite der beschuldigte syrische Staatsbürger den Tathergang. Darüber hinaus teilt die Pressestelle mit, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen seien. 

Fazit: Den Fall gab es, die Schuld des Verdächtigen ist noch nicht bewiesen. Er ist kein deutscher Staatsbürger. 

22. Angeblicher Fall in Voerde im Juli 2019 

Zitat: Ein der Polizei und Justiz bestens bekannter 28-jähriger Kosovare, dessen Gemeingefährlichkeit seit langem bekannt war, schubste eine 34-jährige Mutter direkt vor einen einfahrenden Zug! Opfer verstarb sofort an der Unfallstelle.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Polizei Duisburg per Email mit, dass die Tat am 20. Juli 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Der Täter sei serbischer Staatsbürger. Zu dem Vorfall veröffentlichte die Polizei Duisburg eine Pressemitteilung und eine nachfolgende Ergänzung, in der steht, dass ein Haftbefehl wegen Mordes gegen den Beschuldigten erlassen worden sei. Er und das Opfer hätten sich zuvor nicht gekannt, es habe auch keinen Streit gegeben.

Fazit: Den Fall gab es, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Duisburg veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

23. Angeblicher Fall in Frankfurt im Juli 2019 

Zitat:Ein 40-jähriger Eritreer stößt eine Mutter und ihr Kind ins Gleisbett vor einen einfahrenden ICE. Das achtjährige Kind starb an seinen Verletzungen, die Mutter konnte sich retten. Er versuchte, noch eine andere Frau vor den Zug zu stoßen.

Faktencheck: Die Pressestelle der Polizei Frankfurt am Main teilte auf Anfrage von CORRECTIV per Email mit, dass die Tat am 20. Juli 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Zu dem Vorfall gab es auch eine Pressemitteilung. Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main zudem mitteilte, ist der Täter eritreischer Staatsbürger. 

Fazit: Die Tat fand statt, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Frankfurt veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

In sechs Fällen wurden die Täter noch nicht ermittelt, zu ihnen kann also keinerlei Angabe gemacht werden. In sieben weiteren Fällen wurden als mutmaßliche Täter deutsche Staatsbürger ermittelt. In einem dieser Fälle hatten die zwei Beschuldigten die doppelte Staatsbürgerschaft. In zwei der Fällen waren sowohl deutsche als auch nichtdeutsche Täter beteiligt. 

Auflistung ist bei weitem nicht vollständig

Die Auflistung ist zudem nicht vollständig. Wie oft jemand vor einen Zug gestoßen wird, wird nicht statistisch erfasst, wie mehrere Pressesprecher der Polizei und Staatsanwaltschaften CORRECTIV bestätigten. Eine Suche im Presseportal, in dem Pressemitteilungen der Polizei in ganz Deutschland zu finden sind, vom 1. Januar 2017 bis 11. September 2019 mit den Begriffen „Zug“ und „gestoßen“, förderte allein neun Treffer zutage, von denen sieben nicht in der Auflistung auf Facebook vorkommen. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilten die zuständigen Behörden per Mail mit, dass bei sechs dieser Fälle die Täter Deutsche seien. Bei einem Fall konnte der Täter nicht ermittelt werden. 

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Im Juli 2019 schubste ein deutscher Mann in Seelze seine Ex-Freundin nach einem Streit ins Gleis. Im April 2019 schubste in Zweibrücken eine 18-jährige Deutsche ihre 19-jährige Begleiterin nach einem Streit ins Gleisbett. Im Juli 2017 wurde ein 26-Jähriger Deutscher von vier Deutschen ins Gleisbett vor einen stehenden Zug gestoßen. Und im Juni 2017 stieß ein polizeibekannter, betrunkener Essener einen 28-Jährigen gegen eine fahrende S-Bahn. Außerdem gab es weitere Fälle in Köln und Eutingen, in denen die Täter laut Polizei ebenfalls deutsche Staatsbürger waren. Bei einem weiteren Fall in Buchloe konnte der Täter nicht ermittelt werden.

Auch dies sind nur Beispiele und keine vollständige Darstellung aller Fälle in Deutschland. Es ist also nicht möglich, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Menschen, die andere vor Züge stoßen, und ihrer Nationalität.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die 23 aufgezählten Fälle gab es, jedoch waren bei mehr als der Hälfte die Täter entweder unbekannt oder deutsche Staatsbürger. Die Schlussfolgerung, dass „fast immer“ Ausländer an solchen Delikten beteiligt seien, ist haltlos.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Deutschland steht bei „Internetzensur“ nicht weltweit auf Platz eins – und schon gar nicht vor Nordkorea

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Laut eines Facebook-Beitrags seien in Deutschland unter anderem „mehr als 6.000 Youtube-Videos aufgrund der aktuellen Gesetzgebung gesperrt“. Stimmt das? (Symbolfoto: Kon Karampelas / Unsplash)

von Till Eckert

Im Netz wird anhand angeblicher Zahlen zu indizierten Büchern und gesperrten Youtube-Videos behauptet, Deutschland habe beim Thema Internetzensur „Nordkorea abgehängt“ und stehe weltweit auf Platz eins. Ein solcher Vergleich ist aber gar nicht möglich.

„In Deutschland sind mehr als 6.000 Youtube-Videos aufgrund der aktuellen Gesetzgebung gesperrt, sowie über 900 Bücher stehen auf dem Index“, wird in einem Facebook-Beitrag vom 29. August behauptet. Dadurch habe Deutschland „Nordkorea im Eiltempo abgehängt“ und stehe „weltweit in der Internetzensur auf Platz 1“. Bisher wurde der Beitrag mehr als 4.200 Mal geteilt. Stimmen diese Behauptungen? 

Der Facebook-Beitrag vom 29. August. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Google-Suche nach „Internetzensur Deutschland“ führt auf die Seite der österreichischen Faktenchecker von Mimikama, die sich 2018 schon einmal mit dem Thema beschäftigten – laut Screenshot in dem Artikel wurde der Text des Facebook-Beitrags im Wortlaut schon damals auf Facebook verbreitet. Das Ergebnis von Mimikama: Hier wird bewusst in die Irre geführt. Wir haben den aktuellen Stand von Zensur und indizierter Bücher und Youtube-Videos in Deutschland geprüft.

Was zu Zensur im Grundgesetz steht

Im Grundgesetz steht zum Thema Zensur unter Artikel 5 Absatz 1 als letzter Satz: 

Eine Zensur findet nicht statt. 

Eine Einschränkung gibt es dennoch, wie in Absatz 2 des Artikels steht:

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

Inhalte können in Deutschland per Grundgesetz also nur verboten werden, wenn sie gegen geltende Gesetze verstoßen. Ein Urteil darüber fällt aber nicht die Regierung, sondern letzten Endes ein Gericht. 

Außerdem gibt es in Deutschland das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG), das 2017 verabschiedet wurde und sich hauptsächlich an Betreiber von Internetplattformen richtet. Plattformen müssen strafbare Inhalte wie beispielsweise Volksverhetzung löschen, wenn sie ihnen gemeldet werden.

Indizierung ist nicht gleich Zensur

Mit dem Begriff „Zensur“ im Facebook-Beitrag ist wahrscheinlich die sogenannte Indizierung verschiedener Medien gemeint. Diese Indizierung wird von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vorgenommen, wenn die Inhalte nicht mit dem Jugendschutzgesetz vereinbar sind.

Was laut der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wird. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie viele Bücher sind in Deutschland indiziert? 

Wird ein sogenanntes Trägermedium – also ein Film, Spiel, Tonträger oder Printmedium – indiziert, landet es auf einer Liste. Indizierte Trägermedien dürfen zum Beispiel nur noch eingeschränkt in Einzelhandelsgeschäften angeboten und nicht mehr beworben werden. Auf dieser Liste finden sich mit Stand vom 30. August diesen Jahres insgesamt 419 Printmedien. Darunter werden Broschüren, Comics und Bücher gezählt. Dass „900 Bücher“ auf dem Index stehen, wie im Facebook-Beitrag behauptet, ist demnach falsch.

Aktuell indizierte Trägermedien laut Bundesstelle für jugendgefährdende Medien. (Screenshot: CORRECTIV)

Prinzipiell sind solche Medien Erwachsenen weiterhin zugänglich, weil es sich nicht um ein generelles Verbot des Mediums handelt, sondern nur um ein Verbreitungsverbot, das verhindern soll, dass Jugendliche unter 18 Jahren damit in Berührung kommen. 

Die Bundesstelle für jugendgefährdende Medien zu den Folgen einer Indizierung. (Screenshot: CORRECTIV)

In den Statistiken der Bundesstelle für jugendgefährdende Medien werden aber auch durch die Ermittlungsbehörden beschlagnahmte Medien aufgenommen, wenn sie etwa wegen Volksverhetzung, Anleitung zu Straftaten oder Verbreitung kinderpornografischen Materials verboten sind. Insgesamt betrifft das mit Stand vom 30. August 807 Trägermedien. Die Vorsitzende der Bundesstelle, Martina Hannak, sagte Mimikama auf Anfrage dazu: „Eine vollständige Auflistung aller durch Strafgerichte beschlagnahmten Printmedien gibt es nicht. Die Bundesprüfstelle veröffentlich in ihrem amtlichen Mitteilungsblatt Beschlagnahmebeschlüsse, soweit sie hiervon Kenntnis erlangt.“

Sind wirklich 6.000 Youtube-Videos wegen „der aktuellen Gesetzgebung“ gesperrt? 

Die Liste indizierter Telemedien, oder „Online-Angebote“ – worunter auch Youtube-Videos fallen –, ist nicht öffentlich. Die Bundesstelle für jugendgefährdende Medien stellt Herstellern von Filterprogrammen laut eigenen Angaben ein Modul zur Verfügung, mit dem die entsprechenden Inhalte auf Plattformen automatisch indiziert werden können. 

Die Bundesstelle für jugendgefährdende Medien zum Modul zur Filterung indizierter Online-Angebote. (Screenshot: CORRECTIV)

Insgesamt sind mit Stand vom 30. August 5.421 Online-Angebote indiziert, weil sie als jugendgefährdend eingestuft wurden. Das bezieht sich jedoch nicht nur auf Youtube-Videos.

Wenn auf Youtube ein Video in „Deutschland nicht verfügbar“ ist, also nicht angezeigt wird, kann das auch verschiedene andere Gründe haben: Es können Urheberrechtsstreitigkeiten vorliegen, die Macher des Videos selbst haben es eventuell nur auf bestimmte Regionen begrenzt, oder die Inhalte verstoßen gegen Youtubes Richtlinien. In der Vergangenheit waren Videos häufig wegen Streitigkeiten zwischen Youtube und der Musikverwertungsgesellschaft Gema gesperrt; mittlerweile hat sich das geändert, weil die beiden Parteien sich geeinigt haben

Dass Videos in Deutschland aufgrund der aktuellen Gesetzgebung gesperrt werden können, stimmt zwar demnach, aber der suggerierte Zusammenhang mit staatlicher Zensur ist irreführend. Zudem ist nicht belegbar, wie viele Videos in Deutschland aufgrund verschiedener Gründe nicht verfügbar sind. Youtube-Pressesprecher Georg Nolte schrieb CORRECTIV auf Anfrage, dass er dazu keine Angaben machen könne, verwies aber auf einen aktuellen Blog-Beitrag der Youtube-Chefin Susan Woijcicki vom 3. September. Daraus geht nur hervor, dass allein wegen Verstößen gegen Hassrede gemäß der Youtube-Richtlinen weltweit mittlerweile mehr als 100.000 Videos entfernt wurden.

Vergleich mit Nordkorea ist nicht möglich – allein weil unter anderem Youtube dort komplett blockiert ist

Dass Deutschland Nordkorea in Sachen Internetzensur abgehängt habe und nun weltweit auf Platz eins stehe, ist allein deshalb falsch, weil Youtube in Nordkorea seit 2016 nicht zugänglich ist: Laut Medienberichten blockierte das Land Anfang 2016 neben der Video-Plattform auch Facebook und Twitter. 

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Auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ steht Deutschland im Jahr 2019 auf Platz 13, Nordkorea belegt den vorletzten Platz vor Turkmenistan (PDF). Das Auswärtige Amt schreibt, dass die „krasse Verletzung individueller Rechte wie Informations-, Presse-, Vereinigungs- und Meinungsfreiheit systemimmanent“ in Nordkorea sei; Medien seien „durchgängig staatlich kontrolliert“.

Was das Auswärtige Amt über Informations- und Pressefreiheit in Nordkorea schreibt. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem Bericht der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats in Nordkorea von 2014 steht (unter Punkt 30): „Der Zugang zu Fernseh- und Radiosendungen sowie zum Internet ist stark eingeschränkt, und alle Medieninhalte sind stark zensiert und müssen den Richtlinien der Arbeiterpartei von Korea entsprechen.“

Aus einem Bericht der Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats in Nordkorea. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Ein Vergleich mit Nordkorea ist nicht möglich. Die Behauptung zu indizierten Büchern ist falsch, die zu gesperrten Youtube-Videos nicht belegbar und irreführend.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, die Grünen fordern kein generelles Luftballonverbot

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Die Berichterstattung über das angebliche „Luftballonverbot“, das die Grünen gefordert haben sollen, ist stark missverständlich. (Symbolfoto: Pexels / Pixabay)

von Alice Echtermann

In dieser Woche berichteten zahlreiche Medien, die Grünen in Niedersachsen wollten Luftballons verbieten. Die Forderung wurde jedoch stark übertrieben dargestellt, so dass der eigentliche Inhalt verloren ging.  

Fordern die Grünen ein „Luftballonverbot“? Zahlreiche Medien behaupteten dies am Donnerstag, 12. September. Der Hintergrund ist ein missverständlich wiedergegebenes Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung mit der Landesvorsitzenden der Grünen in Niedersachsen, Anne Kura. 

Die Neue Osnabrücker Zeitung veröffentlichte am 12. September eine Pressemitteilung dazu mit dem Titel „Niedersachsens Grüne für Luftballonverbot“. Diese Nachricht wurde am selben Tag von zahlreichen Medien aufgegriffen. Sie stimmt, so pauschal ausgedrückt, jedoch nicht.  

Die Google-Suche nach den Begriffen „Grüne“ und „Luftballonverbot“ am 13. September 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Das in fast allen Überschriften verwendete Wort „Luftballonverbot“ ist stark irreführend, weil es wirkt, als wolle die Partei Ballons insgesamt verbieten. In der Pressemitteilung wird Anne Kura mit den Worten zitiert: „Steigen gelassene Luftballons landen in den allermeisten Fällen in der Natur. Vögel und andere Tiere fressen die weichen Ballonreste und verhungern dann mit vollem Magen. Auch Ballons aus Naturlatex sind deswegen keine wirkliche Alternative.“ Sie begrüße deshalb einen Beschluss der Stadt Gütersloh, bei öffentlichen Veranstaltungen das Ballon-Steigenlassen zu verbieten. 

Verbot in Gütersloh bezieht sich auf städtische Events und Plätze

Der Umweltausschuss der Stadt Gütersloh hat am 2. September einstimmig beschlossen, dass „in Zukunft bei städtischen Veranstaltungen und auf städtischen Flächen auf den Massenstart von gasgefüllten Luftballons verzichtet werden soll“. Dass sich dies nicht auf private Feiern auf privaten Grundstücken bezieht, wie zum Beispiel der NDR oder Zeit Online erwähnten, steht in der Pressemitteilung der NOZ nicht explizit. 

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Das ist vermutlich der Grund, weshalb das Thema in den Medien und Sozialen Netzwerken oft stark übertrieben dargestellt wurde. Das Compact-Magazin titelte: „Völlig losgelöst: Grüne starten Krieg gegen die Luftballons“. In dem Artikel wird nicht erwähnt, dass es nicht um ein generelles Verbot ging. Der Radiosender Antenne Niedersachsen startete auf seiner Facebook-Seite eine Umfrage und schreibt: „Die Grünen in Niedersachsen fordern ein Luftballonverbot. Sollten Luftballons in Zukunft verboten sein?“  

Die Umfrage des Radiosenders Antenne Niedersachsen auf Facebook. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)

Die Krone-Zeitung in Österreich trieb das Thema auf die Spitze und titelte: „Deutsche Grüne fordern absolutes Luftballonverbot“. Im Text heißt es weiter: „Kaum ein Kindergeburtstag, eine Hochzeit oder ein Jahrmarkt kommt ohne Luftballons aus. Geht es nach den Grünen im deutschen Bundesland Niedersachsen, sollen sie allerdings schon bald Geschichte sein.“ Auch in diesem Artikel wird nirgends erklärt, dass es bei dem Verbot nur um das Steigenlassen von Ballons bei öffentlichen Veranstaltungen gehen sollte.

Der Artikel der Zeitung „Krone“ aus Österreich. (Screenshot am 13. September: CORRECTIV)

Grüne: „Von einem generellen Verbot von Luftballons war und ist nicht die Rede“

Die niedersächsischen Grünen veröffentlichten am Donnerstag eine Pressemitteilung, in der sie klarstellen, dass kein generelles Verbot von Luftballons gefordert werde: „Von einem generellen Verbot von Luftballons war und ist deshalb nicht die Rede. Es geht nicht um Luftballons bei Kindergeburtstagen im Wohnzimmer oder bei Hochzeitsfeiern im Saal.“

Es geht den Grünen also um das Steigenlassen von mit Gas gefüllen Ballons bei Veranstaltungen. Bei privaten Events, zum Beispiel Hochzeiten, wollen sie die fliegenden Ballons nicht verbieten, erklärt der Landesgeschäftsführer der Grünen in Niedersachsen, Josef Voß, auf Nachfrage von CORRECTIV am Telefon. Die Problematik für die Umwelt entstehe natürlich auch bei privaten Feiern. „Das muss man nicht gut finden, aber verbieten wollen wir das nicht.“ Ein solches Verbot sei auch gar nicht durchsetzbar – anders als bei Events, für die eine Genehmigung einer Stadt erforderlich sei. 

Auch die Grünen in Niedersachsen hätten in der Vergangenheit bei Veranstaltungen Ballons steigen lassen, wird Grünen-Chefin Anne Kura in der Pressemitteilung zitiert. „Das machen wir jetzt nicht mehr.“

Mehrere Medien, darunter auch die NOZ, fügten ihren Berichten am Donnerstag noch die Erklärung der Grünen hinzu oder veröffentlichten weitere Artikel dazu. Völlig einfangen ließ sich die ausgelöste Debatte dadurch jedoch nicht mehr. Berichte wie der der Krone-Zeitung waren am Freitag noch immer unverändert online. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Grünen in Niedersachsen wollen kein generelles Luftballonverbot. Sie setzen sich dafür ein, dass bei öffentlichen Veranstaltungen keine Ballons steigen gelassen werden. 

Bewertung: größtenteils richtig

Ja, in Berlin werden Elektro-Roller zum Aufladen auch durch Fahrzeuge mit Dieselmotoren eingesammelt

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Seit Juni 2019 werden Elektro-Roller in deutschen Städten bereitgestellt. (Symbolfoto: Unsplash / Marek Rucinski)

von Philip Steeg

In einem Facebook-Beitrag, der derzeit häufig geteilt wird, wird behauptet, dass in Berlin jeden Abend Elektro-Roller zum Aufladen durch Dieselfahrzeuge eingesammelt würden. Dass zum Transport der E-Scooter teilweise Fahrzeuge mit Dieselmotor eingesetzt werden, ist richtig. 

In einem Facebook-Beitrag vom 23. August heißt es: „Berlin 1600 E-Scooter werden jeden Abend zum Aufladen mit 48 Kleinbustouren eingesammelt. Das ist ‘grüne’ Umweltpolitik’“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 19.000 Mal geteilt.

Der Facebook-Beitrag wurde mittlerweile fast 20.000 Mal geteilt (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Eine Recherche von CORRECTIV zeigt: Dass Elektro-Roller durch Fahrzeuge mit Dieselmotoren eingesammelt werden, ist richtig. Für die angegebenen Zahlen gibt es allerdings keine Belege.

Wie werden die Elektroroller eingesammelt? 

In Berlin gibt es laut Hauptstadtportal momentan fünf verschiedene Anbieter der ausleihbaren Elektro-Scooter: Bird und Lime (zwei US-amerikanische Firmen), Voi (ein schwedisches Start-Up) Circ (ein Unternehmen aus Luxemburg) und Tier (ein Start-Up aus Berlin selbst). 

Um zu erfahren, wie diese fünf Firmen ihre Elektro-Roller aufladen und transportieren, hat CORRECTIV per Mail Anfragen an die jeweilige Pressestelle der Unternehmen gesendet.

  • Der Pressesprecher von Circ schreibt auf CORRECTIV-Anfrage, das Unternehmen nutze „18-20 Mercedes Sprinter Transporter (2019 Modelle).“ 
  • Bei Voi wird der Transport von externen Partnerfirmen übernommen, wie der Pressesprecher des Konzerns mitteilt. Dabei seien „bezogen auf Berlin immer im Schnitt ca. 2-4 Vans unterwegs. Diese nutzen größtenteils Verbrennermotoren“. 
  • Die Kommunikationsagentur von Bird teilt ohne Angabe der Fahrzeug-Anzahl mit, dass „derzeit […] die Roller mit handelsüblichen Transportern [eingesammelt werden]“. 
  • Das Berliner Start-Up Tier verwendet „pro Nacht zwischen 26 und 30 Vans. Dies sind überwiegend Dieseltransporter.“ 
  • Der Pressesprecher der Firma Lime gibt an, dass das Stammteam einen Elektro-Transporter nutze. Zusätzlich werden zum Laden der Elektro-Scooter ebenso externe Selbstständige beschäftigt. Diese „können für den Transport der E-Scooter ein Fahrzeug ihrer Wahl nutzen […]“. Wie viele Selbstständige das Team der Festangestellten ergänzen, sei von Tag zu Tag unterschiedlich. 

Dass es Dieselfahrzeuge sind, wird nicht von allen Firmen explizit bestätigt. Allerdings werden von allen E-Scooter-Sharing-Diensten Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor genutzt. 

Wie viele Dieselfahrzeuge jeden Abend verwendet werden, ist nicht eindeutig zu beziffern. Auch deshalb, weil die Nutzung der Sharing-Angebote von Tag zu Tag variiert. 

Auch die Gesamtzahl der in Berlin von allen fünf Anbietern zur Verfügung gestellten Elektro-Scooter ist nicht genau zu ermitteln. Der Pressesprecher von Lime möchte die Anzahl der Roller aus Wettbewerbsgründen nicht nennen. Alle anderen Anbieter machten hierzu gegenüber CORRECTIV Angaben. Insgesamt stehen demnach in Berlin mindestens 7.200 Scooter zur Verfügung. 

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Die Grünen stecken nicht hinter der Zulassung der E-Roller

Die E-Scooter dürfen seit Inkrafttreten der Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung vom 15. Juni 2019 und der allgemeinen Betriebserlaubnis für die einzelnen Elektro-Roller-Typen im Straßenverkehr genutzt werden. Durch diese beiden Rahmenbedingungen wurde es den Sharing-Diensten von Elektro-Rollern ermöglicht, auch in deutschen Städten ihre Produkte anzubieten. 

Sowohl für die Verordnung als auch für die Betriebserlaubnis ist das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur zuständig. Dieses Ministerium wird vom CSU-Politiker Andreas Scheuer geleitet. Der Minister hatte sich laut Medienberichten vehement für die schnelle Zulassung der Scooter eingesetzt – als Alternative zum Auto oder Motorroller, um die Verkehrswende voranzubringen, wie es von Seiten des Ministeriums heißt. 

Wie viele Menschen in Berlin aufgrund der angebotenen Elektroroller auf eine Fahrt mit dem Auto verzichten, ist unklar. Eine Mobilitätsstudie der französischen Agentur 6T für Paris zeigt allerdings, dass zumindest in der französischen Hauptstadt die erhofften Effekte ausgeblieben sind. Demnach sind die Sharing-Angebote hauptsächlich für Touristen attraktiv. 

Auch die Grünen haben die Zulassung von Elektrokleinstfahrzeugen generell befürwortet. Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen, setzte sich zum Beispiel in einem Gastbeitrag für Spiegel Online für die Roller ein.

Subventionen von staatlichen Stellen beziehe aber keiner der Anbieter, berichten alle Pressesprecher der Sharing-Dienste übereinstimmend. Die Pressesprecherin des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur gibt auf schriftliche Anfrage von CORRECTIV ebenfalls an, dass die Verleiher nicht durch Mittel des Bundes gefördert werden.

Auch der Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz schreibt in einer Mail, dass die Betreiber der Elektro-Scooter „nicht öffentlich gefördert werden“. Außerdem unterliegen die Sharing-Dienste nach seinen Angaben keiner weiteren Genehmigungspflicht. „Die Verleiher können im Rahmen des Gemeingebrauchs öffentliche Straßen nutzen“. Weiter stellt der Sprecher klar: „Es handelt sich um ein Angebot des freien Marktes.“ 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Dass E-Scooter in Berlin auch durch Dieselfahrzeuge eingesammelt werden, ist richtig. Wie viele genau dafür täglich im Einsatz sind, ist nicht belegbar. Mit einer 'grünen Umweltpolitik' allein lässt sich die Einführung der Roller nicht erklären. 

Bewertung: größtenteils richtig

Ja, das Rentenniveau in Deutschland ist niedriger als in Österreich

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Diese Zahlen auf einer Facebook-Grafik zeigen nicht die aktuellen Rentenniveaus in Deutschland und Österreich. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Eine Grafik, die auf Facebook kursiert, präsentiert angeblich das Rentenniveau in Deutschland und Österreich. Die Werte sind irreführend – die Grundaussage stimmt aber trotzdem. 

Sind die Rentenansprüche in Deutschland viel schlechter als in Österreich? Das suggeriert eine Grafik, die die Facebook-Seite „Mensch und Politik heute“ am 30. August 2019 veröffentlichte. In dem Beitrag wird behauptet, in Deutschland liege das Rentenniveau nach 45 Jahren Arbeit bei 50,5 Prozent – in Österreich nach derselben Zeit dagegen bei 91,8 Prozent. Zusätzlich schreibt die Seite zu der Grafik, der EU-Schnitt des Rentenniveaus liege bei 70,6 Prozent. Der Facebook-Beitrag wurde bereits mehr als 34.500 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag vom 30. August 2019. (Screenshot am 12. September und Schwärzung: CORRECTIV)

Als Quelle wird in der Grafik ein Link angegeben. Er führt zu dem Bericht „Pensions at a Glance 2017“ der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit. Die Daten sind darin tatsächlich zu finden, und zwar in einer Tabelle auf Seite 107. Dort geht es um die „net pension replacement rate“ der OECD-Länder – die Netto-Rentenersatzquote. Sie ist das Verhältnis des Einkommens im Rentenalter zu dem, was vorher verdient wurde, in Prozent. 

Die OECD unterscheidet dabei zwischen der Brutto- und Netto-Quote. Brutto sei die Rentenersatzquote generell niedriger als netto, was unter anderem an der Progressivität der Steuersysteme in den meisten OECD-Ländern liege. Meistens müssten die Menschen auf ihren Lohn mehr Abgaben zahlen als später auf ihre Rente. Die Netto-Quote spiele für die Menschen eine größere Rolle, da sie zeige, wie viel Geld sie im Rentenalter tatsächlich zur Verfügung haben, im Vergleich zu vorher (Seite 106). 

Das Verhältnis werde als Anteil vom letzten Arbeitseinkommen vor der Rente ausgedrückt, erklärt ein Sprecher der OECD, Niklas Bartholmeß, auf Nachfrage von CORRECTIV per E-Mail. Dabei werde die Besteuerung von Lohn und Rente jeweils berücksichtigt.

Die Tabelle mit den Werten, die in der Facebook-Grafik zitiert werden, bezieht sich auf das Netto-Rentenniveau der Länder im Vergleich zum Arbeitslohn. (Quelle: OECD, Screenshot: CORRECTIV)

Tatsächlich kommt Deutschland auf eine vergleichsweise niedrige Netto-Quote von 50,5 Prozent für einen Durchschnittsverdiener mit einem Renteneintrittsalter von 65 Jahren. Österreich kommt auf 91,8 Prozent. Der Schnitt der 28 EU-Länder wird von der OECD beim durchschnittlichen Renteneintrittsalter von 65,9 Jahren (Männer) und 65,5 (Frauen) mit 70,6 Prozent für Männer und 70,4 für Frauen angegeben.

Das heißt, in Österreich bekommen Rentner laut OECD im Durchschnitt mehr als 90 Prozent des letzten Netto-Lohns, den sie vor der Rente erhielten. In Deutschland haben Rentner im Durchschnitt nur noch etwa 50 Prozent dessen zur Verfügung, was sie direkt vorher netto verdient haben. 

Brutto, also vor Steuern, liegt die Ersatzquote für einen Durchschnittsverdiener in Deutschland laut OECD bei 38,2 Prozent, für Österreich bei 78,4 Prozent (Seite 101).

OECD-Berechnung stellt eine theoretische Ersatzquote dar

Diese Zahlen sind jedoch nur theoretische Ersatzquoten, nicht die tatsächlichen Rentenniveaus der Länder. OECD-Sprecher Bartholmeß schreibt: „Wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass die Zahlen eine Projektion für jemanden zeigen, der im Jahr 2016 im Alter von 20 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist (1996 geborene Generation). Es ist eben nicht die aktuelle Nettoersatzquote!“

Die Daten der Facebook-Grafik sind also nicht falsch. Sie sind aber irreführend präsentiert, weil man beim Lesen davon ausgeht, dass es sich um die aktuellen Rentenniveaus der beiden Länder handelt. 

Dass die OECD-Zahlen nur Modellrechnungen sind, bestätigen auch Nachfragen bei den Behörden in Deutschland und Österreich. Gerd Jung, Sprecher des österreichischen Sozialministeriums, schreibt in einer Email, die Grundlage für die OECD-Berechnung sei ein „Basisfall, der im Jahr 2016 zum Alter 20 in den Arbeitsmarkt einsteigt und nach 45 Jahren – 2061 – in Pension geht und in diesen 45 Jahren immer das Durchschnittseinkommen verdient hat.“ 

Und eine Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erklärt auf die Anfrage von CORRECTIV per Email: „Die von der OECD berechnete Größe ist nicht mit dem in Deutschland üblicherweise verwendeten ‘Sicherungsniveau vor Steuern’ vergleichbar.“ Für den Ländervergleich der OECD würden „fiktive Modellfälle unter bestimmten Annahmen“ herangezogen.

Die Email der Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundesministerium für Arbeit und Soziales berechnet „Sicherungsniveau vor Steuern“

Das aktuelle Rentenniveau in Deutschland wird vom Bundesministeriums für Arbeit und Soziales berechnet. Die Sprecherin des BMAS schreibt: „Für 2018 lag das Sicherungsniveau vor Steuern bei 48,1 Prozent. Aktuell beträgt der Wert 48,2 Prozent.“

Das „Sicherungsniveau vor Steuern“ beschreibt laut BMAS das Verhältnis zwischen der Rente eines sogenannten Standardrentners vor Steuern (minus Sozialabgaben) und dem aktuellen Durchschnittseinkommen in Deutschland vor Steuern (minus durchschnittlicher Beiträge zur Sozialversicherung und zur geförderten privaten Altersvorsorge). Ein Standardrentner ist eine Person, „die 45 Jahre lang durchschnittlich verdient und in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt hat, also 45 Entgeltpunkte erworben hat“.

Auf der Webseite des BMAS wird auch erläutert, wieso die Besteuerung von Lohn oder Rente bei der Berechnung des Rentenniveaus nicht berücksichtigt wird: „Auf Grund der stufenweisen Einführung der nachgelagerten Besteuerung von Renten kann nicht mehr für alle Rentenzugangsjahre ein einheitliches Nettorentenniveau ausgewiesen werden.“ 

Erklärung des „Sicherungsniveaus vor Steuern“ auf der Webseite des BMAS. (Screenshot am 11. September: CORRECTIV)

Deutschland hat niedrigeres Niveau als Österreich

Der Facebook-Beitrag lässt also Kontext außer Acht und tut fälschlicherweise so, als seien die angegebenen Zahlen die aktuellen Werte für Deutschland und Österreich. Unabhängig davon stimmt jedoch die Aussage, dass das Rentenniveau in Deutschland niedriger ist als in Österreich (dort spricht man statt Rente übrigens von „Pension“).

Der Sprecher des österreichischen Sozialministeriums, Gerd Jung, schrieb CORRECTIV auf Nachfrage in einer zweiten E-Mail, der aktuellste Wert für die tatsächliche Nettoersatzrate in Österreich sei von 2017. Da liege er bei 79,4 Prozent. Die Bruttoersatzrate 2017 sei 66,4 Prozent. 2016 lagen sowohl die Nettoersatzrate als auch die Bruttoersatzrate noch höher, das heißt, die Rate sinkt in Österreich. 

Die tatsächlichen Ersatzraten in Österreich beschreiben laut Jung die Wirklichkeit anhand von „real vorhandenen Versicherungskarrieren“. Die OECD dagegen konstruiere theoretische Fälle, um eine Zukunftsprognose zu stellen. 

Die Email des Sprechers des österreichischen Sozialministeriums. (Screenshot: CORRECTIV)

Es lässt sich also festhalten, dass auch das tatsächliche Rentenniveau (vor Steuern) in Deutschland mit 48,2 Prozent niedriger ist als die Bruttoersatzrate in Österreich (66,4 Prozent). Der Abstand ist aber nicht ganz so groß wie bei den OECD-Zahlen.

Rentenniveau sagt wenig über tatsächliche Situation von Rentnern aus

Wichtig ist: Das Rentenniveau sagt nichts über die tatsächliche Höhe der Renten aus. Die OECD schreibt (Seite 28): „Niedrigverdiener (mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens) haben generell eine höhere Netto-Ersatzquote als Durchschnittsverdiener.“ Der Grund sei das Steuersystem in den meisten Ländern. Für Menschen mit geringem Einkommen liege das Netto-Rentenniveau in den OECD-Ländern bei durchschnittlich 73 Prozent, bei Menschen mit hohem Einkommen bei 59 Prozent.

Auch die Sprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales schreibt, aus Berechnungen zum Rentenniveau könnten „nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Einkommenssituation im Alter gezogen werden“. Es würden weder der Haushaltskontext noch weitere Einkommensquellen berücksichtigt.

Rentensysteme sind sehr verschieden

Dass die Renten in Österreich aktuell höher sind als in Deutschland, hat verschiedene Gründe, wie CORRECTIV bereits in Faktenchecks von 2017 und 2018 dargelegt hat. Einer der Gründe ist, dass in Österreich alle, auch Beamte und Selbstständige, in die Rentenversicherung einzahlen. Zudem ist der Beitragssatz höher (aktuell Österreich: 22,8 Prozent; Deutschland: 18,6 Prozent). Renten in Österreich werden allerdings auch immer besteuert, wenn sie über 1.111 Euro brutto pro Monat liegen. Für einen angemessenen Vergleich sind die Systeme zu verschieden.  

Zur zukünftigen Entwicklung des Rentenniveaus in Deutschland schreibt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales in seinem Rentenversicherungsbericht 2018 (Seite 11): „Aufgrund einer zunächst stabilen Entwicklung des Beitragssatzes und der Haltelinie beim Sicherungsniveau wird ein Absinken unter 48 % bis zum Jahr 2025 verhindert. Danach sinkt das Sicherungsniveau stufenweise über 45,8 % im Jahr 2030 bis auf 44,9 % zum Ende des Vorausberechnungszeitraums im Jahr 2032.“ 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Die Grafik gibt theoretische Renten-Ersatzquoten nach einer Berechnung der OECD wieder. Das tatsächliche Rentenniveau in beiden Ländern weicht davon ab – in Österreich ist es aber höher als in Deutschland.

Bewertung: größtenteils richtig

Ja, Grünen-Ministerin wechselte vor Wahlkampftermin in ein Hybrid-Auto

Bildschirmfoto 2019-08-26 um 11.28.12
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Bildschirmfoto 2019-08-26 um 11.28.12
Das Foto zeigt den Dienstwagen (links) und das Wahlkampfauto der ehemaligen stellvertretenden Ministerpräsidentin aus Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann (Grüne). (Twitter-Screenshot: CORRECTIV)

von Hüdaverdi Güngör

Ein Foto soll zeigen, wie die ehemalige Ministerin der Grünen aus NRW, Sylvia Löhrmann, von ihrem Audi-A8-Dienstwagen in ein Hybrid-Auto umsteigt. Die Aufnahme ist echt. Löhrmann wollte mit dem Autowechsel Diensttätigkeiten und Wahlkampfauftritte trennen.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 21. Juli eine Text-Bild-Collage. Auf dem Foto sind zwei geparkte Autos zu sehen, ein schwarzer Audi A8 und ein helles Auto mit Wahlkampfwerbung der Grünen. Darüber steht: „Sich im dicken Audi A8 nach Düsseldorf fahren lassen und dann schnell – in der Hoffnung, dass es keiner merkt – ins umweltfreundliche Hybrid-Auto umsteigen. Hoch lebe die grüne Doppelmoral!…“. 

Darunter ist ein Bild der ehemaligen Ministerin aus Nordrhein-Westfalen, Sylvia Löhrmann (Grüne), zu sehen. Daneben der Kommentar: „Verlogenes Pack!“. Der Facebook-Nutzer wirft Löhrmann in dem Beitrag dazu vor, sie wolle nur „Kohle abgreifen“. Das Bild wurde bisher über 6.500 Mal geteilt. Wir haben das Foto und den Kontext überprüft. 

Der Facebook-Beitrag wurde bisher über 6.500 Mal geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto stammt von 2017 

Wir haben das Bild durch die Google-Bilder-Rückwärtssuche laufen lassen und wurden fündig. Das Foto sorgte bereits 2017, vor den Landtagswahlen in NRW, für Diskussionen. Unter anderem berichteten Spiegel Online, Vice und der Stern darüber. Demnach verbreitete es zuerst der CDU-Politiker Thomas Eusterfeldhaus auf Facebook und Twitter.

Eusterfeldhaus veröffentlichte das Foto bereits am 10. April 2017 auf seinem Twitter-Kanal, allerdings ohne ein Bild von Sylvia Löhrmann. Auch der Text unterschied sich von der aktuell auf Facebook kursierenden Version. Eusterfeldhaus schrieb: „Grüne Doppelmoral: erst mit dem dicken Audi A8 fahren und dann für den Wähler schnell umsteigen ins umweltfreundliche Hybrid-Auto.“ 

Thomas Eusterfeldhaus (CDU) veröffentlichte das Foto bereits am 10. April 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Grünen bestätigen Echtheit des Fotos

Sylvia Löhrmann war von 2010 bis 2017 Ministerin für Schule und Weiterbildung und stellvertretende Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen. Bei den Landtagswahlen 2017 trat sie als Spitzenkandidatin für die Grünen an. Während des Wahlkampfes war sie deshalb gleichzeitig stellvertretende Ministerpräsidentin, Ministerin und Spitzenkandidatin. Das ist wichtig, um ihre Begründung für den Autowechsel zu verstehen.  

Löhrmann reagierte bereits 2017 auf Twitter zu den Vorwürfen der Doppelmoral: „Im Gegenteil! Saubere Trennung zwischen Ministerinnen-Dienstwagen und Wahlkampfauto. Wie sich das gehört“. 

Kommentar von Sylvia Löhrmann am 10. April 2017 auf Twitter. (Screenshot: CORRECTIV)

Oliver Koch, Pressesprecher der Grünen in NRW, bestätigte am 13. August 2019 in einer Email an CORRECTIV die Echtheit des Fotos. „Frau Löhrmann ist im April 2017 aus dem Dienstwagen als Ministerin (einem Audi) in ein GRÜN-gelabeltes Hybrid-Auto umgestiegen, das der Landesverband der GRÜNEN-NRW für den Landtagswahlkampf 2017 geleast hat […] In ihrer Funktion als Ministerin durfte Frau Löhrmann natürlich keinen Wahlkampf machen. Diese Trennung hat sie auch bei den Fahrzeugen eindeutig und bewusst nachvollzogen.“ So werde klar, dass sie ihren Wahlkampf nicht mit Steuergeldern finanziere. Bereits im Landtagswahlkampf 2012 habe Löhrmann die Nutzung von Dienst- und Wahlkampf-Fahrzeug getrennt.

Die vollständige E-Mail des Grünen-Pressesprechers Oliver Koch (Screenshot: CORRECTIV)

Ist die Begründung plausibel? 

Verboten wäre die Nutzung des Dienstwagens für Wahlkampfzwecke nicht gewesen. Laut der „Richtlinie über die Haltung und Benutzung von Dienstkraftfahrzeugen im Lande Nordrhein-Westfalen“ dürfen Ministerinnen und Minister Dienstfahrzeuge zur ständigen Benutzung bekommen. Wie Oliver Koch in seiner Email erklärt, dürfen sie diese prinzipiell auch für private Zwecke verwenden, wenn sie die entstehenden Kosten dem Land erstatten. Auch das Landespresseamt bestätigt in einer Mail an CORRECTIV, dass Löhrmann den Dienstwagen auch hätte privat nutzen dürfen. Dazu gehören auch Fahrten, die im Zusammenhang mit einer Partei stehen. 

Vollständige Mail des Landespresseamtes an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Oliver Koch, Pressesprecher der Grünen in NRW, schreibt auf Nachfrage in einer weiteren Mail an CORRECTIV: „Frau Löhrmann hat durch den Fahrzeugwechsel in ein mit grüner Folie und ihrem Konterfei versehenes Auto sehr deutlich gemacht, wer für die Fahrten zu Wahlkampfauftritten bezahlt – nämlich die Partei. So konnte gar nicht erst der Eindruck einer möglichen Vermischung der beiden Bereiche entstehen. Nicht alle Bürger*innen sind über die Kostenerstattungsregelungen der Landesregierung informiert.“ 

Ja, das Foto wurde in Düsseldorf aufgenommen

In dem Facebook-Beitrag steht, das Foto sei in Düsseldorf entstanden. Das haben wir anhand von Google Maps und Google Streetview überprüft. Tatsächlich zeigt das Foto eine Szene in unmittelbarer Nähe des Düsseldorfer Landtages. 

Der Autowechsel fand wenige Meter vor der Tiefgarage statt. (Screenshot von Google und Bearbeitung: CORRECTIV)
Oben: Der Landtag, von wo aus das Foto wahrscheinlich gemacht worden ist. Unten: Der Ort, wo die Fahrzeuge gewechselt worden sind. (Screenshot von Google und Collage: CORRECTIV)

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Der Dienstwagen von Sylvia Löhrmann

Die Text-Bild-Collage wird vermutlich aufgrund der angeblichen „Doppelmoral“, die zu sehen sein soll, besonders häufig geteilt. Warum nutzte Sylvia Löhrmann nicht auch im Dienst als Ministerin ein Hybrid-Auto? Der Pressesprecher der Grünen erklärt in der Mail an CORRECTIV: „Als Ministerin nutzte Frau Löhrmann den Audi vom Juni 2016 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Amt. Zuvor nutzte sie einen Mercedes-Hybrid. Dieser verbrauchte allerdings auf längeren Strecken mehr Kraftstoff, als der anschließend genutzte Audi.“ 

Ob das Hybrid-Fahrzeug tatsächlich auf langen Strecken mehr verbrauchte als der Audi, konnten wir nicht überprüfen. 

Die Deutsche Umwelthilfe veröffentlicht jährlich unter dem Titel „Dienstwagen-Check“ ein Ranking, auf dem der durchschnittliche CO2-Ausstoß der Ministerfahrzeuge pro Kilometer gelistet werden. In dem Ranking von 2016 taucht der Mercedes-Hybrid von Löhrmann auf. Demnach stoße dieser 142 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Damit lag der Dienstwagen Löhrmanns im Mittelfeld des Rankings. Löhrmanns Audi ist im Ranking von 2017 gelistet. Er stieß der Deutschen Umwelthilfe zufolge 159 Gramm CO2 pro Kilometer aus – 16 Gramm mehr als das Hybridfahrzeug aus dem Vorjahr. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Die ehemalige Bildungsministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) wechselte vor einem Wahlkampfauftritt von ihrem Dienstwagen in ein Hybrid-Auto. Sie wollte so nach eigenen Angaben ihre Diensttätigkeiten und Wahlkampfauftritte sauber trennen.

Bewertung: falsch

Die Polizei berichtete nicht über die Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Graz – zum Schutz des Opfers

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Warum wurde die Öffentlichkeit nicht über eine Vergewaltigung in Graz 2018 informiert? Die Polizei erklärt dies mit dem Schutz des minderjährigen Opfers. (Symbolfoto: fsHH / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Leserbrief in der „Kleinen Zeitung“ in Österreich wird behauptet, über eine Vergewaltigung einer 13-Jährigen sei 2018 von der Polizei nicht berichtet worden, weil Ausländer beteiligt waren. Die Polizei bestreitet das. Der Grund sei der Schutz des Opfers gewesen.

Die Facebook-Seite „Einzelfälle in Österreich“ veröffentlichte am 18. August ein Foto eines Leserbriefs, offenbar aus einer Zeitung. Er bezieht sich auf einen Artikel mit dem Titel „13-Jährige brutal vergewaltigt“, laut des angegebenen Datums wurde dieser am 7. August veröffentlicht. In dem Brief schreibt ein Leser namens Werner S., über die Vergewaltigung habe nichts im Polizeibericht an die Presse gestanden. Weiter behauptet er, Amtshandlungen, die Ausländer betreffen, würden regelmäßig „in den Schubladen von Polizei und Justiz verschwinden“. Somit würden Verbrechen vertuscht und Täter geschützt. Der Facebook-Beitrag wurde bisher mehr als 2.800 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen haben ergeben, dass der Leserbrief aus der regionalen Tageszeitung Kleinen Zeitung stammt. Auf Anfrage schickte die Redaktion uns den Zeitungsbericht und den Leserbrief zur Bestätigung als PDF zu. Der Leserbrief erschien demnach am 18. August. Der Artikel ist online nicht zu finden, allerdings gibt es auf der Webseite der Kleinen Zeitung eine andere Version vom 6. August (bezahlpflichtig), in der es um denselben Fall geht.

Der Facebook-Beitrag mit dem Foto des Leserbriefs. (Screenshot am 9. September: CORRECTIV)

Der Artikel, der in der gedruckten Zeitung am 7. August 2019 erschienenen ist, beginnt mit den Worten: „Fast ein Jahr lang wurde dieser schockierende Fall der Öffentlichkeit verschwiegen.“ Allerdings wird im Artikel kein Grund dafür genannt. 

Im Text steht weiter, ein 13-jähriges Mädchen aus Afghanistan sei Ende Oktober 2018 in Graz von fünf jungen Männern – ebenfalls Afghanen – in einer Wohnung vergewaltigt worden. Die fünf Täter seien zwischen 17 und 22 Jahre alt gewesen. Sie seien am 11. Juli 2019 vor dem Grazer Landesgericht verurteilt worden, zu sechseinhalb, vier, sieben und zweimal acht Jahren Haft. Die Urteile seien aber noch nicht rechtskräftig. Das Mädchen sei ein „Flüchtlingsmädchen“, heißt es in dem Artikel. 

Polizeisprecher: Keine Pressearbeit zum Schutz des Opfers

Fritz Grundnig, Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark, bestätigte auf eine Anfrage von CORRECTIV per Mail, dass das Mädchen und die Täter die afghanische Staatsbürgerschaft haben. Er bestreitet aber, dass dies der Grund war, warum über den Fall nicht berichtet wurde. Es habe „aufgrund interner Vorschriften und in Absprache mit der Staatsanwaltschaft als Leiterin des Ermittlungsverfahrens bei Sexualdelikten aus Gründen des Opferschutzes keine aktive Pressearbeit“ gegeben. Das Opfer sei minderjährig und alle Verdächtigen seien bekannt gewesen, so dass keine Öffentlichkeitsfahndung nötig gewesen sei. „Dass Opferschutz in derartigen Fällen besonders zu beachten ist, beweist auch die Entscheidung des Gerichtes, die Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen.“

Die Email des Sprechers der Landespolizeidirektion Steiermark, Fritz Grundnig. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Barbara Schwarz, Sprecherin des Landesgerichts für Strafsachen Graz, bestätigt, dass die Eckdaten des Falls im Bericht der Kleinen Zeitung korrekt wiedergegeben seien. Sie erklärt auf Anfrage per Email: „Bei dem von Ihnen angesprochenen und im Leserbrief monierten Fall handelt es sich um die Verurteilung von jugendlichen Straftätern, daher war die Öffentlichkeit bei der Verhandlung ausgeschlossen und gab und gibt es auch keine Informationen zu den einzelnen Personen (Täter und Opfer), dies zum gesetzlich vorgesehenen Schutz der jugendlichen Täter und des – ebenfalls jugendlichen – Opfers.“ 

Die Email der Sprecherin des Landesgerichts Graz, Barbara Schwarz. (Screenshot: CORRECTIV)

Polizei und Gericht betonen, die Nationalität der Täter oder des Opfers hätten bei der Entscheidung, die Öffentlichkeit nicht zu informieren, keine Rolle gespielt. „Die Nationalität von Täter und Opfer ist unerheblich, bedeutsam ist allein das jugendliche Alter von Täter und Opfer und der damit verbundene besondere rechtliche Schutz“, so Schwarz. 

Und Polizeisprecher Grundnig schreibt: „Die im von Ihnen zitierten ‘Leserbrief’ behaupteten Vorwürfe gegen Polizei und Justiz entbehren jeglicher Grundlage. Die Staatsangehörigkeit von Opfern und von Tatverdächtigen spielen für polizeiliche Ermittlungstätigkeit und die damit einhergehende Berichterstattung keine Rolle.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Nationalität von Tätern und Opfer war nicht der Grund, die Öffentlichkeit nicht zu informieren. Es ging um den Schutz des minderjährigen Opfers.

Bewertung: falsch

Keine Waffen für „muslimische Einwanderer“: Container waren auf dem Weg nach Libyen

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Dieses Foto wird seit Jahren genutzt, um Angst vor muslimischen Einwanderern zu schüren, die angeblich Waffenlieferungen erhalten. Das ist falsch. (Foto: Griechische Küstenwache)

von Alice Echtermann

Seit Jahren wird im Netz verbreitet, in Griechenland seien Container mit Waffen für muslimische Einwanderer gefunden worden. Das ist falsch. Tatsächlich entdeckte die griechische Küstenwache 2015 ein Schiff mit Waffen, aber sie waren nicht auf dem Weg nach Europa.

In einem Artikel von Zaronews vom 11. Oktober 2016 wird behauptet, griechische Zöllner hätten „14 Container mit 52 Tonnen Waffen und Munition für muslimische Einwanderer“ gefunden, getarnt als Möbel. Obwohl der Text schon fast drei Jahre alt ist, wird er in letzter Zeit wieder stark in Sozialen Netzwerken geteilt, zum Beispiel vom AfD-Kreisverband Würzburg am 24. August 2019 auf Facebook.  

Die AfD Würzburg verbreitete den Artikel im August 2019. (Screenshot am 6. September: CORRECTIV)

Der Artikel von Zaronews erweckt den falschen Eindruck, die Waffen seien auf dem Weg nach Deutschland gewesen. Der Eindruck wird unter anderem erzeugt durch die Formulierung „muslimische Einwanderer“ und die Behauptung im Text, es handele sich bei der Einwanderung in Deutschland um eine „Invasion“, der nur noch die Waffen fehlten. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Das ist falsch. Die Meldung basiert zwar auf einer Waffenlieferung, die 2015 von der griechischen Küstenwache entdeckt wurde – ihr Ziel war damals aber Libyen.

Griechische Küstenwache veröffentlichte Bericht und Foto

Das Foto, mit dem der Beitrag von Zaronews bebildert ist, tauchte erstmals 2015 im Internet auf. Über die Bilder-Rückwärtssuche der Suchmaschine Yandex findet sich eine griechische Nachrichtenseite namens Flashnews. Diese berichtete erstmals am 1. September 2015 über die Entdeckung eines Schiffes mit Waffen an Bord vor der Küste Kretas. Es sei unterwegs nach Libyen gewesen.

Der Artikel verweist auf die griechische Küstenwache. Deren Pressemitteilung vom 1. September 2015 ist online zu finden. Darin heißt es, das Schiff sei von der türkischen Stadt Iskenderun auf dem Weg nach Libyen gewesen. Vor der Küste Kretas sei es gestoppt worden.

Die Mitteilung der griechischen Küstenwache vom 1. September 2015. Webseite automatisch übersetzt mit Google Translate. (Screenshot am 6. September: CORRECTIV)

Am 2. September 2015 berichtete die Küstenwache erneut und stellte auch Fotos des Schiffes und der gefundenen Waffen zum Download zur Verfügung – darunter ist auch das Foto, das von Zaronews verwendet wurde. Es wurde also von der Küstenwache gemacht. 

Im Text der Küstenwache steht, es seien in Heraklion (Iraklio) auf Kreta 14 Container entladen und palettenweise Kartons mit Waffen und Munition beschlagnahmt worden. In den Papieren des Schiffes seien die Waffen nicht erwähnt worden, und diese seien „sorgfältig hinter einfacher Ladung (Schubladen, Schränke und Kunststoffbehälter ) verborgen“ worden, um sie „illegal einzuschmuggeln“. Die Operation sei Teil einer „systematischen und intensiven Prüfung der griechischen Küstenwache zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität“.

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Auch die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am 2. September 2015 über den Fall. Im Bericht wird das Waffenembargo der UN für Libyen erwähnt, das wegen der gewaltsamen Konflikte im Land verhängt wurde. Da das Schiff von einem türkischen Hafen abgefahren war, wird ein Sprecher des türkischen Außenministeriums namens Tanju Bilgic zitiert. Er sagte Reuters, die Waffen an Bord des Schiffes seien ordnungsgemäß dokumentiert und für die Sudanesische Polizei bestimmt gewesen. Das Schiff habe außerdem Baumaterial für Libyen an Bord gehabt. Laut Papieren habe das Schiff Misrata und Tobruk in Libyen ansteuern und danach zurück nach Beirut (Libanon) fahren wollen. 

Was genau mit den Waffen geschehen sollte, ist unklar. Klar ist aber, dass das Schiff keinen europäischen Hafen anlaufen sollte. Es war auf dem Weg nach Libyen, als die Küstenwache es abfing.  

Falschmeldung verbreitete sich auch in den USA

Seit Jahren werden die Fotos der Küstenwache und die Meldung also fälschlicherweise verwendet, um Angst vor Einwanderern zu schüren – und das nicht nur in Deutschland. Bereits 2015 widerlegten die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes die damals verbreitete Behauptung, die Waffen seien für „europäische Flüchtlingscamps“ bestimmt gewesen. Die Falschmeldung tauchte aber auch danach in den USA immer wieder auf, schreibt Snopes.  

Zuletzt veröffentlichte das US-Magazin Washington Examiner einen Faktencheck anlässlich eines Beitrags auf Facebook vom 3. Dezember 2018. Darin zeigte ein Nutzer die Fotos aus Griechenland und behauptet, die Waffen seien für muslimische Einwanderer in den USA bestimmt gewesen.

Der Facebook-Beitrag von Dezember 2018 aus den USA. (Screenshot am 6. September: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Das Schiff mit der Waffenlieferung war 2015 auf dem Weg nach Libyen. Die griechische Küstenwache entdeckte die Waffen und veröffentlichte Fotos. 

Bewertung: völlig falsch

Der Brief eines angeblichen Kommissars aus Chemnitz ist eine Fälschung

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Dieser Brief, der unter anderem per Whatsapp verschickt wird, ist eine Falschmeldung. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Brief eines angeblichen Kommissars aus Chemnitz wird behauptet, die Polizei habe einen Übergriff auf zwei Mädchen beim Bürgerfest Chemnitz durch junge Männer mit Migrationshintergrund verschwiegen. Laut Polizei Chemnitz und dem Veranstalter hat es den Vorfall nicht gegeben.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Polizeioberkommissar im Polizeirevier Chemnitz Mitte“: So beginnt ein Brief eines angeblichen Beamten, der im Netz und in Messenger-Diensten kursiert. Darin wird behauptet, es habe einen Übergriff beim Bürgerfest Chemnitz am 24. August gegeben. Mehrere Nutzer luden den Brief auf Facebook hoch, und ein Leser schickte ihn CORRECTIV auch per Email zu. Er hat ihn nach eigenen Angaben per Whatsapp erhalten.

Laut Polizei Chemnitz und dem Veranstalter des Bürgerfestes ist der Brief eine Fälschung. 

Einer der Facebook-Beiträge mit dem Foto des Briefes. (Screenshot am 6. September: CORRECTIV)

Der Brief, der zahlreiche Rechtschreibfehler enthält, ist auf den 27. August 2019 datiert. Darin wird geschildert, dass es beim Bürgerfest in Chemnitz am späten Samstagabend, 24. August 2019, einen Vorfall gegeben habe: Zwei 15-jährige Mädchen seien von einer Gruppe von sieben „jungen Männern mit Migrationshintergrund“ sexuell belästigt und geschlagen worden. Die zwei jugendlichen Begleiter der Mädchen seien ebenfalls geschlagen worden, einer habe „zwei Schnittverletzungen im Baubereich“ erlitten. 

Der Verfasser der Briefes erhebt zudem Vorwürfe gegen die Polizei Chemnitz: In einer Dienstbesprechung am Folgetag (Sonntag, 25. August) mit dem Revierleiter sowie einem Vertreter der Polizeipressestelle und zwei Personen von der Stadt Chemnitz sei beschlossen worden, über den Fall „aus Mangel an öffentlichem Interesse“ nicht zu berichten. Er und seine Kollegen hätten einen „Maulkorb“ bekommen. Der Grund dafür seien „das Parteibuch des Revierleiters“ und die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen.  

Polizei Chemnitz: Der Brief ist eine Falschmeldung

Auf eine Anfrage von CORRECTIV an die Pressestelle der Polizei Chemnitz schickte Sprecherin Jana Ulbricht uns eine Pressemitteilung vom 29. August 2019 zu, in der die Polizei erklärt, der Brief sei „in allen Belangen eine Falschmeldung“. „Der Polizei ist keine derartige Auseinandersetzung bekannt. Es waren keine Beamten der Polizeidirektion Chemnitz zu einem solchen Anlass im Einsatz.“ Zudem habe es keine Besprechung mit dem Revierleiter gegeben, und entsprechend auch „keine Anweisung zur Nichtberichterstattung oder zum Bewahren von Stillschweigen“. Die Mitteilung wurde auch am 29. August von der Polizei Sachsen auf Twitter verbreitet.  

Die Pressemitteilung der Polizei zu dem Brief. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt kein Polizeirevier namens Chemnitz-Mitte mehr

Zudem schreibt Ulbricht in ihrer Mail an CORRECTIV: „Noch zu erwähnen wäre, dass es bereits seit der letzten Strukturreform zu Beginn des Jahres 2013 kein Revier Chemnitz-Mitte mehr gibt.“ 

Tatsächlich findet sich dieses Revier nicht auf der Webseite des Polizeidirektion Chemnitz. Dort sind alle Polizeireviere aufgelistet. Das Revier Chemnitz-Mitte wurde offenbar nicht geschlossen, aber umbenannt. Gibt man bei Google „Polizeirevier Chemnitz Mitte“ ein, wird es noch auf Seiten wie dem Branchenbuch angezeigt. Als Adresse steht dort die Hartmannstraße 24. An dieser Adresse werden auf der Webseite der Polizeidirektion Chemnitz jedoch aktuell nur die Polizeidirektion selbst und das Polizeirevier Chemnitz-Nordost geführt. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Auch in einer Antwort auf die Anfrage einer Grünen-Abgeordneten im Sächsischen Landtag von August 2013 wird die Umstrukturierung zum 1. Januar 2013 im Rahmen des Projektes „Polizei.Sachsen.2020“ erwähnt. In der Liste der Reviere und ihrer Personalausstattung gibt es kein Revier Chemnitz-Mitte – aber das Revier Chemnitz-Nordost. Das macht den Brief über das Bürgerfest sehr unglaubwürdig: Jemand, der als „Polizeioberkommissar“ in Chemnitz arbeitet, müsste die korrekte Bezeichnung kennen. 

Veranstalter des Bürgerfests nennt den Brief einen „Fake“

Ein Sprecher der Stadt Chemnitz, von der angeblich laut dem Verfasser des Briefes zwei Vertreter bei der Dienstbesprechung der Polizei anwesend gewesen seien, teilte CORRECTIV per Email mit: „Wir haben keinerlei Hinweise auf diesen Vorfall und waren als Stadt das gesamte Wochenende mit den Organisatoren des Bürgerfestes in Kontakt.“ 

Die Email eines Sprechers der Stadt Chemnitz. (Screenshot: CORRECTIV)

Und auch der Sprecher des Chemnitzer Bürgerfestes, Sebastian Thieswald, sagt CORRECTIV am Telefon über den Brief: „Ich bin auf das äußerste empört. Das ist ein Fake, von vorne bis hinten.“ Er habe selbst beim Bürgerfest von Freitagmorgen bis Montagnachmittag alle zwei bis drei Stunden mit der Polizei in Kontakt gestanden. Er sei ständig vor Ort und auch nachts der letzte gewesen, der eine Runde gedreht habe, um Müll einzusammeln. Zudem habe es eine eigene Security gegeben, mit der er auch stets über Funk und Telefon in Verbindung gewesen sei. Er wisse nichts von dem angeblichen Vorfall, sagt er. „Ich war über jeden Zwischenfall informiert.“ Das Bürgerfest sei friedlich verlaufen.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Brief ist eine Fälschung. Den Vorfall gab es nach übereinstimmenden Aussagen von Polizei, Veranstalter und der Stadt Chemnitz nicht.

Bewertung: richtig

Ja, dieses Video zeigt eine Schlägerei in Berlin-Neukölln im August 2019

Bildschirmfoto 2019-09-05 um 12.33.28
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Bildschirmfoto 2019-09-05 um 12.33.28
Dieses Video wird tausendfach auf Facebook geteilt. Es stammt aus Berlin. (Screenshot am 5. September 2019: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein tausendfach in Sozialen Netzwerken geteiltes Video zeigt eine Gruppenschlägerei in Berlin. Die Polizei bestätigt, dass es Ende August in der Weserstraße in Neukölln aufgenommen wurde. Die Angaben über das Video sind korrekt.

Auf Facebook veröffentlichte ein Nutzer am 28. August ein Video mit der Beschreibung „Willkommen in Berlin“. Es zeigt einen Tumult in einer Straße, bei dem mehrere Männer unter anderem mit Straßenschildern aufeinander losgehen. Ein Mann läuft mit einem schwertähnlichen Gegenstand in der Hand herum. Gefilmt wurde offenbar von einer  erhöhten Position aus einem Haus gegenüber. Das Video wurde innerhalb von neun Tagen mehr als 13.000 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag vom 28. August 2019. (Screenshot am 5. September 2019: CORRECTIV)

Am 29. August tauchte noch eine zweite Version des Videos auf Facebook auf, in der ab der Hälfte weiteres Material zu sehen ist, das von jemandem unten auf der Straße aufgenommen wurde. Der Nutzer schreibt zu dem Video, es zeige Berlin Neukölln am 28. August 2019. Tatsächlich scheinen die beiden Aufnahmen denselben Vorfall zu zeigen: Die Merkmale der Straße stimmen in beiden Video-Teilen überein, in beiden Videos ist ein weißer Lieferwagen am Straßenrand zu sehen.  

Eine zweite Version des Videos vom 29. August, bei der die Szene aus einem anderen Blickwinkel gezeigt wird. (Screenshot am 5. September: CORRECTIV)

Polizei bestätigt Echtheit des Videos

Die Polizei Berlin veröffentlichte am 28. August eine Pressemitteilung, die zu dem Fall passt. Darin heißt es, es sei „gestern“ – also am 27. August 2019 – zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung in der Weserstraße zwischen Fulda- und Weichselstraße gekommen, bei der 40 bis 50 Personen unter anderem Verkehrsschilder eingesetzt hätten. Am Einsatzort sei zudem eine Machete gefunden worden. Zwei Männer und ein 13-Jähriger seien verletzt worden.

Die Pressemitteilung der Polizei Berlin zu dem Fall. (Screenshot am 5. September: CORRECTIV)

CORRECTIV schickte der Polizei Berlin das Video per Email zu, mit der Bitte um eine Überprüfung. Daraufhin bestätigte Sprecher Martin Halweg am Telefon: „Ja, das Video gibt in Teilen wieder, was sich in der Weserstraße zugetragen hat.“ Es werde wegen gefährlicher Körperverletzung sowie des Verdachts auf Landfriedensbruch ermittelt. Zusätzlich verwies Halweg in einer Mail auf die Pressemitteilung vom 28. August.

Die Email mit der Bestätigung der Polizei Berlin, dass das Video den Vorfall in Neukölln zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Weitere Details zum aktuellen Stand der Ermittlungen teilte Halweg auf Nachfrage nicht mit. Es werde noch geprüft, ob ein Zusammenhang mit einem Vorfall einen Tag zuvor, am Montag, 26. August, bestehe, hieß es. Bei dem Vorfall kam es laut Pressemitteilung der Polizei in der Fuldastraße – also in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem das Video am 27. August entstand – zu einem Streit zwischen zehn bis 15 Personen. Zwei Männer erlitten Stich- beziehungsweise Schnittverletzungen.

Mit einem Abgleich der Aufnahmen von Google-Streetview lässt sich zusätzlich bestätigen, dass das Video an dem Ort aufgenommen wurde, den die Polizei in der Pressemitteilung nennt: in der Weserstraße zwischen Fulda- und Weichselstraße. Das Haus sieht heute etwas anders aus als in den Streetview-Bildern von 2008, aber die Anordnung der Fenster, Balkone und Türen stimmt überein.

Das Haus in der Weserstraße, vor dem der Streit passierte. Die Aufnahme von Google-Streetview ist mehrere Jahre alt, die Anordnung der Fenster, Balkone und Türen stimmt jedoch überein. (Screenshot am 5. September und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Richtig. Das Video zeigt eine Schlägerei in Berlin-Neukölln am 27. August 2019.