Faktencheck

Schweiz: Kati Schepis verbreitet Falschbehauptungen über Covid-19-Impfstoffe auf Aletheia-Pressekonferenz

Im Internet verbreitet sich ein Auszug aus einer Pressekonferenz des Schweizer Vereins Aletheia: Ein Vortrag von Kati Schepis auf der Konferenz wurde fast eine Million Mal geklickt. Die von Schepis aufgestellten Behauptungen über die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe sind jedoch falsch.

von Matthias Bau

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Auf einer Pressekonferenz des Vereins Aletheia verbreitet Kati Schepis zahlreiche Falschbehauptungen über die zugelassenen Covid-19-Impfstoffe (Quelle: Odysee; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Die Covid-19-Impfstoffe seien unwirksam, unsicher und unnötig.
Bewertung
Falsch. Schepis Aussagen zur Wirksamkeit der Impfstoffe und den durchgeführten Zulassungsstudien sind falsch oder lassen wichtigen Kontext aus. Impfungen schützen wirksam vor einem schweren Verlauf und dem Tod durch Covid-19. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind sehr selten.

Über Whatsapp wiesen uns Leserinnen und Leser in den vergangenen Wochen wiederholt auf ein Video der sogenannten Aletheia-Medienkonferenz hin. Darin spricht eine Frau namens Kati Schepis über die aktuell zugelassenen Impfstoffe gegen Covid-19, die sie als unwirksam, unsicher und unnötig bezeichnet. Das Video wurde bisher mehr als 950.000 Mal abgerufen (Stand: 15. Dezember) und enthält mehrere Falschbehauptungen. 

Wie der Präsident des Vereins Aletheia, Andreas Heisler, sagt, fand die Medienkonferenz vor allem in Hinblick auf die Abstimmung am 28. November über das sogenannte Covid-19-Gesetz in der Schweiz statt. Der Schweizer Verein, der sich mit den Ärzten für Aufklärung in Deutschland vergleichen lässt, sprach sich gegen das Gesetz aus. In der Abstimmung am 28. November wurde es jedoch von einer Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer angenommen. Es erlaubt unter anderem die Einführung eines 3G-Zertifikats für den Besuch von Restaurants und Veranstaltungen.

Der Verein Aletheia behauptet auf seiner Webseite, dass es keine Hinweise auf eine Corona-Pandemie gebe. Medienberichten zufolge hat Präsident Andreas Heisler h Maskenatteste an Patienten ausgestellt, die er nie persönlich gesehen hatte.  

Video von Aletheia verbreitet Falschbehauptungen über Zulassungsstudien der Covid-19-Impfstoffe

Kati Schepis leitet ihren Vortrag mit den Worten ein, Aletheia lege Wert darauf, „wissenschaftlich korrekt und faktenbasiert zu kommunizieren“. Im Folgenden verbreitet sie jedoch Falschinformationen. 

Zunächst stellt Schepis verschiedene Behauptungen über die Zulassungsstudien der Covid-19-Impfstoffe auf. Die Impfstoffe seien basierend auf „zwei Monatsdaten“ zugelassen worden, die Studien seien nicht doppelblind durchgeführt worden und es sei lediglich untersucht worden, ob die Impfstoffe gegen „Bagatell-Ereignisse“ wie Halsschmerzen, Kopfschmerzen oder Fieber wirken. Weiter sei die Wirksamkeit der Impfstoffe verzerrt dargestellt worden. Wir haben uns diese und weitere Behauptungen einzeln angesehen.

Nein, Covid-19-Impfstoffe wurden nicht nur auf Basis von „zwei Monatsdaten“ zugelassen

Im Video (ab 1:30) behauptet Schepis, „die Covid-Impfstoffe wurden auf Basis von zwei Monatsdaten zugelassen“. Was genau sie damit meint ist unklar. Wie auf der Webseite der Impfstoffhersteller Biontech und Moderna zu lesen ist, dauerte die Erforschung der Impfstoffe mehrere Monate und die in den Studien erhobenen Daten umfassen insgesamt einen Zeitraum, der größer ist als zwei Monate. Alleine die Daten der Phase-2 und Phase 3-Studien von Biontech/Pfizer umfassen Daten von zweieinhalb Monaten. 

Beispielsweise begannen die Phase 1- und Phase 2-Studien von Biontech im Frühjahr 2020. Die Ergebnisse wurden am 12. August im Fachmagazin Nature und am 14. Oktober 2020 im New England Journal of Medicine veröffentlicht. Demnach wurden den Teilnehmenden in beiden Studien Impfstoffdosen oder Placebos im Abstand von jeweils 21 Tagen verabreicht. Insgesamt dauerten die Studien vom 4. Mai bis zum 19. beziehungsweise 22. Juni. Darauf folgte eine weitere Studie.

Die ersten Ergebnisse der Phase 2- und Phase 3-Studie erschienen am 10. Dezember 2020 im New England Journal of Medicine. Auch in dieser Studie wurden den Teilnehmenden Impfstoffdosen oder Placebos im Abstand von 21 Tagen verabreicht. Diese Studie dauerte länger als zwei Monate, nämlich vom 27. Juli bis zum 14. November. 

Die Probanden der Zulassungsstudien wussten nicht, ob sie einen Impfstoff oder ein Placebo bekommen

Weiter behauptet Schepis, die Zulassungsstudien der mRNA-Impfstoffe seien nicht doppelblind durchgeführt worden – Probanden hätten gewusst, ob sie einen Impfstoff oder ein Placebo bekommen. Doppelblind bedeutet, dass in Studien weder die Studienleitenden noch die Teilnehmenden wissen, ob ein Placebo oder ein Wirkstoff verabreicht wurde. So soll eine Verzerrung der Studienergebnisse ausgeschlossen werden.

Richtig ist aber: Die Studien von Biontech/Pfizer und Moderna sollten so durchgeführt werden, dass die Probanden nicht wissen, ob ein Placebo oder die Impfung verabreicht wurde. Das geht aus den mehr als 300 Seiten langen Studienprotokollen hervor (Biontech/Pfizer hier und Moderna hier). 

Im Studienprotokoll von Biontech/Pfizer wird das Verblindungsverfahren ab Seite 45 erklärt (Ursprüngliches Protokoll vom 15. April 2020). Darin heißt es, dass die Probandinnen und Probanden nicht wissen, ob sie einen Impfstoff bekommen oder nicht. Um das zu verhindern, seien auch die Spritzen so präpariert worden, dass an deren Erscheinungsbild nicht zu erkennen sei, ob sie einen Impfstoff oder das Placebo enthielten. Weiter heißt es auf Seite 46, dass die Verblindung nur dann aufgehoben werden dürfe, wenn ein Notfall eintrete; die Gesundheit der Studienteilnehmenden habe dabei bei dieser Entscheidung stets Vorrang. Demnach wurden nur einige Personen, die den Impfstoff lagerten, vorbereiteten und verabreichten über den Inhalt der Spritzen informiert. 

Im Studienprotokoll von Moderna finden sich die Ausführungen zum Verblindungsverfahren ab Seite 22. Auch dort heißt es explizit, dass die Studienteilnehmenden bis zum Ende der Studie nicht erfahren sollen, ob sie ein Placebo oder den Impfstoff erhalten haben. Ebenso wie in der Studie von Biontech/Pfizer seien die Spritzen so präpariert worden, dass durch das Erscheinungsbild nicht erkennbar sei, ob sie einen Impfstoff oder ein Placebo enthielten. Gleich ist auch, dass die Verblindung gegenüber Studienteilnehmenden nur dann aufgehoben wird, wenn ein Notfall eintritt. 

Bericht einer Whistleblowerin schürt keine Zweifel an der Wirksamkeit der Impfstoffe

Weiter beruft sich Schepis auf einen Artikel, der am 2. November im British Medical Journal veröffentlicht wurde, um infrage zu stellen, ob der Impfstoff von Biontech/Pfizer überhaupt hätte zugelassen werden dürfen. 

In dem Artikel wird unter Berufung auf eine Ex-Mitarbeiterin des Forschungsunternehmens Ventavia, das für Pfizer einen Teil der Zulassungsstudien in Texas organisierte, berichtet, dass die Firma im Herbst 2020 bei der Phase-3-Studie zum Impfstoff von Biontech/Pfizer Impfstoffe falsch gelagert, vom Studienprotokoll abgewichen  und bei der Nachverfolgung von Nebenwirkungen nachlässig gewesen sein soll. Mehrere Medien berichteten über den Artikel (hier, hier und hier). 

Wie Oliver Cornely sagte, Direktor des Instituts für Translationale Forschung an Universität Köln, betreute Ventavia aber lediglich 2,3 Prozent der Probandinnen und Probanden. Ein Einfluss der Fehler auf das Studienergebnis lasse sich nicht belegen, es brauche jedoch dringend eine „behördliche Inspektion aller Zentren der Firma Ventavia“. 

Auch das PEI verwies gegenüber dem Science Media Center darauf, dass Ventavia nur 1.000 Teilnehmende der Studie betreut habe und sich die Wirksamkeit der Impfung „bei der inzwischen millionenfachen Anwendung“ bestätigt habe. 

Der Artikel stellt die Wirksamkeit der Impfungen insgesamt also nicht infrage. Die Wirksamkeit der Impfstoffe wurde bereits in weiteren Studien bestätigt. Beispielsweise in der bereits erwähnte Studie aus Israel sowie in einer Studie, die am 4. Oktober in der Fachzeitschrift The Lancet erschien. Sie konnte die Wirksamkeit des Impfstoffs von Biontech/Pfizer gegen Krankenhauseinweisungen anhand von 3,4 Millionen elektronischen Gesundheitsdaten aus Süd-Kalifornien nachweisen. Dabei zeigte sich, dass der Impfstoff bei vollständiger Impfung eine 90-prozentige Effektivität gegen eine Einweisung ins Krankenhaus aufwies. Bei der Delta-Variante war der Schutz vor einer Infektion geringer, doch auch hier konnte eine Effektivität von 93 Prozent gegen Hospitalisierungen bis zu sechs Monaten nach der vollständigen Impfung beobachtet werden. 

Doch, in Zulassungsstudien wurde berücksichtigt, ob Impfungen gegen schwere Covid-19-Verläufe schützen 

Eine weitere Falschbehauptung von Schepis (ab 3:11) lautet, bei der Zulassung der Covid-19-Impfstoffe sei nicht darauf geachtet worden, ob sie schwere Verläufe der Krankheit verhindern würden. Lediglich „Bagatell-Ereignisse“ wie „Halsschmerzen, Kopfschmerzen oder Fieber“ seien als „primärer Wirksamkeitsendpunkt“ erfasst worden. Ob sie dabei über alle Covid-19-Impfstoffe spricht oder nur über mRNA-Impfstoffe, ist unklar.

Als primären und sekundären Endpunkt einer Studie bezeichnet man die Ziele einer Studie. Der primäre Endpunkt ist dabei das Hauptziel einer Studie, der sekundäre Endpunkt ein nachgelagertes Ziel, welches in manchen Fällen nur erreicht werden kann, wenn der primäre Endpunkt erreicht wurde. So wurde in einigen der Impfstoffstudien beispielsweise primär untersucht, ob die entsprechende Impfung gegen eine Infektion mit Covid-19 schützt und, ob sie auch gegen schwere Verläufe wirkt. 

  • Endpunkte der Phase-3-Studie des Impfstoffs von Johnson & Johnson (April 2021):
    • „Die primären Endpunkte waren die Wirksamkeit des Impfstoffes gegen moderate bis schwere Ausprägungen der Coronavirus-Krankheit“
  • Endpunkte der Phase-3-Studie des Impfstoffs von Astrazeneca (Dezember 2020):
    • „Wir haben in der vorliegenden Studie auch Hospitalisierungen und schwere Verläufe als Endpunkt aufgenommen, um eine Vergleichbarkeit mit anderen Impfstoffen zu gewährleisten“
  • Endpunkte der Phase-3-Studie des Impfstoffs von Moderna (Februar 2021):
    • „Der primäre Endpunkt war die Verhinderung einer Covid-19-Erkrankung 14 Tage nach der zweiten Impfstoffdosis bei Teilnehmenden, die vorher keine Infektion mit SARS-CoV-2 durchgemacht haben“
    • „Ein sekundärer Endpunkt war die Wirksamkeit von mRNA-1273 gegen schwere Verläufe von Covid-19“
  • Endpunkte der Phase-3-Studie des Impfstoffs von Biontech/Pfizer (Dezember 2020):
    • „Der erste primäre Endpunkt war die Wirksamkeit von BNT162b2 nach mindestens sieben Tage nach Erhalt der zweiten Impfstoffdosis gegen bestätigte Infektionen mit Covid-19“ 
    • „Wesentliche sekundäre Endpunkte waren die Wirksamkeit von BNT162b2 gegen schwere Verläufe von Covid-19“

Schepis Behauptung hält einem Blick in die Phase 3-Studien der Impfstoffe von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson und Johnson also nicht Stand. 

Aktuelle Daten zeigen, dass Impfungen gegen schwere Covid-19-Verläufe und den Tod schützen 

Ebenso falsch ist Schepis Behauptung (ab 6:42), es sei in keiner „prospektiven Studie“, also einer Studie die neues Datenmaterial sammelt, nachgewiesen worden, dass die Impfstoffe schwere Krankheitsverläufe oder Todesfälle verhindern würden. Die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen schwere Krankheitsverläufe und Tod wurde in den Zulassungsstudien untersucht und konnten auch in nachfolgenden Studien bestätigt werden, wie wir in mehreren Faktenchecks berichteten (hier, hier und hier)

So wurde die Wirksamkeit des Impfstoffs von Biontech/Pfizer Anfang 2021 in einer Studie im New England Journal of Medicine in der Praxis nachgewiesen. An der Studie nahmen rund 600.000 geimpfte Menschen in Israel teil. Die Studie ergab auch, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs mit der Zeit nachlässt und daher eine Auffrischungsimpfung nötig ist, wie wir im November in einem Faktencheck berichtet haben. 

Das Robert-Koch-Institut schätzt auf Grundlage der Daten aus den vergangenen vier Wochen im Wochenbericht vom 9. Dezember, dass die Impfstoffe in der Altersgruppe der 18- bis 59-Jährigen mit einer Wirksamkeit von 68 Prozent gegen eine symptomatische Covid-19-Erkrankung schützen. In der Gruppe der Menschen ab 60 Jahren liege die Wirksamkeit bei 68 Prozent. Der Schutz gegen eine Einweisung ins Krankenhaus und gegen Tod sei immer noch sehr gut (je nach Altersgruppe bis zu mehr als 80 Prozent). 

Nein, die Wirksamkeit der Impfstoffe wird nicht verzerrt dargestellt

Die Angabe der Wirksamkeit der Impfstoffe (in den Zulassungsstudien) wird von Schepis mit dem Argument kritisiert, diese sei verzerrt, weil es sich um eine relative und nicht um eine absolute Angabe handele. 

Schepis Aussage ist dahingehend richtig, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe von 95 Prozent in der Zulassungsstudie von Biontech/Pfizer tatsächlich eine relative Angabe ist. Darüber haben wir bereits im Februar in einem Faktencheck berichtet. Eine Irreführung ist das jedoch nicht, sondern so wird allgemein die Wirksamkeit in klinischen Studien gemessen. In diesen Studien werden Daten von geimpften Menschen mit Daten aus einer ungeimpften Kontrollgruppe verglichen. 

Zusammengefasst: 95 Prozent Wirksamkeit bedeutet, dass in der Gruppe der Geimpften 95 Prozent weniger Infektionen auftraten als bei den Ungeimpften. Nicht, dass von 100 Geimpften 95 vor einer Infektion geschützt sind. In der klinischen Studie von Biontech/Pfizer gab es zum Beispiel insgesamt 178 Covid-19-Fälle: 9 unter den Geimpften und 169 in der Placebo-Gruppe. Daraus ergibt sich eine Impfstoff-Wirksamkeit von 95 Prozent.

Infektion mit Covid-19 ist durch eine Impfung nicht ausgeschlossen

Eine weitere Behauptung von Schepis lautet, eine Studie vom 30. September zeige, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Impfquote und der Zahl der Neuinfektionen gebe. Dieser Behauptung fehlt wesentlicher Kontext. 

Mit ihrer Aussage bezieht sich Schepis auf die Studie „Increases in COVID-19 are unrelated to levels of vaccination across 68 countries and 2947 counties in the United States“, die am 30. September im European Journal of Epidemiology veröffentlicht wurde. 

Das Ergebnis der Studie gibt Schepis korrekt wieder, die Studienautoren schreiben selbst: „Es scheint keinen erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Anteil der vollständig geimpften Bevölkerung und der Zahl der Neuinfektionen mit Covid-19 innerhalb von 7 Tagen zu geben.“ Das bedeutet jedoch nicht, dass die Forschenden Impfungen für sinnlos halten: Am Ende der Studie schreiben sie, dass man aufgrund ihrer Erkenntnisse in Betracht ziehen sollte, neben Impfungen auch andere Maßnahmen zu ergreifen, um Covid-19 einzudämmen. 

Wie bereits zuvor beschrieben, schützen die Impfstoffe gegen schwere Verläufe und den Tod durch Covid-19, auch bei der Delta-Variante des Virus. Die Daten der Johns-Hopkins-Universität für Deutschland deuten darauf hin: Denn obwohl es aktuell wesentlich mehr Infektionen mit Covid-19 gibt, ist die Zahl der Todesfälle nicht gleichermaßen gestiegen. 

An den Daten im Dashboard der Johns-Hopkins-Universität lässt sich indirekt die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe in Deutschland erkennen. Trotz höherer Fallzahlen als im Vorjahr, steigt die Zahl der Todesfälle nicht gleichermaßen an.
An den Daten im Dashboard der Johns-Hopkins-Universität lässt sich indirekt die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe in Deutschland erkennen. Trotz höherer Fallzahlen als im Vorjahr, steigt die Zahl der Todesfälle nicht gleichermaßen an. (Quelle: Johns-Hopkins-Universität / Screenshot vom 10. Dezember und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Nebenwirkungen von Impfungen in der EMA-Datenbank und in VAERS

Schepis behauptet darüber hinaus, die Impfstoffe hätten gravierende Nebenwirkungen. In der EU seien bis zum 30. Oktober über eine Million Impfnebenwirkungen erfasst worden. Bei rund einem Drittel handele es sich um „schwerwiegende Nebenwirkungen“. 

Mit ihrer Aussage bezieht sie sich auf die europäische Datenbank der EMA („EudraVigilance“). Sie erfasst Verdachtsfallmeldungen über Nebenwirkungen in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen. Wie sie im Detail funktioniert, haben wir hier erklärt. Die Meldungen in der Datenbank können auch von Privatpersonen stammen. Generell handelt es sich um gemeldete Verdachtsfälle und keine nachgewiesenen Nebenwirkungen. Gleiches gilt für die amerikanische Datenbank VAERS, die Schepis ebenfalls erwähnt.

Wie viele Verdachtsfälle zum 30. Oktober in der EU-Datenbank gemeldet wurden, lässt sich nicht nachvollziehen, da dort immer nur die jeweils aktuellen Daten abrufbar sind. Am 15. Dezember waren es rund 1,25 Millionen Verdachtsfälle, die gemeldet wurden. 

Schepis Behauptung, bei einem Drittel der Fälle handele es sich um schwerwiegende Nebenwirkungen, ist falsch. In der Datenbank lassen sich die gemeldeten Verdachtsfälle nach Symptomgruppe aufrufen. So wurden beispielsweise für den Impfstoff von Moderna bis zum 15. Dezember 2021 170.172 Verdachtsfälle gemeldet, davon betraf ein Großteil der Meldungen generelles Unwohlsein und Irritationen rund um die Einstichstelle. 

In Deutschland wurden laut dem aktuellsten Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, das für die Erfassung von Impfnebenwirkungen zuständig ist, lediglich 0,2 schwerwiegende Reaktionen pro 1.000 Impfdosen gemeldet.

Abbildung aus dem Sicherheitsbericht des PEI vom 26. Oktober
Abbildung aus dem Sicherheitsbericht des PEI vom 26. Oktober (Quelle: PEI / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Anders als von Schepis behauptet, gehören Schlaganfälle und Thrombosen nicht zu den „häufig erfassten“ Nebenwirkungen, sondern diese Nebenwirkungen treten nur sehr selten auf. Wie wir in einem Faktencheck vom 8. Oktober, erklärt haben, treten Schlaganfälle bei einer Erkrankung an Covid-19 zudem wesentlich häufiger auf, als nach Impfungen. 

Schepis stellt Existenz der Corona-Pandemie infrage 

Gegen Ende ihres Vortrages behauptet Schepis, dass keine wissenschaftlichen Daten auf eine Epidemie oder Pandemie in den letzten 20 Monaten hindeuten würden. Weder habe es eine Übersterblichkeit gegeben, noch seien Intensivbetten besonders ausgelastet gewesen. 

Damit greift sie eine Behauptung auf, die in Deutschland durch Marcel B. und das Video „Die Pandemie in den Rohdaten“ verbreitet wurde. Wir haben das Video in einem ausführlichen Faktencheck eingeordnet. 

In Deutschland ist die Lage in den Krankenhäusern angespannt. Durch steigende Fallzahlen steigt auch die Zahl der Intensivpatienten. Laut einer Mitteilung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) befanden sich Anfang Dezember 4.800 „Covid-19-Intensivpatienten in deutschen Krankenhäusern“. Gleichzeitig gebe es weniger Personal und somit auch weniger betreibbare Intensivbetten. 

So beklagte der Chef der DIVI im Oktober 2021, viele Pflegekräfte hätten wegen der  Belastung gekündigt oder ihre Arbeitszeit reduziert. Zudem wurde die Pflegepersonaluntergrenze in Krankenhäusern zu Beginn des Jahres verändert: Seit Anfang Februar 2021 darf eine Pflegekraft auf einer Intensivstation in der Tagschicht maximal zwei Patienten versorgen, und in der Nachtschicht drei. Vorher waren es 2,5 und 3,5. Für dieselbe Menge Patienten muss seitdem also mehr Pflegepersonal vor Ort sein. Fällt ein Pfleger bei maximaler Belegung ersatzlos aus, können dadurch nicht mehr so viele Krankenhausbetten betrieben werden. 

Das verschärfe die Lage spürbar und sorge dafür, dass die Regelversorgung in den Krankenhäusern nur noch reduziert stattfinde. So müssten beispielsweise planbare Operationen abgesagt werden, heißt es in der Mitteilung der DKG. Aktuell verteilt die Bundeswehr Patientinnen und Patienten aus überlasteten Krankenhäusern bundesweit um.

Ivermectin und Hydroxychloroquin sind keine Heilmittel gegen Covid-19

Weiter verbreitet Schepis die gefährliche Falschbehauptung, die Medikamente Ivemectin und Hydroxychloroquin seien wirksame und kostengünstige Heilmittel gegen Covid-19. Behörden warnen jedoch, beide Mittel können in zu hoher Dosierung schädlich sein.

Wie wir in einem Faktencheck vom 10. September schrieben, gibt es keine Belege dafür, dass Ivermectin zur Behandlung von Covid-19 geeignet ist. Im September 2021 informierte die US-amerikanische Behörde für Arzneimittel FDA (Food and Drug Administration) in einem Artikel, dass die aktuell verfügbaren Daten nicht ausreichen, um eine Wirkung von Ivermectin gegen Covid-19 zu belegen. Klinische Studien, die diese Frage untersuchten, dauerten noch an. Größere Mengen Ivermectin einzunehmen sei gefährlich. Die Frage, ob man Ivermectin gegen Covid-19 einnehmen solle, beantwortet die Behörde klar mit „nein“. Das Medikament habe keine Zulassung für diese Behandlung (Stand: 15. Dezember 2021).

Bei Hydroxychloroquin handelt es sich um ein Mittel gegen Malaria. Wie wir in einem Hintergrundbericht vom 31. Juli schrieben, warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gebe keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet sei. Das schreibt auch die Weltgesundheitsorganisation und rät ausdrücklich vor der Einnahme des Medikaments ab.

Fazit

Mit der sogenannten „Medienkonferenz“ wollte der Verein Aletheia Stimmung gegen das Referendum zum Covid-19-Gesetz in der Schweiz machen. Der Vortrag von Kati Schepis verbreitete sich jedoch über diesen Anlass hinaus im Internet. 

Schepis Aussagen zu der Wirksamkeit der Impfstoffe und den angeblich fehlerhaft durchgeführten Zulassungsstudien sind falsch. Auch die Aussage, dass die Impfstoffe lediglich auf Basis von Daten, die innerhalb von zwei Monaten erhoben wurden, zugelassen wurden, lässt sich nicht halten. Impfungen schützen wirksam vor einem schweren Verlauf und dem Tod durch Covid-19. Schwerwiegende Nebenwirkungen sind sehr selten, wurden schnell entdeckt und sind, zum Beispiel im Fall von Thrombosen und Herzmuskelentzündungen, gut behandelbar. Ivermectin und Hydroxychloroquin sind keine wirksamen Medikamente zur Behandlung von Covid-19.

Redigatur: Sarah Thust, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Mitteilung des Schweizer Innenministeriums „Abstimmung vom 28. November 2021: Änderung Covid-19-Gesetz“: Link
  • Bericht des Schweizer Wissenschaftsmagazins higgs „Diese Ärzte stehen hinter den Corona-Skeptikern“: Link
  • Bericht des SRF „Behörden warnen Corona-Skeptiker“: Link
  • Zeitstrahl zur Entwicklung des Covid-19-Impfstoffs des Unternehmens Biontech: Link
  • Phase-1/2-Studie zum Impfstoff von Biontech/Pfizer im New England Journal of Medicine „Safety and Immunogenicity of Two RNA-Based Covid-19 Vaccine Candidates“: Link
  • Phase-1/2-Studie zum Impfstoff von Moderna in Nature „Phase I/II study of COVID-19 RNA vaccine BNT162b1 in adults“: Link
  • Phase-3-Studie zum Impfstoff von Biontech/Pfizer im New England Journal of Medicine „Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine“: Link
  • Phase-3-Studie zum Impfstoff von Moderna New England Journal of Medicine „Safety and Efficacy of the BNT162b2 mRNA Covid-19 Vaccine“: Link
  • Studienprotokoll zur Phase-3-Studie zum Impfstoff von Biontech/Pfizer im New England Journal of Medicine: Link
  • Studienprotokoll zur Phase-3-Studie zum Impfstoff von Moderna im New England Journal of Medicine: Link
  • Wochenbericht des RKI vom 9. Dezember 2021: Link
  • Studie zum Zusammenhang von Impfquote und Covid-19-Neuinfektionen im European Journal of Epidemiology „Increases in COVID-19 are unrelated to levels of vaccination across 68 countries and 2947 counties in the United States“: Link
  • Dashboard der Johns Hopkins Universität: Link
  • Europäische Datenbank gemeldeter Verdachtsfälle von Arzneimittelnebenwirkungen: Link
  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts vom 26. Oktober: Link
  • Mitteilung der Deutschen krankenhausgesellschaft vom Dezember 2021: Link
  • Informationsseite der Food and Drug Administration „Why You Should Not Use Ivermectin to Treat or Prevent COVID-19“: Link
  • Informationsseite der Weltgesundheitsorganisation „Coronavirus disease (COVID-19): Hydroxychloroquine“: Link
  • Artikel im British Medical Journal „Covid-19: Researcher blows the whistle on data integrity issues in Pfizer’s vaccine trial“: Link
  • Artikel des Science Media Centers „Vorwurf der Fahrlässigkeit bei Pfizer-Impfdaten“: Link