Klimawandel

Bauen trotz Hochwasserrisiko: Städte genehmigen weiterhin Ausnahmen

Fünf Jahre nach der Flutkatastrophe im Ahrtal zeigt eine CORRECTIV-Abfrage: Bauen in Überschwemmungsgebieten ist weiterhin möglich. Mehrere Städte berichten von Genehmigungen – können allerdings nicht sagen, wie häufig sie solche Vorhaben zulassen.

von Katarina Huth , Elena Kolb

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Die Flutkatastrophe zerstörte im Ahrtal Straßen, Brücken und tausende Gebäude. Fünf Jahre später sind viele Schäden behoben – doch der Wiederaufbau ist in einigen Orten noch immer nicht abgeschlossen. (Bild: picture alliance/dpa | Boris Roessler)

Mehr als 180 Menschen starben bei der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Juli 2021. Seither haben viele Städte ihre Hochwasservorsorge ausgebaut. Doch wie gehen sie mit Baugenehmigungen mit Überschwemmungsgebieten um?

Auch nach der Flutkatastrophe genehmigen sie weiterhin Bauvorhaben in von Überschwemmungen bedrohten Gebieten. Seit Juli 2021 erteilte Bonn 21 Genehmigungen für Gebäude, wie die Stadt auf Anfrage mitteilte. Regensburg in Ostbayern meldet seit 2022 insgesamt 51 genehmigte Bauvorhaben – darunter allerdings auch Garagen, Terrassen und andere bauliche Anlagen. Neuss nennt einen Neubau und zwei Erweiterungen in der Nähe des Norfbachs. In Magdeburg sind Genehmigungen im einstelligen Bereich erteilt worden. Allein Mannheim, Krefeld und Ludwigshafen teilten mit, dass seit 2021 keine einzige Genehmigung in Überschwemmungsgebieten erteilt wurde. 

CORRECTIV hat 16 Großstädte entlang großer deutscher Flüsse befragt – darunter Bonn, Köln und Leverkusen am Rhein, Dresden an der Elbe sowie Regensburg an der Donau. CORRECTIV hat die Kommunen unter anderem gefragt, wie viele Gebäude beziehungsweise Bauvorhaben sie seit 2021 in festgesetzten Überschwemmungsgebieten genehmigt oder gebaut haben. Fast alle Städte beantworteten die Anfrage.

Grundsätzlich gilt in festgesetzten Überschwemmungsgebieten ein Bauverbot. Das Wasserhaushaltsgesetz erlaubt jedoch Ausnahmen, etwa wenn ein Vorhaben den Hochwasserschutz nicht beeinträchtigt, es keine Alternativflächen gibt und Bauleiter ihre Gebäude hochwasserangepasst errichten, also so, dass sie ein Hochwasser ohne Schaden überstehen könnten.

Nur wenige Städte wissen, wie oft sie Ausnahmen genehmigen

Wie häufig diese Ausnahmen tatsächlich genutzt werden, lässt sich jedoch vielerorts kaum nachvollziehen. Nur sieben der angefragten Städte konnten überhaupt Zahlen nennen. Karlsruhe, Köln, Leverkusen, Krefeld, Hamburg, Wiesbaden und Dresden erklärten hingegen, entsprechende Daten würden nicht statistisch erfasst. Sie müssten sie durch eine aufwändige Einzelfallprüfung ermitteln. Das bedeutet: Selbst in einigen der größten Städte entlang von Rhein, Elbe und Donau fehlt ein systematischer Überblick darüber, wie viele Bauvorhaben seit der Ahr-Flut in besonders hochwassergefährdeten Gebieten genehmigt wurden.

Alle Städte, die die CORRECTIV-Anfrage beantworteten, haben in den vergangenen Jahren in ihren Hochwasserschutz investiert. Sie erweitern Rückhaltebecken, bauen Deiche aus, veröffentlichen Gefahrenkarten zu Starkregen und Hochwasser oder modernisieren Warnsysteme. 

Doch die Frage, wo künftig noch gebaut werden kann, dürfte viele deutsche Kommunen in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen. Mit der Erderwärmung nehmen Starkregen und Hochwasser zu, gleichzeitig wächst in vielen Städten der Druck, neuen Wohnraum zu schaffen. Besonders entlang von Rhein, Elbe oder Donau treffen diese Entwicklungen aufeinander: Dort, wo sich Städte aufgrund der Flussnähe historisch angesiedelt haben, steigt das Risiko von Überflutungen. 

Allianz-Studie: Jeder in Klimaanpassung investierte Euro zahlt sich vierfach aus

Wie teuer mangelnde Vorsorge werden kann, zeigt eine aktuelle Studie des Kreditversicherers Allianz Trade. Demnach könnte eine schwere Flut in Deutschland die Wirtschaftsleistung innerhalb von drei Jahren um rund 108 Milliarden Euro verringern. Die Forschenden kommen zudem zu dem Schluss, dass sich Investitionen in Prävention wirtschaftlich deutlich auszahlen: Jeder Euro, der in Hochwasserschutz, natürliche Rückhalteflächen wie Auen, Moore und Wiesen am Flussrand oder eine risikobewusste Flächenplanung investiert wird, vermeide Schäden in etwa vierfacher Höhe. 

Deutschland verzeichnete zwischen 2000 und 2025 mit rund 69 Milliarden Euro zudem die höchsten kumulierten Hochwasserschäden aller europäischen Länder. Daher fordert der Gesamtverband Deutscher Versicherer (GDV) schon seit Jahren einen Baustopp für Überschwemmungsgebiete. Laut einer Studie des GDV werden in Deutschland pro Jahr immer noch circa 1.000 bis 2.400 Neubauten in Hochrisikogebieten gebaut. 

Bundesregierung will Versicherungsschutz stärken – konkrete Pläne fehlen

Trotz der hohen Schäden, die Naturgefahren wie Überschwemmungen in Deutschland verursachen, sind viele Gebäude weiterhin nicht gegen diese Risiken abgesichert. Der Gesamtverband Deutscher Versicherer warnt vor einer „trügerischen Sicherheit“. Hauseigentümerinnen und -eigentümer sollten die Ahrtal-Nacht nicht als regionale Ausnahme betrachten. Starkregen und Hochwasser können auch andere Gebiete treffen. 2025 waren laut dem Verband für 59 Prozent aller Gebäude eine Elementarschadenversicherung abgeschlossen, die bei Überschwemmungen oder Starkregenereignissen greift. 

Die schwarz-roten Bundesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, den Versicherungsschutz zu erhöhen. Bislang fehlen jedoch die Eckpunkte aus dem Bundesjustizministerium. Die Linken fordern, ein solidarisches Modell einzuführen, das niedrige Preise für alle bei einer hohen Versicherungsdichte ermöglicht. Ein ähnliches Modell gibt es bereits in Frankreich. 

Die Kosten von Versicherungen und künftiger Hochwasser generell hängen auch davon ab, ob neue Risiken durch das Bauen in Überschwemmungsgebieten vermieden werden. Doch genau das bleibt vielerorts unklar: Während Kommunen Millionen in den Hochwasserschutz investieren, fehlt oft der Überblick, wie konsequent sie Ausnahmen vom Bauverbot zulassen.

Redaktion: Elena Müller und Lena Köpsell

Faktencheck: Lena Köpsell