Ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel

Wie chemisch veränderte Pillen junge Menschen zerstören können. Wir gehen mit rund 20 Lokalmedien weitere Recherche-Kooperation zu synthetischen Drogen ein – um ein Lagebild vor Ort zu ermöglichen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Justus von Daniels

Haben Sie schon mal was von „Research Chemicals“ gehört? Dass es dabei um Drogen geht, die in Deutschland im Umlauf sind? Dass es Pillen sind, die tödlich sein können?

Wir bekommen zurzeit sehr viele Hinweise und Schilderungen von Menschen, die uns über die Verbreitung von synthetischen Drogen berichten. Oft geht es um Opioide wie Tilidin, aber auch Benzos oder Fentanyl. Manches wird illegal aus der Apotheke beschafft, anderes im Internet bestellt oder sogar in der Nähe der Schule verkauft.

Vor einigen Wochen starteten wir zusammen mit dem Spiegel eine große Umfrage zu dem Thema. Seitdem sind tausende Hinweise bei uns eingegangen. Ich hatte an dieser Stelle schon mal Zitate veröffentlicht – erschütternde und bedrückende Schilderungen von Eltern, von Abhängigen und auch von Suchthelfern, die oft an ihre Grenzen stoßen.

Katz-und-Maus-Spiel um die kleinen Pillen
Meine Kollegin Kristina Ratsch ist beim Auswerten der Hinweise auf „Research Chemicals“ gestoßen. Vereinfacht gesagt handelt es sich um Aufputschpillen oder Downer – also Pillen, die einen total wegdösen lassen –, die eine sehr starke Wirkung haben, aber nicht verboten sind. Weil sie eine Gesetzeslücke ausnutzen. Normalerweise sind solche Stoffe auf dem freien Markt verboten, aber Chemie bedeutet auch, dass immerzu was Neues erfunden und verbunden werden kann. Da kommt der Gesetzgeber oft nicht hinterher. 

Das Zeug wird im Internet verkauft, ganz legal, bis die Lücke geschlossen wird. Und dann geht das perfide Katz-und-Maus-Spiel, wie es Kristina in ihrem Text nennt, weiter. Es ist auch deshalb verheerend, weil die Bestellung dieser chemischen Substanzen so aussieht, als könne man sich damit vermeintlich „kontrolliert“ versorgen. Für schlaue Abhängige ein gefährlicher Weg, um sich selbst zu überlisten. Aber lesen Sie selbst.

Der Trend dieser synthetischen Drogen zeigt in Deutschland leider nach oben.

Ein Lagebild zusammen mit vielen Lokalmedien
Auch deshalb gehen wir mal wieder neue Wege. Mit dem Spiegel zusammen sammeln wir schon länger die Hinweise. Aber jetzt starten wir mit fast 20 Lokalzeitungen oder Sendern Kooperationen, die vor Ort mit jeweils eigenen Umfragen zu unserem Lagebild beitragen. Von Kiel über Hannover, Bremen, Rostock, Potsdam, Leipzig, Gelsenkirchen, Saarbrücken, Mannheim, Regensburg, Heidenheim, Waiblingen, Stuttgart, Karlsruhe bis nach München sind Lokalzeitungen und Sender dabei. 

Unser Ziel: zu zeigen, was vor Ort los ist, von der Beschaffung, über den Konsum, bis zu der Situation von Hilfseinrichtungen. Wir wollen unsere Erkenntnisse auch nutzen, um vor Ort zu gemeinsamen Gesprächen einzuladen, um gemeinsam herauszufinden, was besser werden kann. Hier geht es zu unserer Übersicht aller Partner.

Magdeburg diskutiert Zukunft des Journalismus 
Das Lokale stärken, darum geht es heute und morgen auch auf der CORRECTIV.Lokalkonferenz in Magdeburg, über die wir uns sehr freuen. Zwei Tage diskutieren wir mit rund 300 Journalistinnen und Journalisten, die in Lokalmedien berichten: Wie können Lokalzeitungen attraktiver werden? Wird die Arbeit vor Ort gefährlicher? Gerade dazu spreche ich mit den Verantwortlichen der großen Medien in Sachsen-Anhalt. Hilft KI bei der journalistischen Arbeit und wo liegen die Gefahren, wenn zum Beispiel Artikel automatisch erstellt werden? Wollen wir das? Ich nehme übrigens einige gute Fragen von Ihnen mit, die Sie mir letzte Woche geschickt haben.

Haben Sie verfolgt, was meine Kolleginnen und Kollegen diese Woche veröffentlicht haben? Ich empfehle neben unseren kuratierten Lese- und Hörtipps auch unsere eigenen Texte, die Sie unten finden. Etwa zu dem begonnenen Gerichtsprozess in Hamburg wegen der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Meine Kollegin Silvia Stöber beschreibt am Ende dieses SPOTLIGHT, wie sie die Atmosphäre im Gericht wahrgenommen hat.

Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende mit herzlichen Grüßen aus Magdeburg,

Ihr Justus von Daniels

Wenn der Lehrer zum Täter wird
Das Klassenzimmer ist ein Ort, an dem sich Schüler und Schülerinnen sicher und verstanden fühlen sollten. Doch auch hier kommt es immer wieder zu Machtmissbrauch – ein Thema, über das nur selten gesprochen wird. In der ZDF-Doku „Tatort Schule – Missbrauch durch Lehrer“ berichten Schülerinnen über sexuelle Übergriffe ihrer Lehrer. Der Film gibt den Betroffenen eine Stimme und beleuchtet Versäumnisse eines ganzen Systems. Am Ende steht die Frage: Sind Schülerinnen in deutschen Klassenzimmern zu wenig geschützt?
Der Täter war ihr Lehrer (zdf.de, Doku) 

Giftige Pestizide: bald auf unserem Teller? 
Die EU-Kommission will die Prüfung von Pflanzenschutzmitteln aufweichen. Ein Vorschlag, der gefährliche Pestizide seltener ins Visier von Kontrollen nehmen könnte. Was bedeutet das für Mensch und Umwelt – und wie passt das zu den europäischen Klima- und Naturschutzzielen? Constanze Bayer vom BR-Datenteam geht diesen Fragen in der neuen 11KM-Folge nach.
Der Kampf um Pestizide (ardsounds.de, Podcast) 

Mit Benedict Cumberbatch gegen die Klimakrise
Mit dem Film „How to Live on Earth“ wollen der Schauspieler Benedict Cumberbatch und das Team rund um die Naturdokulegende David Attenborough lösungsorientiert auf heutige Probleme der Klimakrise blicken. Dafür porträtiert die Doku Menschen, die sich mit innovativen Ideen und Projekten dem Klimaschutz verschrieben haben – von indigenen Aktivistinnen über Gefängnisinsassen hin zum ehemaligen Koch von Barack Obama.
„How to Live on Earth“ (youtube.de, Doku)

Die KI‑Gefahr – zwischen Marketingstrategie und Apokalypse
Der große KI-Coup – ein Thema, das mit Hackerangriffen und Warnungen führender KI-Bosse als wiederkehrendes Narrativ durch die deutsche Medienlandschaft geht. Doch wie berechtigt ist die Angst vor einer Übernahme durch KI-Bots wirklich? Und wie viel dystopisches Marketingdenken steckt hinter den medialen Horrorszenarien? Im Übermedien-Podcast Holger ruft an erklärt die KI-Expertin Eva Wolfangel die Hintergründe. 
Holger ruft an (uebermedien.de, Podcast)

Von verschollenen Luxusvillen und Privatjets
Wie versteckt man als russischer Oligarch ein Vermögen von Hunderten Millionen Dollar? Eine neue BBC-Recherche wirft der bekannten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte vor, dabei geholfen zu haben, mit gefälschten Dokumenten das Vermögen des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch zu verschleiern, um so Steuern zu umgehen. Dabei sollen unter anderem Luxusvillen, Jachten und Privatjets im Wert von 672 Millionen Dollar aus Unternehmensbilanzen verschwunden sein. Abramowitschs Anwälte bestreiten die Vorwürfe.
Documents falsified to evade tax on Abramovich’s wealth (bbc.com) 

Was Europa bewegt
Europa erlebt einen politischen Wandel: Obwohl pro-europäische Kräfte in Lettland Erfolge erzielen, gewinnen auch populistische Parteien an Einfluss. Auch in Kroatien, Österreich und Deutschland nehmen die Stimmen für rechtsextreme Parteien zu. Darum und was das bedeutet, geht es diese Woche bei lensEU. Die Folge wurde von den Kollegen bei TVNET GRUPA in Lettland produziert. Zu Gast ist unter anderem unsere Reporterin und AfD-Expertin Lena Köpsell. 
Hier geht es zur Episode auf Englisch und weiteren Sprachen. #lensEU (Podcast)


Es war eine erfrischend leidenschaftliche Rede, die der Anwalt Nicola Canestrini zum Auftakt des Gerichtsprozesses um die Nord-Stream-Sprengungen am Oberlandesgericht in Hamburg hielt.

Mit zwei weiteren renommierten Anwälten verteidigt er Serhii K. Der Ukrainer ist angeklagt, Koordinator einer Gruppe zu sein, die im September 2022 die Nord-Stream-Pipelines gesprengt haben soll. Dass die Tat im Kontext des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine steht, darauf gingen Verteidigung und Anklage ein. Waren die Pipelines deshalb ein legitimes Ziel? Eine entscheidende Frage, wenn es am Ende um das Strafmaß und die politische Bewertung der Tat geht.

Das internationale Interesse an diesem Gerichtsprozess ist groß. Mehr als 100 Medienvertreter bewarben sich um eine Akkreditierung. Die Verhandlungen finden unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen statt. Dennoch sind die Arbeitsbedingungen recht komfortabel: Es ist erlaubt, auf dem eigenen Computer oder Smartphone mitzutippen, und die Vorsitzende Richterin fragte zum Auftakt, ob sie für alle gut zu verstehen sei.

Das ist keineswegs üblich. Oft ist es angesichts schlechter Akustik schwierig, den Aussagen in Gerichtsräumen zu folgen. Handelt es sich um Prozesse unter Hochsicherheitsbedingungen, dann sind nur Notizbücher und Bleistift oder Plastikkugelschreiber erlaubt. Grundsätzlich ist Gerichtsberichterstattung mühsam. Nur wenige Redaktionen leisten es sich, Reporter auf Dauer abzustellen. Verhandlungen können sich über Jahre hinziehen. Zugang zu Ermittlungsakten ist bis zum Urteil nicht erlaubt.

Und doch lohnt es sich. Denn immer wieder gibt es spannende Momente, wenn sich Angeklagte doch äußern, Zeugen Einblicke geben und sich Details wie Mosaiksteine zu einem Gesamtbild fügen. Außerdem: Nur in Ausnahmefällen werden in Deutschland Prozessinhalte aufgezeichnet. Gerichtsberichterstattung erfüllt dann in gesellschaftlich bedeutenden Fällen eine Chronistenaufgabe.

Zweifellos zählt der Prozess um die Nord-Stream-Sprengungen dazu. Es verspricht interessant zu werden, zumal wenn die Verteidiger mit Leidenschaft für ihre Mandanten streiten. Wir werden es weiter beobachten.

Eine Frau blickt nach oben. Im Hintergund: Holzmasserung, Teakäste und ein sinkender Graph.
Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV, Fotos: unsplash.com

Missbrauchsfall: Gerichtsgutachten bestätigt lebenslange Folgen – Erzbistum muss Schmerzensgeld zahlen
Im Rechtsstreit zwischen Missbrauchsopfer Andreas Perr und dem Erzbistum München und Freising kommt es zu einem Vergleich. Ein gerichtliches Gutachten bestätigt, dass der Missbrauch durch einen Priester die psychische und soziale Entwicklung von Perr nachhaltig beeinträchtigt hat. Der Fall könnte auch für andere Betroffene Bedeutung haben.
correctiv.org

Nord-Stream-Sprengung: War es ein Kriegsverbrechen oder ein Anschlag auf ein legitimes Ziel?
Vor dem Oberlandesgericht in Hamburg beginnt der Prozess zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines. Vor Gericht steht der Ukrainer Serhii K., der die Tat koordiniert haben soll. Doch handelt es sich um ein Kriegsverbrechen, wie der Vorwurf der Anklage lautet?
correctiv.org

Teak-Träume: Tausende Anleger fürchten um ihr Geld
Tausende Personen haben rund 200 Millionen Franken in Teakbäume investiert, in der Hoffnung auf Gewinne. Jetzt ist die Firma, die das Investment angeboten hat, pleite. Einer scheint davon besonders zu profitieren.
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Wie die Gaslobby von der Heizungsreform profitiert
Das Wirtschaftsministerium plant ein Gesetz zur Grüngasquote. Die nun öffentlich gewordenen Eckpunkte zeigen erneut: Die Quote könnte den Abschied von fossilen Heizungen verzögern – und Heizen für Millionen Haushalte verteuern.
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Schülervertretung zu Protesten in Frankreich: „In Deutschland wird die Wut der Jungen unterschätzt“
Die Bundesschülerkonferenz will den Protest nutzen, die Bildungsmisere auch hierzulande auf die Straße zu bringen. Sie warnt die Politik davor, den „ungeheuren Frust“ der jungen Generation auch in Deutschland zu übersehen.
correctiv.org

Datenleak: Nius gewann während Kampagne gegen Brosius-Gersdorf neue Abonnenten
Nius veröffentlichte im Juli und August 2025 Dutzende Artikel zu Frauke Brosius-Gersdorf. Die Berichterstattung illustriert exemplarisch den Umgang mit meinungsstarken Frauen in der Öffentlichkeit. Ein Datenleak zeigt zudem, wie die Nius-Abozahlen in diesem Zeitraum anstiegen.
correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Gesa Steeger, Minou Becker und Sebastian Haupt.