Profil

Anna wurde an einem verregneten Totensonntag im Ruhrgebiet geboren. Mit 16 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten Texte, unter anderem im Blog ruhrbarone und in der WAZ. Alle Erwachsenen sagten, sie solle statt Journalismus erstmal etwas Vernünftiges studieren. Während ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München arbeitete sie als Praktikantin in der Essener Redaktion von CORRECTIV. Dort arbeitete sie an der Recherche zur Alten Apotheke mit, die für den Reporterpreis und den Nannenpreis nominiert war. Das Medium Magazin nahm sie 2018 in die Auswahl der „Top 30 bis 30”-Journalisten auf. Ihre Texte erschienen bei Spiegel Online, in der Zeit und bei verschiedenen Lokalzeitungen.

E-Mail: anna.mayr(at)correctiv.org

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Alte Apotheke

Der Apotheker

Es ist einer der größten Medizinskandale seit Contergan: Ein Bottroper Apotheker panschte über Jahre Krebsmedikamente und verdiente Millionen. Gleichzeitig betrog er tausende Menschen um ihre lebensrettenden Arzneien. Wer ist dieser Mann? Und was brachte ihn dazu, in seinem Labor Gott zu spielen? Lesen Sie die Geschichte des Peter Stadtmann.

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Der Mülheimer Oberbürgermeister Ulrich Scholten: seine Restaurantquittungen halten derzeit die Stadt in Atem.© André Hirtz / Funke Foto Services

NRW

Wer seinen Bürgermeister nicht mag, der sollte mit ihm ein Glas Wein trinken gehen

In Mülheim an der Ruhr versucht die SPD, ihren eigenen Bürgermeister zu stürzen. Politiker aus CDU und FDP halten zu ihm. Grund für den Streit ist eine Frage, die uns alle umtreibt: Wie viel Wein und Bier darf man eigentlich trinken?

von Anna Mayr , Marcus Bensmann

Wissen Sie noch, was Sie im Januar getan haben? Waren Sie vielleicht im Restaurant, mit Kollegen oder Bekannten? Wer hat damals eigentlich die Rechnung bezahlt? Und: Musste das wirklich sein, diese dritte Flasche Wein? War das nötig, dass Sie am Ende noch ein Bier bestellt haben?

Fragen wie diese beantwortet im Moment der Mülheimer Oberbürgermeister. Die Fragen kommen nicht etwa aus der Opposition, sondern von seiner eigenen Partei, der SPD. Seit es die Fragen gibt, kennt die Stadt Mülheim an der Ruhr kein anderes Thema mehr.

Oberbürgermeister Ulrich Scholten ist barfuß. Er sitzt im Untergeschoss seines Hauses neben einem Gymnastikball, zwischen Turnmatten und Sportgeräten. Den Gymnastikraum hat seine Frau sich eingerichtet. Am 1. Mai 2018 nahm sie sich das Leben.

Nach dem Tod seiner Frau, so erinnert sich Scholten, machten seine Parteikollegen auf einmal Andeutungen. Niemand sprach es aus. Aber er hatte das Gefühl, dass er gehen sollte. Er lud die Genossen zu sich nach Hause ein. Sie sagten, dass sein Leben doch schwer genug sei. Dass er sicher mit anderen Dingen zu kämpfen hätte. Er sei doch damit beschäftigt, zu trauern. Ulrich Scholten erwiderte immer wieder, dass er das schon schaffen würde.

Irgendwann ging es dann nicht mehr um seine Trauer, sondern um sein Amt: Man frage sich, sagten die Genossen, ob er auf Kosten der Stadt getrunken habe, denn einige seiner Restaurantquittungen seien unklar. Vielleicht, sagten sie, solle er lieber gleich zurücktreten. Um sich die leidliche Diskussion zu sparen. Der Tod seiner Frau wäre hierfür ein guter Anlass, den jeder verstehen könnte. Wenn er nicht mehr im Amt sei, würde die Sache mit den Restaurantquittungen nicht mehr von Belang sein. Scholten, 60 Jahre alt, Vater von zwei erwachsenen Töchtern, wollte nicht gehen. Ende Mai kam er zurück ins Rathaus.

Rückkehr ins Kreuzverhör

Doch seine Arbeit war nicht mehr seine Arbeit – es war ab da vor allem ein Kreuzverhör. In einer Stadtratssitzung Anfang Juli sollte Ulrich Scholten sich rechtfertigen. Es ging um 89 Rechnungen aus Restaurants, die Scholten mit dem Geld der Stadt bezahlt hat. Der Stadtrat, vor allem Scholtens Partei, die SPD, wollte einen Beleg dafür, dass diese Ausgaben dienstlich waren.

Darunter:

Trattoria Da Renato, 29. Januar 2018: 275 Euro

Kortum Stube, 23. Februar 2018: 114,40 Euro

Restaurant Cavallino Rosso: 95,10 Euro

In Scholtens Arbeitsunterlagen, die CORRECTIV vorliegen, stehen für diese Abende Anlässe: Eine Verabschiedung. Ein Treffen mit dem Kämmerer der Nachbarstadt. Ein Gespräch über Immobilien in Mülheim. Verhandlungen über eine gemeinsame Feuerwache mit Ratingen. Dienstliche Anlässe.

Aber darum geht es längst nicht mehr.

Ein unwiderstehliches Angebot

Politik wird von Menschen gemacht. Das vergisst man manchmal, weil alle die gleichen Anzüge tragen. Menschen haben Ideen davon, wie die Welt sein sollte. Menschen saufen. Zwischen Menschen entstehen Querelen, die man von außen nicht versteht. Am schlimmsten ist aber, dass Menschen fehlbar sind – und nichts mehr lieben als die Fehlbarkeit der anderen.

Ulrich Scholten hatte nie vor, Oberbürgermeister zu werden. Er kam erst auf den Gedanken, weil er gefragt wurde – in der Trattoria Da Renato, dem Restaurant, das mehr als 40 der fraglichen Quittungen ausgestellt hat. In Berlin trifft sich die politische Elite im Café Einstein – in Mülheim an der Ruhr in der Trattoria Da Renato.

Dort saß Ulrich Scholten 2014 mit Dagmar Mühlenfeld, die damals noch Oberbürgermeisterin von Mülheim war. Sie schlug Scholten vor, das Amt zu übernehmen. Da saß er schon acht Jahre für die SPD im Stadtrat und war bis dahin niemandem aufgefallen. Er hatte nie für den Bundestag kandidiert. Er war ein netter Typ, der gerne bunte Socken trägt. Einer, mit dem alle einverstanden sind.

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Dagmar Mühlenfeld, hier auf einer Protestaktion von Verdi im Jahr 2015, war zehn Jahre lang Oberbürgermeisterin von Mülheim.

Oliver Müller / Funke Foto Services

Mit ihrem Vorschlag traf die Oberbürgermeisterin Mühlenfeld einen Nerv bei Ulrich Scholten. Denn er ist zwar nett, aber er ist auch einer, der gefallen will. In seiner Zeit bei Mannesmann hat er sich die Sprüche der Stahlarbeiter angewöhnt, ihre harte, deutliche Sprache, die eigentlich gar nicht zu ihm passt – weil er so filigran wirkt, barfuß im Gymnastikraum. Von dem Angebot fühlte er sich damals „gebauchpinselt“, sagt er. Oberbürgermeister kommen in die Zeitung. Oberbürgermeister halten Reden. Oberbürgermeister haben Macht.

Ulrich Scholten sagt, dass er damals in der Trattoria Da Renato die Rechnung bezahlt hat. Dagmar Mühlenfeld sagt, dass ihr das heute nicht mehr bekannt ist – es war schließlich ein „privates Treffen“.

Dass Politiker ihre eigenen Nachfolger auswählen, ist durchaus nichts Besonderes. Dagmar Mühlenfeld, so raunt man in der Stadt, hätte wohl die Bürgermeisterwahl im Jahr 2015 verloren, wenn sie angetreten wäre. Die Leute hätten sie als abgehoben empfunden, als Ekaterina die Große von Mülheim. Sie selbst sagt, sie habe aus privaten Gründen nicht noch einmal kandidiert.

Ein gut bezahlter Posten

Warum sie ausgerechnet Ulrich Scholten auswählte, lässt sich nur vermuten. Mit dem Bürgermeisteramt kommt nicht nur Ruhm, Ehre und Aufmerksamkeit. Für Dagmar Mühlenfeld kam ein weiterer gut bezahlter Job dazu. Kurz nach ihrer Wahl 2005 bekam sie einen Posten im RWE-Aufsichtsrat – solche Aufsichtsratsposten sind gut bezahlt, sie verdiente 120.000 Euro im Jahr.

Allerdings durfte sie davon als Oberbürgermeisterin nur 6.000 Euro behalten, der Rest ging an die Stadt. Seitdem Ulrich Scholten Oberbürgermeister ist, gehen die gesamten 120.000 Euro an Dagmar Mühlenfeld. Ulrich Scholten wollte nicht unbedingt in den Aufsichtsrat, sowieso brauchte man Mühlenfeld dort, um die Frauenquote zu erfüllen. Also sitzt sie dort immer noch. Wäre eine Frau nach ihr Oberbürgermeisterin geworden, hätte Mühlenfeld den Posten vielleicht an ihre Nachfolgerin verloren.

Der Mülheimer Oberbürgermeister bekommt eine Kreditkarte mit „Verfügungsmitteln“. Das ist ein bisschen so, als hätte man auf einmal sehr reiche Eltern – ein Zustand, der wenigen Mülheimer Kindern bekannt sein dürfte, denn in der Ruhrgebietsstadt ist jeder Zehnte ohne Job.

Die einzige Regel

Mit den Verfügungsmitteln darf der Bürgermeister machen, was er will, solange es dienstlich ist. Geschenke, Bewirtungen, Übernachtungen. Er muss nur die Rechnungen aufbewahren und einreichen. Das ist die einzige Regel.

Die Kreditkarte hat ein Limit. Im Jahr 2015, als Ulrich Scholten Oberbürgermeister wurde, lag es bei 5.100 Euro. Im Jahr 2016 bei 6.100 Euro. Die billigste Flasche Wein in der Trattoria Da Renato kostet 8 Euro. Die teuerste 12,50 Euro.

Im September 2017 schickte der Referent von Ulrich Scholten eine Mail an den Kämmerer der Stadt Mülheim. Er bat darum, den Kreditkartenrahmen des Oberbürgermeisters zu erhöhen – auf 10.000 Euro im Jahr. Der Referent, der auch schon für die ehemalige Oberbürgermeisterin gearbeitet hatte, begründete das so: Das Geld sei nie genug gewesen.

Man habe bis jetzt, wenn das Geld alle war, „mit externen Partnern besprochen, dass diese Rechnungen übernehmen“. Die Stadt Mülheim ließ sich also einladen. Und er fügt hinzu: „Dieses Vorgehen ist auf Dauer nicht tragbar, schadet letztlich dem Ansehen der Stadt und entspricht auch nicht den Gepflogenheiten im ‘Business’.“ Kein Problem: Die Stadt erhöhte den Kreditkartenrahmen.

Dagmar Mühlenfeld bestreitet, dass sie sich jemals habe einladen lassen. Sie sagt, die Mail sei aus dem Zusammenhang gerissen. Über ihren Anwalt ließ sie mitteilen, dass es nicht zu ihrem Amtsverständnis gehöre, „wichtige Termine in Gaststätten wahrzunehmen und dort Amtsgeschäfte abzuwickeln.“ Man glaubt ihr das sofort. Dagmar Mühlenfeld ist ein Mensch, den man sich eher mit einer Tasse Tee als mit einem Weizenbier vorstellen kann. Sie trägt blonde, kurze Haare.

Vor dem Job als Oberbürgermeisterin war sie Schulleiterin an der Schule, an der sie selber Abitur gemacht hatte. Sie ist pflichtbewusst. Eine Salat-Esserin, sagen Leute im Rathaus, die mit ihr zu tun haben. Und sie selbst sagt, dass sie das Geld auf der Kreditkarte nur selten für Gaststätten verwendet hat – weniger als zehn Bewirtungsquittungen im Jahr sollen es in ihrer Amtszeit gewesen sein. Stattdessen hat sie es so eingesetzt, wie sie selbst ist: pflichtbewusst. In ihrer Antwort an CORRECTIV nennt sie Spenden an den Verkehrsverein, den Karnevalsverein, das rote Kreuz und Landschaftsschützer.

Auftritt „der Kleine“

Wenn jemand Oberbürgermeister wird, dann sollte er theoretisch auch sein eigenes Personal einstellen. Eigene Vertraute. Ulrich Scholten hat das nicht gemacht. Er hat die Leute behalten, mit denen auch schon Dagmar Mühlenfeld zusammengearbeitet hatte. Eine Gruppe von Genossen, die erst für ihn arbeiteten – und nun anscheinend entschlossen haben, dass er gehen muss.

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Einer dieser Genossen ist in dieser Geschichte schon mehrmals vorgekommen – als Nebenfigur. Sein Spitzname im Mülheimer Rathaus ist „der Kleine“. „Der Kleine“ war dabei, als Ulrich Scholten in der Trattoria Da Renato zum ersten Mal daran dachte, Oberbürgermeister zu werden. Er saß daneben, weil er Referent der Oberbürgermeisterin Mühlenfeld war. „Der Kleine“ war es auch, der letztes Jahr das Kreditkartenlimit des Oberbürgermeisters auf 10.000 Euro erhöhte, weil er darum gebeten wurde. Beschwert hat er sich darüber nicht. Es schien ihm egal zu sein, was der Oberbürgermeister ausgibt.

„Der Kleine“ heißt eigentlich Frank Mendack und sieht aus wie ein Zugschaffner. Weiße Haare, gescheitelt, dazu ein buschiger Schnurrbart. Er ist Kämmerer der Stadt Mülheim an der Ruhr, hat bei Scholtens Karriere immer still zugesehen; wie sie begann, wie sie sich entwickelte – und dann vielleicht entschlossen, dass sie vorbeigehen sollte.

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Der Kämmerer Frank Mendack bei einer Sitzung in Mülheim im Juni 2018.

Andreas Köhring

Am 28. Mai 2018 schickte „der Kleine“ ein Fax an eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und forderte sie auf, die Ausgaben des Oberbürgermeisters zu überprüfen. Es ging um 89 Restaurantquittungen aus der Zeit von Januar 2016 bis März 2018 – bei vielen dieser Quittungen war nicht direkt klar, welche Personen warum beisammengesessen hatten.

Als das Fax bei den Wirtschaftsprüfern ankommt, ist der Oberbürgermeister Ulrich Scholten noch krankgeschrieben, wegen einer Operation und wegen des Todes seiner Frau.

Ein mysteriöser Mitarbeiter

„Der Kleine“ und die Genossen um ihn herum sagen, dass sie schnell handeln mussten. Es habe sich ein Mitarbeiter gemeldet, der die Rechnungen des Oberbürgermeisters verbuchen sollte. Der Mitarbeiter habe gefragt, ob das alles so rechtens wäre – oder ob er sich selbst strafbar mache, wenn er diese Rechnungen aus dem Haushalt der Stadt bezahlen würde. Es sei ihm etwas komisch vorgekommen, denn auf manchen Bewirtungsbelegen stünden die Namen der Teilnehmer nicht.

Wenn man im Mülheimer Rathaus fragt, wer dieser Mitarbeiter gewesen sein könnte, der Angst hatte, dann sagen manche: Den gibt es nicht. Mülheim ist klein, das Rathaus auch. Man wüsste, wer es war.

Ob es ihn gibt oder nicht: Die Genossen hätten den Mitarbeiter beruhigen können. Sie hätten ihm sagen können, es gebe keine Vorgaben für die Verwendung der Oberbürgermeister-Kreditkarte. Der Oberbürgermeister muss die Bewirtungsbelege auch nicht vollständig ausfüllen.

Nicht einmal die Wirtschaftsprüfer der Stadt störten sich in den Vorjahren an nicht vollständig ausgefüllten Bewirtungsbelegen. Es muss nur eine Rechnung geben. „Alles, was der Oberbürgermeister macht, ist in gewisser Weise immer dienstlich“, sagt der Stadtdirektor von Mülheim, CDU-Mitglied. „Außer, er geht mit seiner Tochter essen.“

Von den Rechnungen zur Moral

Das Fax, das „der Kleine“ verschickt, bekommt auch die Lokalpresse zugespielt. Seitdem erscheinen Artikel, in denen steht, Ulrich Scholten würde vorgeworfen „städtische Gelder veruntreut zu haben.“

Aber was bedeutet das eigentlich: veruntreuen? Was bedeutet es bei einer Kreditkarte, für die es keine Regeln gibt?

Von den Genossen hört man inzwischen, dass es ihnen gar nicht darum geht, dass angeblich Geld veruntreut wurde. Ulrich Scholten hat Rechnungen eingereicht. Er sagt, dass alle Termine dienstlich waren. Er kann nur nicht nachweisen, dass jedes Getränk und jedes Essen – wie soll man es sagen – notwendig waren.

Seinen Genossen geht es jetzt um eine „politisch-moralische Bewertung“ der Quittungen. Bei der Befragung im Stadtrat musste Ulrich Scholten sich dafür rechtfertigen, wie viel Wein er wann wo mit wem getrunken hatte. In einer Stadt mit einer Milliarde Euro Schulden müsse man schließlich „um jeden Cent kämpfen.“ Dass „der Kleine“ selbst es war, der den Kreditkartenrahmen erst letztes Jahr auf 10.000 Euro erhöhte, passt dazu kaum.

Wie hat Ulrich Scholten es geschafft, bei seinen Genossen in Ungnade zu fallen? Hat er einen Geburtstag vergessen? Hat er zu viel getrunken? Ein falsches Wort gesagt, einen falschen Satz?

Mülheim war mal eine reiche Stadt. Viele Firmen hatten hier ihren Hauptsitz: Thyssen-Krupp, Mannesmann. Viele Mitglieder der Aldi-Familie wohnen bis heute hier. Aber wer durch Mülheim läuft, der sieht verlassene Geschäfte und Bettler. Erst wenn man am Rathaus ankommt, in der Nähe der Ruhr, ist da ein Funken des alten, reichen Mülheims. Es heißt „Ruhrbania“. Eine Promenade, ein Piazza wie in italienischen Großstädten, ein Springbrunnen – die Illusion einer funktionierenden Stadt. Ruhrbania war ein Leuchtturmprojekt von Dagmar Mühlenfeld.

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Die Promenade Ruhrbania soll Mülheim neuen Glanz verleihen. In der Mitte das Rathaus.

Hans Blossey / Funke Foto Services

Auch Ulrich Scholten gefiel Ruhrbania offensichtlich gut. Er verbrachte viele Mittagspausen im Restaurant Mezzomar, das direkt auf der Promenade liegt. Die Mittagspausen waren manchmal lang, länger als die Mittagspausen seiner Mitarbeiter. Ulrich Scholten trank in diesen Mittagspausen Wein. Zu seinem Trinkverhalten sagt er: „Ich komme aus der Stahlbranche. Da gibt es auch Bier zum Mett.“ Die Rechnungen im Mezzomar zahlte er selbst.

Ulrich Scholten hatte kein Leuchtturmprojekt. Er hatte keine Visionen. Er hatte die Leitung einer Stadt mit einer Milliarde Euro Schulden. Er verzichtete darauf, neue Mitarbeiter einzustellen, die seine Genossen gerne im Rathaus gehabt hätten. Er stoppte Projekte, die seine Vorgängerin angestoßen hatte, um Geld zu sparen.

„Mit Quittungen kann man jeden Menschen aus dem Amt drängen“, sagte ein Mülheimer FDP-Politiker zu den Querelen. „Petitessen“ nennen es Leute aus der CDU. Und auch in der Mülheimer SPD gibt es ein Lager, das Ulrich Scholten behalten will.

Dazu gehört unter anderem Bodo Hombach. Hombach leitete zur Gründung von CORRECTIV unseren Ethikrat und sitzt im Vorstand der Brost-Stiftung, die CORRECTIV unterstützt. Mit unserer Berichterstattung über diesen Fall hat das nichts zu tun, aber wir machen es hier transparent. Wir haben in der Vergangenheit auch Artikel veröffentlicht, bei denen wir davon ausgehen mussten, dass sie dem ein oder anderen Unterstützer missfielen.

Wieviel darf jemand trinken?

In dieser Geschichte geht es nicht darum, dass ein Oberbürgermeister städtisches Geld veruntreut hat. Das geben die Genossen selbst zu. Wenn Ulrich Scholten mit seinen Gesprächspartnern Minigolf gespielt hätte, anstatt in Gaststätten zu gehen, gäbe es diesen Streit wohl nicht. Eigentlich geht es in Mülheim an der Ruhr inzwischen um die Frage, wie viel Alkohol ein Mensch trinken darf, bevor es politisch-moralische Bewertungen darüber gibt. Wie viel Wein oder Bier bei einem Geschäftsessen vertretbar sind.

In Deutschland kann man Zigarren und Schnaps von der Steuer absetzen, wenn man sie mit einem Geschäftspartner konsumiert hat. Auf jedem Stadtfest ist es die oberste Pflicht des Oberbürgermeisters, das Fass anzustechen. Ulrich Scholten sagt, seine langen Mittagspausen auf der Terrasse des Mezzomar hätten ihn näher zu den Bürgern gebracht: „Die fanden das toll, die haben mich angesprochen.“

Seine Genossen in der Mülheimer SPD hatten sich an die pflichtbewusste Dagmar Mühlenfeld gewöhnt. Eine Frau, die eher Tee trinkt als Bier und Verhandlungen eher in ihrem Büro führt als in einer Kneipe. Dass Ulrich Scholten so ganz anders war als sie, dass er ihre Projekte nicht weiterführte und dann auch noch nachmittags Wein trank, muss die Genossen enttäuscht haben. Schließlich hatten sie ihn selbst ausgewählt: Einen, auf den sich eigentlich alle einigen konnten. Einen, der nicht auffällt, außer vielleicht mit seinen bunten Socken.

Staatsanwalt und Polizei prüfen den Fall im Moment. Ob sie Ermittlungen aufnehmen, ist ungewiss.

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Alte Apotheke

Krankenkassen kritisieren Apotheker: Selbstverpflichtung reicht nicht aus

Die Apotheker Nordrhein-Westfalens haben als Reaktion auf den Fall der Alten Apotheke in Bottrop eine Selbstverpflichtung entworfen. Diese geht nicht weit genug, sagen AOK und Barmer.

von Bastian Schlange , Cristina Helberg , Anna Mayr , Marcus Bensmann

Die Apotheker, die in NRW Krebsmedikamente mischen, sollen eine Erklärung unterzeichnen. Darin verpflichten sie sich erneut zu den Standards ihres Berufs: Dazu, nicht alleine zu arbeiten. Und dazu, über ihre Arbeit genau Protokoll zu führen.

Im Wortlaut heißt es:

Bei unserer Arbeit beachten wir stets die gesetzlichen Vorgaben und Qualitätsstandards zur Herstellung. Das am Herstellungsprozess beteiligte Fachpersonal bilden wir regelmäßig fort. So wird der Herstellungsprozess immer auf dem neuesten Stand von Wissenschaft und gesetzlichen Vorgaben durchgeführt. Auch durch die aktuell verabschiedete, interprofessionelle Leitlinie der Onkologen/innen und Apotheker/innen wird die Versorgungsqualität konsequent sichergestellt.

Darüber hinaus erklären wir,

  • dass wir jederzeit das Vier-Augen-Prinzip bei der Herstellung von Zytostatikalösungen konsequent einhalten. Wir haben Maßnahmen entwickelt, mit denen wir dafür Sorge tragen, dass auch bei personellen Engpässen dieses Vier-Augen-Prinzip sichergestellt wird.

  • dass eine Durchschrift unserer Herstellungsdokumentation dem verordnenden Arzt zur Verfügung steht, damit diese möglichst in die Patientenakte aufgenommen werden kann. Darin werden alle am Herstellungsprozess beteiligten Personen benannt.

  • dass wir auf Nachfrage jederzeit einen transparenten und plausiblen Überblick über die bezogenen und verwendeten Ausgangsstoffe und deren Dokumentation geben können.

Die Apotheker wollen mit der Erklärung das Vertrauen der Krebs-Patienten wiederherstellen. Viele sind durch den Skandal in der „Alten Apotheke“ verunsichert.

Die Krankenkassen AOK und Barmer wollen mehr.

„Nicht ausreichend“, findet ein Sprecher der AOK Rheinland „angesichts der Dimension und Schwere des Skandals“ die freiwillige Selbstverpflichtung. Das antwortete er auf eine CORRECTIV-Anfrage.

Die Krankenkasse AOK findet, man müsse viel weiter gehen. „Die Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips sollte selbstverständlich sein“, sagte ein Sprecher. Die Barmer Ersatzkasse sieht in der Selbstverpflichtung zwar ein „positives Signal“, merkt allerdings an, dass das „Vier-Augen-Prinzip bereits jetzt fester Bestandteil der Leitlinie“ sei. Die Selbstverpflichtung verändert also nichts.

Beide Krankenkassen fordern neue gesetzliche Regelungen:

  • Unangemeldete Kontrollen der Abrechnungen in den Apotheken

  • Kontinuierliche und unangemeldete Stichproben der hergestellten Krebsmedikamente durch die Apothekenaufsicht

Die Kosten dafür müssten Apotheker und Behörden klären, schreibt der Sprecher der Barmer Ersatzkasse.

Beide Forderungen finden sich in der Selbsterklärung der Apotheker nicht.  

Ein Einzelfall

Die Apotheker sagen hingegen, dass ihre Reaktion ausreichend sei. Der Chef der Apothekerkammer Westfalen-Lippe Andreas Walter sieht in dem Fall Stadtmann kein strukturelles Problem: „Das System ist nicht marode und faul. Das ist ein krimineller Einzelfall“, sagt er.

Das sagt auch der Dortmunder Amtsapotheker Georg Bühmann: „Wir haben hier ein schwarzes Schaf unter vielen hunderten von weißen Schafen. Ich glaube nicht, dass in der Gesetzgebung für die Überwachung etwas zu ändern wäre.“ Schließlich erkenne er seine „Schweine am Gang“, fügte er hinzu.

Die Selbstverpflichtung stellten die Apotheker am Dienstag, dem 24. April, bei den Münsteraner Gesundheitsgesprächen vor. Am Abend vorher verlieh die Apothekerstiftung Westfalen-Lippe einen Journalistenpreis, bei dem CORRECTIV für die Recherche im Fall der „Alten Apotheke“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde.

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Der Apotheker Peter Stadtmann steht in Essen vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, 62.000 Krebszubereitungen gepanscht und die hygienischen Standards nicht eingehalten zu haben. Im Labor arbeitete Stadtmann allein.

Ein perverses System

Auch der Whistleblower Martin Porwoll, der Peter Stadtmann angezeigt hatte, war bei den Gesundheitsgesprächen. Er warnte die anwesenden Apotheker, den Fall nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Das System zur Kontrolle der Krebsmittelherstellung sei fehlerhaft und müsse grundlegend überdacht werden.

Auch der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP), Fritz Sörgel, hatte im Prozess gegen Peter Stadtmann gesagt: „Wenn es eine bundesweite Untersuchung von in Apotheken hergestellten Zytostatika gäbe, würde diese wahrscheinlich erschreckende Ergebnisse liefern.” Vielen seiner Kollegen sei nicht bewusst gewesen, dass in Deutschland Krebstherapien in diesem Ausmaß in privaten Apotheken hergestellt werden, „das ist ein perverses System.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (SPD) geht noch weiter als die Krankenkassen: Er will, dass es Jobs wie den von Peter Stadtmann gar nicht mehr gibt. Er fordert eine bundesweite Reform bei der Herstellung und dem Vertrieb von Krebsmedikamenten. „Chemotherapeutika“ sollten nur noch in Krankenhäusern hergestellt werden. Denn „dort herrscht das Mehraugenprinzip“. Außerdem können Krankenhausapotheker sich nicht an den Wirkstoffen bereichern, weil sie sie nicht selbst einkaufen.

Jenny, Ariane, Steffi, Petra und Heike (v.l.) – fünf der zehn Onko-Mädels aus Bottrop.© privat

Alte Apotheke

Der Fall der Alten Apotheke: Die Geschichte der Onko-Mädels

Bei der Chemotherapie findet Heike Benedetti neun Freundinnen. Sie alle werden von einem Apotheker um ihre Medikamente betrogen. Fünf sterben. Die anderen fünf können nicht einfach so weiterleben.

weiterlesen 18 Minuten

von Anna Mayr

Als Heike Benedetti vor drei Jahren pünktlich um 9 Uhr morgens die Arztpraxis betritt, ist der Betrug längst geschehen. Sie sieht zum ersten Mal den Ort, an dem sie geheilt werden soll. Das Chemo-Zimmer am Bottroper Marienhospital, in dem zehn blaue Sessel stehen, fünf links an der Wand, fünf rechts. In diesem Raum wird Benedetti neun andere Frauen treffen. Für drei Stunden in der Woche werden sie eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Zehn Fremde, die ab diesem Tag gemeinsam gegen den Krebs kämpfen. Zehn Fremde, aus denen Freundinnen werden: die Onko-Mädels. Fünf von ihnen werden im Verlauf dieser Geschichte sterben. Doch Heike Benedetti überlebt, und wird zur Anführerin einer Bewegung.

Die Grande Dame mit Pottschnauze

Benedetti ist Mitte 40, eine Grande Dame mit Pottschnauze. Ihre Fingernägel passen zu ihrem Schmuck, ihr Schmuck passt zu ihrer Bluse. Sie setzt sich im Chemo-Zimmer auf einen der blauen Sessel. Sie sieht die Metallgestelle, die hinter jedem Platz verschraubt sind. Daran hängt die Krankenschwester die Infusionsbeutel mit den Medikamenten auf. Die Heizung ist immer ein bisschen zu warm eingestellt. Denn wenn die kalte Flüssigkeit aus den Infusionsbeuteln in die Adern läuft, fangen manche Patientinnen an zu frieren.

Die Praxis ist auf Brustkrebs spezialisiert. Deshalb sitzen auf den zehn blauen Sesseln im Chemo-Zimmer zehn Frauen mit der gleichen Krankheit. Keine von ihnen will hier sitzen, will frieren und „Neue Woche“ oder „Bild der Frau“ lesen. Heike spricht die anderen Frauen an, die schon länger hier sitzen, von denen manche Kopftücher tragen oder Perücken. Sie fragt nach, wie das ist, mit dem Haarausfall, mit den Nebenwirkungen. Sie quasselt, um zu vergessen, dass schon ihr Vater und ihre Mutter an Krebs gestorben sind. Die zehn Frauen fangen an, über Perücken zu reden, wie die aussehen sollten und wo man sie kauft. Sie tauschen Rezepte für Guglhupf. Eine erzählt vom Chefarzt, den sie ein „ganz hübsches Kerlchen“ nennt.

Woche für Woche arbeiten sie sich durch alle Horoskope in den Klatschmagazinen. Denn die angeblichen Versprechen der Sterne über unverhoffte Verehrer oder Beförderungen lesen sich noch viel lustiger, wenn man selbst gerade mit dem Tod kämpft. Die Frauen teilen kleingeschnittene Möhren und Äpfel aus Tupperdosen. Sie lachen. So viel und so laut, dass die Ärztin manchmal reinkommt und darum bittet, leiser zu sein. Nebenan ist Physiotherapie.

Vorne links Ariane. Dahinter Petra. Vorne rechts. Sandra. Ihr gehts gut. Dahinter steht Carmen. Sie ist letztes Jahr im Sommer gestorben..jpg

Vorne links sitzt Ariane. Dahinter Petra. Vorne rechts Sandra. Ihr geht es momentan gut. Dahinter steht Carmen. Sie ist vergangenes Jahr im Sommer verstorben.

privat

Benedetti und die anderen Frauen gründen eine Whatsapp-Gruppe und nennen sich „Die Onko-Mädels“. Schließlich haben sie sich ja in der Onkologie kennengelernt. In der Gruppe verabreden sie sich zum Frühstücken, sie schicken sich Emojis, die einen angespannten Bizeps zeigen und senden Mitgefühl mit weinenden Gesichtern.

Nicht das Schicksal hat entschieden, sondern ein Apotheker

Heute sagt Heike: Wir haben fünf Mädels verloren.

Man könnte jetzt sagen, dass das tragisch ist, aber passiert. Krebs ist eine Krankheit, die zum Tod führt. Aber die Frauen, die noch leben, zweifeln, ob ihre Freundinnen nicht länger hätten leben können. Vielleicht sogar wieder gesund sein könnten. Ob sie noch heute Videos von lustigen Tieren in die Whatsapp-Gruppe schicken könnten. Denn vielleicht war es nicht das Schicksal, das entschieden hat, sondern ein Apotheker.

Dass fünf von zehn Frauen sterben, das ist zumindest statistisch ungewöhnlich. Brustkrebs ist durchaus heilbar. 87 Prozent der Patientinnen leben nach der Diagnose länger als fünf Jahre.

Wahrscheinlich wäre niemandem diese Auffälligkeit komisch vorgekommen. Wäre da nicht im November 2016 die Nachricht über den Bottroper Apotheker Peter S. aufgetaucht, der tausende Patienten um ihre Krebsmedikamente betrogen hat. Die Onko-Mädels haben auf den blauen Sesseln gewartet, manchmal gefroren, oft gelacht, jede mit einem Schlauch unter dem Schlüsselbein, durch den die Medikamente in ihren Körper flossen. Doch in den Infusionsbeuteln waren womöglich gar keine Medikamente.

Das System plant ohne Fehler

Um diesen Verdacht zu verstehen, muss man verstehen, wie eine Krebstherapie funktioniert. Die meisten Patienten brauchen individuell angemischte Therapien mit mehreren Wirkstoffen, die ein Apotheker erst herstellen muss. Nur etwa 200 Apotheker in Deutschland dürfen die Wirkstoffe anmischen. Sie brauchen dazu ein spezielles Labor und eine Zusatzausbildung. Diese 200 Apotheken sind quasi Handwerksbetriebe: Sie stellen selber her. Dass sie Fehler machen, ist im System nicht vorgesehen.

Folgende Veröffentlichungen sind in der kommenden Woche geplant:

Dienstag (7.11., 21:15 Uhr) – 30-minütige TV-Dokumentation im NDR: „Der Krebsapotheker — Kochsalz statt Chemotherapie“. Im Anschluss auch in der Mediathek. Autoren: Oliver Schröm, Niklas Schenck, Willem Konrad. Mitarbeit: David Schraven (CORRECTIV)

Am selben Abend wird es in Bottrop ab 20 Uhr eine Preview-Filmvorführung mit anschließender Diskussion geben. Eintritt frei. Mehr Infos.

Donnerstag (9.11) – Dossier im Zeit Magazin und ein Longread-Artikel auf correctiv.org

Montag (13.11) – Prozessauftakt gegen den Apotheker Peter S. aus Bottrop. Wir berichten von dem Geschehen aus dem Gerichtssaal

Apotheker, das ist ein Heilberuf. Genau wie Arzt. Man muss diesen Menschen vertrauen können. Darauf vertrauen, dass sie genug Verantwortungsgefühl haben, um ihren Job immer richtig zu machen. Pommesbuden werden streng und häufig kontrolliert, damit sie nicht auf Kosten von Kunden altes Fett benutzen. Apotheken hingegen werden nur alle drei Jahre mit Ankündigung kontrolliert, weil sie keine Kunden haben, sondern Patienten. Und weil die Gesellschaft Menschen vertrauen muss, die sich um Patienten kümmern.

Heike erfährt auf Facebook, dass der Apotheker Peter S. festgenommen wurde. Es ist ein Post des Bottroper Lokalradios, am 29. November 2016: „Apotheker aus Bottrop hat Krebsmedikamente gepanscht.“ Ein Mitarbeiter hatte Peter S. angezeigt. Heike schickt eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe, an die Onko-Mädels. Damals ist noch gar nicht klar, welche Dimensionen der Fall hat. Dass Peter S. nicht nur zehn, hundert oder tausend Patienten beliefert hat, sondern etwa 7.000 in sechs Bundesländern. Das haben Recherchen von CORRECTIV ergeben, die auf Daten beruhen, die auch den Ermittlern vorliegen.

Um Lebenszeit betrogen

Heute, drei Jahre, nachdem sie sich kennengelernt haben, haben noch drei der Onko-Mädels die Kraft, darüber zu sprechen. Heike Benedetti ist die eine. Petra Janßen und Christiane Piontek sind die anderen. Die drei vereint die Fähigkeit, Trauer und Verzweiflung über den Tod ihrer fünf Freundinnen in Tatendrang umzuwandeln. Seitdem sie wissen, dass sie betrogen wurden, nicht nur um ihre eigenen Medikamente, sondern auch um die Lebenszeit mit ihren Freundinnen, sind sie zu Politikerinnen geworden, zu Protest-Managerinnen, zu Patientenbeauftragten. Es ist ihre Art, mit der Sache umzugehen.

Heike, Christiane und Petra

Vor allem Heike ist in Zeitungen und im Fernsehen inzwischen das Gesicht der Betroffenen. Sie ist die Lauteste in der Gruppe, eine, die sich bei Diskussionen in die erste Reihe setzt, wenn alle anderen sich nicht trauen. Als sie die Diagnose bekam, hat sie sich gesagt, dass das jetzt ein etwas längerer Schnupfen ist, der vorbeigeht. Mama, Papa, ich komme noch nicht zu euch hoch, hat sie gedacht. Ich werde hier unten noch gebraucht. Dieses Jahr ist sie zum ersten Mal Oma geworden. Ihre Tochter hat Zwillinge bekommen.

Christiane, die aufgedrehteste der Gruppe, arbeitet als Betreuerin in einem Heim für Schwerbehinderte. Die Bewohner im Heim können „Christiane“ gar nicht aussprechen, sie sagen „Kiki“ und so nennt sie sich deshalb auch selbst manchmal. Christiane ist eine, die lieber dagegen ist als dafür. Als ihre Haare ausfielen, wollte sie keine Perücke. Wenn die Leute guckten, drehte sie sich zu ihnen um: „Irgendwelche Fragen?“

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Christiane und ihr Mann. In der Mitte Steffi. Sie ist erst 28 Jahre, als sie stirbt.

privat

Petra, die Ruhige, ist mit 60 Jahren die Älteste. Während Heike und Christiane sich empören und erzählen, wirft sie nur zwischendurch eine Anekdote ein. Aber sie sagt am häufigsten „scheiße“ und spricht mit den trockensten Worten.

Petra hat die Onko-Mädels gebraucht, weil sie ein Mensch ist, der die Dinge am liebsten mit Galgenhumor verarbeitet. Weglachen, den Krebs auslachen, mit ihrem Mann konnte sie das nicht. „Ist doch superpraktisch, dass ich keinen Föhn und keine Bürste ins Krankenhaus mitnehmen muss“, hat sie einmal gesagt, als sie wieder ihre Tasche packte. „Sag doch sowas nicht“, sagte ihr Mann, weil er es nicht hören konnte, obwohl es ja stimmte.

Männer verstehen das nicht

Überhaupt, darauf können sich alle drei Frauen einigen: Männer verstehen das nicht. Dass man über Krebs lachen muss, wenn er in einem drinsteckt. Und auch mit anderen Frauen geht das nicht. Mit gesunden Frauen. Die haben Berührungsängste, als würden ihnen bei einer Umarmung direkt die Haare ausfallen. Als wäre Brustkrebs ansteckend.

Ganz links Gabi, dahinter ich und Petra. Vorne Ariane. Da lag Ariane letztes Jahr im Herbst im Marienhospital. Wir waren sie besuchen..jpg

Herbst 2016: Gabi, Heike, Ariane (ganz vorne) und Petra (v.l). Die Onko-Mädels besuchen Ariane im Marienhospital. Sie ist zur Behandlung dort.

privat

Krebsmedikamente sind teuer. Für die Krankenkassen, die dafür aufkommen und für den Apotheker, der sie in einem speziellen Teil seiner Apotheke herstellt. Wenn er ein bisschen weniger Medikament in die Infusionsbeutel spritzt und ein bisschen mehr Kochsalzlösung, kann ein Apotheker hunderte, bei manchen Medikamenten sogar tausende Euro sparen.  

So hat Peter S., der Apotheker aus Bottrop, sich an Patienten bereichert, über Jahre hinweg. Wahrscheinlich auch an den Onko-Mädels. „Die Patienten sterben doch sowieso“, soll Peter S. laut einer Mitarbeiterin gesagt haben. Die Infusionen, die er mischte, waren verunreinigt, gepanscht, gestreckt, unwirksam oder zu schwach.

„Die Arschkarte unter den Tumoren“

Als Heike, Christiane und Petra längst nicht mehr im Chemo-Raum frieren mussten, ging ihre Freundin Ariane immer noch jede Woche hin. Bei ihr schlug kein Medikament an. Sie hatte keine Nebenwirkungen. Die Ärzte hatten ihr gesagt, sie solle sich schon mal nach einer Perücke umsehen. Aber die Haare blieben. Da sagten die Ärzte, dass das bei manchen Patienten eben so sei – jeder Körper reagiert anders auf Krebs und jeder Körper reagiert anders auf Krebsmedikamente.

Christiane und Ariane lernen sich 2014 kennen. Sie haben den gleichen Tumor-Typen, triple-negativ. „Die Arschkarte unter den Tumoren“, sagt Christiane. Einen Tumor vom Typ triple-negativ kann man nur mit einer Chemo-Therapie bekämpfen.

Christianes Krebs verschwindet, mit Chemo, Operationen und Bestrahlung. Arianes Krebs bleibt, trotz Chemo, Operationen und Bestrahlung.

Christiane und Ariane bekommen die gleichen Medikamente. Paclitaxel, Carboplatin und Gemcitabine. Paclitaxel, ein Stoff, der aus Baumrinde gewonnen wird, kostet etwa 2500 Euro pro Infusion. Wenn ein Apotheker nur ein paar Milligramm weglässt, spart er also tausende Euro. Was das für die Behandlung bedeutet, ist nicht klar. Denn es gibt keine Studien über Unterdosierung. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund dafür, solche Studien zu machen. Studien, mit denen man den Teilnehmern schaden könnte.

Chemo ohne Nebenwirkungen

Irgendwann, wenn der Krebs endlich weg wäre, wollte Ariane mit ihren drei Söhnen in ihrem Garten in der Sonne sitzen. Sie und ihr Mann ließen einen Pool bauen, mit einem kleinen Steg aus Holz. Zur Einweihung im Herbst 2016 kamen die Onko-Mädels vorbei, aber zum Schwimmen war es zu kalt. Also saßen sie gemeinsam mit Waffeln und Zigaretten in der Gartenhütte.

Die Ärzte versuchten, Ariane mit einem anderen Medikament zu behandeln. Ariane wartete darauf, dass ihr die Fingernägel davon ausfielen. Aber ihre Fingernägel blieben. Und der Krebs wuchs.

Er wächst, bis die Polizei den Apotheker Peter S. festnimmt. Die Medikamente für die Krebspatienten am Marienhospital kommen ab da aus einer anderen Apotheke in einer anderen Stadt.

Und da fallen Arianes Haare aus. Endlich.

Fragen, die nie beantwortet werden

Die Betroffenen möchten Peter S. beschimpfen, ihn einen Mörder nennen, aber das ist er nicht – zumindest nicht juristisch: Die Staatsanwaltschaft klagt ihn vor allem wegen Abrechnungsbetrugs an. Er soll die Krankenkassen betrogen haben: um 56 Millionen Euro. Das ist die Straftat, die man laut der Ermittler nachweisen kann. Es ist eine einfache Plus-Minus-Rechnung: Auf der einen Seite die Medikamentenmenge, die Peter S. einkaufte. Auf der anderen Seite die Medikamentenmenge, die er vorgab, in die Infusionsbeutel zu füllen, und die ihm die Krankenkassen bezahlten. Bei dieser Rechnung kommt heraus, dass niemals genug Medikamente in der Apotheke waren, um alle Infusionen ordnungsgemäß zu mischen.

Als das herauskommt, beginnen Heike und die Onko-Mädels, sich Fragen zu stellen:

Hat der auch bei mir gepanscht?

Hatte ich Glück?

Muss ich nochmal eine Chemo machen?

Könnten die anderen noch leben?

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Mussten unsere Freundinnen sterben, weil sie krank waren?

Oder weil ein Apotheker beschloss, ihnen keine Chance zu geben?

Bis heute konnte ihnen niemand diese Fragen beantworten. 

Geld wichtiger als Menschen

Die Onko-Mädels fühlen sich wie das unangenehme Beiwerk eines Falls, in dem Geld wichtiger ist als Menschen, weil man es besser berechnen kann als Krankheitsverläufe. Die Betroffenen haben von den Taten von Peter S. aus den Medien erfahren, anstatt von ihren Ärzten oder von der Staatsanwaltschaft oder dem Gesundheitsamt oder von irgendeiner Behörde, die sich hätte zuständig fühlen können.

Deshalb fing Heike, nachdem sie ihren Krebs schon besiegt hatte, ein zweites Mal an, zu kämpfen. Sie wandte sich an die Bottroper Behörden, erstattete Anzeige gegen Peter S.. Sie hat eine Demonstration organisiert. 150 Betroffene waren da. Aus der städtischen Politik kam niemand. Das hat sie wütend gemacht. Aber die Demonstranten bekamen so viel Aufmerksamkeit, dass auch die Politiker die Sache nicht länger totschweigen konnten. Der Bottroper Oberbürgermeister lud Heike zu einem Gespräch in sein Büro ein.

Die Kommunikationsbeauftragte der Betroffenen

Seitdem ist Heike eher unfreiwillig zur Kommunikationsbeauftragten der Betroffenen geworden. Weil sie keine Angst hat, mit der Presse zu sprechen. Und weil sie nicht akzeptieren kann, dass es für ihre Freundin Ariane keine Gerechtigkeit geben wird.

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Die Sprecherin der Betroffenen: Heike hat sich entschieden zu kämpfen. Hier auf der ersten Demo in Bottrop.

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Denn egal, welcher Experte sich Arianes Krankengeschichte ansieht, er wird nicht beweisen können, ob sie mit den richtigen Medikamenten noch leben würde. Selbst Onkologen, also spezialisierte Ärzte, halten Krebs für unberechenbar. „Krebs ist eine schicksalhafte Krankheit“, sagt der Onkologe Wolf Köster aus dem Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke. Und mit Blick auf die Geschichte der zehn Onko-Mädels sagt er: „Man wird niemals sicher sagen können, ob im Einzelfall eine Patientin noch am Leben wäre.“

War es nicht nur Gier, sondern Bosheit?

Als die Polizei den Apotheker festnimmt, durchsuchen die Beamten auch die Apotheke. Sie finden einen Infusionsbeutel, in dem der Wirkstoff Carboplatin sein sollte, ein Medikament, das auch Christiane und Ariane bekamen. In dem Beutel, den die Polizei prüfen lässt, ist weniger Carboplatin als draufsteht. Dabei kostet ein Milligramm Carboplatin gerade mal 50 Cent. Warum würde Peter S. bei einem Medikament betrügen, das so billig ist? War es nicht nur Gier, sondern Bosheit?

Niemand außer Peter S. kann diese Frage beantworten. Er sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen. Auch sein Anwalt meldete sich auf Anfragen von CORRECTIV nicht.

Ariane geht

Es ist ein Samstagvormittag im April 2017, als Petra einfach aufhört, die Wohnung zu putzen. Sie hat das Gefühl, dass sie weg muss. „Ich fahre nochmal zu Ariane“, tippt sie in ihr Handy und schickt die Nachricht an Heike. Als Petra im Marienhospital ankommt, fragt sie unten am Empfang nach Ariane. Die Mitarbeiterin darf nichts sagen. Aber ihr Blick sagt alles.

Heike steht an der Supermarktkasse, als Arianes Mann sie anruft. Sie fängt noch an der Kasse an zu weinen, läuft nach draußen. Bekommt Petras Nachricht.

Petra wollte sich sammeln, draußen vor dem Krankenhaus, aber eigentlich weiß sie gar nicht, was da noch zu sammeln ist. Heike schreibt ihr: „Ich komme zum Krankenhaus.“

Sie löschten ihre Whatsapp-Gruppe

Eine halbe Stunde später sitzen sie zu zweit an einem Tisch in der Cafeteria des Marienhospitals und haben schon wieder eine Freundin verloren. An diesem Tag löschen sie die Whatsapp-Gruppe.

In der Cafeteria haben die Onko-Mädels immer alle gemeinsam gesessen: Heike, Petra, Christiane, Ariane, Gabi, Jenny, Carmen, Steffi, Sandra und noch eine andere Heike. Es riecht nach Waffeln. Der Kaffee kostet 1,90 Euro. Parkplätze sind immer frei. Im Sommer kann man draußen sitzen.

Ariane, Petra, Heike vor der cafeteria des Marienhospitals im April 2017. Ihr letzte gemeinsames Foto, bevor Ariane stirbt..jpg

Ariane, Petra und Heike draußen in der Caféteria des Marienhospitals im April 2017. Es ist das letzte gemeinsame Foto, bevor Ariane stirbt.

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Heute sitzen sie hier noch zu dritt: Heike, die laute, Christiane, die aufgedrehte, und Petra, die ruhige. So komisch es klingt – dieses Krankenhaus ist ein Ort, an dem sie sich wohl fühlen. Manchmal, wenn Petra ihren Kaffee bezahlt, fragt die Bedienung besorgt: „In eigener Sache?“ Und wenn Petra den Kopf schüttelt und sagt, dass sie nur zum Frühstücken da ist, dann freuen sich beide.

„Da draußen haben wir unser Gruppenfoto gemacht“, sagt Petra und zeigt auf die Tische auf der Terrasse. Auf dem Bild stehen sechs Frauen nebeneinander, auch Ariane ist dabei, hellblaue Augen, vorsichtiges Lächeln.

Arm in Arm, schweigend

Am 6. September 2017 wird Heike zur Anführerin einer Bewegung. Mitten in der Bottroper Fußgängerzone. Die erste Demonstration von Krebspatienten, die Medikamente von Peter S. bekommen haben. Sie fordern bessere Kontrollen in Apotheken. Und sie wollen zeigen, dass sie das nicht mit sich machen lassen. Dass sich endlich jemand für die Opfer verantwortlich fühlen muss, anstatt den Schaden zu ignorieren, der entstanden ist – auch in den Köpfen.

Zehn Kameras sind auf Heike gerichtet, 150 Menschen stehen um sie herum. Heike liest ihre Rede ab, den Zettel hat sie von beiden Seiten beschrieben. „Jeder Monat Lebenszeit ist den Angehörigen wichtiger als 56 Millionen Euro“, sagt sie am Ende. Dann hakt sie sich bei ihren Freundinnen ein. Arm in Arm, schweigend, gehen sie an den Kameras vorüber. Sie sind zu fünft.

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Die Onko-Mädels: gemeinsam gegen den Krebs.

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Von der Alten Apotheke in Bottrop aus vertrieb Peter S. seine gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Alte Apotheke: Die Namen der Ärzte

von Hüdaverdi Güngör , David Schraven , Simon Wörpel , Anna Mayr , Bastian Schlange , Marcus Bensmann

Über 3700 Menschen. In sechs Bundesländern. Immer noch wissen viele von ihnen nicht, dass sie vermutlich gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Die Folgen sind unerträglich in unseren Augen. Diesen Menschen wird die Chance genommen, sich erneut mit einem Arzt zu beraten; ihnen wird die Chance genommen, sich juristisch zu wehren.

Sie werden dumm gehalten.

Jeder betroffene Mensch hat in unseren Augen ein Recht auf die Information, ob er gepanschte Krebsmedikamente bekommen hat – und er muss sie bekommen. Wie er mit dem Wissen umgeht, ist seine eigene Entscheidung. Es liegt aber niemals im Ermessen einer Behörde, diese Information vorzuenthalten.

CORRECTIV veröffentlicht die Namen der Ärzte

Die Behörden im Land NRW und in der Stadt Bottrop wissen spätestens seit Februar diesen Jahres um das Ausmaß des Skandals: Der Alte Apotheker in Bottrop hatte über 60.000 Krebstherapien gepanscht, tausende Menschen in sechs Bundesländern sind betroffen. Doch die Behörden haben nicht die Betroffenen informiert. Sie haben die Ärzte angeschrieben und diese gebeten, die Patienten aufzuklären. Dies ist nach Recherchen von CORRECTIV jedoch nicht immer passiert. Wir haben mit allen Ärzten gesprochen und sie angefragt. Etliche gaben an, ihre Patienten aus unterschiedlichen Gründen nicht umfassend informiert zu haben. Einige sagten, sie seien überfordert; andere, sie hätten die Kapazitäten nicht; wieder andere sagten, die Behörden seien in der Pflicht.

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Der Fall der Alten Apotheke: Ermittler gehen bundesweit von über 3700 Betroffenen aus, die möglicherweise mit gepanschten Krebsmedikamenten aus Bottrop behandelt worden sind. 37 Arztpraxen und Kliniken seien laut Staatsanwaltschaft in den vergangenen fünf Jahren von dem Bottroper Apotheker beliefert worden. Die meisten davon in Nordrhein-Westfalen. Es gab allerdings auch Abnehmer in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland, Sachsen und Niedersachsen. 

Bei einer Pressekonferenz am 10. Oktober 2017 hatten die Verantwortlichen der Bottroper Gesundheitsbehörde erklärt, dass jeder Patient über die Hotline eine Information bekommen könnte, ob er betroffen ist. Doch weiß von dieser Hotline außerhalb von Bottrop so gut wie kein Mensch. Die Stadt ist überfordert und das Land hat sich weggeduckt. Offen und transparent nach dem Namen der behandelnden Ärzte kann niemand suchen. Aber nur, wenn ein Betroffener erfährt, ob sein behandelnder Arzt möglicherweise gepanschte Medikamente bekommen hat, kann er sich mit diesem über weitere Schritte beraten. Die Ärzte haben in unseren Augen nicht das Recht, ihren Patienten bewusst diese Information vorzuenthalten.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, hat dazu gesagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.“

Da die Betroffenen auch nach Monaten noch nicht aktiv von den Behörden informiert wurden, haben wir uns entschlossen, den Patienten die Möglichkeit zu geben, zu überprüfen, ob ihr Arzt Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Geben Sie in unserer Suchmaske die Postleitzahl ihres Arztes ein, um herauszufinden, ob auch er möglicherweise gepanscht Mittel bekommen hat. Die Liste der Ärzte ergibt sich aus unseren Recherchen und Konfrontationen. Es kann sein, dass weitere Praxen beliefert worden sind.

Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIV finanziert sich aus Spenden von Menschen, denen unsere Arbeit für die Gesellschaft wichtig ist. Hinter uns steht kein Konzern, sondern nur der Wille zur Aufklärung beizutragen. Unterstützen Sie uns bei unserer Arbeit.


Dem Leser wieder nah sein: Redakteur Marcus Bensmann arbeitet in der Mobilen Lokalredaktion in Bottrop.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Apothekenskandal: Journalismus im Schaufenster

Lokaljournalismus ist immer noch ein Traumberuf. Zumindest in Bottrop. Zwei Monate haben wir hier im Schaufenster gearbeitet. Haben im Schaufenster recherchiert, Interviews geführt, konferiert. Die Tür stand offen. Nur so konnten wir investigativ arbeiten. Wir wollten einen der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit aufklären. Der Apotheker der Alten Apotheke in Bottrop hatte mehr als 60.000 Medikamente gepanscht. Tausende Menschen waren betroffen.

von Anna Mayr

Lokaljournalismus sollte nah dran sein. Mittendrin. Bei den Lesern. Und wahrscheinlich ist man nirgendwo näher dran als in der Fußgängerzone. In der Fußgängerzone hat man als Journalist keine Chance, sich zwischen Bürgermeister-Sektempfängen und Sparkassen-Eröffnungs-Pressekonferenzen einzuigeln. Diese Termine machen einen sowieso träge und hässlich, sie sind wie Fastfood: schnell fertig, günstig produziert, aber todlangweilig.

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Arbeit im Schaufenster: Wir wollten den Journalismus wieder sichtbar machen.

Correctiv.Ruhr

In Bottrop konnten wir nicht zu stupiden Terminen gehen. Wir hatten gar keine Zeit dafür. Denn jeden Tag standen Menschen in unserem kleinen Laden. Sie haben uns ihre Geschichten erzählt. Uns gezeigt, was interessant ist. Es ging um den großen Krebsskandal der Alten Apotheke.

Menschen dürfen verdrängen, Behörden nicht

Wir sind im August und September in dieses Ladenlokal in der Bottroper Innenstadt gezogen, weil Peter S. in der „Alten Apotheke“ tausende Patienten um ihre Krebsmedikamente betrogen haben soll. Damit hat er ihnen vielleicht Lebenszeit genommen, vielleicht sogar die Chance auf Heilung. Unser Büro war 50 Meter von der „Alten Apotheke“ entfernt.

Tausende Menschen wurden von Peter S. verletzt, mindestens 1300 davon in Bottrop. Manche versuchen, die Sache zu verdrängen. Manche leugnen sie immer noch. Und manche fühlen sich verloren.

Menschen haben das Recht, zu verdrängen. Das Recht, nicht zu kämpfen. Viele wollen nichts von den Taten von Peter S. wissen. Nicht sehen, dass ihnen vielleicht Unrecht getan wurde. Weil es weh tut, sich damit auseinanderzusetzen. Diese Menschen kamen nicht zu uns. Oder sie kamen, redeten sich die Dinge von der Seele, um dann nie wieder darüber zu sprechen. Auch das ist okay.

Offizielle Stellen und Unternehmen haben nicht das Recht, zu verdrängen. Nicht der Landtag, nicht die Stadt Bottrop, nicht die „Alte Apotheke“. Denn wenn sie verdrängen, lindern sie das Leid nicht – sie verstärken es. Sie verstärken bei den betroffenen Menschen das Gefühl, betrogen zu werden. Nicht nur von einem einzelnen Apotheker, sondern von allen drumherum, die etwas tun könnten, aber jetzt schweigen.

Laut sein, weil andere schweigen

Deshalb haben wir an unser Schaufenster geschrieben: „Informationen und Beratung zum Fall der Alten Apotheke.“ Unser Büro teilte sich einen Innenhof mit der Apotheke, in der Peter S. panschte. Wir waren sichtbar – für ganz Bottrop. Im Schaufenster haben wir Veranstaltungen organisiert, bei denen Onkologen, Seelsorger, Anwälte geredet haben. Die Veranstaltungen haben wir live online übertragen. Denn was dieser Fall braucht, ist Transparenz. Wir schrieben, wir filmten – wir unterhielten uns. Mit jedem, der reinkam. Wir waren laut, weil andere schwiegen.

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Die Autorin Anna Mayr telefoniert im Bottroper Büro.

Correctiv.Ruhr

Das Büro, in dem wir zwei Monate gearbeitet haben, nennen wir „Mobile Lokalredaktion“. Eigentlich ist das bescheuert. Mobile Lokalredaktion, das ist wie Handy mit Telefonschnur, wie Wohnwagen ohne Räder: widersprüchlich. Lokaljournalismus ist ja so schön, weil er eben nicht mobil ist. Weil er festsitzt. Und nicht versucht, mehr zu sein, als er ist: lokal.

Lokaljournalismus neu denken

Wir wollten, dass Bottrop spricht, das Schweigen bricht. Wir wollten das der Skandal transparent wird, wir wollten aber auch Lösungsvorschläge für die Apotheken-Kontrollen einbringen. Mit anderen Worten, wir wollten dem Fall vor Ort die Aufmerksamkeit geben, die er verdient. Nebenbei haben wir gemerkt, dass wir vielleicht gerade dabei sind, lokalen Journalismus neu zu denken.

Wir können nicht die Probleme des Lokaljournalismus lösen. Die Auflagen, die festgefahrenen Strukturen, das Desinteresse. Aber wahrscheinlich kommt man mit Problemlösung auch gar nicht so weit. Es ist der falsche Ansatz, von den Problemen aus zu denken. Probleme führen nur in Sackgassen. Deshalb muss man vielleicht einfach ganz von vorne anfangen. Sich alles ein wenig neu ausdenken. Die Geschichten von den Menschen her denken.

Zurück zum Einzelnen 

Nach der Festnahme von Peter S. ist Bottrop in eine Schockstarre verfallen. Der Alte Apotheker war beliebt, gab jedem Geld, der an seine Bürotür klopfte. Der Held ist gefallen.

Man kann in diese Stadt jetzt nicht journalistisch hineinpoltern. Für zwei Wochen ein Hotelzimmer mieten, ein paar Interviews führen, wieder abreisen und sich anmaßen, die Geschichte verstanden zu haben.

Wir können diese Geschichte nur erzählen, weil wir hier eingezogen sind. Weil wir in einem Ladenlokal die Wände gestrichen, Möbel aufgebaut, die Türen geöffnet und uns ins Schaufenster gesetzt haben. Nur ein paar Meter entfernt von der „Alten Apotheke“. Weil wir als Journalisten hier für mehr verantwortlich sind als für Recherche. Wir blieben da, wurden Teil der Menschen und ihrer Geschichten. 

Journalisten informieren. Wir sind es gewohnt, für hunderte, tausende Leser gleichzeitig zu arbeiten. Je mehr Leute wir erreichen, desto besser. In Bottrop war unsere Zielgruppe kleiner. Manchmal war es nur genau eine Person. Eine Person, die sich Sorgen macht. Die ihre Behandlungsunterlagen vorbeibringt, ihre Briefe von der Krankenkasse – und viele Fragen hat. Und wir haben hier in unserer Mobilen Lokalredaktion versucht, diese eine Person zu informieren.

Gesicht zeigen

„Ich vertraue den Medien nicht“, das sagen leider nicht nur Honks, sondern manchmal auch durchaus intelligente Menschen. Und wenn wir ehrlich sind, dann können wir alle in der Medienwelt ein bisschen was dafür. Wer noch nie einen Termin so schnell wie möglich wieder verlassen hat, noch nie unsauber zitiert hat, noch nie einen unverständlichen Text geschrieben hat, der werfe den ersten Kugelschreiber. In Bottrop merken wir, dass es gar nicht so kompliziert ist, Vertrauen zurückzugewinnen. Wenn man Menschen einlädt, sich Zeit nimmt, ihnen die Arbeit zu erklären, die man macht, ihnen zeigt, was man weiß und auch was man nicht weiß, dann verdient das eben auch Vertrauen.

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Journalisten brauchen Protagonisten, um Geschichten zu erzählen. Protagonisten finden, das ist manchmal unendlich mühsam, vor allem, wenn man dabei am Schreibtisch sitzt. In Bottrop müssen wir nicht suchen, denn die Protagonisten kommen von selbst. Sie helfen uns bei der Arbeit. Erklären ihre Fälle, liefern Versatzstücke zu einem größeren Puzzle oder haben eine Information zu einem Bild, das vielleicht noch eine größere Rolle spielt.

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Eine von vielen Info-Abenden im Bottroper Büro: Correctiv-Publisher David Schraven im Gespräch mit Betroffenen.

Correctiv.Ruhr

Wir haben gelernt, dass Personalisierung eigentlich ganz einfach ist. Personalisierung, das wollen ja alle – dafür gibt es dann jeden Tag drei meinungsschwache Kommentare und überall Ich-Geschichten. Dabei braucht man tatsächlich nur eine Glasscheibe in der Innenstadt und zwei Redakteure, die sich dahintersetzen. Damit sie dort arbeiten, Hände schütteln, sich vorstellen, zuhören. An ein Kürzel, an einen Namen auf Papier, kann man sich erst vielleicht nach ein paar Monaten Zeitunglesen erinnern. Ein Gesicht, eine Stimme und einen Händedruck, das vergisst man nicht so schnell.

Zum Produkt gehört auch ein Gefühl

Journalisten können nichts, aber sie müssen alles lernen wollen. Komplizierte Sachen verstehen und dann verständlich aufschreiben. Vor allem im Lokalen ist das so, denn da lohnt es sich nicht, Exklusiv-Experte für Ratssitzungen zu werden, wenn man in der nächsten Woche sowieso wieder über Kegelclubs schreibt. Wir müssen uns anstrengen, damit die Leser es leicht haben. In Bottrop haben wir versucht Ärzte, Anwälte und Seelsorger verständlich zu machen. Und immer wieder betont, wo unsere Grenzen sind. Was wir leisten können und was nicht. Wir geben weiter, was wir wissen. Während andere schweigen, versuchen wir, klare Worte zu finden.

Es ist wichtig, dass Redakteure rausgehen. Das ist eine einfache Wahrheit. Aber es ist vielleicht genau so wichtig, dass Leser reinkommen. Und dass alle mit allen reden. Dass ist gut für die Menschen in der Redaktion – die Redaktion ist dann nicht mehr eng und stickig, sondern ein helles Lokal mit genug Sitzplätzen und Kuchen. Dann passieren auch Sachen: Debatten fangen an. Vorleseabende für Kinder und Konzerte für Erwachsene werden gestartet. Das Interview mit dem Oberbürgermeister wird nicht mehr hinter verschlossenen Türen in seinem Büro geführt, sondern in der Redaktion, öffentlich für alle, die kommen wollen. Mit anderen Worten, die Leser können dorthin kommen, wo Journalismus gemacht wird. Es geht nicht mehr um ein Produkt, das verkauft wird, sondern eine Sache, die man gemeinsam in einer Stadt zusammen macht.

Offen für jeden

In vielen Städten gibt es immer noch Lokalredaktionen, bei denen Leser anklingeln können. Und es gibt Menschen, die das tun – aber wenn man ehrlich ist, nehmen diese Möglichkeiten vor allem Menschen einer kleine Elite wahr: von der Kirchenchorleitung bis zum Schützenvereinsvorsitzenden. Es sind Leute, die sowieso eine Zeitung abonniert haben, weil das für sie im Leben dazu gehört.

Wenn man Lokalredaktionen auf den Boden eines Ladenlokals holt, sie öffnet, dann kommen mehr Menschen vorbei als die üblichen Elitenangehörigen. Dann kann jeder kommen, der etwas zu erzählen hat. Und vielleicht schafft es dann auch der Journalist, wieder dazuzugehören. Zu seiner Stadt, zu den Leuten, zu den Gesprächen in den Kneipen und auf dem Marktplatz.

Journalismus muss wieder sichtbar werden

Seit wir in Bottrop sind, werden wir viel mehr angefeuert als angefeindet. Neulich sind zwei Penner vor der Glasscheibe stehen geblieben, einer hat die Faust gehoben und gerufen: „Weitermachen!“ Eine Mutter hat ihren kleinen Sohn reingeschickt. „Ich möchte etwas spenden“, hat er gesagt, mit einem Fünf-Euro-Schein in der Hand, und wir waren alle nicht so sicher, wie man mit so viel Niedlichkeit umgehen soll. Während ich das hier schreibe, steckt eine Frau ihren Kopf durch die Tür und sagt: „Übrigens: Schön, dass Sie da sind.“

Natürlich liegt das auch an dem Thema dieser Recherche. Aber im Grunde ist es anwendbar auf jede Redaktion und auf jedes Thema – zumindest da, wo es ums Präsent-sein geht. Früher haben die Leute im Café und im Zug eine Zeitung in der Hand gehalten, sodass alle sehen konnten, was sie lesen. Heute halten die Leute ein Handy, und was sie darauf lesen, sieht keiner. Deshalb müssen sich Journalisten in die Fußgängerzonen setzen. Nicht nur für lächerliche Werbeaktionen, sondern immer wieder. Wir müssen aus den Bildschirmen der vielen tausend Smartphones zurück auf die Straße klettern.

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Das CORRECTIV-Team Bottrop: Bastian Schlange, Anna Mayr, Marcus Bensmann, Hüdaverdi Güngör (v.l.)

Correctiv.Ruhr

Im Medical Center in Düsseldorf ist auch die GrandArc Apotheke als Tochterfiliale der Alten Apotheke Bottrop untergebracht.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Düsseldorfer Praxen bekamen Krebsmedikamente vom Alten Apotheker Peter S.

Zwei Düsseldorfer Praxen bezogen ihre Medikamente aus der Alten Apotheke von Peter S.. Sie versorgten über 900 Krebspatienten mit diesen Arzneien. Bis heute wissen viele dieser Patienten das nicht – so ergeben es unsere Recherchen.

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von Bastian Schlange , Anna Mayr , Marcus Bensmann

Das Medical Center in Düsseldorf und die Alte Apotheke in Bottrop haben von außen nichts miteinander zu tun. Das Medical Center erhebt sich vor den Besuchern zum Himmel und wirft ihnen ein Spiegelbild aus Glas und Stahl entgegen. Die Alte Apotheke, etwa 50 Kilometer weit entfernt, sieht verschlafen aus. In der Alten Apotheke mit dem rosa Anstrich und den Schnörkeln an der Fassade panschte Peter S. Infusionen mit Krebsmedikamenten. Von dort lieferte er sie nach Düsseldorf, ins Medical Center – an den anerkannten Brustkrebs-Spezialisten Mahdi Rezai.

Wir nennen hier erstmals den Namen eines Arztes, der die gepanschten Medikamente aus Bottrop an seine Patienten weitergab. Warum – das erklären wir weiter unten. Zunächst erklären wir den Fall:   

Der anerkannte Brustkrebs-Spezialist Mahdi Rezai leitet das Europäische Brustzentrum, das ans Düsseldorfer Luisenkrankenhaus angegliedert ist. Peter S. mischte die Infusionen für etwa 900 von Rezais Patientinnen, etwa seit 2011. Die Krebsmedikamente wurden aus der Alten Apotheke in Bottrop nach Düsseldorf geliefert. Zeugen berichten von regelmäßigen Botenfahrten – denn die Medikamente müssen genau auf den Patient abgestimmt und kurzfristig verabreicht werden.

Die Staatsanwaltschaft Essen wirft Peter S. vor, über 60.000 Krebsmedikamente gepanscht zu haben. Die Arzneien sollen keinen oder viel zu wenig Wirkstoff enthalten haben. Seine Lieferungen gingen in fünf Bundesländer.

Lieferungen nach Düsseldorf

Und eben auch nach Düsseldorf – zu den Patientinnen des Brustkrebs-Spezialisten Mahdi Rezai und an die Urologie am Malkasten. In der Urologie sind allerdings nur etwa 33 Patienten betroffen. Die Namen dieser Praxen bestätigte uns auf Anfrage auch die Stadt Düsseldorf. Das örtliche Gesundheitsamt sei erst Anfang September über die Namen der belieferten Praxen informiert worden, sagte ein Sprecher der Stadt.

Peter S. sitzt bereits seit November 2016 in Untersuchungshaft. Die Dimension des Falles ist seit Monaten bekannt. Doch noch immer wissen Patienten nicht, dass sie von den Panschereien des Alten Apothekers aus Bottrop betroffen sein könnten. Die Autos, die die Krebsmedikamente aus Bottrop ins Medical Center lieferten, waren wahrscheinlich selten länger als eine Stunde unterwegs. Die Informationen über die betroffenen Praxen haben ein Dreivierteljahr gebraucht, bis sie Düsseldorf erreichten. Das sind Monate, in denen betroffenen Patienten ihr Recht auf Gewissheit verwehrt blieb.

Dass es eine Verbindung zwischen Düsseldorfer Ärzten und dem Bottroper Apotheker geben könnte, war bis jetzt nicht öffentlich bekannt. Auch die Ärztekammer Nordrhein, die für Düsseldorf zuständig ist, habe die Liste der Ärzte erst Anfang September erhalten, sagt ein Sprecher. Man befände sich noch in Beratungen, wie mit der Information umzugehen sei. Daher könne die Ärztekammer den Fall noch nicht kommentieren.

Verantwortung bei Ärzten

Für die Patienten ist die Unwissenheit fatal. Sie können sich keinen medizinischen Rat holen, sie können sich nicht juristisch zur Wehr setzen. Sie müssen wissen, was los ist.

Doch offenbar hat die meisten Patienten bis heute, niemand ausreichend informiert.

Das Gesundheitsamt sagt, die Namen und die Zahl „der möglicherweise betroffenen Patienten“ seien nicht bekannt. Man habe keine Rechtsgrundlage, um mögliche Betroffene zu benachrichtigen: „Eine Information der Patienten ist aus hiesiger Sicht nur durch die behandelnden Ärzte möglich.“

Großteil der Patienten nicht informiert

Allerdings ist unklar, ob die Ärzte in den beiden Praxen wirklich alle möglicherweise betroffenen Patienten in Düsseldorf informiert haben. Denn anders als in Bottrop, sind die Menschen in Düsseldorf auf eine aktive Information durch die Ärzte dringend angewiesen. In Bottrop wissen die Menschen, welche Ärzte die gepanschten Mittel verabreicht haben. Die Patienten können sich aus eigenem Antrieb bei ihrer Praxis melden.

In Düsseldorf ist das anders. Ein unbedachter Patient wird nicht wissen, wo seine Medikamente herkamen. Er wird nicht einmal ahnen, dass er möglicherweise betroffen ist.

Die Menschen sind darauf angewiesen, dass die Praxen von sich aus die Patienten informieren.

Aus Gesprächen mit Mitarbeitern des Europäischen Brustzentrums, das Mahdi Rezai leitet, wissen wir, dass sich tatsächlich einzelne Patienten an die Praxis Rezai gewandt haben. Sie wussten aus eigener Erinnerung, dass sie eine Chemotherapie aus der Alten Apotheke bekommen hatten. Vielleicht hatten sie die Rechnungen der Krankenkasse im Kopf. Oder sie haben sich daran erinnert, was auf den Beuteln stand, deren Inhalt in ihre Blutbahn floss – mit dem Auftrag, sie von Krebs zu heilen. Mit diesen Patienten, die sich erinnern konnten, habe Rezai dann auch Gespräche geführt.

Es heisst aus der Praxis von Rezai auch, dass die Staatsanwaltschaft seine Praxis am 29. November, dem Tag der Festnahme von Peter S., kontaktiert habe. Es sei eine Liste von fünf Mitteln genannt worden, die unter dem Verdacht standen, gepanscht zu sein. Das Zentrum von Rezai habe die Patienten, die mit diesen Mitteln behandelt wurden, aber nicht aus eigenem Antrieb heraus informiert. Nur wer gefragt hat, bekam eine Antwort. Der Grund für diese zurückhaltende Information sei gewesen, die betroffenen Frauen nicht unnötig aufzuregen.

Viele wissen also gar nicht, dass sie betroffen sind.

Wir haben Rezai mehrmals telefonisch und per Email zu dem Sachverhalt befragt, aber er hat nicht reagiert.

Die zweite Praxis in Düsseldorf, deren Patienten Infusionen aus Bottrop bekamen, ist die Urologie am Malkasten. Dort haben mindestens 33 Patienten möglicherweise gepanschte Medikamente erhalten, wegen derer Peter S. heute in Untersuchshaft sitzt. Als wir nachfragten, ob die Urologie die 33 betroffenen Personen bereits darüber informiert hat, blockte eine Vertreterin die Anfrage ab. Die Praxis wolle auf eine „solche Anfrage nicht reagieren“, schrieb sie und bat darum, sie in dieser Angelegenheit nicht mehr „zu kontaktieren“.

Keine Gewissheit oder Transparenz

Wir von CORRECTIV haben lange überlegt, ob wir Informationen über Ärzte veröffentlichen sollen, die gepanschte Arzneien aus der Alten Apotheke bekommen haben. Am Ende haben wir uns dafür entschieden.

Nach unseren Recherchen sind viele Patienten oder Angehörige von Verstorbenen der beiden Düsseldorfer Praxen nicht aktiv informiert worden. Bei Zebra, einer Beratungsstelle für Brustkrebspatientinnen, haben die Mitarbeiterinnen nichts davon gehört, dass Praxen aus Düsseldorf Krebsmedikamente aus Bottrop bezogen hätten. Das sagt die Leiterin von Zebra, die Ärztin Ingrid Resch.

Sie müsste es wissen. Ihre Organisation ist eine Erstanlaufstelle für Frauen mit Brustkrebs. Nach eigenen Angaben suchen jährlich rund tausend Frauen das Beratungsangebot von Zebra auf. In der Beratungsstelle treffen sich auch Selbsthilfegruppen. Die meisten Patientinnen, die hier beraten werden, kommen aus NRW, vor allem aus Düsseldorf.

Psychische Tortur für Opfer

Wir arbeiten seit sechs Wochen in unserer mobilen Lokalredaktion in Bottrop. Da es keine offizielle Anlaufstelle für Betroffene gibt, kommen viele zu uns. Daher wissen wir, welche psychische Tortur die Ungewissheit für viele Menschen bedeutet. Alte Wunden, die der eigene Krebs oder der Verlust eines geliebten Menschen verursacht haben, reißen wieder auf.

Auf der anderen Seite wollen wir die Betroffenen nicht in Zweifel und Unsicherheit bringen. Eigentlich wäre es Aufgabe der Ärzte und der Behörden, die Menschen zu informieren und ihnen Hilfe anzubieten. Sie müssen jedem erklären, was diese Information für ihn individuell bedeutet. Was er medizinisch oder rechtlich tun kann. Ob vielleicht ein neuer Behandlungsversuch möglich ist für Patienten, die als therapieresistent galten, weil gepanschte Medikamente keine Heilung brachten.  

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Laumann kommt Versprechen nicht nach

Aber genau diese aktive Information passiert nicht. Im Gegenteil. Nachdem wir die Dimension des Skandals gemeinsam mit dem ARD-Magazin Panorama enthüllt haben, versprach NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU): „Wir werden uns jetzt sofort darum kümmern, dass wir an die Adressen dieser Menschen kommen und dann werden wir sie selbstverständlich informieren.“ Dann schob Laumann die Verantwortung direkt weiter. „Wenn wir die Behörden, die Ärzte und Krankenhäuser, die die Medikamente verabreichten, informiert haben, dann ist es auch deren Aufgabe, ihre Patientinnen und Patienten zu informieren. Ich finde, das ist für einen Behandler schlicht die Pflicht, dieses zu tun.“

Laumann hat also versprochen, die Informationen zu den betroffenen Patienten zu besorgen und an die Ärzte weiterzuleiten. Diese sollten dann ihre Patienten informieren. Doch das ist bisher nicht ausreichend geschehen. Und Laumann kann den Ärzten nicht vorschreiben, was sie ihren Patienten zu sagen haben.

Ärzte schweigen

Ein betroffener Arzt sagt, dass es kaum möglich sei, über den Krankheitsverlauf darauf zu schließen, ob ein Patient seine Wirkstoffe in der richtigen Dosierung erhalten habe. Das liege an der „Schicksalhaftigkeit der Krebserkrankung“. Jeder Krebs verlaufe schließlich anders. Auch er hat die Medikamente aus der Alten Apotheke bezogen und auch er hat seine Patienten nicht von sich selbst heraus informiert. Nach Informationen von CORRECTIV bekamen zwischen 2009 und 2016 über 150 seiner Patienten Medikamente von Peter S. Der Arzt könne aber bis heute nicht mit Gewissheit sagen, ob die Medikamente im konkreten Fall gepanscht gewesen seien oder nicht. 50 Patienten haben von sich aus bei ihm nachgefragt, weil sie den Namen der Alten Apotheke auf ihren Rechnungen der Krankenkasse gefunden hatte. Mit diesen Patienten habe er auch Gespräche geführt. Mit den anderen nicht.

Ein Bottroper Arzt erklärte CORRECTIV, warum so viele Ärzte schweigen: Er allein könne in seiner Praxis gar nicht die notwendigen Gespräche mit allen Patienten führen. Es seien zu viele. Deswegen informiere er nicht von sich aus, sondern lade nur die Patienten zu einem Gespräch, die selbst auf ihn zukommen. Auch dieser Arzt will anonym bleiben.

Ratlosigkeit in Bottrop

Während unserer Arbeit in Bottrop haben wir keinen einzigen Betroffenen oder Angehörigen kennengelernt, der aktiv von seinem Arzt informiert wurde. Die meisten Ärzte informieren nur, wenn der betroffene Patient von sich aus fragt, ob er Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke bezogen hat. Etliche Angehörige von verstorbenen Krebspatienten müssen geradezu Ärzte betteln, um verlässliche Informationen und Krankenakten zu den Behandlungen ihrer Lieben zu bekommen.    

In Bottrop ging der Skandal um Peter S. durch alle Medien, er ist Stadtgespräch. Hier wissen die Leute an wen sie sich wenden müssen.

In einer Stadt wie Düsseldorf, in einem Gebäude wie dem Medical Center, kommt niemand von alleine darauf, dass er selbst – oder der verstorbene Partner, die Mutter, der Vater – betroffen sein könnte. Wer nicht in Bottrop wohnt, hätte nach längst abgehefteten Abrechnungen suchen müssen, um sich Gewissheit zu verschaffen. Dass man darauf als Düsseldorfer Patient nicht kommt, ist verständlich.

Deshalb veröffentlichen wir hier erst einmal auch nur die Namen der Düsseldorfer Ärzte. Weil es dort für die Patienten unvorstellbar ist, dass ihre Medikamente aus Bottrop hätten kommen können.

Lediglich einen Arzt haben wir gefunden, der sagt, er habe seine Patienten von sich vollständig aus informiert. Roman Verfürth aus Rheinland-Pfalz hatte fünf Patienten, die Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen hatten. Zwei davon seien mittlerweile verstorben. Auch deren Angehörigen habe er von sich aus informiert. Das ist vorbildlich.

Verantwortung für den Fall will derzeit kaum jemand übernehmen. Es ist leicht, Peter S. zum Monster zu erklären, gegen das alle machtlos waren. Tatsächlich aber haben auch die Kontrollen massiv versagt.

Die Behörden verstecken sich nun hintereinander und tun zu wenig für eine umfassende Aufklärung. Dabei müssten die Patienten und die Angehörigen der bereits verstorbenen Patienten zumindest die Chance erhalten, sich juristisch zur Wehr zu setzen. Wenn es auch medizinisch keine Möglichkeiten mehr gibt, etwas zu ändern.

Der frühere Richter am Bundesverwaltungsgericht, Dieter Deiseroth, sagt: „Die mangelhaften Kontrollen der Behörden haben dazu beigetragen, dass der Skandal entstehen konnte. Durch die mangelhafte Informationspolitik der Behörden werden nun die Patienten ein zweites Mal in ihrem Recht verletzt: in ihrem Recht, sich zu wehren und mögliche Ersatzansprüche geltend machen zu können.“

Ärzte allein können Aufgabe nicht bewältigen

Nach Ansicht des bereits genannten Bottroper Arztes müsste eine Informationsstelle des Landes eingerichtet werden. Nur die Behörden können die notwendigen Kapazitäten bereitstellen, alle möglicherweise betroffenen Menschen im ganzen Land zu informieren. Von 2012 bis 2016 haben über 3700 Menschen Krebstherapien aus der Alten Apotheke erhalten.

Wir haben das Gesundheitsministerium in NRW gefragt, ob das Land eine Anlaufstelle für die rund tausend Betroffenen in Düsseldorf einrichten würde. Der Sprecher des Ministeriums sagte nein. Er verwies lediglich auf die Hotline, die das Gesundheitsamt in Bottrop eingerichtet hat. Man wolle keine Doppelstrukturen schaffen, sagte er.      

Diese Hotline hatte die Stadt Bottrop im Dezember vergangenen Jahres eingerichtet. Zunächst wurde hier sieben Monate lang eine Falschinformation verbreitet: Es seien nur fünf Wirkstoffe von den Panschereien betroffen. Viele Patienten, die aktiv nachfragten, wurden auf diese Weise fehlerhaft beruhigt. Dabei wusste das Gesundheitsamt der Stadt Bottrop seit mindestens Februar 2017, dass mehr Stoffe betroffen waren.

Tatsächlich wurden mindestens 49 Wirkstoffe gepanscht. Diese Information ergänzte die Stadt Bottrop allerdings erst nach der Berichterstattung von CORRECTIV im Sommer auf ihrer Internetseite. Die Stadt Bottrop selbst hatte sich zuvor monatelang nicht eigenständig um diese aktualisierte Liste bemüht.  

Keine spezielle Anlaufstelle für Düsseldorf

Die Düsseldorfer Patienten, ob sie nun betroffen oder nur verunsichert sind, sollen also in Bottrop anrufen, um sich Rat und Gewissheit zu holen.

Nach dem Willen von NRW-Gesundheitsminister Laumann soll die Ruhrgebietskommune Bottrop also einen der größten Medizinskandale in der Bundesrepublik alleine bewältigen.

Dass das nicht funktioniert, erleben wir derzeit.

Update: Nach Veröffentlichung der Geschichte hat sich Herr Dr. Rezai mit CORRECTIV zu einen Interview getroffen. Folgende Aussagen hat er dort getätigt.  Rezai sagt, “die Ärzte und die Patienten sind gleichermaßen Opfer des Skandals um die
Alte Apotheke“. Ein solches Verhalten durch einen Apotheker sprenge alle „Grenzen der Vorstellung“, sagt der Chirurg aus Düsseldorf.  Rezai hat nach dem Skandal nicht „proaktiv“ informiert, da „ich die geheilten Patienten nicht verunsichern wollte“, sagt Rezai, zumal immer noch nicht klar sei, welches Medikamentenzubereitungen aus der Alten Apotheke bei welchem Patienten gestreckt worden sei. So wurde es auch im vom Gesundheitsamt Bottrop mitgeteilt. Er habe in seiner Praxis keine Auffälligkeiten während des Heilungsprozess seiner Patienten festgestellt, die mit Krebsmitteln aus der Alten Apotheke beliefert worden seien, sagt Rezai.

Hotline des Gesundheitsamtes in Bottrop: 0 20 41 / 70 44 88

 

Alte Apotheke

Es gab schon 2013 eine Anzeige gegen Peter S. – die Ermittlungen dauerten nur 14 Tage

Unterdosierte und abgelaufene Krebsmedikamente – schon vor dreieinhalb Jahren wurden diese Vorwürfe gegen Peter S. zur Anzeige gebracht. Aber die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen ein.

von Hüdaverdi Güngör , Anna Mayr

Am 2. Dezember 2013 wurde gegen Peter S. eine Anzeige gestellt. Die Vorwürfe gleichen denen, die jetzt auch gegen ihn erhoben werden. Allerdings wurden die Ermittlungen gegen S. 14 Werktage später eingestellt, am 19. Dezember 2013. Nur 14 Werktage, um Vorwürfe zu prüfen, aus denen man hätte folgern können, dass es nicht nur um Steuerhinterziehung, sondern auch um Körperverletzung gehen könnte.

CORRECTIV liegt das Schreiben vor, mit dem die Staatsanwaltschaft Essen die Anzeige ablehnte. Die Begründung dafür: Man hätte keine Beweise. Dabei wäre es anhand der Vorwürfe damals schon möglich gewesen, S. zu überführen. Rund 3000 Krebspatienten haben in den dreieinhalb Jahren nach dieser ersten Anzeige Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen. Peter S. hat damit Millionen Euro verdient.

Konkrete Vorwürfe

Der Mann, der die Anzeige damals gestellt hat, sagt, dass er selbst nicht in der Apotheke beschäftigt war. Was dort passierte, habe er allerdings schon seit 2002 gewusst. Als Quelle gibt er einen Labor-Mitarbeiter von Peter S. an.

Tatsächlich waren die Vorwürfe in der gestellten Anzeige konkret formuliert. Krebsmedikamente würden „abweichend von der ärztlichen Verordnung falsch bzw. niedriger dosiert an die Ärzte geliefert bzw. den Patienten verabreicht.“ Außerdem enthielt die Anzeige den Vorwurf, dass abgelaufene Medikamente weiterverwendet würden.

Keine Beweise

Das Fazit nach 14 Tagen Ermittlungen: Den Tatverdacht wegen Steuerhinterziehung durch Falschdosierung von Krebsmedikamenten könne man nicht nachweisen, schrieb die Staatsanwaltschaft Essen. Die Ermittler verstanden schon, dass Peter S. durch die Unterdosierung viel Geld verdienen könnte. Aber wie viel Geld genau, das könne man nicht nachvollziehen – „aufgrund der Vielzahl der eingesetzten Inhaltsstoffe und der unterschiedlichen Lieferanten.“ Übersetzt heißt das eigentlich nur, dass die Staatsanwaltschaft gewissermaßen kapitulierte. Dass S. mit der Unterdosierung Menschen schaden könnte, darum geht es in dem Schreiben nicht. Man könne eben nicht berechnen, wie viel Geld Peter S. mit der Unterdosierung verdient.

Die Berechnungen des Whistleblowers Martin Porwoll beweisen aber das Gegenteil.

Im letzten Absatz des Schreibens heißt es, dass die zuständige Staatsanwältin die Ausführungen weitergeben wird – falls sich daraus ein Verdacht wegen Abrechnungsbetrugs gegenüber den Krankenkassen ergibt. Oder, falls sich daraus ein Verdacht wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz ergibt. Offensichtlich hat sich beides aber nicht ergeben. Sonst wäre Peter S. sicher schon zu einem früheren Zeitpunkt festgenommen worden.

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Dieselbe Staatsanwaltschaft

Auch in dem aktuellen Verfahren ist wieder die Staatsanwaltschaft Essen mit dem Fall Peter S. betraut. Martin Porwoll hatte seine Anzeige im Herbst 2016 ursprünglich an die Staatsanwaltschaft in Bochum gerichtet, die auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert ist.

UPDATE – 6.9.17, 21:40 Uhr: Die Staatsanwaltschaft in Essen erklärt den Vorgang folgendermaßen: Das Verfahren, das eingestellt wurde, hätte nicht den Vorwurf der Unterdosierung von Medikamenten oder des Abrechnungsbetrugs zum Gegenstand gehabt. Die Ermittlungen zu dieser speziellen Anzeige wurden also eingestellt, aber es folgten weitere Ermittlungen. 

Den Vorwürfen zum Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und wegen des Abrechnungsbetrugs sei man gesondert nachgegangen, so sagt es die Staatsanwaltschaft.

Dazu befragten die Ermittler sowohl den Hinweisgeber, der die initiale Anzeige gestellt hatte, als auch seine Quelle, von der er die Informationen hatte. So wurde es gemacht, da der Hinweisgeber ja eben nur aus dritter Hand berichtete. Seine Quelle, eine damalige Angestellte von Peter S., bestätigte die Vorwürfe aber nicht. 

Nach den Angaben der Angestellten schloss die Staatsanwaltschaft darauf, dass der ursprüngliche Hinweisgeber ein Motiv für die Anzeige gegen Peter S. hatte: Man ging von einem „Rosenkrieg“ zwischen ihm und der Angestellten aus. Auch Peter S. wurde im Lauf dieser Ermittlungen vernommen. 

Elf Monate später, also im November 2014, wurden dann auch diese Ermittlungen eingestellt. 

Die Staatsanwaltschaft sagt weiterhin, dass die Ausgangslage damals eine andere war: Die Beweise und die Angaben des Hinweisgebers waren nicht so eindeutig, wie es 2016 der Fall war. Die Beweislage sei deshalb nicht geeignet gewesen, um einen Durchsungsbeschluss zu erwirken. 

49 Stoffe von insgesamt 138, die im Reinlabor der Alten Apotheke verarbeitet wurden, stehen auf der Liste des Gesundheitsamts.© Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

Alte Apotheke

Sieben offene Fragen zu den gepanschten Medikamenten

Die Stadt Bottrop hat eine Liste mit 49 Wirkstoffen erstellt, die nachweislich in der “Alten Apotheke” gepanscht wurden. Damit wollte man die Patienten beruhigen und informieren. Auch wir haben uns an diese Liste gehalten – allerdings haben wir festgestellt, dass sie viele Fragen aufwirft. Wir haben die Staatsanwaltschaft und die Stadt Bottrop damit konfrontiert.

von Anna Mayr

Hier geht es zur Liste des Gesundheitsamts Bottrop.

1. Peter S. soll farbige Medikamente gepanscht haben – warum hat das niemand gesehen?

Auf der Liste stehen zwei Wirkstoffe, die man eigentlich nicht panschen kann: Epirubicin und Doxorubicin. Denn diese Wirkstoffe sind rot. Eine Infusionslösung, in der sie enthalten sind, ist demnach auch rot. Man könnte Panscherei mit dem Auge erkennen. Wir haben dazu einen Onkologen befragt. Er sagt: Bei farbigen Wirkstoffen müsste man mindestens 70 Prozent reintun – sonst könne der Apotheker auch direkt selbst zur Polizei gehen. Denn geschultes Personal müsste erkennen, wenn die Infusionslösung rosa statt rot ist. Allerdings hat Peter S. weniger als 70 Prozent von Doxorubicin eingekauft – das hat die Staatsanwaltschaft ausgerechnet. Warum ist es dann niemandem aufgefallen, dass die Lösungen nicht rot waren, sondern rosa? Warum hat in den Arztpraxen kein Mensch die Unterdosierung bemerkt? Die Staatsanwaltschaft sagt dazu: „Die behandelnden Ärzte und ihre Mitarbeiter sind nicht Beschuldigte.“

2. Peter S. soll auch sehr billige Mittel gepanscht haben. Ging es ihm wirklich nur ums Geld?

Carboplatin steht auf der Liste der gepanschten Wirkstoffe. Carboplatin kostet etwa 50 Euro pro 100 Milligramm – es ist also günstig. Andere Wirkstoffe kosten in der gleichen Menge tausende Euro. Hat Peter S. also nicht nur gierig, sondern einfach grob fahrlässig gehandelt? Gab es einen Plan? Die Staatsanwaltschaft möchte sich an Spekulationen nicht beteiligen – Sprecherin Anette Milk sagt: „Wir haben kein Muster erkannt.“

3. Sind etwa doch nicht nur Krebspatienten betroffen?

Bei der Razzia am 29. November fand die Staatsanwaltschaft eine Spritze, in der Zoledronsäure unterdosiert war. Zoledronsäure bekommen auch Patienten, die an Osteoporose leiden. Außerdem hat Peter S. zu wenig Cyclophosphamid eingekauft – ein Wirkstoff, der selten auch bei Multipler Sklerose eingesetzt wird. Müssen sich nun auch die Patienten Sorgen machen, die Medikamente gegen Multiple Sklerose und Osteoporose bekommen haben? Die Antwort der Staatsanwaltschaft: „Eine Aussage über Indikationen haben wir nicht getroffen.“ Die Diagnosen der Patienten kenne man nicht. Andere Behörden müssen also für Aufklärung sorgen.

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Die folgenden Illustrationen zu den Wirkstoffen dienen zur Veranschaulichung der Geschichte. Sie sind keine genauen Piktogramme.

Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

4. Warum geht es immer nur um Krebsmedikamente, wenn Peter S. sogar Mittel gegen Übelkeit gepanscht hat?

Bei einer Chemotherapie wird den Patienten oft schlecht. Sie bekommen deshalb Dexamethason gespritzt, das ebenfalls auf der Liste steht. Es ist einfach, dieses Mittel gegen Übelkeit zu panschen, denn es kann den Ärzten nicht auffallen: Patienten reagieren sehr unterschiedlich auf Übelkeit, Raucher sind zum Beispiel abgehärtet. Bei der Razzia wurden in der Apotheke 66 Infusionen sichergestellt, die unterdosiert waren, davon waren 28 Infusionen mit Wirkstoffen gegen Krebs. Bleiben also 38 Infusionen mit anderen Medikamenten, die auch unterdosiert waren. Klingt soweit logisch: Denn wenn Patienten keine Krebsmedikamente bekommen, brauchen sie auch kein Mittel gegen Übelkeit.

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5. Warum wurden diese Mittel überhaupt in der Apotheke zubereitet?

Ein unabhängiger Onkologe sagt, dass es ungewöhnlich ist, Spritzen Dexamethason (gegen Übelkeit) und mit Zoledronsäure (gegen Osteoporose) in einer Apotheke mischen zu lassen. Normalerweise kaufen Ärzte aus der Apotheke nur die Ampullen, um die Spritzen selbst aufzuziehen. Aber allein bei der Razzia am 29. November muss die Staatsanwaltschaft zwei Spritzen mit Zoledronsäure und Dexamethason gefunden haben, sonst wären diese Wirkstoffe nicht auf der Liste. In der Anklageschrift, die CORRECTIV in Auszügen vorliegt, heißt es, dass Peter S. Fertigarzneimittel verdünnt haben soll, um sie erst dann auf die Spritzen zu ziehen.

6. Können Patienten, die an Arzneimittelstudien teilgenommen haben, sich sicher fühlen?

Der Onkologe Wolf Köster des Gemeinschaftskrankenhauses Witten-Herdecke sagte auf einer Veranstaltung von Correctiv, dass er sich nicht vorstellen könne, dass Panscherei innerhalb von Studien möglich ist. Die Ergebnisse der Razzia können diese Annahme zumindest teilweise bestätigen. In der Anklageschrift heißt es, dass von 29 Antikörpertherapien, die in der „Alten Apotheke“ sichergestellt wurden, nur eine die volle Dosierung enthielt – und diese war für eine Studie vorgesehen.

7. Wer fühlt sich final für die Liste verantwortlich?

Die Liste mit den 49 Wirkstoffen hat das Gesundheitsamt der Stadt Bottrop erstellt. Dafür hat es die Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft verwendet. Deshalb lässt sich jetzt die Verantwortung gut hin- und herschieben. Die Stadt Bottrop sagt, dass die Liste sich noch verlängern kann: Aufgrund der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und des Prozessverlaufs. Die Staatsanwaltschaft hingegen sagt: Die Liste, damit haben wir nichts zu tun, denn die hat ja die Stadt Bottrop erstellt – und die Ermittlungen sind sowieso längst abgeschlossen.

In der Kostenloszeitung "Mittendrin!" zweifelt die Stadt Bottrop Correctiv-Recherchen an.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Gepanschte Krebsmedikamente: Wie viele Patienten sind möglicherweise betroffen?

Die Stadt Bottrop stellt die Zahl der Patienten in Frage, die von Peter S. Medikamente bekommen haben. Anstatt sich für die Betroffenen einzusetzen, zweifelt die Stadt die Recherchen von CORRECTIV an.

von Bastian Schlange , Anna Mayr

In der kostenlosen Wurfsendung „Mittendrin!“, die an Bottroper Haushalte verteilt wird, wirft der Sprecher der Stadt Bottrop, Andreas Pläsken, CORRECTIV vor, irreführende Zahlen zu den betroffenen Patienten und gepanschten Medikamenten im Skandal um die Alte Apotheke zu verbreiten.

„Laut ARD-Magazin Panorama und Recherchezentrum CORRECTIV soll es 3700 betroffene Patienten geben“, sagte Pläsken in der aktuellen Samstagsausgabe von Bottrop „Mittendrin!“. Er beruft sich dabei auf die Staatsanwaltschaft, die von einer niedrigeren Zahl spricht. Pläsken zweifelt auch daran, wie viele Wirkstoffe Peter S. gepanscht haben soll. Er kenne nur die Zahl „34“ – „Auch hier nennen Panorama und CORRECTIV viel höhere Zahlen.“ (Konkret nennen wir von CORRECTIV 49 oder mehr Wirkstoffe). Pläsken: „Ich frage mich, woher sie die haben.“

Die Aufgabe der Staatsanwaltschaft

Grundsätzlich: Die Staatsanwaltschaft Essen ist nicht dafür zuständig, den ganzen Skandal aus medizinischer Sicht aufzuklären. Die Staatsanwaltschaft muss nur genügend Beweise zusammentragen, um den Angeklagten Peter S. wegen Betrugs und Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu belangen. Sie muss nicht dafür sorgen, dass Patienten darüber informiert werden, ob sie betroffen sind. Sie muss dafür sorgen, dass Peter S. bestraft wird.

Deshalb hat die Staatsanwaltschaft auch nur die Buchführung der Alten Apotheke aus den Jahren 2012 bis 2016 überprüft. Sie hat geprüft, ob Peter S. weniger Wirkstoffe eingekauft hat, als er verkauft hat. Betrugsfälle, die länger als fünf Jahre zurückliegen, kann die Staatsanwaltschaft nicht mehr zur Klage bringen. Sie gelten als verjährt. Deswegen hat sie diese nicht untersucht. Selbst wenn damals Patienten von der Panscherei betroffen waren. Die Staatsanwaltschaft hat also nur den Zeitraum von 2012 an untersucht.

Kommen wir zu den Tatsachen. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat Peter S. in seinem speziellen Reinraumlabor 138 Wirkstoffe zu Krebstherapien angemischt. Von diesen 138 Wirkstoffen gehörten 74 zu den sogenannten Zytostatika, speziellen Krebsmedikamenten. Das sagt die Staatsanwaltschaft auf unsere

Presseanfrage zur Medikamentenliste

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Die folgenden Illustrationen zu den Wirkstoffen dienen zur Veranschaulichung der Geschichte. Sie sind keine genauen Piktogramme.

Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

Für diese 74 Wirkstoffe hat die Staatsanwaltschaft die Buchhaltung der vergangenen fünf Jahre überprüft. In diesem Zeitraum waren es 35 Wirkstoffe, bei denen die eingekaufte Menge lediglich 70 Prozent oder weniger entsprach als die verkaufte Menge. Das bedeutet: 35 Wirkstoffe gegen Krebs hat Peter S. demnach verdünnt oder ganz ohne Wirkstoff verkauft.

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Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

Weitere Stoffe durch die Razzia

Bei ihrer Razzia am 29. November 2016 in der Alten Apotheke stellten Ermittler zusätzlich 117 fertige Therapiebeutel und Spritzen sicher. Medikamente, die Peter schon angerührt hatte. Bei mehr als der Hälfte dieser Mischungen stimmten die Inhalte und Dosierungen nicht. Die Stadt Bottrop hat die betroffenen Wirkstoffe – insgesamt 14 – in ihrer Liste mit aufgenommen und damit die Liste der gepanschten Wirkstoffe auf 49 erweitert.

Diese Zahl scheint Stadtsprecher Pläsken nicht zu kennen, obwohl die Liste mit den 49 Wirkstoffen auf der Website des Gesundheitsamts Bottrop veröffentlicht wurde.

1300 Betroffene in Bottrop

Nach den Kriterien der Staatsanwaltschaft, die in erster Linie wegen Betrugs ermittelt, sind lediglich die Patienten betroffen, die im Zeitraum 2012 bis 2016 einen der 35 Wirkstoffe aus der Alten Apotheke erhalten haben.

Man sollte aber von mindestens 49 Wirkstoffen ausgehen – da für diese Wirkstoffe Panschereien nachweisbar sind. Wenn man sich anschaut, wer Medikamente mit diesen Wirkstoffen aus der Alten Apotheke bekommen hat, findet man mehr als 3700 Menschen in sechs Bundesländern. Dies geht aus Unterlagen hervor, die den Ermittlern vorliegen. Allein die Onkologen in Bottrop haben über 31.000 Infusionsbeutel für mehr als 1300 Patienten aus der Apotheke von Peter S. erhalten.

Die Zahlen sind höher

Diese Zahlen sind aber aus folgenden Gründen immer noch zu niedrig: Peter S. betrieb seit 2001 ein Zytolabor in der Alten Apotheke und verkaufte Krebsmedikamente. Seit 2009 war er Inhaber der Apotheke. Unstimmigkeiten beim Ein- und Verkauf finden sich nicht nur in den juristisch relevanten fünf Jahren.

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Schaut man in die Unterlagen der Ermittler, sind tatsächlich seit 2009 bundesweit über 5600 Patienten betroffen. Und wenn man bis 2005 zurückschaut, sind es sogar über 7300 Patienten. Aus medizinischer Sicht und in Bezug auf die Aufarbeitung des Falls ist der Ansatz der Staatsanwaltschaft also nicht relevant. Stattdessen muss man sich die Zahl der Menschen anschauen, die tatsächlich betroffen sind und möglicherweise gepanschte Medikamente aus der Alten Apotheke bekommen haben.

Und genau das passiert leider immer noch nicht von Seiten der Behörden. Im Dezember 2016 wurden auf der Seite des Gesundheitsamts Bottrop fünf Wirkstoffe veröffentlicht. Das waren aber nur die Wirkstoffe, die der Whistleblower Martin Porwoll als Beweis vorgelegt hatte, als er die Anzeige gegen Peter S. einreichte. Diese Liste wurde erst nach unserer Berichterstattung mit Panorama im Juli 2017 – also sieben Monate später – auf 49 Wirkstoffe erweitert. Pläsken sagte gegenüber „Mittendrin!“: „Wir von der Stadt Bottrop haben lange dafür gekämpft, um die Wirkstoffe von der Staatsanwaltschaft zu erhalten.“ Das ist so nicht richtig und geht auch nicht aus den Unterlagen hervor. Im Gegenteil monatelang ist nichts an Aufklärung in Bottrop geschehen – obwohl das Landeszentrum Gesundheit NRW bereits Ende Januar 2017 darüber informierte, dass mehr als fünf Wirkstoffe von der Panscherei betroffen sind.

Eine Warnung für alle Stoffe

Aus medizinischer Sicht ist es nicht nachvollziehbar, dass die Stadt Bottrop und die zuständigen Gesundheitsbehörden keine generelle Warnung vor sämtlichen Wirkstoffen herausgegeben haben, die aus der „Alten Apotheke“ kamen. Denn auch die Zusammenstellung der 49 gepanschten Wirkstoffe wirft Fragen auf.

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Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

Etwas mehr als die Hälfte der 138 Wirkstoffe – nämlich nur die 74 Zytostatika – wurden von der Staatsanwaltschaft konkret durchgerechnet. Die übrigen Stoffe, Begleitmedikamente für Krebsbehandlungen aber auch andere Wirkstoffe, wurden nicht durchgerechnet. Und das, obwohl auch einige Mittel gegen Übelkeit genauso teuer sind wie Chemotherapien. Bei der Razzia in der Apotheke wurden auch Wirkstoffe gefunden, die nicht zu den Wirkstoffen gegen Krebs zählten aber trotzdem falsch dosiert waren. Zum Beispiel Dexamethason, ein Mittel gegen Übelkeit. Außerdem fand man weitere gepanschte Zytostatika – Wirkstoffe, die eigentlich nach Berechnung der Staatsanwaltschaft als sicher galten.

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Correctiv.Ruhr/Tina Jakob

Wir hätten von der Stadt Bottrop erwartet, dass sie den Skandal aus eigener Kraft versucht aufzuklären. Dass sie versucht, die Missstände rund um die „Alte Apotheke“ ans Licht zu bringen. Und dass sie mit anderen Behörden alles daran setzt, die betroffenen Patienten zu informieren. Stattdessen macht die Aussage von Stadtsprecher Andreas Pläsken im Kostenlosblatt „Mittendrin!“ klar: Der Wille, dem Skandal mit voller Offenheit, Transparenz und Konsequenz zu begegnen, existiert nicht. Stattdessen versteckt sich die Stadt Bottrop hinter einer anderen Behörde, der Staatsanwaltschaft; einer Behörde, die nicht den Zweck verfolgen kann, den ganzen Skandal aufzuarbeiten. Dies müsste schon die Stadt Bottrop leisten.

Weitere Zweifel an der Wirkstoffliste haben wir hier zusammengefasst

Die Kontrolle der Apotheke in NRW soll nach dem Skandal in Bottrop verschärft werden.

Die Kontrolle der Apotheke in NRW soll nach dem Skandal in Bottrop verschärft werden.© Michel Weigel /CORRECTIV.ORG

Alte Apotheke

Apotheken-Kontrollen: Ein Erlass ohne Wirkung

Gesundheitsminister Laumann wollte die Apotheken-Kontrolle in NRW verbessern. Dafür hat er einen Erlass aufgesetzt. Auslöser war der Fall der “Alten Apotheke” in Bottrop und die in Kritik geratene Kontrollkette von Krebsmedikamenten. Die zuständigen Behörden in NRW sagen aber: Der Minister hat noch gar nichts verändert. Welchen Sinn und Zweck hat also der Erlass?

weiterlesen 8 Minuten

von Anna Mayr

Es ist niemandem aufgefallen, dass der Apotheker Peter S. über Jahre hinweg Krebsmedikamente gepanscht hat. Jetzt fordern viele Betroffene und ihre Angehörigen, dass man die Kontrollen der Apotheken verbessern muss. Darauf wollte der neue Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) reagieren. Also hat er einen Erlass geschrieben und an die Gesundheitsämter in Nordrhein-Westfalen geschickt. Die Nachricht: Alles wird jetzt besser kontrolliert, alle Gesundheitsämter müssen ihre Kontrollen neu ausrichten. Aber tatsächlich verändert der Erlass nichts. Außer, dass in den Behörden alle verwirrt sind. Jeder scheint Laumanns Erlass anders zu interpretieren.

Kaum Kontrollen ohne Ankündigung

Simone Schmidt ist Amtsapothekerin der Stadt Köln. Als Amtsapothekerin ist sie dafür zuständig, Apotheken zu kontrollieren. Sie sagt aber, dass der Erlass von Laumann nur bekräftigt, was bereits besteht – nämlich dass unangemeldete Kontrollen von Apotheken möglich sind. Das war vorher auch schon so. Die Amtsapotheker durften auch schon immer die sterilen Räume kontrollieren, in denen die Apotheker Medikamente zubereiten und Proben aus den Zubereitungen ziehen. Auch ohne Ankündigung. So steht es im Gesetz. Laumann hat das nur noch einmal in seinem Erlass wiederholt.

Allerdings scheint es, als würden die Amtsapotheker diese Möglichkeit schlichtweg nicht nutzen. Simone Schmidt selbst ist seit Ende 2014 Amtsapothekerin der Stadt Köln und hat noch keine solche unangemeldete Kontrolle in einem Reinraum mit Probenentnahme durchgeführt. Sie seien unüblich und würden nur gemacht, wenn konkrete Hinweise bei den Behörden eingingen.

Alles wie es war

Laumann erhöht nicht die Taktung der Kontrollen, auch schreibt er nichts vor. Kein Amtsapotheker muss unangemeldete Kontrollen durchführen – er darf lediglich. So steht es im Gesetz, so stand es dort auch schon vor dem Erlass. Pflicht ist wie schon zuvor: Normale Apotheken werden alle vier Jahre kontrolliert – mit Ankündigung. Und Apotheken, die besondere Aufgaben haben, wie zum Beispiel ein Labor für Krebsmedikamente, werden alle drei Jahre kontrolliert – mit Ankündigung.

Alles bleibt, wie es war. Also wird es wohl keine häufigeren, unangemeldeten Kontrollen geben. Ein Sprecher des Kreises Unna sagt, dass unangemeldete Kontrollen eben schwierig zu realisieren seien. Vor allem in sterilen Räumen, in denen Krebsmedikamente hergestellt werden: „Da kann man ja nicht einfach so reinplatzen.“ Der Apotheker Peter S. hatte übrigens in Hemd und Sakko im sterilen Raum gearbeitet. Und seinen Hund mit hineingenommen.

Kein Mittel gegen kriminelle Energie

Rainer Kundt aus Essen macht sich Sorgen um den neuen Erlass. Er ist Leiter des dortigen Gesundheitsamts. Die zwei Amtsapotheker, die bei ihm arbeiten, sind für drei Städte zuständig: Essen, Mülheim und Oberhausen. Auch sie machen höchstens zehn unangekündigte Kontrollen im Jahr. Kundt findet, dass unangekündigte Kontrollen keinen Sinn machen, weil nicht zu jeder Zeit kompetentes Personal in der Apotheke ist. „Wir brauchen ja jemanden, den wir auf Kritik und Rückfragen ansprechen können“, sagt er. Er denkt außerdem, dass der Skandal um Peter S. auch mit unangemeldeten Kontrollen „nur sehr schwer zu verhindern“ gewesen wäre. Denn wo so viel kriminelle Energie vorhanden sei, da würden auch Kontrollen kaum helfen. Unangemeldete Besuche würde seine Behörde kaum machen. „Weil wir einerseits Vertrauen zu den Apothekern haben und weil wir bei den Kontrollen vernünftige Leute antreffen wollen.“

Minister Laumann hat in seinem Erlass außerdem angekündigt, dass in Zukunft sogenannte „Rückläuferbeutel“ kontrolliert werden sollen. „Das ist die einzige wirklich neue Regelung im Erlass“, sagt eine Sprecherin des Düsseldorfer Gesundheitsamts. Der Apotheker Peter S. ist durch den Test eines Rückläuferbeutels aufgeflogen. Eine Mitarbeiterin stahl den Beutel in der Apotheke und brachte ihn als Beweisstück zur Polizei.  Wenn Patienten ihre Infusionen nicht bekommen, gehen die Infusionsbeutel zurück in die Apotheken. Das kann passieren, wenn die Patienten zu schlechte Blutwerte haben, um eine Chemo-Therapie aushalten zu können. Man kann diese Beute testen. Darauf, ob sie wirklich Wirkstoffe enthalten.

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Verwirrung bei den Kosten

Dieser Kontrollmechanismus macht Rainer Kundt aus Essen allerdings besonders unsicher. „Die Medikamente in diesen Beuteln kosten mehrere tausend Euro“, sagt er. Er sorgt sich, dass seine Behörde die Wirkstoffe dann bezahlen müsste. In Anbetracht der Tatsachen ist das aber nicht denkbar. Denn die Rückläufer kommen normalerweise auf den Sondermüll. Den Wirkstoff darin bezahlen die Krankenkassen – ganz egal, ob der Patient die Infusion wirklich bekommt oder nicht. Und die Krankenkassen haben wahrscheinlich großes Interesse daran, dass sich Fälle wie der von Peter S. nicht wiederholen. Peter S. hatte die Rückläuferbeutel nach Zeugenaussagen einfach ein zweites Mal an andere Patienten verkauft, anstatt sie zu entsorgen.

Aber eine wichtige Frage bleibt in Laumanns Erlass offen: Wer soll die Rückläuferbeutel aufbewahren? Die Apotheken? Die Onkologen? Eine Behörde? Und können die Apotheker überhaupt zur Rechenschaft gezogen werden, wenn in den Beuteln zu wenig Wirkstoff ist? Schließlich haben sie ja keine Kontrolle über die Infusionen mehr, sobald die die Apotheke verlassen. Also kann man sie juristisch nicht ganz so leicht verantwortlich machen, wenn etwas falsch dosiert sein sollte. So sagt es eine Sprecherin des Düsseldorfer Gesundheitsamts.

Sicher ist immerhin, wer die Proben kontrollieren soll: Das Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen. Das regelt Laumanns Erlass sehr deutlich. Die Analyse einer Probe kann laut Angaben des Düsseldorfer Gesundheitsamts mehr als 1000 Euro kosten.

Unterstützung vom Verband der Zyto-Apotheker

Für die Stadt Bottrop ist der Amtsapotheker des Kreises Recklinghausen zuständig. Allerdings kann das dortige Gesundheitsamt zu dem Erlass bis jetzt noch nichts sagen. Die zuständige Vorsitzende ist gerade im Urlaub.

Der Verband der Zyto-Apotheken unterstützt den Erlass von Herrn Laumann. Er weist aber darauf hin, dass es keine Kontrollmechanismen gebe, die kriminelles Verhalten in jedem Fall verhindern können.

In der kommenden Woche werden die Amtsapotheker der Bezirksregierung Düsseldorf besprechen, was der Erlass von Laumann nun für sie bedeutet. Rainer Kundt sagt: „Wenn ich über die Kontrollen bestimmen könnte, würde ich zunächst mehr Personal fordern. Wir würden gerne mehr kontrollieren, aber wir brauchen dann auch die entsprechenden Mittel.“

Update 29.8.17: In einer früheren Version dieses Artikels wurde nicht klar, ob die Amtsapothekerin Simone Schmidt bereits unangemeldete Kontrollen durchgeführt hat. Wir stellen dazu klar: Simone Schmidt hat seit 2014 unangemeldete Kontrollen in Apotheken durchgeführt, allerdings keine unangemeldeten Kontrollen von sterilen Räumen mit Probenentnahmen aus den Infusionsbeuteln. 

Im Hintergrund der Eingang zur Alten Apotheke. Von hier aus vertrieb Peter S. die gepanschten Medikamente.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Ein Kampf mit wirkungslosen Waffen: Wie viel Zeit hat Peter S. den Krebspatienten genommen?

Welche Folgen hat es, wenn man nur verdünnte Krebsmedikamente bekommt? Tausende Patienten wurden von Peter S. betrogen. Ihre Geschichten sind tragisch. So auch die Geschichte von Willi Hinte.

von Anna Mayr

Seiner Frau hat er erstmal nichts gesagt. Denn es ist der Tag ihrer goldenen Hochzeit, als Willi Hinte merkt, dass etwas in seinem Körper nicht stimmt. Erst in der Woche darauf geht der damals 75-Jährige zum Arzt. Die Diagnose: Darmkrebs. Die Lebenserwartung: fünf Jahre.

Als er vom Arzt diese Diagnose bekommt, erzählt Hinte seiner Familie davon, seiner Frau und seinen zwei Töchtern. Er will kämpfen. Die Familie beschließt, nicht an den Tod zu denken.

Der Wirkstoff arbeitet wie ein Detektiv

Willi Hintes Chemo-Therapie beginnt am 19. April 2016. Das erste Medikament, das er bekommt, heißt Irinotecan. Die Ärzte wiegen und vermessen Hinte: Er ist 159 Zentimeter groß und wiegt 50 Kilo. An diesen Zahlen berechnet sich, wie viel Wirkstoff er braucht: 60 Milligramm Irinotecan. Jede Woche hängt Hinte jetzt an einem Infusionsbeutel. Drei Medikamente fließen während der Sitzung in seine Adern. Der Wirkstoff Irinotecan arbeitet wie ein Detektiv. Er soll durch Willi Hintes Körper fließen und den Krebs aufspüren. Irinotecan erkennt Krebszellen daran, dass sie sich sehr schnell teilen und vermehren. Das Krebsmedikament blockiert diese Teilung. Doch das Irinotecan, das Willi Hinte bekommt, schlägt nicht an. Er spürt kaum Nebenwirkungen. Nach den ersten zehn Sitzungen sagt sein Arzt: Es hilft leider nicht.

War in den Infusionen, die Willi Hinte im Sommer 2016 bekommen hat, wirklich Irinotecan? Das muss man sich heute fragen. Denn die Medikamente für Hinte kamen aus Bottrop. Der Apotheker Peter S. der „Alten Apotheke“ hat dort über Jahre hinweg Krebsmedikamente gepanscht. In den Infusionen, Spritzen und Tabletten, die die Patienten bekamen, war wahrscheinlich kein Wirkstoff – oder weniger Wirkstoff als verschrieben. Auch Willi Hinte bekam seine Medikamente aus der „Alten Apotheke“.

Intelligente Zellen

Krebszellen sind intelligent. Sie lernen, sich gegen die Wirkmechanismen der Krebsmedikamente zu wehren. Deshalb gibt es Ausweichmöglichkeiten, wenn ein Medikament nicht mehr hilft, weil die Krebszellen resistent geworden sind. Sogar, wenn man ein Medikament unterdosiert, kann das passieren. „Auch eine geringere Dosis kann zu Resistenzen führen“, sagt Wolf Köster, Leiter der Onkologie am Gemeinschaftskrankenhaus Witten-Herdecke. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Therapie anschlägt, sei natürlich geringer. Der Patient bekommt also zu wenig, um gesund zu werden. Doch die Krebszelle bekommt genug, um zu lernen, wie sie gegen das Medikament gewinnt. Ob Willi Hinte wirklich die verschriebene Dosis Irinotecan bekommen hat, das kann man jetzt nicht mehr nachprüfen. Damals beschlossen die Ärzte, dass es einfach nicht hilft.

„Für die Onkologen war es nicht möglich, zu bemerken, dass die Infusionen gepanscht sind“, sagt der Onkologe Köster. Denn Krebs ist unberechenbar. Es gibt allerdings Ärzte, die das anders sehen. Wir haben mit einem Onkologen gesprochen, der hier seinen Namen nicht lesen möchte, weil er nicht mit dem Fall in Verbindung gebracht werden will. Er sagt: „In einer großen Praxis müssten die Ärzte Verdacht schöpfen, wenn sie durchweg schlechte Behandlungsergebnisse bekommen.“ Es müsste auffallen, wenn Patienten zum Beispiel keinen Haarausfall hätten.

Jeden Einzelfall prüfen

Möglicherweise haben im Fall der „Alten Apotheke“ manche Patienten von ihren Ärzten gehört, dass sie austherapiert sind. Dass ihnen kein Wirkstoff mehr helfen kann, weil ihr Krebs gegen alles resistent ist. Aber vielleicht haben die Patienten gar keinen Wirkstoff bekommen. Dann wären sie nicht resistent, sondern nur betrogen worden. „Eigentlich müsste man jetzt in jedem Einzelfall neu überprüfen, ob diese Diagnose wirklich stimmt“, sagt der Apotheker Torsten Hoppe-Tichy aus Heidelberg. Seiner Ansicht nach hätte jeder Patient, der Lieferungen aus der Alten Apotheke bekam, neu untersucht werden müssen. Und auch der Onkologe, der anonym bleiben möchte, sagt: „Eigentlich ist niemand austherapiert. Man kann bei jeder Therapie noch einmal von vorne anfangen.“

Im Juli 2016 muss Willi Hinte die Therapie wechseln. Die nächste Waffe, die der Arzt verschreibt, heißt Oxaliplatin. Es gibt über hundert zugelassene Krebsmedikamente in Deutschland. Und alle wirken anders. Oxaliplatin dringt in die Zelle ein und verhakt sich in der DNA, als würde eine Spinne darin ihr Netz spannen. Dadurch entstehen Knoten, die dafür sorgen, dass die Krebszellen sich nicht mehr teilen können.

Eine neue Hoffnung

Willi Hinte bekommt zwölf Infusionen Oxaliplatin, wieder in derselben Praxis. Schon ein paar Milligramm des Medikaments kosten über hundert Euro. Die Forschung an Krebsmedikamenten ist umständlich und teuer, deshalb kosten die Medikamente bereits in kleinen Dosen hunderte, manchmal tausende Euro. „Bevor ein Medikament auf den Markt kommt, haben die Forscher viele andere ausprobiert, die schon in Studien oder im Labor scheitern“, sagt der Onkologe Köster. Bei manchen Medikamenten koste die Entwicklung bis zu einer Milliarde Euro.

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Hintes Familie hat zu diesem Zeitpunkt immer noch Hoffnung. Sie sind froh, dass die Ärzte ihnen einen zweiten Weg gezeigt haben. Ein neues Medikament bedeutet eine neue Chance auf Heilung. Hinte spürt die Nebenwirkungen, seine Fingerspitzen werden taub, davon haben die Ärzte ihm vorher erzählt. Am 18.10.2016 bekommt Willi Hinte zum letzten Mal eine Infusion mit Oxaliplatin. Der Krebs ist geblieben, es hat nicht geholfen.

Und eine Frage bleibt im Raum: Hat Willi Hinte überhaupt genug Wirkstoff bekommen?

Der Onkologe Köster sagt, dass man nicht wissen kann, was passiert, wenn Patienten eine geringere Dosis ihres Medikaments erhalten. Dafür sei Krebs zu unberechenbar.  Manche Patienten haben wenige Nebenwirkungen, und der Krebs geht zurück. Manche haben starke Nebenwirkungen, aber der Krebs bleibt.

Jeder Krebs ist anders

Im November 2016, sieben Monate nach seiner ersten Therapiesitzung, muss Hinte in ein Krankenhaus nach Essen, für eine noch aggressivere Chemo-Therapie. Doch der Krebs hatte bis dahin anderthalb Jahre Zeit, stärker zu werden.

Jeder Krebs ist anders. Das ist das große Problem. Es gibt keinen Normalverlauf, jeder Wert ist nur ein Schätzwert, ein Durchschnitt, von dem die meisten Patienten abweichen. Deshalb kann man nicht sagen, wie viel Zeit Willi Hinte noch gehabt hätte, wenn seine Medikamente von Anfang an gewirkt hätten. Das „vielleicht“ ist das schlimmste, für Patienten und Angehörige. Vielleicht wären da noch ein, zwei Monate mehr gewesen. Oder ein paar Jahre.

Im Krankenhaus, kurz vor Weihnachten, nimmt ein Arzt Willi Hintes Frau Erika zur Seite. Der Krebs hat gestreut, sagt er. Seinem Patienten will der Arzt es nicht sagen, denn der ist zu schwach für diese Nachricht. Metastasen in der Leber, viele kleine Metastasen, das kann man nicht operieren.

Acht Monate bis zum Tod

Zur gleichen Zeit liest Erika Hinte in der Zeitung, dass die Apotheke, aus der ihr Mann seine Medikamente bekommen hat, gepanscht hat. Auch Willi Hinte bekommt das mit. Erika Hinte ruft beim Gesundheitsamt an, holt sich die Behandlungsunterlagen ihres Mannes vom Arzt – aber alle beruhigen sie. Zu diesem Zeitpunkt ist nur von fünf Medikamenten die Rede. Die Wirkstoffe Irinotecan und Oxaliplatin, also Willis Medikamente, seien nicht gepanscht worden. Erika Hinte erzählt Willi davon. Sie sind beruhigt.

Ein aggressiver Krebs führt innerhalb von acht Monaten zum Tod. Zwischen der Beruhigung der Hintes und der Wahrheit liegen sieben Monate. Im Juli 2017 veröffentlicht die Stadt Bottrop eine neue Liste von Medikamenten: Es waren doch nicht nur fünf, sondern gut fünfzig, die wohl gepanscht wurden. Erika Hinte liest davon in der Zeitung. Mit Willi kann sie nicht mehr darüber sprechen. Er starb am 28. Januar 2017. Zwei Jahre nach ihrer Goldenen Hochzeit, drei Jahre früher als ihm anfangs prognostiziert wurde.

Keine Gewissheit

Seit der Nachricht über den Apotheker Peter S. fragt sich Erika Hinte, ob es anders hätte sein können. Hätte sie vielleicht mehr Zeit mit ihrem Mann haben können? Hat der Apotheker Peter S. Schuld daran, dass es bei Willi Hintes Krankheit nur bergab ging? Das ist der größte Schaden, den der Skandal um die „Alte Apotheke“ angerichtet hat. „Alle haben jetzt diese Sorge im Kopf: Ist das wohl auch bei mir passiert?“, sagt der Onkologe Köster. 

Gewissheit wird Erika Hinte nicht mehr erhalten. Sie will nicht klagen oder einen Anwalt nehmen. Sie hat kein Geld dafür, und ihr Willi kommt davon auch nicht zurück. Der Onkologe, der Willi Hinte behandelt hat, möchte sich aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht nicht zur Geschichte seines Patienten äußern.