Gefährliches Spiel mit der Zukunft

Kommt die AfD in Sachsen-Anhalt an die Regierung, wird das massiv Menschen schaden. Aber auch der Wirtschaft – und dem Klima.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

die letzte Arbeitswoche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist angebrochen, weiterhin liegt die AfD in Umfragen weit vorne. Und das, obwohl wir Medienschaffende uns in den vergangenen Wochen nun wirklich bemüht haben, aufzuzeigen: Was würde eine AfD-Regierung denn konkret für die Menschen bedeuten? 

Menschen mit Migrationsgeschichte würden drangsaliert, Fachkräfte würden abwandern, den Leuten vor Ort ginge es wirtschaftlich deutlich schlechter als heute. Heute zeigen wir im Thema des Tages die wahrscheinlichen Auswirkungen einer AfD-Klimapolitik auf die Wirtschaft – und es geht darum, dass Spitzenkandidat Ulrich Siegmund am Wochenende gar nicht mehr so siegesgewiss auftrat.

Apropos Landtagswahl: Wir von CORRECTIV und das Team von Fun Facts bereiten gerade unter Hochdruck eine Livesendung für Sonntagabend vor: Wir senden zwei Stunden lang vor Publikum, ordnen ein und sprechen mit Experten. Mehr dazu im Trailer, den wir am Wochenende veröffentlicht haben.

Diese Woche gibt es eine Spezial-Kategorie im SPOTLIGHT: Wissenswertes über Sachsen-Anhalt.

Und apropos Klima: Heute startet die neue Cartoon-Arena – diesmal zum Thema: Klimakatastrophe – und was tut die Bundesregierung?

Wie geht es Ihnen mit Blick auf die anstehende Wahl am Sonntag, sind Sie besorgt, haben Sie Hoffnung – und wenn ja, welche? Schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Gefährliches Spiel mit der Zukunft

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Lies fordert neue Gespräche über VW-Sparpaket

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wohin fließt das Spotify-Geld

Cartoon-Arena: Zwischen Klimaleugnung und Aussitzen: Politische Reaktionen auf den Hitzesommer

Das ist Sachsen-Anhalt: Zahlen, Daten, Fakten

Faktencheck: Historisches Niedrigwasser am Rhein ist kein Beleg gegen den Klimawandel

Gute Sache(n): Mehr Auswahl in Uni-Mensen • Erklärt: Dieser Online-Trend hilft Autokraten • Kampf gegen Smartbrillen nimmt Fahrt auf

Grafik des Tages: Diese Partei hat keine einzige Frau unter den Top-10-Kandidierenden

In ihrem Programm für Sachsen-Anhalt kündigt die AfD im Falle eines Wahlsiegs einen „wirtschaftlichen Aufschwung“ für das Bundesland an. Unsere Klimareporterin Elena Kolb hat unter die Lupe genommen, was an diesem Versprechungen dran ist – und zwar mit Blick auf die Klima-Pläne der Partei.

Was genau sie vorhat und welche Auswirkungen dies tatsächlich hätte, steht in ihrem heute veröffentlichten Text.

Sachsen-Anhalt ist beim Ausbau erneuerbarer Energien erfolgreich. Eine AfD-Regierung könnte die Branche ausbremsen
(Foto: picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt).

Das Wichtigste:

Die AfD stellt es in ihrem Programm so dar, als seien Wirtschaftswachstum und Klimaschutz gegenläufige Ziele. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall – gerade in Sachsen-Anhalt.

Dort nämlich sind erneuerbare Energien ein noch deutlich größerer Wirtschaftsfaktor als in anderen Bundesländern. 

  • Sachsen-Anhalt ist Vorreiter beim Ausbau von Wind und Solar: Schon 2024 wurden rund 60 Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien erzeugt – deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt. 
  • Wind und Solar sorgen auch für Arbeitsplätze: Laut dem Landesverband für erneuerbare Energien Sachsen-Anhalt arbeiten rund 26.000 Menschen in der Wirtschaftskette. 
  • Einer der deutschen Marktführer für Windkraftanlagen, die Firma Enercon, produziert in der Landeshauptstadt Magdeburg Windräder und beschäftigt allein dort rund 1.000 Menschen. 

Logisch also:
Schränkt eine von der AfD geführte Landesregierung wie angekündigt den Ausbau von Windkraft und Solar ein, riskiert sie negative Folgen für die Wirtschaft. Der Vertreter einer Energiegenossenschaft aus Sachsen-Anhalt warnt gegenüber CORRECTIV vor dem Verlust von Arbeitsplätzen. Zudem müssen Verbraucherinnen und Verbraucher höhere Energiekosten befürchten.

Hinzu kommt:
Erneuerbare Energien bringen auch Geld in die Kommunen von Sachsen-Anhalt. Laut einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums verblieben dadurch 2023 mindestens  173 Millionen Euro an Einnahmen im Land. Hält das Bundesland die deutschen Ausbauziele für Wind und Solar ein, könnten es 2033 mindestens 411 Millionen Euro sein. 

Aber kommt es wirklich so?
Zunächst mal: Trotz der hohen Umfragewerte für die AfD ist längst noch nicht eingetütet, dass sie die nächste Landesregierung anführen wird. 

Am vergangenen Wochenende trat Spitzenkandidat Siegmund bei einer Veranstaltung des AfD-Nachwuchses auf. Mein Kollege Marcus Bensmann war vor Ort und notiert in seinem aktuellen Bericht: Siegmund sagte gleich zu Beginn seiner Rede, er sei längst nicht siegessicher.

Jean-Pascal Hohm, Vorsitzender der AfD-Jugendorganisation Generation Deutschland auf dem Bundeskongress. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/Picture Alliance/dpa

Hinzu kommt:
Selbst, wenn die AfD in Regierungsverantwortung käme, könnte sie viele ihrer Versprechungen überhaupt nicht wahr machen – weil zum Beispiel Bundesgesetze diesen entgegenstehen. Das gilt auch für die Pläne zu den erneuerbaren Energien. 

Zum Beispiel: Den Windkraftausbau könnte eine AfD-geführte Regierung nicht so einfach wie angekündigt stoppen. Denn dieser wird weitestgehend über Bundesgesetze wie das „Wind-an-Land-Gesetz“ geregelt.

Umwelt und Wirtschaftsverbände appellieren an Bundesregierung 
16 Wirtschafts- und Umweltverbände fordern die Bundesregierung auf, die Einnahmen aus dem europäischen Emissionshandel (ETS) im Klima- und Transformationsfonds zu belassen. Die Regierung will derzeit 2,7 Milliarden Euro in den regulären Haushalt verschieben. Die Verbände verlangen, dass Unternehmen mit den ETS-Mitteln Rückzahlungen für ihre Emissionszertifikate bekommen.
table.media

Schüsse auf Technofestival in der Schweiz
Auf einem Technofestival in der Schweiz sind am Sonntag tödliche Schüsse gefallen. Eine Italienerin starb bei dem Angriff, fünf Menschen wurden verletzt – darunter eine Deutsche. Inzwischen hat die Kantonspolizei nach eigenen Angaben einen 43-jährigen Verdächtigen festgenommen. Es handle sich um einen Schweizer. Zum aktuellen Zeitpunkt geht die Polizei von einem Einzeltäter aus.
n-tv.de

Flutkatastrophe in Nepal und China: Zahlen der Vermissten und Toten steigen weiter an
Die Zahl der Todesopfer der Flutkatastrophe in China und Nepal ist auf mindestens 919 gestiegen. In Nepal werden mehr als 4.200 Menschen vermisst, in China rund 540, darunter drei Deutsche. Die Versorgung der Überlebenden bleibt schwierig. Überschwemmungen und Erdrutsche haben wichtige Straßen und Brücken zerstört.
zeit.de

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies drängt auf einen Kompromiss beim VW-Umbau. picture alliance/dpa | Moritz Frankenberg

Lies fordert neue Gespräche über VW-Sparpaket
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies macht einen finalen Anlauf für Gespräche über das Milliarden-Sparpaket für VW. Auf der nächsten Aufsichtsratssitzung am Freitag droht sonst die Eskalation.
correctiv.org

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Bild: Oliver Böhmer / Zoonar /Picture Alliance

Sachsen-Anhalt ist vor der Wahl nicht nur hierzulande im Zentrum der Aufmerksamkeit, selbst große internationale Medien beobachten gespannt den Ausgang der Wahl. Dabei ist das Bundesland natürlich so viel mehr als eine große Zustimmung zur AfD. Deshalb soll diese Rubrik in der Woche vor der Wahl ein wenig zeigen, was Sachsen-Anhalt alles zu bieten hat.
Heute geht es erstmal los mit ein paar Zahlen, Daten, Fakten: 

Weites Land, wenige Menschen: Sachsen-Anhalt ist zwar das achtgrößte Bundesland (rund 20.500 Quadratkilometer), landet mit einer Bevölkerungszahl von 2,12 Millionen Menschen aber auf Rang elf. 

Viele alte Menschen, viele Männer: Dort leben im Schnitt die ältesten Menschen in ganz Deutschland, 48,3 Jahre beträgt der Altersdurchschnitt (Frauen: 50,1 Jahre, Männer: 46,4 Jahre). Und es ist das „männlichste Bundesland“ – was allerdings ein Problem ist: Denn nirgendwo ist der Frauenmangel unter jungen Menschen hierzulande so groß wie in Sachsen-Anhalt.  

Etwas mehr als die Hälfte der Menschen geht wählen: 1,7 Millionen Menschen werden am Sonntag an die Urnen gerufen. 2021 betrug die Wahlbeteiligung 60,3 Prozent, etwas unter dem Schnitt bei Landtagswahlen anderer Bundesländer (66, Prozent).

Unter dem Schnitt liegt auch der Ausländeranteil: 7,9 Prozent (168.400 Personen) haben keinen deutschen Pass – also etwa halb so viele wie im Bund (15 Prozent).   

Bei den Löhnen gehört das Land zu den Vorreitern, zumindest unter dem Aspekt der Gleichstellung: Zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg weist es den geringsten Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern in Deutschland auf.

Extremes Niedrigwasser am Rhein im Sommer 2026 (Foto: Lennard Birmanns / CORRECTIV)

So geht’s auch 
Eine Studie der HTW Berlin und der Uni Konstanz zeigt: In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl veganer Gerichte in Uni-Mensen vervierfacht. Ihr Anteil stieg von etwa 15 auf fast 40 Prozent. Gleichzeitig ging der Anteil fleischhaltiger und vegetarischer Gerichte zurück. Das wirkt sich messbar aufs Klima aus: Die Studienautorinnen und -autoren schätzen, dass jede Mensa jährlich acht bis 40 Tonnen CO2 einspart. 
utopia.de

Endlich Verständlich
Tradwifes sind verheiratete Frauen, die ein ultrakonservatives, traditionelles Rollenbild leben. 2020 verbreitete sich der Trend über Soziale Netzwerke weltweit. Für autoritäre Staaten ist das mehr als eine Social-Media-Ästhetik – denn es hilft ihrer Macht. Der Trend auch für autoritäre Staaten wichtig ist, erreicht, was Autokraten mit Gesetzen nicht schaffen. Mehr dazu lesen Sie im neuen Kapitel des Autoritären Playbooks von CORRECTIV.Exile. 
correctiv.org

Fundstück
Eine Petition gegen Smart-Brillen hat in kurzer Zeit über 180.000 Unterschriften gesammelt. Die Forderung an Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) und den Chef der Bundesnetzagentur: Kamerabrillen, die heimliches Filmen ermöglichen, sollen verboten werden. CORRECTIV hat vor kurzem die Debatte genauer unter die Lupe genommen und aufgeschlüsselt, wie die wichtigsten Verantwortlichen über ein mögliches Verbot denken.
netzpolitik.org / correctiv.org

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Tristan Devigne, Sebastian Haupt und Elena Müller.