Pflege

Schlechte Heime für teures Geld

Die offziellen Pflegenoten sind Augenwischerei. CORRECTIV-Reporter haben alle verfügbaren Daten und Prüfberichte genommen und neu analysiert. Entstanden ist die bisher umfassendste Bewertung deutscher Pflegeheime.

von Daniel Drepper , Sandhya Kambhampati , Anette Dowideit , Stefan Wehrmeyer

© Ivo Mayr

Diese Recherche erscheint am 3. Juni in der Tageszeitung „Welt“. Am selben Tag läuft um 21.15 Uhr eine Undercover-Dokumentation zur Pflege im NDR-Fernsehen bei „Die Reportage“. Weitere Berichte auf unserer Themenseite zur Pflege.


Jedes Jahr werden deutsche Heime vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) geprüft und erhalten eine Pflegenote. Die meisten Heime schneiden „sehr gut“ ab, der Notendurchschnitt liegt bundesweit bei 1,2. Tatsächlich sagt diese Note kaum etwas aus über die Qualität der Pflege: Ein gut lesbarer Speiseplan kann einen mangelhaften Umgang mit Medikamenten ausgleichen.

Wie kann man aus diesen Prüfberichten ein realistischeres Bild zeichnen? CORRECTIV hat aus den 77 Kriterien fünf Bereiche herausgelöst: die ausreichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit; den Umgang mit Schmerzpatienten; den Umgang mit Inkontinenz; die Versorgung von Wunden; die Gabe von Medikamenten. All das sind Fragen, die zentral sind für die Pflege alter und gebrechlicher Menschen.

Probleme bei Medikamentengabe

Das Ergebnis: Nimmt man nur diese fünf Bereiche, dann fallen 60 Prozent aller Heime negativ auf. Mehr als 50 Prozent der Heime versorgen die Alten und Kranken den Prüfungen zufolge nicht korrekt mit Medikamenten, mehr als 30 Prozent nicht vorschriftsmäßig mit Nahrung und Flüssigkeit.

Durch die Auswertung dieser Bereiche ist nun erstmals auch ein detaillierter Vergleich zwischen allen Bundesländern, Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland möglich. In Rheinland-Pfalz und Bayern werden etwa 80 Prozent aller Heime auffällig, in Baden-Württemberg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nur die Hälfte, in Brandenburg gar nur 40 Prozent.

Vier von fünf Heimen fallen in Rheinland-Pfalz negativ auf – dennoch ist die Pflege in kaum einem Bundesland so teuer. 3453 Euro kostet dort im Schnitt ein Heimplatz in Pflegestufe 3 pro Monat.

Noch größer sind die Unterschiede zwischen einzelnen Landkreisen. In der Südwestpfalz, in Kelheim, in Zweibrücken und in Dillingen an der Donau fallen alle Heime in den Prüfungen negativ auf. Dagegen gibt es keinen einzigen Landkreis, dessen Pflegeheime ohne Probleme sind. Prignitz und Baden-Baden sind die Landkreise mit Heimen, die in den Prüfberichten vergleichsweise am seltensten auffallen. Hier werden ein Viertel der Heime auffällig.

Der MDK wird immer wieder dafür kritisiert, dass er vor allem die Dokumentation von Pflege prüft – aber nicht, wie gut es den Heimbewohnern wirklich geht. Da der MDK nach Bundesländern organisiert ist, kann ein Teil der Unterschiede dieser Auswertung auch mit unterschiedlich harten Prüfern zusammenhängen. Die grundsätzlichen Regeln für die Prüfungen sind jedoch in allen Bundesländern einheitlich.

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1000 Euro Preisunterschied

Die Daten geben Hinweise darauf, wie unterschiedlich die Qualität der Pflege ist – und dass zweitens teure Pflegeheime nicht automatisch gut sind. Im Gegenteil: Die Einrichtungen in Rheinland-Pfalz werden am häufigsten bemängelt – und gehören zu den teuersten. Nur Nordrhein-Westfalen und das Saarland sind teurer. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Niedersachsen ist die private Zuzahlung dagegen nur etwa halb so hoch, die Heime sind rund 1000 Euro günstiger – jeden Monat. Auf die Frage, warum ihr Bundesland so schlecht abschneide, sagt die rheinland-pfälzische Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) auf Anfrage, ein Ländervergleich über die Pflegenoten sei “nicht aussagekräftig”.

Die Auswertung von CORRECTIV gibt auch Hinweise auf den baulichen Zustand der Heime. Sie sind im Schnitt knapp 20 Jahre alt. Während die Heime in den ostdeutschen Bundesländern im Schnitt vor rund 15 Jahren gebaut wurden, sind sie in Hamburg doppelt so alt. Problematisch ist die hohe Zahl von Mehrbettzimmern. Es gibt kaum Menschen, die im Alter mit Fremden in einem Zimmer zusammen leben wollen. Trotzdem stehen nach Zahlen der statistischen Landesämter noch immer 40 Prozent aller Betten in deutschen Pflegeheimen in Zimmern mit zwei oder sogar noch mehr Betten. In manchen Landkreisen stehen bis zu drei Viertel aller Betten in Mehrbettzimmern, zum Beispiel im Landkreis Südliche Weinstraße in Rheinland-Pfalz oder im bayerischen Aschaffenburg.

Viele Mehrbettzimmer und wenig freie Plätze

Die vielen Mehrbettzimmer könnten langfristig zum Problem werden. Zuletzt hatte Baden-Württemberg beschlossen, bis 2019 alle Zimmer in Einzelzimmer umzubauen. Würde diese Politik auf ganz Deutschland übertragen, müssten in den kommenden drei Jahren 160.000 Zimmer umgebaut werden. Dabei würden viele Betten wegfallenDabei sind die Pflegeheime in einigen Bundesländern schon jetzt stark ausgelastet. In Baden-Württemberg waren bei der letzten Zählung nur ein Prozent der Betten für vollstationäre Pflege im Heim frei. Vor allem in ländlichen Gebieten kann dies zu langen Wartezeiten führen. Oder dazu, dass Pflegebedürftige Heime fern der Heimat wählen müssen.

Im Enzkreis und in Reutlingen haben die Statistiker zuletzt sogar gut zehn Prozent mehr Pflegebedürftige als Pflegeplätze gezählt. Einige Pflegebedürftigen müssen hier also sogar auf Nachbarkreise ausweichen. In Nordrhein-Westfalen waren zuletzt nur drei Prozent der Plätze nicht belegt. In anderen Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Bayern standen dagegen deutlich mehr freie Betten zur Verfügung, hier war jeder siebte Platz nicht belegt.

Viel Teilzeit, kaum Azubis

Auch ein Blick auf das Personal in Pflegeheimen zeigt: Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind zum Teil riesig. Ein Beispiel sind in Teilzeit beschäftigte Pflegekräfte. Ein hoher Anteil an Teilzeitkräften kann gute Pflege schwierig machen. Bewohner haben mehrere Bezugspersonen, es bedarf mehr Zeit für Abstimmung und Übergaben. Häufig werden Pflegekräfte von den Heimbetreibern aber trotzdem nur in Teilzeit beschäftigt, damit sie für eventuelle Überstunden und spontanes Einspringen flexibel bleiben.

Deutschlandweit arbeiten 60 Prozent aller Pflegekräfte in Teilzeit, doch die Spannbreite ist groß. In Bremen arbeiten fast vier von fünf Pflegekräften nicht in Vollzeit, im Saarland sind es dagegen weniger als halb so viele. In manchen Landkreisen, wie dem Saale-Orla-Kreis in Thüringen, arbeiten nach Daten der statistischen Landesämter sogar 90 Prozent der Pflegekräfte in Teilzeit.

Deutschland benötigt mehr Pfleger, keine Berufsgruppe wird nach Statistiken des Arbeitsamtes im Frühjahr 2016 so händeringend gesucht. Doch die Zahl der Auszubildenden in den Bundesländern schwankt extrem. Den Statistiken zufolge kommen auf jede fünfte Arbeitskraft im Saarland, in Bayern und in NRW ein Auszubildender, in anderen Ländern kommt nur auf jede 20. Arbeitskraft ein Azubi. Interessant dabei: In den Ländern, in Pflegeschüler für ihre Ausbildung zahlen müssen, gibt es die wenigsten Azubis.


CORRECTIV recherchiert seit Anfang 2015 zu den Problemen der Pflege. Unsere Reporter haben mit Hunderten Menschen gesprochen und Daten zu allen Pflegeheimen Deutschlands ausgewertet. Auf unserer Themenseite findet Ihr alle Ergebnisse unserer Recherchen.