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Wie finde ich das richtige Heim? Und wer hilft Dir?

Ein Ratgeber für die Suche nach der guten Pflege

[Von Benedict Wermter und Daniel Drepper]

In ein Heim zu ziehen ist für Bedürftige und Angehörige ein großer Schritt. Muss das überhaupt sein? Wie läuft der Einzug ab? Worauf achte ich? Was frage ich? Was mache ich, wenn Probleme auftauchen? Wir haben für Euch die wichtigsten Informationen zusammengetragen, eine Checkliste mit zehn Punkten erstellt, an denen Ihr ein schlechtes Heim erkennen könnt. Und wir haben alle wichtigen Organisationen gefunden, die Euch rund um das Thema Pflege helfen.

Neben dem Ratgeber haben wir Dir eine Checkliste mit 10 Punkten zusammengestellt, wie Du ein schlechtes Heim erkennst. Außerdem listen wir die wichtigsten Organisationen und Initiativen zur Pflege auf.

Inhaltsverzeichnis:

  1. ​Pflegeberatung
  2. Was kommt auf mich zu?
  3. Technischer Ablauf
  4. Die Heimsuche
  5. Worauf achte ich?
  6. Welche Fragen stelle ich?

1.Pflegeberatung

Eine gute Nachricht zum Start: Ihr habt Anspruch auf einen speziell ausgebildeten Pflegeberater. Nach §45 des SGB XI wird die Pflegeberatung von den Pflegekassen übernommen. Manche Kassen haben eigene Pflegeberater, doch es gibt auch freiberufliche Berater.

Pflegeberater können überprüfen, ob Du oder Dein Angehöriger überhaupt in ein Heim müssen und welche Alternativen es gibt. Seit 2009 sind in vielen Bundesländern zudem Pflegestützpunkte eingerichtet.

Pflegestützpunkte bündeln die pflegerischen, medizinischen und sozialen Leistungen, hier werden alle Fragen an einer Stelle beantwortet. Sie sind Ansprechpartner, wenn es um finanzielle und rechtliche Fragen geht, denn sie stehen im direkten Austausch mit den Pflegekassen.

Die Beratung könnt Ihr in einer der 300 Beratungsstellen oder zu Hause bekommen. Kritiker sagen, es gebe noch zu wenige Pflegestützpunkte. Im Kreis Gütersloh zum Beispiel deckt ein Stützpunkt 350.000 Bewohner ab. Weitere Informationen über einen Pflegestützpunkt in Eurer Nähe gibt euch die Pflegekasse, die Ihr über eure Krankenkasse erreicht.

Freiberufliche Pflegeberater und die in den Stützpunkten angestellten Experten bieten Einzelfallberatungen und Kurse an. Beides ist gratis. Die Kurse decken alle Bereiche ab – von allgemeinen Informationen über Materialkunde, Lagerungstechniken bis hin zur Wundversorgung.

Wenn Ihr eine individuelle Beratung bei Euch zu Hause wünscht, prüft der Berater, was getan werden muss, um altersgerechtes Wohnen zu Hause möglich zu machen. Sind Wandläufe angebracht oder Teppiche befestigt worden? Der Berater hilft auch, ärztliche Diagnosen zu verstehen, eine Pflegestufe zu beantragen oder Unterstützung bei anderen Kosten zu bekommen. Viele Pflegeberater sind gut vernetzt und können auch Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern vermitteln.

2. Was kommt auf mich zu?

Zunächst solltest Du Dir möglichst früh überlegen, wie Du später einmal gepflegt werden möchtest. Wenn der Einzug in ein Heim bevorsteht, solltest Du eine Vorsorgevollmacht aufsetzen und frühzeitig klären, wer Zugriff auf Dein Konto und Deinen Besitz hat – und wer für Dich entscheidet.

Pflegeheime sind in der Regel unser letzter Wohnort. Für Euch – egal ob Angehöriger oder Pflegebedürftiger – ist es deshalb umso wichtiger, sich nicht nur gut zu überlegen, welches Heim das Richtige ist, sondern sich vorab über die Abläufe klar zu sein: Was wird von mir als Pflegebedürftiger oder Angehöriger erwartet? Wie integriere ich mich optimal in die Heimgemeinschaft? Was kostet das Heim? Unter Umständen muss ich mich als gut verdienender Angehöriger ersten Grades auf Unterhaltszahlungen einstellen.

3. Technischer Ablauf

Hier erklären wir, welche Rechte Ihr habt, wie der Papierkram abläuft und welche Stellen welche Kosten übernehmen.

Die Rechte von Bewohnern und Angehörigen werden in den Heimgesetzen der Länder und dem Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz des Bundes garantiert. Zwischen Bewohner und Einrichtung wird ein Heimvertrag geschlossen. Der Bewohner hat bestimmte Mitspracherechte im Heim. Staatlich überwacht werden die Heime von der Heimaufsicht.  

Zunächst müsst Ihr klären, wer für die Pflege zahlt. Die Pflegeversicherung übernimmt einen festen Betrag, je nachdem, wie pflegebedürftig Du oder Dein Angehöriger sind. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen kommt zu Hause oder im Heim vorbei und berechnet, wie viel Pflege nötig ist. Die Gutachter stufen Dich in Pflegestufe 0 bis 3 ein – ab 2017 in Pflegegrad 0 bis 5.

All das, was die Pflegekasse nicht übernimmt, zahlen die Bedürftigen oder ihre Angehörigen ersten Grades privat dazu. Bis Ende 2016 heißt das: je höher die Pflegestufe, desto höher die Kosten. Dank des neuen Pflegestärkungsgesetz II sind die Kosten ab 2017 für alle fünf Pflegegrade gleich hoch. Nur wenn Du oder Deine Angehörigen nicht genügend Geld haben, um den Eigenanteil zu finanzieren, könnt Ihr Sozialhilfe beantragen. Das Sozialamt übernimmt dann die kompletten Kosten für das Heim.

4. Die Heimsuche

Die erste und oberste Regel lautet: Vorbereitung. Darum gilt: Je eher Du Dich kümmerst, desto besser fällt Deine Entscheidung aus. Denn dann weißt Du schon lange vorher, was das beste ist für Dich – oder für Deinen Angehörigen. Ein ambulanter Dienst. Ein Mehrgenerationenhaus. Ein Pflegeheim. Welches Pflegeheim?

Der größte Fehler wäre, in das erstbeste Heim einzuziehen. Du oder Dein Angehöriger werden dort vielleicht Jahre verbringen. Das beste Heim sollte da gerade gut genug sein. Also: unbedingt mehrere Heime besichtigen. Lasst Euch Informationsmaterial und Musterverträge mitgeben. Und schreibt Eure Erfahrungen auf.

Was wünschst Du Dir von einem Heim? Soll es in der Nähe von Angehörigen liegen? Besonders direkt nach dem Einzug sollten Angehörige die Pflegebedürftigen regelmäßig besuchen können.

5. Worauf achte ich?

Beim Betreten solltest Du Deinen Augen, Deiner Nase und Deinem Bauchgefühl vertrauen. Wie riecht es im Heim? Wie sieht es dort aus? Riecht es nach Urin oder Kot, solltest Du vorsichtig sein. Zwar kann es sein, dass einige Bewohner einen stark riechenden Katheter tragen müssen. Es kann aber auch sein, dass die Pfleger die gefüllten Windeln nicht schnell genug wechseln.

Gleichzeitig sollte ein Pflegeheim nicht streng nach Desinfektionsmitteln riechen, wie ein Krankenhaus. Es soll ein Zuhause sein, in dem Menschen jahrelang leben. Achte darauf, ob es genügend Desinfektionsspender gibt. Falls nicht, kann das auf mangelnde Hygiene deuten. Welchen Eindruck machen die Heimbewohner auf dich? Wenn diese über Stunden nur herumsitzen, warten, gar nichts machen, gibt es vielleicht kaum Aktivierungsangebote. Sitzen viele im Rollstuhl? Das könnte darauf hindeuten, dass es sich die Pfleger zu einfach machen. Die Bewohner lieber in einen Rollstuhl setzen, als sie zu mobilisieren, ihre Beweglichkeit erhalten. Auch im Gespräch mit dem Heimleiter oder Betreiber solltest Du auf dein Bauchgefühl vertrauen. Ersetzt ein Hochglanzprospekt ein ausführliches Gespräch mit persönlicher Führung, dann ist das kein gutes Zeichen.

Wirkt die Gemeinschaftsküche benutzt oder gibt es zwar Geräte, die Bewohner kochen aber überhaupt nicht zusammen? Sind die Möbel schick, sehen aber aus wie neu, werden also nicht benutzt? Wirken die Räume belebt und natürlich? Ist die Tür zum Garten verschlossen oder spielen Bewohner auf der Terrasse Karten? Gibt es auch noch am Abend Programm? Oder müssen die Bewohner um 19 Uhr ins Bett? Wie gut das Essen ist, erfährst Du am ehesten, indem Du mitisst. Fühlst Du Dich wie in einem Krankenhaus, in einem Hotel oder wie zu Hause? Helfen die Bewohner beim Kochen oder warten sie nur darauf, dass ihnen jemand etwas vor die Nase stellt? Ist das Essen selbst gekocht oder aufgewärmt? Riecht und schmeckt es lecker? Oder wie liebloses, billiges Großküchenessen?

Beobachte die Pfleger dabei, wie diese die alten Menschen berühren. Wird den Bewohnern unter die Schultern gegriffen? Das ist für das Personal oft einfacher, lässt die Bewohner mit der Zeit aber passiv werden. Oder bieten die Pfleger den Arm an und warten darauf, dass sich die Bewohner selbst hochdrücken, oft wackelig den Gang herunter gehen – statt sie in einen Rollstuhl zu hieven und zum Zimmer zu schieben. Solche feinen Unterschiede sagen viel aus über die Qualität des Personals. Überhaupt: Je mehr die Bewohner selbst machen dürfen, desto besser. Ein schief geknöpftes Hemd ist doppelt gut. Der Bewohner durfte sich selbst anziehen. Und die Pfleger haben ausgehalten, dass er es falsch gemacht hat. Sie haben ihn nicht korrigiert, haben ihn so leben lassen, wie er es wollte. Pflege ist für die Bewohner da, nicht für die Besucher.

Siehst Du viele Gitter und Gurte an den Betten? Fixierungen müssen gerichtlich angeordnet wer-
den. Heime sollten alles dafür tun, die Zahl der Gitter und Gurte so niedrig wie möglich zu halten. Versuche, Dich ein wenig frei im Heim zu bewegen. Sind die Zimmer und Gemeinschaftsräume liebevoll gestaltet? Heißen die Stationen „Himmelbeet” oder „Station 3”? Setze Dich eine halbe Stunde hin und erlebe den Alltag. Das ist besser, als sich von der Heimleitung oder der Pflegedienstleitung an den kritischen Punkten im Heim vorbeiführen zu lassen.

Wenn Du ein Heim in die nähere Auswahl nimmst, solltest Du die Einrichtung noch ein zweites Mal besuchen, diesmal ohne Dich anzumelden. Am Besten kommst Du zu einer unbequemen Tageszeit, also morgens oder abends. Dann siehst Du, wie es wirklich um das Personal bestellt ist und wie die pflegeintensiven Tageszeiten ablaufen. Versuche, echte Gespräche aufzubauen. Je mehr Du ins plaudern kommst, desto größer ist die Chance auf ehrliche Antworten. Viele Betreiber schulen ihre Heimleiter und Pfleger für die Gespräche mit potentiellen Kunden. Sei also stets skeptisch.

6. Welche Fragen stelle ich?

Grundsätzlich ist interessant: Wie viele Bewohner leben in einem Wohnbereich? Gibt es mehr Einzelzimmer oder Doppelzimmer? Kann man eigene Möbel mitbringen? Und: Wie lang ist die Wartezeit bis zum Einzug? Längere Wartelisten sind oft ein gutes Zeichen.

Frage die Verwaltung nach der Art und Anzahl des Personals in Früh-, Spät- und Nacht-
dienst. Wie viele Bewohner muss eine Pflegekraft betreuen? Setzt das Heim Leiharbeiter ein? Gibt es „87b-Kräfte“, gesetzlich anerkannte Betreuungskräfte, die die Bewohner zusätzlich betreuen?

Welche Tätigkeiten übernehmen sie? Du könntest fragen, ob alle Getränke inklusive sind. Werden Getränke gesondert abgerechnet, deutet dies auf eine schlechte Kosten-Nutzen-Rechnung hin. Schaue dir das Programm zur Aktivierung und Betreuung der Bewohner an. Stehen diese Angebote lange im Voraus fest und sind immer gleich, ja: eintönig, oder gibt es spontane Ausflüge bis hin zu Kurzurlauben? Wie gut sind die Bewohner in die Nachbarschaft und die Gemeinde integriert? Gibt es ein Café im Heim, das auch für Nichtbewohner attraktiv ist? Können die Bewohner in den Garten gehen, gibt es eine Bibliothek oder gar Computer-Angebote?

Gibt es einen Heimbeirat? Wie aktiv ist dieser? Sprich ruhig auch hier mit einem Vertreter. Hat sich das Heim spezialisiert, auf Demente oder Depressive, Schmerzpatienten, Menschen mit Schlaganfall oder anderen Einschränkungen? Frage schließlich die Pfleger nach der Stimmung im Team und dem Arbeitstempo. Das sind sensible Fragen, also versuche, langsam ins Gespräch zu kommen und ein Gefühl für die Stimmung zu bekommen, statt das Personal auszuhorchen.

Einige Punkte könnten sein: Wirkt das Personal gestresst oder unzufrieden? Wie lange arbeiten die Pfleger schon in diesem Heim? Wie häufig wechselt das Personal? Wird nach Tarif bezahlt? Gibt es viele Leiharbeitskräfte und viele befristete Arbeitsverträge? Und wie häufig sind die Pfleger krank? Die Antworten kannst du mit dem abgleichen, was dir die Heimleitung erzählt hat. Das Personal und die Verwaltung kannst du auch danach fragen, welche Dienste angeboten werden. Gibt es Physiotherapie? Fußpflege? Regelmäßige Friseurbesuche? Wie wird die Facharztversorgung organisiert?

Interessant sind auch Auskünfte von Heimbewohnern oder anderen Angehörigen. Wie zufrieden sind die Kunden des Heims? Und falls du dem Hausmeister oder einer 87b-Kraft begegnest, einem Physiotherapeuten oder dem für die Bewohner zuständigen Hausarzt, dann können auch diese etwas zum Zustand des Heims, der Stimmung und der Qualität der Pflege sagen. Wenn du mit der Heimleitung oder den Pflegern sprichst, achte darauf, ob diese sich für dich oder deinen Angehörigen interessieren, für den Menschen hinter dem Anmeldeformular. Wirst du nach deiner Biografie gefragt, nach deinem Beruf, deinen Interessen? Dann ist das ein gutes Zeichen.

Und wenn du dir ein gutes Bild gemacht hast, und ein Heim der Wahl gefunden hast – dann ziehe nicht einfach ein. Sondern vereinbare ein Probewohnen, mit Aussicht auf dauerhaften Aufenthalt.

Erst dann solltest du einen Vertrag unterschreiben.

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