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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

uiguren collage
Eines der zwei Bilder in einem aktuellen Facebook-Beitrag. Sie sollen angeblich uigurische Inhaftierte in China zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

In einem Facebook-Beitrag sind zwei Bilder zu sehen, die angeblich inhaftierte Uiguren in China zeigen. Das stimmt nicht.

Ein Facebook-Beitrag der Seite „Erdogan in Deutschland“ suggeriert in einem Beitrag vom 10. Dezember, auf den zwei dazu hochgeladenen Bildern seien inhaftierte Uiguren in China zu sehen. Die Bilder sind wohl von einem viralen Instagram-Post kopiert, zu dem wir bereits einen Faktencheck veröffentlicht haben. Der Kanal heißt „Das Erwachen“, die Bilder tragen das Symbol davon.

Wir haben das überprüft.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Bild stammt aus Indonesien

Wir haben das Bild bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen, es führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Bild im Facebook-Beitrag ist ein Screenshot des Videos, das unter anderem auf Instagram verbreitet wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Es handelt sich hier also um ein Standbild eines Videos aus Indonesien, das spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurde und nichts mit den Uiguren in China zu tun hat. 

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden.

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Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die beiden Bilder zeigen keine in China inhaftierte Uiguren.

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Christine Lagarde war lange Zeit Direktorin des Internationalen Währungsfonds – jetzt ist sie Chefin der Europäischen Zentralbank. (Symbolfoto: Daniel Roland / AFP)

von Alice Echtermann

Hat Christine Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds es als Risiko für die Weltwirtschaft bezeichnet, wenn alte Menschen zu lange leben? Das angebliche Zitat kursiert seit vielen Jahren im Netz und in Medienberichten. Dabei gibt es keinen Beleg, dass Lagarde dies je sagte. 

Seit vielen Jahren kursiert ein angebliches Zitat von Christine Lagarde im Netz, das sie als Direktorin des Internationalen Währungsfonds gesagt haben soll: „Alte Menschen leben zu lange und es ist eine Risiko für die globale Wirtschaft. Etwas muss getan werden.“

Das Zitat wird aktuell von einer Webseite namens Snap4Face verbreitet, die unter anderem auch über „Chemtrails“ schreibt. Der Artikel ist von August 2019 und in fehlerhaftem Deutsch verfasst. Kritisiert wird darin, dass der Währungsfonds von einem „Langlebigkeitsrisiko“ in Bezug auf alte Menschen spreche. 

Der Artikel wurde bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 18.600 Mal auf Facebook geteilt. In Deutschland teilte den Link zu Snap4Face unter anderem die Facebook-Seite der AfD Mainz-Bingen. Das Zitat griffen auch Medien auf, zum Beispiel im Oktober 2019 das deutsche Debatten-Magazin The European, das Beiträge von zahlreichen Autoren veröffentlicht, darunter Alice Weidel (AfD), Alexander Dobrindt (CSU) oder Anke Domscheit-Berg (Die Linke). 

Wir haben das Zitat überprüft und konnten nirgends einen Beleg für seine Echtheit finden.  

Der Facebook-Beitrag der AfD Mainz-Bingen. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt Snap4Face einen Blog-Artikel auf Rumänisch vom 9. Februar 2018 an. Dieser wiederum verlinkt auf einen Beitrag auf Spanisch auf der Webseite Alertas.eu. Diese gibt es nicht mehr, der Artikel wurde aber zuletzt im Dezember 2018 im Internet Archiv archiviert. Das erste Mal wurde er im November 2016 gespeichert, so alt ist er also mindestens.  

Alle drei Texte, auf Deutsch, Rumänisch und Spanisch, sind fast identisch. Das Zitat steht jedes Mal in der Überschrift, kommt im Artikel selbst aber nicht weiter vor. Auch eine Quelle wird nicht genannt. 

Netzsuche zeigt: Das Zitat tauchte bereits 2014 auf

In den Artikeln geht es darum, dass der Internationale Währungsfonds eine Analyse zur Alterung der Bevölkerung herausgegeben habe. Darin schlage er vor, Leistungen zu kürzen und das Rentenalter zu verschieben, weil langes Leben ein Wirtschaftsrisiko sei. In dem spanischen Text ist außerdem eine Text-Bild-Collage eingebunden, mit einem Foto von Christine Lagarde und dem angeblichen Zitat.

Die Text-Bild-Collage in dem spanischen Artikel von Alertas.eu. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilderrückwärtssuche bei Google ergibt, dass die Collage seit mindestens fünf Jahren im Netz kursiert: Wir fanden sie in einem spanischen Blog-Artikel von September 2014. Darin steht, Lagarde habe das Zitat „in dieser Woche gesagt“. 

Eine Google-Suche nach „los ancianos viven demasiado“ nur im Jahr 2014 ergibt jedoch keine seriöse Quelle für das Zitat. Dieselbe Suche auf Englisch für 2014 bleibt ebenfalls erfolglos. Und auch bei dem Zitat auf Deutsch wird nirgends eine Quelle angegeben. 

Wenn Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds den Satz öffentlich gesagt hätte, dann höchstwahrscheinlich auf Englisch. In den Jahren bis einschließlich 2014 gibt es für den Satzteil „old people live too long“ jedoch keinen einzigen relevanten Google-Treffer in Verbindung mit Lagarde. 

Was stimmt: Der Währungsfonds sieht höhere Lebenserwartung als Wirtschaftsrisiko an

Während unserer Recherche stoßen wir auf Hinweise, dass der Anlass für die Blog-Artikel der Global Financial Stability Report des Währungsfonds von 2012 gewesen sein könnte. Darin geht es in Kapitel 4 um das „Longevity Risk“ („Langlebigkeitsrisiko“), das von Snap4Face erwähnt wird. Der Bericht führt aus, dass die Tatsache, dass Menschen länger leben würden als erwartet, mehr wirtschaftliche Ressourcen verbrauche. Dies sei unterschätzt worden. Die Formulierung „alte Menschen leben zu lange“ findet sich in dem Bericht aber nicht. 

Ein Indiz, dass sich der Artikel von Snap4Face um diesen Report dreht, ist, dass die Pressekonferenz für den Bericht im April 2012 von José Viñals gehalten wurde. Er ist Kapitalmarkt-Direktor des Internationalen Währungsfonds – und die einzige andere Person, die außer Lagarde im Artikel genannt wird. Die Aussagen, mit denen Viñals von Snap4Face zitiert wird, finden sich sinngemäß in einem offiziellen Transkript der Pressekonferenz wieder. 

Auszug aus dem Artikel von Snap4Face. (Screenshot: CORRECTIV)
Aussagen von José Viñals bei einer Pressekonferenz zum Global Financial Stability Report im April 2012. (Quelle: Transkript der Pressekonferenz des Internationalen Währungsfonds / Screenshot: CORRECTIV)

Christine Lagarde war bei dieser Pressekonferenz nicht anwesend. Es handelt sich bei dem angeblichen Zitat also höchstwahrscheinlich um eine Erfindung, eine übertriebene Zuspitzung der 2012 vorgestellten Positionen des Währungsfonds. 

Lagarde äußerte in Reden Sorge über Alterung der Gesellschaft – aber nicht respektlos

Wir haben auch recherchiert, wie sich Christine Lagarde sonst in offiziellen Reden zu alten Menschen geäußert hat. Wir fanden eine Rede, die Lagarde 2014 hielt. Darin sagte sie, im Jahr 2020 werde es erstmals mehr alte Menschen über 65 Jahren geben als Kinder unter fünf Jahren. Das werde zu Problemen in Ländern mit alternden Gesellschaften führen, zum Beispiel langsameres Wachstum. Lagarde sagte aber nicht, dass die alten Menschen ein Risiko für die Weltwirtschaft seien und etwas dagegen getan werden müsse.  

Außerdem fanden wir zwei Reden von 2013. In einer sagte sie, alte Menschen würden einem griechischen Sprichwort zufolge Bäume pflanzen, in deren Schatten sie selbst nie sitzen könnten – also eine sehr respektvolle Äußerung. In der anderen Rede sprach sie 2013 in Seoul über die alternde Bevölkerung in Korea: „Wir sehen, dass alte Menschen eine fragile Zukunft erwartet, mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit, arm zu sein, als die gesamte Bevölkerung.“

Der Internationale Währungsfonds hat bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Presseanfrage reagiert. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Wir konnten keine Quelle für dieses Zitat finden. Es ist höchstwahrscheinlich eine Zuspitzung von Positionen des Währungsfonds von 2012.

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Diese Videos und Bilder auf Instagram bekommen gerade viel Aufmerksamkeit und Likes. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

Ein Instagram-Beitrag mit mehreren hunderttausend Likes suggeriert anhand eines grausamen Videos und mehrerer Fotos, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um inhaftierte Uiguren in China. Das stimmt nicht.

In einem Beitrag der Instagram-Seite „Das Erwachen“ vom 10. Dezember sind ein Video und eine Zusammenstellung mehrerer Bilder zu sehen, die angeblich Uiguren in chinesischen Internierungslagern zeigen sollen. „China aktuell – und die Welt schaut weg“, steht darüber. Mehr als 340.000 Menschen vergaben ein „Gefällt mir“. 

Eine Leserin machte uns auf den Instagram-Beitrag aufmerksam.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Video stammt aus Indonesien

Das erste Video zeigt, wie drei Männer nackt oder halbnackt auf dem Boden liegen und von zwei Männern gepeitscht werden. 

Ein Screenshot des Videos, den wir bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen haben, führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Video im Instagram-Beitrag von „Das Erwachen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Fazit: Es handelt sich hier also um Videos aus Indonesien, die spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurden und nichts mit den Uiguren in China zu tun haben. 

Inzwischen hat der Instagram-Kanal in seinen Kommentar zum Beitrag geschrieben: „Achtung Video Quelle ist aus Indonesien, Bilder aus China!!!“. Der erste Teil stimmt, wie oben gezeigt, der zweite nur teilweise.

Das zweite Video zeigt verschiedene Fotos

Beim zweiten Video des Instagram-Beitrags handelt es sich um eine Zusammenstellung verschiedener Fotos, beziehungsweise Screenshots von anderen Beiträgen auf Sozialen Netzwerken. Am Ende wird noch einmal suggeriert, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um Uiguren in einem Internierungslager. Im Beitragstext schreiben die Verfasser, die Bilder seien aus China. Wir haben alle Fotos überprüft:

Das erste Foto ist von 2003, es zeigt einen iranischen Aktivisten in Nottingham

Über dem ersten Foto steht in türkischer Sprache:Wenn Du eine Unterdrückung/Grausamkeit nicht verhindern kannst, dann verbreite sie wenigstens (hz. Ali). In Osttürkistan findet ein Massaker statt. Die Folter, die einem Muslim angetan wird.“

Das erste Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zur Stockfoto-Datenbank Alamy, in der das Foto zu finden ist. Bei dem Mann handelt sich der Beschreibung zufolge um einen 33-jährigen geflüchteten Iraner, der in England gegen die Behandlung von Geflüchteten protestierte. Das Bild sei am 25. Mai 2003 entstanden. 

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Bing führt außerdem zur Bilder-Datenbank Gettyimages, dort ist ein Foto des Mannes zwei Tage später (27. Mai 2003) zu finden. Dazu heißt es: „Der iranische Asylbewerber Abas Amini mit geschlossenen Augen, Ohren und Mund am 27. Mai 2003 in Nottingham, England. Amini hat mit dieser Maßnahme gegen die Anfechtung seines erfolgreichen Asylantrags durch das Innenministerium protestiert.“

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden. Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Nur eines der drei Fotos im dritten Bild, einer Collage, zeigt möglicherweise inhaftierte Uiguren – es ist aber schon vier Jahre alt

Das dritte Bild ist eine Foto-Collage. Bei dem Mann im oberen Bild handelt es sich nach einer Rückwärtssuche über Yandex offenbar um Zheng Shoujun. Er wurde laut eines Blog-Beitrags von 2004 angeblich im Jahr 2001 von Polizeibeamten in der chinesischen Stadt Shengyang mit einer gewissen Technik gefoltert. Diese demonstriere er auf dem Foto. Das Bild ist also eine nachgestellte Szene. Es ist auch in einem weiteren Blog-Beitrag von 2008 zusammen mit weiteren Fotos zu sehen.

Das dritte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Fotos unten links mit einer Gruppe Gefangener in blauen Anzügen konnten wir nicht herausfinden. Die Webseiten, die wir durch Bilder-Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye fanden und auf denen das Bild zu sehen ist, lassen keinen eindeutigen Schluss auf die Quelle zu. So konnten wir nirgends eine Bildunterschrift oder weitere Informationen finden. 

Das Foto ist jedoch schon älter, es kursiert mindestens seit vier Jahren im Netz. Ein Blog-Artikel mit dem Foto ist auf 2015 datiert. Das passt zu einem Tweet des Accounts „Uygur Türgleri“ vom Juni 2015 mit einem anderen Foto; darauf ist augenscheinlich einer der Gefangenen näher zu sehen. Es ist möglich, dass es sich um dieselbe Situation handelte. Im Tweet steht auf Türkisch dazu: „In China wurden fünf uigurische Türken verhaftet und zwei von ihnen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie den Koran auf ihren Handys hatten.“ Wir konnten diese Angabe jedoch auch durch eine weitere Suche nach diesen Stichworten nicht verifizieren.

Für das Foto von einer Menschengruppe unten rechts zeigt eine Rückwärtssuche über Yandex, dass es sich laut eines Blog-Artikels von 2014 offenbar um uigurische Protestanten handelt. Das Foto ist dort zusammen mit vielen weiteren zu finden, es ist offenbar am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi entstanden. Urumqi ist die Hauptstadt des uigurischen autonomen Region Xinjiang. Die Protestanten sollen laut des Artikels gegen „Massaker in China“ demonstriert haben. 

Wir haben in der Bilderdatenbank AP Images nach den Stichworten „Urumqi, China, Tuesday, July 7, 2009“ gesucht und wurden fündig: Das Foto wird dort aufgelistet. Dazu steht: „Uigurische Frauen trauern vor Journalisten, die die Gegend besuchen, und behaupten, dass die Behörden ihre Verwandten am Dienstag, den 7. Juli 2009, in Urumqi, China, entführt haben.“ 

Viertes Bild, ebenfalls eine Collage: Keines der Fotos zeigt inhaftierte Uiguren

Es handelt sich um einen Screenshot eines Facebook-Beitrags mit dem Datum 1. Dezember, das Jahr ist unklar. Im türkischen Text über der Collage wird China der Niedergang gewünscht. Türkischen Unterdrückten solle geholfen werden, aber die Welt schaue nur zu.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Bildes oben links, also das der Frau, die vor einem Soldaten gefesselt kniet, konnten wir nicht herausfinden. Verschiedene Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye, teils mit definierten Zeiträumen, führten zu keiner seriösen Quelle oder weiteren Bildinformationen. Klar ist aber, dass das Foto schon mindestens seit 2008 im Netz auftaucht. Oft wird es als Symbolbild verwendet, um China zu kritisieren, so zum Beispiel in einem 2017 veröffentlichten Artikel von Epoch Times

Die drei sehr kleinen Fotos darunter haben wir bei unserer Recherche zum dritten Bild im Instagram-Beitrag bereits gefunden: Es handelt sich um Fotos von der uigurischen Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi. Hier eine Übersicht aus der Bilderdatenbank AP Images, hier das mittlere Foto in der Adobe-Stock-Datenbank.

Das Foto oben rechts, das des gefesselten Mannes, entstand im Januar 2003. Eine Bilder-Rückwärtssuche über Tineye führte zur Bilderdatenbank Gettyimages, wo das Foto zu finden ist. Dazu steht, dass es sich um den 29-jährigen Huang Hu handele, einen Leiter eines chinesischen Kindergartens, der öffentlich hingerichtet wurde, weil er wegen der Vergiftung von 70 Kindern eines konkurrierenden Kindergartens verurteilt worden war. 

Das Foto unten links, das der Männer in weißen Hemden, fanden wir über eine Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem Artikel von Al Jazeera von 2014. Dort wird als Bildquelle die Bilderdatenbank AFP angegeben. In einem Artikel von The Australian von 2011 steht mehr Kontext zum Foto: Es handele sich um Menschen, die in einen Korruptionsskandal in der chinesischen Fujian-Provinz verwickelt waren. Eine Suche bei AFP führte uns zum Foto: Es zeigt 14 Beamte, denen vor dem chinesischen Gerichtshof am 8. November 2000 in Xiamen ihre Urteile vorgelesen werden. China habe die 14 Regierungsbeamten zum Tode verurteilt, für ihre Rolle bei einem Milliardenschmuggel mit Waren in der Stadt. 

Beim Foto von der Menschengruppe unten rechts handelt es sich um einen Bildausschnitt, im Original sind darauf noch Polizeibeamte zu sehen: Wir fanden es nach einer Rückwärtsuche über Tineye zunächst in einem Artikel des Spiegel vom Juli 2009, es soll sich um die uigurische Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi handeln. Als Quelle ist die Bilderdatenbank AFP angegeben. Dort wurden wir fündig, es handelt sich tatsächlich um ein weiteres Foto der Proteste in Urumqi am 7. Juli 2009. 

Beim fünften Foto handelt es sich offenbar um Hundediebe in China, die öffentlich geächtet werden sollten

Über dem fünften Bild wird in türkischer Sprache suggeriert, es handele sich um Uiguren, denen Hunde um den Hals gehängt würden, weil sie ihrem Gebet nachgingen. Ein Ort wird nicht angegeben.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot und Verpixelung: CORRECTIV)

Eine Rückwärtssuche über Tineye führte zu verschiedenen Blogs, die das Bild in Artikeln verwenden. Es handele sich laut eines vietnamesischen Artikels von 2015 um Hundediebe, die in der chinesischen Provinz Guizhou geschnappt und von der Menge gezwungen worden seien, kniend tote Hunde um den Hals zu tragen. Auch das Medium Tomo News US griff das Thema 2015 für ein Youtube-Video auf und berichtete über den Vorfall, ebenso wie die englische Boulevardzeitung Mirror.

Die ursprüngliche Quelle des Fotos konnten wir jedoch nicht finden, weshalb wir nicht verifizieren können, ob sich die Situation tatsächlich so zutrug. Sie wirkt aber plausibel: In einem Artikel von Daily Mail sind andere Fotos zu sehen, darunter auch eines von einem Mann, dem ein toter Hund umgebunden wurde. In einem weiteren, früheren Artikel der britischen Boulevardzeitung zu Hundediebstahl in China sind außerdem weitere Fotos zu sehen, die zeigen, wie brutal mit den mutmaßlichen Tätern umgegangen wird. 

Einen Zusammenhang mit uigurischen Inhaftierten konnten wir nicht feststellen.

Fazit zu den Fotos

Neun der dreizehn Fotos wurden zwar in China aufgenommen, aber keines von ihnen zeigt nach unseren Recherchen belegbar inhaftierte Uiguren: Bei einem handelte es sich um die nachgestellte Demonstration von Folter in anderem Zusammenhang, drei zeigen zum Tode verurteilte Straftäter, ebenfalls in anderem Zusammenhang, vier sind auf einer Demonstration entstanden und eines zeigt möglicherweise Hundediebe. 

Zwei der Fotos wurden nicht in China aufgenommen. Bei zwei weiteren Fotos konnten wir die Herkunft und Quelle nicht verifizieren. Die meisten Fotos sind mehrere Jahre alt – es lässt sich demnach nicht sagen, dass es sich um aktuelle Fotos aus China handele. 

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Auch wenn einige Bilder einen Bezug zu Uiguren und Protesten gegen China haben, zeigen sie keine Folter von Menschen in chinesischen Internierungslagern.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Problem ist aktuell – das Video und die meisten Fotos zeigen aber nachweislich keine inhaftierten Uiguren.

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Dieses Video zeigt, wie mehrere Menschen einen Weihnachtsbaum demolieren. Es wurde aber nicht, wie behauptet, in Europa aufgenommen, sondern im Nahen Osten. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In einem bei Facebook verbreiteten Video wird behauptet, Geflüchtete und Muslime hätten einen Weihnachtsbaum in einem deutschen oder europäischen Einkaufszentrum zerstört haben, weil sie das christliche Symbol angeblich ablehnen. Das Video wurde jedoch in Ägypten aufgenommen. Mit Deutschland hat die Szene nichts zu tun.

Am 9. Dezember veröffentlichte ein Facebook-Nutzer ein Video, in dem zu sehen ist, wie Menschen in einem Einkaufszentrum einen Weihnachtsbaum hinaufklettern und den Schmuck entfernen und demolieren. Dazu schrieb er „Was Deutschland mit sich machen lässt“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 2.600 Mal geteilt. 

Das Video beginnt mit einer Frauenstimme aus dem Off: „Dramatische Szenen haben sich mitten in einem Kaufhaus in Europa abgespielt“. Tannenbäume und Weihnachtsartikel würden „mutwillig von Flüchtlingen wütend und mit brutaler Aggressivität zerstört“, weil sie als Muslime die christlichen oder jüdischen Artikel ablehnen würden. Später wird suggeriert, der Vorfall habe sich in Dortmund in einer Filiale der Kette Woolworth abgespielt. „Aus Rücksicht vor weiteren Konfrontationen hat Woolworth Dortmund sämtliche Weihnachtsartikel aus seinem Programm komplett herausgenommen“, sagt die Frauenstimme aus dem Off. Angela Merkel schweige zu dem Vorfall. 

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Zwei Sequenzen aus dem Video. Links wird suggeriert, die Szene habe sich in Dortmund abgespielt. (Screenshot: CORRECTIV).

Nein, diese Szene hat sich nicht in Deutschland abgespielt

Woolworth schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Das Video zeigt keine Woolworth-Filiale. Als deutsches Einzelhandelsunternehmen haben wir ein umfangreiches Weihnachtssortiment […]. Es gibt für uns keine Veranlassung, Weihnachtsartikel aus dem Verkauf zu nehmen.“

Die Antwort von Woolworth per E-Mail: „Das Video zeigt keine Woolworth Filiale“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Dezember 2018 kursierte dieselbe Videoszene schon einmal, nur die Behauptungen darüber wichen etwas ab. Dortmund wurde in dem Video nicht genannt. In unserem Faktencheck haben wir 2018 herausgefunden, dass die Szene nicht in Deutschland gefilmt wurde. Recherchen von Bussiness Insider, Le Monde oder Buzzfeed zeigen, dass es in der Mall of Arabia in Kairo, Ägypten, aufgenommen wurde. Das Originalvideo wurde am 4. Januar 2016 auf Youtube hochgeladen.

Für einen Artikel, der im November 2016 erschien, fragte Le Monde bei der Mall of Arabia nach. Laut dem Artikel antwortete die Mall, dass die Szene an Weihnachten 2015 stattfand und erklärte: „Das waren Kinder, die nicht wussten, was sie taten, und unser Sicherheitsteam kümmerte sich um sie, sobald sie sie sahen“.

Gegen eine generelle Ablehnung von Weihnachten spricht auch, dass die Mall 2015 und auch aktuell auf ihrer Facebook-Seite offensiv mit der Weihnachtsdekoration wirbt. 

Narrativ der „Kulturverdränung“ wird besonders vor Weihnachten genutzt 

Besonders vor Festen wie Weihnachten wird die Erzählung, die deutsche Kultur drohe durch den Islam verdrängt zu werden, für Falschmeldungen genutzt. Die angebliche Umbenennung des Nikolaus in „Zipfelmützenmann“ oder des Weihnachtsmann in „Jahresendfigur“ sind nur zwei der Falschmeldungen, die wir in diesem Zusammenhang schon geprüft haben. In unserer Artikelserie „Narrative der Desinformation“ geben wir einen Überblick über häufige Erzählungen hinter Falschmeldungen. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Szene wurde in Ägypten aufgenommen und zeigt keine Geflüchteten in Deutschland.

Weihnachtsbaum
Diesen Facebook-Beitrag mit einer falschen Behauptung teilte eine Nutzerin am 2. Dezember. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Ist es schon so weit, dass wir aus Rücksicht auf Muslime keine Weihnachtsbäume mehr aufstellen dürfen? Eine Falschmeldung, die genau das behauptet, sorgt für Empörung. Nutzer wittern den Untergang deutscher Kultur, dabei war der Grund in diesem Fall ziemlich deutsch: Brandschutz.

„Um Muslime nicht zu reizen“: Diese Behauptung steht in roten Buchstaben auf dem Bild, das eine Facebook-Nutzerin am 2. Dezember veröffentlichte. Jemand hat den Halbsatz auf den Screenshot einer Artikel-Vorschau eines Textes der Augsburger Allgemeinen (kostenpflichtig) montiert. Darin berichtet die Redaktion, die Uniklinik Augsburg dürfe den Christbaum in der Empfangshalle nicht mehr aufstellen. Im zugehörigen Text macht die Redaktion auch klar, warum: wegen des Brandschutzes. Dies habe eine Klinikumssprecherin bestätigt. 

Dieser Hinweis fehlt in dem Facebook-Beitrag. 

Bisher wurde der Beitrag mit der Behauptung über Muslime mehr als 1.300 Mal geteilt. Wir haben die Fakten geprüft. 

Schon aus den ersten Sätzen des Artikels der Augsburger Allgemeinen Zeitung ist ersichtlich, dass die Feuerwehr den Baum verboten hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage erklärt der Pressesprecher der Feuerwehr Augsburg, Friedhelm Bechtel, gegenüber CORRECTIV am Telefon: „Es geht rein um den Brandschutz. Es handelt sich um einen Flucht- und Rettungsweg und Krankenhäuser sind ein besonders sensibler Bereich.“ Zusätzlich sei das Gebäude des Klinikums relativ alt und berge deshalb besondere Gefahren für Brände. Gegen einen künstlichen, schwer entflammbaren Baum habe die Feuerwehr aber keine Einwände. 

Beitrag nährt die Angst vor einer „Kulturverdrängung“

Unter dem Beitrag kommentierten Facebook-Nutzer unter anderem: „Verrat am eigenen Volk“,„Ich scheiße auf die Muslime“, „Die sind in unserem Land und sollen sich gefälligst an unsere Feiertage gewöhnen“, „Es ist unfassbar, wie wir Deutschen vor Moslems in die Knie gehen“ und „Sollte das stimmen, dann wäre es Zeit für einen Aufstand für die Freiheit des eigenen Volkes!!“

Die Meldung passt in ein Narrativ der Desinformation, das besonders vor Weihnachten jedes Jahr von Bloggern, Webseiten und Politikern genutzt wird, um Angst vor einer „Kulturverdrängung“ durch Andersgläubige, insbesondere Muslime, zu schüren. Was dahinter steckt und welche Falschmeldungen wir schon in diesem Zusammenhang geprüft haben, ist in unserem Hintergrundartikel zusammengefasst.  

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Unsere Bewertung:
Falsch. Der Baum wurde wegen Brandgefahr von der Feuerwehr verboten.

PALESTINIAN-GAZA-ANIMAL
Der Rafah Zoo in Gaza geriet Anfang 2019 in die Schlagzeilen. Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten warf ihm Misshandlung vor und holte dort im April 2019 47 Tiere ab. (Symbolfoto: SAID KHATIB / AFP) 

von Alice Echtermann

Auf Facebook verbreitete sich im November ein Artikel über „Tierquälerei“ in einem Zoo im Gazastreifen. Den Fall gab es wirklich, er ereignete sich aber schon Anfang des Jahres. 

Der Fall sorgte Anfang 2019 für internationale Aufmerksamkeit: Im Rafah Zoo im Gazastreifen wurden einer jungen Löwin die Krallen amputiert. Darüber berichtete am 28. März 2019 die Webseite Stimmung in einem Artikel. Der Text wurde laut dem Analysetool Crowdtangle insgesamt bisher mehr als 1.600 Mal auf Facebook geteilt. 

Obwohl der Fall im Januar geschah, teilte die Facebook-Seite von Stimmung ihn erneut am 26. November – ohne einen Hinweis, dass die Informationen schon älter sind. Der Beitrag wurde 1.200 Mal geteilt. 

Die Informationen aus dem Artikel sind korrekt. CORRECTIV fand bei der Recherche nicht nur zahlreiche Medienberichte von Februar 2019, zum Beispiel vom ZDF und von Fox News, sondern auch Videomaterial der Entfernung der Krallen der Löwin auf Youtube und Facebook, veröffentlicht von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten aus Österreich, die international tätig ist. Der Vorfall sei Ende Januar geschehen, die Löwin sei 14 Monate alt, berichtete Vier Pfoten. Der Grund für die Prozedur sei, dass die Besucher mit dem Tier spielen können sollten.

Vier Pfoten startete deshalb eine Petition zur Schließung des Rafah Zoos. Das Ziel von 200.000 Unterschriften wurde bis heute nicht erreicht. 

Im April holte die Organisation dann nach eigenen Angaben 47 Tiere aus dem Zoo und brachte sie in Tierschutzzentren in Jordanien und Südafrika. Medien wie BBC und RTL berichteten über die Aktion, und bei der Agentur AFP finden sich Fotos davon

Die Tierschutzorganisation Vier Pfoten hat im August 2019 zahlreiche Tiere aus dem Rafah Zoo geholt. Fotos davon finden sich bei AFP. (Screenshot: CORRECTIV)

Foto- und Videoaufnahmen belegen die Aktion

CORRECTIV hat Fotos von der Entfernung der Krallen bei der Agentur AFP und auf dem Portal Getty-Images gefunden. Die meisten wurden von dem Fotografen Said Khatib gemacht. Sie zeigen, wie die Löwin von zwei Männern getragen und am Boden festgehalten wird.

Ein Foto des Fotografen Said Khatib von der Aktion im Rafah Zoo auf dem Portal Getty-Images. (Screenshot: CORRECTIV)

Die zwei jungen Männer, die die Löwin tragen, sind dieselben, die in den Videoaufnahmen von Vier Pfoten zu sehen sind. 

Standbild des Videos von Vier Pfoten auf Youtube. Die zwei Männer, die die Löwin tragen, sind dieselben wie auf den Fotos von Said Khatib. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Szene, in der die Löwin mit einem grünen Sack über dem Kopf neben einem Metallzaun am Boden liegt, stimmt auf den Fotos und dem Video überein.

Weiteres Foto der Szene von dem Fotografen Said Khatib. (Screenshot: CORRECTIV)

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Dauerhaft geschlossen wurde der Rafah Zoo nach der Evakuierung der Tiere offenbar nicht. Bei der Agentur AFP finden sich Fotos von September und Dezember 2019, die neugeborene Löwenjungen zeigen. In der Bildbeschreibung steht, der Zoo habe im August neu eröffnet, mit zwei Löwen und drei Löwenjungen. 

Unsere Bewertung:
Richtig. Anfang 2019 wurden einer jungen Löwin in einem Zoo in Gaza die Krallen entfernt. 

BlackFriday
Dieses Bild wird von Nutzern auf Facebook geteilt und soll als angeblicher Beleg dienen, dass der „Black Friday“ im Sklavenhandel entstanden sei. Das ist falsch. Tatsächlich zeigt es gefangene Aborigines in Australien. (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Immer wieder behaupten Menschen im Netz, der Begriff „Black Friday“ sei entstanden, weil an diesem Tag ursprünglich Sklaven verkauft wurden. Das ist falsch.

Am „Black Friday“ locken zahlreiche Geschäfte mit besonders hohen Rabatten, besonders in den USA, aber auch zunehmend in Deutschland. Doch woher stammt die Bezeichnung „Black Friday“? Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte dazu am diesjährigen „Black Friday“, dem 29. November, eine Theorie. Das von ihm veröffentlichte Foto zeigt mehrere schwarze Männer, die mit Ketten um den Hals gefesselt sind und in Reihen hintereinander stehen, darunter steht „Black Friday“ und die Behauptung: „Der Begriff ‘Black Friday’ entstand aus der Praxis, Sklaven am Tag nach Thanksgiving zu verkaufen.“ 

Das ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag vom 29. November 2019. Der Beitrag wurde 175 Mal auf Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Das sagt ein Professor für Nordamerikanische Geschichte

Jedes Jahr vor dem „Black Friday“ taucht die Behauptung wieder auf. Wir haben sie bereits 2018 in einem Faktencheck geprüft und auch mit einem Historiker gesprochen. Norbert Finzsch war damals Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Köln. Mittlerweile lehrt er dort nicht mehr

Norbert Finzsch schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „An dem Gerücht ist nichts dran. Der innere Sklavenhandel wurde 1865 abgeschafft und der Begriff ‘Black Friday’ taucht zum ersten Mal 1951 auf. Er stammt aus der Praxis amerikanischer Arbeiter, sich am Freitag nach Thanksgiving krank zu melden, um vier hintereinander liegende Feiertage zu haben.“

Außerdem gibt es laut dem Professor für Nordamerikanische Geschichte noch eine weitere Herleitung. Demnach stammt der Begriff von der Verkehrspolizei des Philadelphia Police Department. Die Polizisten bezeichneten damit den Tag der schlimmsten Staus im Jahr, zu denen es immer am Freitag nach Thanksgiving kam. Das schrieb Joseph P. Barrett am 25. November 1994 in der Zeitung The Philadelphia Inquirer

Auch die Faktenchecker von Snopes haben die Behauptung schon 2013 geprüft und für falsch befunden.

Das Bild zeigt versklavte Menschen in Australien 

Das für die Falschmeldung genutzte Bild lässt sich über eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google zurückverfolgen. Gleich die ersten zwei Suchtreffer führen zu einem Buch mit dem Foto als Titelbild. Der Titel des Buches lautet: „Every Mother’s Son is Guilty: Policing the Kimberley Frontier of Western Australia 1882-1905“. Laut Beschreibung des Verlags handelt das Sachbuch von der Gewalt der kolonialen Besiedlung und des damit verbundenen Polizei- und Strafrechtssystems in Westaustralien gegenüber Aborigines von 1882 bis 1905. 

Auch die Faktenchecker von Lead Stories haben den aktuellen Facebook-Beitrag geprüft und sind dabei auf eine Bildbeschreibung in der britischen Zeitung Guardian gestoßen: „Das Foto zeigt etwa 100 Gefangene, Männer und Jungen der Aborigines, die an ihren Hälsen gefesselt sind, in Wyndham, der kleinen Hafenstadt des späten 19. Jahrhunderts, die für die Viehzucht und den Bergbau der Kimberley gegründet wurde. Das Bild wurde zwischen 1898 und 1906 aufgenommen.“

Eine Rezension des Buches über Australien samt einer Beschreibung des Titelbildes in der britischen Zeitung Guardian (Screenshot: CORRECTIV).

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Begriff „Black Friday“ hat nichts mit der Geschichte des Sklavenhandels zu tun.

weihnachtsmänner
Das Foto aus dem Facebook-Beitrag kursiert mindestens seit 2017 (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Wie jedes Jahr vor Weihnachten kursiert auch dieses Jahr wieder die Behauptung, Supermärkte würden traditionelle Weihnachtsprodukte unter neutralen Namen vertreiben. Das Narrativ und die Falschmeldung zu den Weihnachtsmännern sind nicht neu.

Gehen christliche Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Besonders vor christlichen Feiertagen und Festen versuchen Webseiten im Netz immer wieder dieses Narrativ zu verbreiten. In diesem Fall veröffentlichte ein Facebook-Nutzer am 17. November ein Bild von Schoko-Weihnachtsmännern in einem Einkaufsregal. Auf dem Preisschild steht als Warenbezeichnung angeblich „Jahresendfigur“. Zu dem Bild schrieb er den Kommentar: „Neu bei Netto“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 350 Mal geteilt. 

Wir haben den Beitrag überprüft. 

Der Facebook-Beitrag vom 17. November 2019 (Screenshot: CORRECTIV).

Netto und Lindt dementieren die Bezeichnung „Jahresendfigur“

Den Namen „Netto“ führen in Deutschland zwei Supermarktketten: Netto Marken-Discount AG & Co. KG mit rot-gelbem Schriftzug und Netto ApS & Co. KG mit schwarzem Schriftzug und Hunde-Logo. Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV haben beide Unternehmen dementiert, dass das Preisschild von ihnen stammt 

Die vom letzteren Markt beauftragte Agentur Public Link antwortete: „Das Preisschild stammt nicht von unserem Kunden Netto ApS & Co. KG.“ Christina Stylianou, Leiterin der Unternehmenskommunikation von Netto Marken-Discount AG & Co. KG, antwortete auf unsere Anfrage: „Die Schokoladenweihnachtsmänner unserer beliebten Eigenmarke Santa Claus in town als auch die Markenprodukte der Firma Lindt werden bei uns unter der Bezeichnung ‘Weihnachtsmann’ geführt.“

Auch Lindt selbst hat sich auf unsere Presseanfrage von der Bezeichnung „Jahresendfigur“ distanziert: „Wir bieten dieses Produkt als ‘Lindt Weihnachtsmann’ an. Der Lindt Weihnachtsmann ist seit vielen Jahren ein fester Bestandteil unseres Weihnachtssortiments und es ist nicht geplant, unseren […] beliebten Weihnachtsmann umzubenennen. Die Bezeichnung des Produktes auf dem Preisschild im Lebensmitteleinzelhandel ist in der Verantwortung des Händlers.” 

Wir haben den Barcode geprüft 

Um die Angaben zu prüfen, haben wir den Barcode, der in dem Facebook-Beitrag zu sehen ist, mit der App „CodeCheck“ eingescannt. Die Produktbeschreibung in der App lautet: „Lindt, Weihnachtsmann“. 

Produktbeschreibung des Barcodes aus dem Facebook-Beitrags in der App „CodeCheck“ (Screenshot: CORRECTIV).

Außerdem haben wir am 20. November stichprobenartig das Preisschild für Weihnachtsmänner in einem Netto Marken-Discount AG & Co. KG-Supermarkt in Düsseldorf überprüft. Dort wird die Schokoladenfigur zum selben Preis ebenfalls als „Weihnachtsmann“ bezeichnet. 

Preisschild in einem Netto-Markt in Düsseldorf am 20. November 2019 (Foto: CORRECTIV).

Rechtes Narrativ: Traditionelle Weihnachtsprodukte werden angeblich neutral umbenannt

Das Bild samt der Behauptung ist nicht neu. Die Faktenchecker von Mimikama berichteten bereits im Dezember 2017 darüber. In das Narrativ, das mit solchen Meldungen genährt werden soll, passen auch andere Falschmeldungen aus den vergangenen Jahren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Traditionelle deutsche Produkte und christliche Traditionen werden angeblich aus Rücksicht auf Andersgläubige neutral umbenannt. 

Debatten gab es im November 2017 um eine Weihnachtsstern-Pflanze, die angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Auch das war falsch, wie Mimikama damals recherchierte. Dieses Jahr griffen rechte Internetseiten das Thema wieder auf, wie Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen. 

Im November 2018 haben wir in einem Faktencheck erklärt, dass die Grünen entgegen anderer Behauptungen nie forderten, den Namen des Nikolaus in „Zipfelmützenmann” zu ändern. Weihnachten sollte auch nicht abgeschafft werden, als die Stadt Elmshorst ihren traditionellen Weihnachtsmarkt im selben Monat als „Lichtermarkt“ ankündigte. 

Schoko-Osterhasen gerieten ebenfalls schon in den Fokus, weil sie auf Kassenbons als „Traditionshasen“ gelistet wurden. Was dahinter steckte, haben wir in diesem Faktencheck im März 2018 aufgeschrieben. Und auch die christliche Bezeichnung „Pfingstrose“ sollte nicht von Blumenläden in „Traditionsrose“ umbenannt werden, wie eine Seite im Mai 2018 behauptete. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Beide deutschen Netto-Supermarktketten haben das Preisschild dementiert. Bei einem stichprobenartigen Besuch eines Marktes in Düsseldorf fanden wir die Bezeichnung „Weihnachtsmann“ vor.

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Greta Thunberg am 1. November 2019 auf einer Klima-Demonstration in Los Angeles. (Foto: J. Brown / AFP)

von Joana Splieth

Die Webseite News For Friends behauptet, Greta Thunberg habe gedroht, Facebook zu verlassen, wenn Kritik an ihr nicht „zensiert“ werden würde. Diese Aussage hat sie so allerdings nie getroffen. 

Die Webseite News For Friends, die nach eigenen Angaben unter anderem über „Politik“, „News“, „Verschwörungen“ und „Chemtrails“ schreibt, behauptet in einem Artikel vom 1. November 2019 anhand eines Facebook-Beitrags von Greta Thunberg, sie drohe, „Facebook zu verlassen, wenn ihre Kritiker nicht zum Schweigen gebracht werden“. 

Im Text ist als eine Quelle die rechte US-amerikanische Webseite Breitbart angegeben. Auf ihr wurde der Artikel auf Englisch bereits am 31. Oktober 2019 veröffentlicht. Als zweite Quelle ist ein ähnlicher Artikel der Webseite News Punch vom 1. November 2019 angegeben, ebenfalls in englischer Sprache. Auch diese Webseite hat ihren Sitz in den USA und ist laut FactCheck.org die Neuaufsetzung der für Verschwörungstheorien und Fehlinformationen bekannten Seite Your News Wire. Alle drei Artikelversionen wurden laut dem Analysetool Crowdtangle insgesamt mehr als 11.500 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Artikel auf Breitbart wurde über 9.000 Mal über Facebook geteilt (Screenshot: CORRECTIV).

Greta Thunberg spricht sich nicht gegen Kritik aus, sondern gegen Falschmeldungen

Im Artikel wird Greta Thunberg unterstellt, sie wolle Kritik an ihr verhindern: „Dennoch findet Frau Thunberg Kritik bedenklich und schlägt vor, dass diejenigen, die sich ihrem Kreuzzug widersetzen, ‘die Demokratie stören’ und von Facebook zensiert werden sollten. Das Klima-Symbol forderte ihre Fans auf, Facebook zum Schweigen zu bringen und darauf zu bestehen, dass ‘wenn genug von uns Veränderungen fordern, dann werden Veränderungen kommen’.“ 

Die Seite News For Friends verbreitet die Unterstellung, Greta Thunberg würde drohen Facebook zu verlassen, „wenn ihre Kritiker nicht zum Schweigen gebracht werden“ würden. (Screenshot: CORRECTIV).

Greta Thunberg, bekannt für ihr Engagement als Klimaaktivistin, äußerte in dem von News For Friends zitierten Facebook-Beitrag jedoch Kritik an Facebook und nicht an Kritikern. Ihr Vorwurf zielte auf die „fehlende Faktenüberprüfung“, das „Erlauben von Hassrede“ und „Fragen der Einmischung in die Demokratie“ durch das Soziale Netzwerk ab. 

Sie sprach sich zudem gegen Falschmeldungen über sie aus, nicht gegen Kritik: „Die ständigen Lügen und Verschwörungstheorien über mich und natürlich unzählige andere führen zu Hass, Morddrohungen und letztendlich zu Gewalt.“ Ihre Aussage wird demnach übertrieben und aus dem Kontext gerissen.

Greta Thunbergs Facebook-Beitrag vom 24. Oktober 2019 (Screenshot: CORRECTIV).

Greta Thunberg übt Kritik an Facebook

Zu ihrem Beitrag teilte sie außerdem ein Video von einer Befragung, der sich Mark Zuckerberg, Facebook-Gründer, am 23. Oktober 2019 stellen musste. Darin wiesen US-amerikanische Kongressabgeordnete Zuckerberg auf gleiche oder ähnliche Probleme hin, die auch Greta Thunberg kritisierte. Auf diese Situation bezog Thunberg sich mit ihrer Kritik an Facebook: „Ich frage mich, wie viele andere auch, ob ich Facebook weiterhin nutzen soll oder nicht. Das Erlauben von Hassrede, das Fehlen von Tatsachenüberprüfung und natürlich Fragen der Einmischung in die Demokratie … sind unter anderem sehr beunruhigend.” 

Aus dem Facebook-Beitrag von Thunberg geht hervor, dass sie nicht damit „gedroht“ hat Facebook zu verlassen, wenn ihre Kritiker nicht „zensiert“ werden würden. Thunberg überlegte, das Netzwerk als Kritik an Facebooks Umgang mit Verschwörungstheorien und Lügen zu verlassen.

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Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Greta Thunberg will keine Kritik zensieren lassen, sondern hat Facebook für den Umgang mit Lügen, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien kritisiert. 

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Der ehemalige ARD-aktuell-Chefredakteuer Kai Gniffke im Jahr 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Seit 2015 taucht im Netz immer wieder ein angebliches Zitat von Kai Gniffke auf, in dem er vermeintlich die öffentlich-rechtlichen Medien diffamiert. Der Spruch ist frei erfunden und entstand wohl ursprünglich als Aprilscherz.

Die Facebook-Seite „Gelbe Westen Berlin“ veröffentlichte am 12. November eine Collage mit einem angeblichen Zitat des langjährigen ARD-aktuell Chefredakteur Kai Gniffke. Er soll laut der Collage gesagt haben: „Ich kann diese Lügen und Manipulationen der deutschen Öffentlichkeit nicht länger ertragen und erkläre hiermit meine sofortige Kündigung“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 400 Mal geteilt. 

Wir haben das angebliche Zitat geprüft. 

Der Facebook-Beitrag vom 12. November 2019 (Screenshot: CORRECTIV).

SWR und NDR dementieren das Zitat

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV haben sowohl der NDR als auch der SWR das Zitat dementiert. Für den NDR war Kai Gniffke 16 Jahre lang bis zum 8. August 2019 bei ARD-aktuell Chefredakteur und in dieser Position verantwortlich für die Sendungen Tagesschau und Tagesthemen. NDR-Pressesprecher Frank Jahn schrieb uns per E-Mail: „Dieses Zitat ist frei erfunden.“ 

Seit September 2019 ist Gniffke Intendant des SWR. Er arbeitet also weiter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Auch der Pressesprecher des SWR, Wolfgang Utz, schrieb uns per E-Mail: „Das ist natürlich ein Fake, der schon 2016 ein solcher war und durch die Wiederholung nicht wahrer und nicht witziger wird.“

Kai Gniffke selbst schrieb in seiner Abschiedskolummne auf der Seite der Tagesschau außerdem nichts von angeblichen „Lügen und Manipulationen“, wie ihm auf dem im Netz geteilten Bild unterstellt wird. Stattdessen schrieb er: „Nach 16 Jahren verlasse ich die Redaktion, die ich das Glück und die Ehre hatte, 16 Jahre lang leiten zu dürfen. Ich hatte richtig Schiss vor diesem Tag. Denn es fällt mir emotional ganz, ganz schwer. […] Ich habe immer Stolz empfunden, hier zu arbeiten. […] Die Tagesschau hat einen gesellschaftlich ganz wichtigen Auftrag und wird ihn bestimmt glänzend erfüllen.“  

Mimikama berichtete schon 2016 über das falsche Zitat 

Eine Google-Suche nach dem angeblichen Zitat führt auch zu einem Faktencheck der österreichischen Webseite Mimikama vom 4. Oktober 2019. Die Redaktion stufte das Zitat erstmals 2016 als falsch ein. Damals war es von der Seite Propagandaschau als vermeintlicher Aprilscherz verbreitet worden. Mimikama schrieb: „Im Gegensatz zu vielen anderen Aprilscherzen, nimmt man bei der Webseite ‘Propagandaschau’ augenscheinlich wohlwollend in Kauf, dass die Leser diesen ‘Scherz’ einfach mal für wahr halten und weitergeben, so wie auch alle Blogs, die sich auch die ‘Propagandaschau’ beziehen.“ Mimikama fragte damals auch bei der Tagesschau nach, die das Zitat dementierte. 

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Zitat ist frei erfunden. Kai Gniffke arbeitet weiter für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, seit September 2019 als Intendant für den SWR.

Collage Weihnachtsmark bild
Ein Foto aus Berlin von 2018 mit der aktuell geteilten Behauptung, es zeige einen „Käfig“ für den Weihnachtsmarkt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

In einem Facebook-Post wird anhand eines Fotos aus Berlin behauptet, es würde „Weihnachten in Käfigen“ gefeiert. Die Perspektive des Fotos verzerrt jedoch die Szenerie. Die Sicherheitsabsperrungen sind brusthoch und umgeben nicht den gesamten Platz.

„Soweit ist es gekommen“, steht in einem Facebook-Beitrag vom 1. November, „wir feiern Weihnachten in Käfigen.“ Dazu ist ein Foto eines Metallgitters zu sehen, im Hintergrund Weihnachtsbäume und die Gedächtniskirche auf dem Berliner Breitscheidplatz. Der Beitrag wurde bisher mehr als 450 Mal auf Facebook geteilt. 

Die Behauptung auf Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Richtig ist: Das Foto wurde 2018 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin aufgenommen. Die Perspektive lässt jedoch den Aufbau höher wirken, als er ist. Die Formulierung, es sei ein „Käfig“ ist irreführend, weil sie suggeriert, die Absperrung gehe um den gesamten Platz herum.

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Google zeigt, dass mehrere Medien 2018 über Sicherheitsmaßnahmen auf dem Berliner Weihnachtsmarkt berichteten und das Foto als Titelbild für ihre Artikel verwendeten. In den Berichten heißt es unter anderem, der Weihnachtsmarkt sei nach dem Terroranschlag 2016 zur „Festung“ geworden. Als Bildquelle wird die DPA angegeben. 

Brusthohe Absperrungen auf zwei Straßenzügen nahe des Breitscheidplatzes

Eine CORRECTIV-Suche in der nicht-öffentlichen Bilderdatenbank der DPA, „Picture Alliance“, zeigt, dass das Bild von dem Fotografen Paul Zinken aufgenommen wurde. Zinken hat mehrere Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven gemacht. Auf einem ist etwa zu sehen, dass es sich bei der Absperrung um einen breiten Aufbau aus Gitterstangen und Sandsäcken handelt. Das sieht man auch in einem Artikel der Berliner Zeitung von 2018. 

Auf den Fotos ist außerdem zu sehen, dass der Aufbau etwa brusthoch ist. Das Größenverhältnis zeigen auch die Warnbaken, die auf dem Foto ebenfalls zu sehen sind.  

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In einem Artikel des Tagesspiegel vom April 2019 ist zu lesen, dass der Breitscheidplatz nun dauerhaft mit solchen Absperrungen gesichert werden solle. 

Wir haben dazu bei der Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Berlin angefragt. Sprecher Martin Pallgen antwortete CORRECTIV per E-Mail: „Das Bild auf FB vermittelt den Eindruck, dass um den Breitscheidplatz ein Zaun gezogen ist. Dem ist nicht so. Derzeit wird der Breitscheidplatz auf der Basis eines Zufahrtschutzkonzeptes mit mobilen Sperrsystemen geschützt, die schnellstmöglich durch dauerhafte Sicherungsmaßnahmen ersetzt werden sollen. Im Augenblick stehen mit Sandsäcken gefüllte und miteinander verbundene Drahtkörbe an der Budapester Straße und dem Tauentzien.“

E-Mail der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport. (Screenshot: CORRECTIV)

Es stehen also derzeit provisorische Aufbauten auf zwei Straßen nahe des Breitscheidplatzes. Dabei handelt es sich nicht um einen Zaun um den gesamten Platz, oder einen „Käfig“, wie im Facebook-Beitrag behauptet. Der Zufahrtsschutz soll außerdem dauerhaft bestehen, nicht nur an Weihnachten.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es stehen aktuell Sicherheitsabsperrungen auf zwei Straßen nahe des Breitscheidplatzes, es handelt sich aber nicht um einen durchgängigen Zaun oder einen „Käfig“.

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Der „Zeit-Online“-Autor Christian Bangel. (Foto: Maurice Weiss)

von Till Eckert

Auf der Webseite Anonymous News wird behauptet, der Zeit-Online-Autor Christian Bangel fordere in einem Artikel den „Genozid am deutschen Volk“. Das stimmt nicht.

„Nach AfD-Wahlerfolg im Osten: ZEIT-Autor fordert gezielten Völkermord durch Migration“, titelte die Webseite Anonymous News in einem Artikel vom 3. November. Der Publizist Akif Pirinçci behauptet darin unter anderem, Autor Christian Bangel von Zeit Online habe in einem Artikel einen „eine ‘sofortige und massive Zuwanderung durch Migranten aus dem Ausland’ und damit einen Genozid am deutschen Volk“ gefordert. „Denn genauso definiert die UN Völkermord“, behauptet Pirinçci.

Der Artikel auf „Anonymous News“ mit falscher Behauptung über den „Zeit-Online“-Autoren Christian Bangel. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Artikel wurde bisher laut des Analysetools Crowdtangle als 550 Mal auf Facebook geteilt, unter anderem vom AfD-Ortsverband Schwandorf.

Bangel schreibt, Zuwanderung könnte Situation im Osten Deutschlands stabilisieren

Hintergrund ist ein Zeit-Online-Artikel vom 27. Oktober von Bangel. Er ist als Kommentar gekennzeichnet, also als Meinung des Autors (PDF, Seite 10). Bangel schreibt darin darüber, wie die AfD bei der Thüringen-Wahl abgeschnitten hat und darüber, wie er die Situation in Ostdeutschland wahrnimmt. 

Er macht unter anderem den Vorschlag: „Wer den Osten dauerhaft stabilisieren will, der muss vor allem für eines kämpfen: Zuwanderung. Massiv und am besten ab sofort. Zuwanderung aus dem Westen, Binnenzuwanderung aus den großen Städten in die ländlichen Räume, und ja, auch gezielte Migration aus dem Ausland.“ So könnten auch in „Verliererregionen“ stabile wirtschaftliche Strukturen aufgebaut werden, schreibt Bangel.

Christian Bangel in seinem Kommentar für „Zeit Online“. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Passage wird im Anonymous-News-Text herausgestellt und als Beleg dafür angeführt, dass Bangel sich für eine „Umvolkung“ ausspreche, einen „Genozid“, weil das die UN-Definition dafür sei. Bangel schreibt im Text aber nirgends von „Umvolkung“, „Genozid“, oder nutzt das Wort „Völkermord“. Das Ziel seines Vorschlags – also der gezielten Zuwanderung aus dem Westen, Binnenzuwanderung und Migration aus dem Ausland – sei im Gegenteil, dass in wirtschaftlich schwächeren Regionen Deutschlands „ein Miteinander von Generationen, Milieus und Haufarben“ entstehe.

Die UN definiert Zuwanderung und Migration nicht als Parameter für das Verbrechen Genozid

Genozid als internationales Verbrechen wurde erstmals 1946 von der UN-Generalversammlung festgestellt und 1948 in der sogenannten Genozid-Konvention (PDF) definiert. Alle Staaten sind laut dem internationalen Gerichtshof an den Grundsatz gebunden, dass Völkermord ein völkerrechtlich verbotenes Verbrechen ist, wie die UN schreibt. Das wurde 1948 ins deutsche Bundesgesetzblatt aufgenommen (PDF).

Die Handlungen, die erforderlich sind, damit ein Verbrechen als Genozid gilt, werden in Artikel 2 der Konvention definiert. Laut UN gibt es dabei zwei Hauptelemente: Ein mentales, „die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Und ein physisches, das diese fünf Handlungen beinhaltet:

  1. Das Töten von Mitgliedern der Gruppe
  2. Das Verursachen von schweren körperliche oder geistigen Schäden an den Mitgliedern der Gruppe
  3. Das bewusste Einwirken auf die Lebensbedingungen der Gruppe, die dazu führen sollen, diese ganz oder teilweise zu zerstören
  4. Die Einführung von Maßnahmen zur Verhinderung von Geburten innerhalb der Gruppe
  5. Gewaltsames Übertragen von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe

Zuwanderung oder Migration werden in der Konvention dagegen nicht genannt. Pirinçcis Aussage dazu ist demnach falsch.

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Im weiteren Verlauf des Textes schreibt Pirinçci, Zeit-Online-Autor Bangel gebe eine explizite Handlungsempfehlung und empfehle eine „Umvolkung“. Er legt Bangel damit nicht nur das Wort in den Mund, sondern offenbar auch seine eigene Theorie der „Umvolkung“, nach der mit Migration und Flüchtlingsaufnahme angeblich ein Plan verfolgt werden soll, die deutsche Gesellschaft auszutauschen. Pirinçci schrieb darüber selbst ein Buch mit dem Titel „Umvolkung“

Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen erwähnte den wegen Volksverhetzung verurteilten Pirinçci im Bericht 2017, weil er in diesem Jahr auf einer Veranstaltung des Vereins Pro Köln auftrat (PDF, Seite 30). Weiter steht im Bericht: „Der Begriff ‘Umvolkung’ stammt aus dem Sprachgebrauch des Nationalsozialismus für bevölkerungspolitische Maßnahmen im Sinne der NS-Ideologie. Derzeit verwenden den Begriff Rechtsextremisten, um ihre fremdenfeindlichen Positionen zu verbreiten. Sie wollen den Eindruck erwecken, dass durch Einwanderung eine ethnisch homogene Bevölkerungsgruppe durch eine andere ethnisch homogene Bevölkerungsgruppe vertrieben würde“. 

Fazit

Zeit-Online-Autor Bangel hat in seinem Kommentar keinen „gezielten Völkermord durch Migration“ gefordert, sondern schreibt von Zuwanderung als Vorschlag für ein stabileres Ostdeutschland. Die UN definieren Zuwanderung und Migration zudem nicht, wie im Artikel von Anonymous Nnews behauptet, als eine der Handlungen, die einen Genozid ausmachen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der „Zeit-Online“-Autor forderte keinen Völkermord. Die UN nennt „Zuwanderung“ oder „Migration“ nicht in ihrer Genozid-Konvention.