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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Bewertung: völlig falsch

Nein, in Weilheim wurden keine Koran-CDs mit Chemikalien gefunden

Collage Brief
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Collage Brief
Die Falschmeldung über angeblich gefährliche Briefsendungen mit Koran-CDs kursiert seit mehreren Jahren. Sie ist frei erfunden. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Seit Jahren teilen Menschen eine Falschmeldung über Briefe mit Weihnachts-CDs, die mit giftigen Chemikalien präpariert seien. Aktuell kursiert sie wieder auf Facebook.

Ein Facebook-Beitrag vom 7. Oktober schürt im Netz Angst vor einer chemischen Substanz in Briefsendungen. Eine Nutzerin veröffentlichte ein Foto eines Briefs, der angeblich eine CD enthalte, samt der Warnung: „Die CD ist mit chemischer Substanz bearbeitet, die die Attemwege [sic!] lähmen. […] In Weilheim sind betroffene schon im Krankenhaus.“ Die CD enthalte Lieder und Aussagen aus dem Koran. Der Beitrag wurde mehr als 280 Mal geteilt. 

Wir haben die Behauptung überprüft. 

Facebook-Beitrag vom 7. Oktober mit falschen Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die zuständige Polizeibehörde für Weilheim, Oberbayern Süd: „Bei dieser Meldung handelt es sich mit eindeutiger Sicherheit um eine Falschmeldung. In Weilheim und dem restlichen Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd gab es keinerlei dieser Vorfälle.“ Zudem kursierte die Meldung laut Polizei schon 2016 und 2017 im Netz und über Whatsapp. 

Die Antwort des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Medien wiesen bereits 2016 auf die Falschmeldung hin 

Auf dem verbreiteten Foto des Briefumschlags ist das Logo der Stiftung „Menschen für Menschen“ zu erkennen. Die Stiftung wies schon im Dezember 2016 auf ihrer Webseite auf die Falschmeldung hin. Bei dem Foto handelte es sich demnach offenbar um einen echten Brief der Stiftung, mit dem im November 2016 eine CD mit Weihnachtsmusik verschickt wurde.

Zwischenzeitlich kursierten laut Medienberichten auch Warnungen vor dem Brief für die baden-württembergische Stadt Weinheim und den Rhein-Neckar-Kreis. Die zuständigen Polizeibehörden haben 2016 sowohl für Weilheim als auch für Weinheim in Facebook-Beiträgen auf die Falschmeldung aufmerksam gemacht.  

Facebook-Beitrag der Polizei Oberbayern Süd von 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto mit den falschen Behauptungen war außerdem Thema mehrerer richtigstellender Medienberichte. Im November 2016 berichtete die Hessische Niedersächsische Allgemeine Zeitung, im Dezember 2016 die Schleswig-Holsteinische Zeitung und der Merkur und im Oktober 2017 das Schwäbische Tagblatt. Auch die österreichischen Faktenchecker von Mimikama veröffentlichten im Dezember 2016 und Dezember 2018 je einen Artikel zum Thema. 

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Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Meldung von CD-Briefsendungen mit chemischen Substanzen in Weilheim ist frei erfunden.

Bewertung: teilweise falsch

Staatsanwaltschaft: Sexueller Übergriff in Bayern im September 2019 war keine „versuchte Vergewaltigung“

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Die Bundespolizei nahm bei München einen Mann wegen eines sexuellen Übergriffs auf eine Jugendliche fest. (Symbolfoto: Lukas Becker / Pixabay)

von Alice Echtermann

Die Seite Truth24 verbreitet eine Meldung über einen sexuellen Übergriff auf eine junge Rollstuhlfahrerin, der sich im September in Bayern ereignete. In der Überschrift des Artikels wird fälschlicherweise von einer versuchten Vergewaltigung berichtet. 

Die Überschrift des Artikels, den die Webseite Truth24 am 22. September veröffentlichte, lautet: „München: Senegalese versucht behinderte Rollstuhfahrerin (17) zu vergewaltigen“. Dies suggeriert etwas ganz anderes, als im Text zu lesen ist: Darin heißt es, ein Mann aus dem Senegal habe eine junge Frau im Rollstuhl sexuell bedrängt und angefasst, bis er durch zwei Zeuginnen vertrieben wurde. Der Artikel wurde auf Facebook laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 5.300 Mal geteilt.

Den Vorfall gab es, es handelte sich jedoch nicht um eine versuchte Vergewaltigung, wie die zuständige Staatsanwaltschaft bestätigte. 

Truth24 verlinkt unten im Text auf eine Pressemitteilung der Bundespolizeidirektion München vom 22. September. Darin steht: „Am Samstagmittag (21. September) soll ein alkoholisierter 26-Jähriger am S-Bahnhaltepunkt Ismaning sowie ein weiteres Mal am Bahnsteig in Englschalking eine 17-jährige, behinderte Rollstuhlfahrerin sexuell belästigt haben.“ Er habe sie gegen ihren Willen angefasst. Es habe sich um einen Senegalesen gehandelt, der seit 2015 in Deutschland sei und eine gültige Aufenthaltserlaubnis besitze. 

In Englschalking sei der Mann durch zwei Zeuginnen vertrieben worden. Er sei kurz darauf festgenommen worden. In der Pressemitteilung der Bundespolizei steht außerdem: „Über die Staatsanwaltschaft München I wurde eine Blutentnahme des 26-Jährigen sowie vom Amtsgericht München die Vorführung vor dem Haftrichter wegen sexueller Belästigung gemäß § 184i StGB angeordnet.“ 

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Der Text von Truth24 übernimmt die Schilderung des Bundespolizei fast wörtlich, setzt jedoch als Überschrift „versuchte Vergewaltigung“ darüber.

Die Pressemitteilung der Bundespolizeidirektion München. (Screenshot: CORRECTIV)

Staatsanwältin: Es war keine versuchte Vergewaltigung

CORRECTIV hat bei der Staatsanwaltschaft München I nachgefragt, wie der Vorfall rechtlich einzuordnen ist. Oberstaatsanwältin Anne Leiding teilte uns per E-Mail mit: „Die Bezeichnung des mutmaßlichen Tathergangs auf www.truth24.net als versuchte Vergewaltigung ist falsch. Die Meldung der Bundespolizei vom 21.09.19 schildert einen Vorfall, der nach vorläufiger rechtlicher Prüfung als sexueller Übergriff einzuordnen ist.“ 

Die E-Mail der Sprecherin der Staatsanwaltschaft München. (Screenshot: CORRECTIV)

Leiding erklärt: Ein sexueller Übergriff liege vor, wenn jemand an einer Person gegen ihren Willen eine sexuelle Handlung vornehme, sie zum Beispiel an der Brust anfasse. „Eine solche Handlung wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 5 Jahren verfolgt.“ Eine Vergewaltigung sei dagegen ein besonder schwerer sexueller Übergriff und „mit einer Freiheitsstrafe von nicht unter 2 Jahren (bis zu 15 Jahren) strafbar“. Als Vergewaltigung bezeichne man Geschlechtsverkehr gegen den Willen des Opfers oder das Eindringen in den Körper des Opfers. Von versuchter Vergewaltigung spreche man, wenn zu einer solchen Tat „unmittelbar angesetzt wird“. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Überschrift stellt die Tat falsch dar und führt in die Irre. 

Bewertung: falsch

Nein, mit diesem silbernen Auto wurde nicht versucht, Kinder in Herne zu entführen

Kindesentführer Herne
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Kindesentführer Herne
Oft warnen besorgte Eltern in Sozialen Netzwerken vor Unbekannten, die Kinder aus Autos ansprechen. In einem Fall in Herne wird dieses Foto geteilt - doch es handelt sich um eine Falschmeldung. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Facebook wird ein Foto eines Autos geteilt, mit dem angeblich jemand in Herne unterwegs sei und versuche, Kinder zu entführen. Die Polizei Bochum stellt jedoch klar: Es gab keine Entführung oder versuchte Entführung von Kindern.

Ein Facebook-Nutzer veröffentlichte am 20. September ein Foto eines Autos, auf dem steht: „Bitte teilen Leute der ist in Herne Wanne und so unterwegs und versucht Kinder zu entführen“. Es wurde mehr als 200 Mal geteilt. Das Kennzeichen ist geschwärzt – der Nutzer schreibt in den Kommentaren, das habe er wegen des Datenschutzes gemacht, und falls die Vorwürfe doch nicht stimmen sollten. 

In diesem Facebook-Beitrag zu dem Thema ist das Kennzeichen des Autos geschwärzt. (Screenshot und Schwärzung der Namen: CORRECTIV)

Zwei Tage später lud eine andere Nutzerin jedoch dasselbe Foto erneut bei Facebook hoch und schrieb ein Kennzeichen dazu. Diese Version wurde wesentlich häufiger geteilt – bisher mehr als 1.400 Mal. Die Frau schreibt zu dem Bild: „Der erste Beitrag wurde ohne Kennzeichen gepostet, wahrscheinlich wegen Datenschutz. Aber wer schützt unsere Kinder“. 

CORRECTIV hat recherchiert, ob die Behauptungen über das Foto stimmen.

Der zweite Facebook-Beitrag mit dem Foto des Autos enthält auch ein Kennzeichen. (Screenshot und Schwärzung am 25. September: CORRECTIV)

Volker Schütte, Sprecher der zuständigen Polizei Bochum, teilte CORRECTIV mit, der Polizei sei das Foto bekannt, der Fall sei bereits geprüft worden. Es habe in den vergangenen Wochen in Herne keine Kindesentführung oder versuchte Kindesentführung gegeben. Das abgebildete Auto habe zwar einen lokalen Bezug zu Herne, aber keine Verbindung zu einem solchen Fall, sagte Schütte am Telefon.  

Die E-Mail des Pressesprechers der Polizei Bochum. (Screenshot: CORRECTIV)

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Unsere Bewertung:
Falsch. Laut Polizei hat das Auto auf dem Foto keine Verbindung zu einer versuchten Kindesentführung. 

Bewertung: falsch

„Philosphia Perennis“ veröffentlicht irreführende Liste von Fällen, bei denen angeblich Ausländer Personen vor Züge stießen

Titelbild
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Titelbild
Der Artikel von „Philosophia Perennis” mit der angeblichen „Liste ausländischer Gleisschubser“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Philip Steeg

In einem Beitrag von „Philosophia Perennis“ werden 21 Fälle aufgelistet, in denen Menschen vor Züge oder auf Gleise gestoßen wurden. Dazu wird behauptet, dass es sich um eine Liste „ausländischer Gleisschubser“ handele. Das ist jedoch falsch. 

In dem Artikel von Philosophia Perennis vom 30. Juli 2019 werden Fälle aufgeführt, in denen angeblich Ausländer andere Menschen vor Züge stießen. Der Text wurde mittlerweile laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 1.100 Mal geteilt. Er wurde von der Website Haolam wortgleich übernommen, auch hier wurde er bisher mehr als 1.100 Mal auf Facebook geteilt.

Bei dem Artikel wurden offenbar unter anderem Teile einer Liste übernommen, die in einem Facebook-Beitrag aufgestellt wurde. Zu diesem Beitrag hat CORRECTIV bereits einen Faktencheck veröffentlicht. 

Wir haben zum einen recherchiert, ob es die von Philosophia Perennis genannten Fälle überhaupt gab, und zum anderen überprüft, ob die Aussage, es handele sich bei den mutmaßlichen Tätern ausschließlich um Ausländer, so stimmt. 

Ob die beteiligten Personen einen Migrationshintergrund haben, wird von der Polizei nicht erfasst. Menschen mit deutschem Pass sind Deutsche und werden auch in der polizeilichen Kriminalstatistik so aufgeführt. In der PKS 2018 steht (Seite 8): „Die PKS differenziert zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen. Kriterium ist die Staatsangehörigkeit, dabei wird ein eventueller Migrationshintergrund nicht berücksichtigt.“

Alle 21 Fälle im Detail

1. Angeblicher Fall in Hamburg im August 2012 

Zitat: Hamburg-Veddel: Mann von Südländer in Gleisbett geschubst (08.08.2012)“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Hamburg auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, fand die Tat wie im PP-Beitrag beschrieben statt. Zudem teilte die Pressestelle mit, dass der Täter türkischer Staatsangehöriger sei. 

Fazit: Die Tat fand so statt, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

2. Angeblicher Fall in Siegburg im August 2013 

Zitat: Siegburg: Türkisch-russische Gruppe trat 18-Jährigen ins Gleisbett (26.08.2013)“ 

Faktencheck: Zu diesem Fall gibt es eine Pressemitteilung der Stadt Siegburg. Demnach fand die Tat wie angegeben statt. Sie geschah allerdings in der Nacht vom 23. zum 24. August 2013. Der Staatsanwaltschaft Bonn liegen zu dem Vorfall keine Daten mehr vor, wie sie CORRECTIV telefonisch mitteilte. Daten der Staatsanwaltschaft, die nicht mit Kapitalverbrechen in Verbindung gebracht werden, werden nach fünf Jahren gelöscht. Auch die Bundespolizei kann nach Aussage eines Sprechers dazu keine Auskunft mehr geben, da „entsprechende Unterlagen grundsätzlich nach fünf Jahren gelöscht“ würden. 

Wie aus der Pressemitteilung der Stadt Siegburg hervorgeht, gaben die Opfer an, dass es sich bei den Tätern um russisch- und türkischstämmige Jugendliche gehandelt habe. Da es zu dem Fall keine Pressemeldung der Polizei gibt, kann die Nationalität der Täter nicht endgültig belegt werden. 

Fazit: Die Tat fand so statt, die Nationalität der mutmaßlichen Täter ist nicht mehr feststellbar. 

Die Stadt Siegen berichtete auf ihrer Webseite über den Fall. (Screenshot: CORRECTIV)

3. Angeblicher Fall in Berlin im Januar 2017 

Zitat: Am 13.1.17 schubsen Migranten einen 28-jährigen in Berlin ins Gleisbett.“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Berlin auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, fand die Tat am 14. Januar 2017 wie beschrieben statt. Allerdings teilte die Pressestelle mit, dass die Täter deutsche Staatsbürger waren. 

Fazit: Die Tat fand so statt, die Täter sind jedoch deutsche Staatsbürger.

4. Angeblicher Fall in Hamburg im Januar 2017 

Zitat: Am 18.1.17 stößt ein polizeibekannter 16-jähriger Marokkaner in Hamburg, S-Bahnstation Reeperbahn eine Frau ins Gleisbett.“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Hamburg auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, fand die Tat am 18. Januar 2017 wie beschrieben statt. Außerdem teilte die Pressestelle mit, dass der Täter marokkanischer Staatsbürger war.

Fazit: Die Tat fand statt, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger.

5. Angeblicher Fall in Wuppertal im April 2018

Zitat: „13.4.2018 Wuppertal: Ein Mann entreißt der Mutter das Kind – und springt vor den Zug.

Faktencheck: Wie aus der Pressemitteilung der Polizei Wuppertal hervorgeht, fand die Tat am 12. April 2018 wie beschrieben statt. Die Pressestelle bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Täter indischer Staatsbürger sei, der in Gelsenkirchen lebte. In der Mitteilung heißt es außerdem, Hinweise dafür, dass es sich um eine religiös oder politisch motivierte Straftat handelt, lägen nicht vor. 

Fazit: Der Fall hat sich so zugetragen, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Wuppertal veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

6. Angeblicher Fall in Nürnberg im Januar 2019 

Zitat: „26.1./27.1.2019 Türke und Grieche stoßen drei 16-jährige Deutsche auf Gleis – zwei tot.“ 

Faktencheck: In dem Artikel von Philosophia Perennis ist kein Tatort angegeben. Da der Fall auch in einem anderen Faktencheck recherchiert wurde, war er CORRECTIV bereits bekannt. Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth auf Anfrage per E-Mail mitteilte, gab es am 27. Januar 2019 in Nürnberg eine Tat, die zu der Beschreibung passt. Zur Staatsangehörigkeit der Täter schreibt die Pressestelle: „Beide Angeschuldigten haben die deutsche Staatsangehörigkeit und sind in der Region geboren. Beide haben Migrationshintergrund, einer einen griechischen, der andere einen türkischen. Sie besitzen jeweils auch die zweite Staatsangehörigkeit.“

Fazit: Den Fall gab es, beide Täter sind Deutsche, haben allerdings die doppelte Staatsbürgerschaft. 

7. Angeblicher Fall in Dortmund im Juli 2019 

Zitat: 17.7.19 Dortmund 12- und 13-Jährige stoßen Jungen ins Gleisbett und quälen ihn.

Faktencheck: Die Pressestelle der Polizei Dortmund teilte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mit, dass die Tat am 10. Juli 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Einer der Täter sei spanischer, der andere deutscher Staatsbürger. Zu der Tat hat die Polizei Dortmund eine Pressemitteilung herausgegeben. 

Fazit: Die Tat gab es, einer der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Dortmund veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

8. Angeblicher Fall in Voerde im Juli 2019 

Zitat: 20.7.19 28-jähriger Serbe stößt 34-jährige Mutter vor den einfahrenden Zug – tot.

Faktencheck: In dem Artikel von Philosophia Perennis gibt es keine Ortsangabe. Da der Fall aber auch in einem anderen Faktencheck recherchiert wurde, war er CORRECTIV bereits bekannt. Auf Anfrage teilte die Pressestelle der Polizei Duisburg per E-Mail mit, dass es am 20. Juli 2019 eine Tat in Voerde gab, die zu der Beschreibung passt. Der Täter sei serbischer Staatsbürger. Zu dem Vorfall veröffentlichte die Polizei Duisburg eine Pressemitteilung und eine nachfolgende Ergänzung, in der steht, dass ein Haftbefehl wegen Mordes gegen den Beschuldigten erlassen worden sei. Er und das Opfer hätten sich zuvor nicht gekannt, es habe auch keinen Streit gegeben.

Fazit: Den Fall gab es, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

Die Polizei Duisburg veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

9. Angeblicher Fall in Dresden im März 2017 

Zitat: Zwei polizeibekannte Asylbewerber aus Marokko und Libyen stießen deutschen Familienvater ins Gleisbett und verhinderten seine Rettungsversuche – Vollbremsung des Lokführers verhindert Tragödie.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Dresden per E-Mail mit, dass die Tat so geschehen sei. Die Täter seien marokkanische und libysche Staatsbürger. 

Fazit: Die Tat fand statt, die Täter sind nicht deutsche Staatsbürger.

10. Angeblicher Fall in Köln im Juli 2017

Zitat: „‘26-Jähriger ohne festen Wohnsitz’ stieß 18-jährige Touristin völlig unvermittelt gegen eine einfahrende Straßenbahn, Opfer wurde leicht verletzt!

Faktencheck: Die Pressestelle des Polizeipräsidiums Köln teilte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mit, dass die Tat am 24. Juli 2017 stattgefunden habe. Der Täter sei deutscher Staatsangehöriger. Medienberichte, zum Beispiel von der Rheinischen Post, liefern auch keine Anhaltspunkte für einen möglichen Migrationshintergrunds. 

Fazit: Die Tat fand so statt. Der Täter ist deutscher Staatsbürger. 

11. Angeblicher Fall in Gerlingen im Oktober 2017

Zitat: „21-jähriger Algerier […] schlug und trat mit seiner Bekannten einen jungen Gerlinger bewegungsunfähig, um ihn dann ins Gleisbett der Stadtbahn zu stoßen […].“ 

Faktencheck: Wie die Pressestelle des Polizeipräsidiums Ludwigsburg per E-Mail auf Anfrage von CORRECTIV mitteilte, fand die Tat am 6. Oktober 2017 statt. Laut Pressestelle war „ein Zug […] zu diesem Zeitpunkt nicht in der Nähe“. Der Täter sei algerischer Staatsbürger, die Mittäterin sei deutsche Staatsangehörige. 

Fazit: Die Tat fand statt. Einer der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. Die zweite Täterin ist deutsche Staatsbürgerin.

12. Angeblicher Fall in Berlin-Charlottenburg im November 2017  

Zitat: 28-jähriger Iraner trat 20-jährige Frau mit Anlauf vor die einfahrende U-Bahn, Opfer wurde überrollt und verstarb noch am Unfallort.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Berlin auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, fand die Tat zwar so statt. Allerdings weicht das angegebene Datum erheblich vom tatsächlichen Zeitpunkt der Tat ab. Sie fand nicht wie behauptet im November 2017, sondern am 19. Januar 2016 statt. Außerdem teilte die Pressesprecherin mit, dass der Täter iranischer Staatsbürger sei. Laut Medienberichten wurde er in Hamburg geboren. 

Fazit: Es gab einen entsprechenden Fall, allerdings an einem anderen Datum. Der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

13. Angeblicher Fall am Centralbahnplatz in Basel (Schweiz) im November 2018 

Zitat: Flüchtiger dunkelhäutiger Täter stieß 73-Jährigen vor die Straßenbahn.

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Staatsanwaltschaft Basel per E-Mail mit, dass es am 6. November 2018 einen Vorfall am Centralbahnplatz gegeben habe, bei dem ein älterer Mann gegen eine Straßenbahn fiel. Der Pressesprecher berichtete jedoch auf weitere Nachfrage, „dass bisherige Ermittlungen davon aus[gehen], dass keine Mutwilligkeit hinsichtlich des Stoßens vor die Tram vorliegt, sondern es sich offensichtlich um eine Rempelei gehandelt hat“. Der mutmaßliche Täter wurde nicht ermittelt. 

Fazit: Die Polizei geht von einer Rempelei aus, der nicht die Absicht zugrunde lag, den Mann vor die Straßenbahn zu stoßen. Die Nationalität des mutmaßlichen Täters ist nicht bekannt. 

Die Staatsanwaltschaft Basel geht bei diesem Fall nicht von Mutwilligkeit aus (Screenshot: CORRECTIV)

14. Angeblicher Fall in Nürnberg im Februar 2019 

Zitat: Von den drei deutschen Jugendlichen, die ins Gleisbett der S-Bahn von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gestossen wurden, sind zwei dabei getötet worden!“ 

Faktencheck: Dieser Fall befindet sich zweimal in der Liste von Philosophia Perennis. Die Beschreibung passt zu dem Fall, der unter Punkt sechs bereits überprüft wurde. Dieser trug sich Ende Januar 2019 in Nürnberg zu. In diesem Fall haben beide Täter die doppelte Staatsbürgerschaft. 

Fazit: Dieser Fall ist zweifach in der Auflistung. Den Fall gab es, die Täter haben die doppelte Staatsbürgerschaft. 

15. Angeblicher Fall in Leipzig im März 2019 

Zitat: 62-jährige von Unbekannten aus der Straßenbahn geschubst, Opfer schwer verletzt!“ 

Faktencheck: Auf Anfrage von CORRECTIV teilte die Pressestelle der Polizei Leipzig mit, dass die Tat am 26. März 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Laut Pressesprecher liegen „zum Tatverdächtigen […] keinerlei Erkenntnisse/Beschreibungen vor“.

Fazit: Die Tat fand statt, aber zum Täter gibt es bisher keine Erkenntnisse.

16. Angeblicher Fall in Blaubeuren im April 2019 

Zitat: „Zwei männliche Personen schwarzafrikanischem Typus ohne Fahrschein schubsten Bahnmitarbeiterin nach einem schon im Zug vorausgehenden Gerangel bei einem Halt in das Gleisbett und flüchteten.

Faktencheck: Die Pressestelle der Bundespolizei Stuttgart teilte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mit, dass die Tat am 4. März 2019 wie beschrieben stattgefunden habe. Zudem teilte die Pressesprecherin mit, dass „durch die Bundespolizei letztlich zwei tatverdächtige Personen ermittelt werden [konnten]. Das Ermittlungsverfahren ist derzeit noch nicht abgeschlossen.“ Daher können „zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine darüber hinausgehenden Auskünfte“ erteilt werden. Zu der Tat veröffentlichte die Bundespolizei Stuttgart eine Pressemitteilung. Darin steht, die beiden Männer seien schwarz gewesen, aber es wird keine Nationalität angegeben.

Fazit: Den Fall gab es, die Nationalität der mutmaßlichen Täter ist bisher nicht bekannt. 

Die Bundespolizei veröffentlichte eine Pressemitteilung. (Screenshot: CORRECTIV)

17. Angeblicher Fall in Berlin im Mai 2019 

Zitat: „Täter Gruppe junger Männer flüchtig: 25-Jähriger vor Straßenbahn gestoßen und schwer verletzt.

Faktencheck: Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft Berlin teilt CORRECTIV auf Anfrage per E-Mail mit, dass ihr dieser angebliche Fall nicht bekannt sei. Allerdings gebe es eine zu der Beschreibung passende Tat am 22. Oktober 2017 in Berlin-Marzahn. Bei dieser Tat seien die Täter deutsche Staatsbürger gewesen.

Fazit: Für diesen Vorfall gibt es in der angegebenen Zeit keine Belege. Womöglich ist ein Fall gemeint, der im Oktober 2017 stattfand. Bei diesem waren die Täter allerdings deutsche Staatsbürger. 

18. Angeblicher Fall in Wien (Österreich) im Mai 2019

Zitat: Ein 20-jähriger Iraker stieß den ihm unbekannten 36-jährigen Mann unmittelbar vor den einfahrenden Zug.

Faktencheck: Wie die Pressestelle der Polizei Wien auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, fand die Tat am 8. Mai 2019 wie beschrieben statt. Außerdem bestätigte die Pressestelle Medienberichte, nach denen es sich um einen irakischen Staatsangehörigen gehandelt habe. 

Fazit: Der Fall hat sich so zugetragen, der Täter ist irakischer Staatsbürger. 

Die Pressemitteilung der Polizei Wien. (Screenshot: CORRECTIV)

19. Angeblicher Fall in Köln-Ehrenfeld im Juni 2019 

Zitat: „18-jähriger Täter stieß einen 42-Jährigen, der am Bahnsteig wartete, so heftig, dass dieser ins Gleisbett stürzte.

Faktencheck: Die Pressestelle der Kölner Polizei teilt CORRECTIV auf Anfrage per E-Mail mit, dass ihnen der angebliche Fall mit diesen Zeitangaben nicht bekannt sei. Allerdings habe es eine Tat, die mit der Beschreibung übereinstimmt, im Juni 2018 in Köln-Ehrenfeld gegeben. Bei dieser Tat sei der Täter deutscher Staatsbürger gewesen. 

Fazit: Diesen Fall gab es in der angegebenen Zeit nicht. Womöglich ist hier ein Fall gemeint, der im Juni 2019 stattfand. Bei diesem war der Täter allerdings deutscher Staatsbürger. 

20. Angeblicher Fall in Voerde im Juli 2019 

Zitat: Ein der Polizei und Justiz bestens bekannter 28-jähriger Kosovare, dessen Gemeingefährlichkeit seit langem bekannt war, schubste eine 34-jährige Mutter direkt vor einen einfahrenden Zug! Opfer verstarb sofort an der Unfallstelle.

Faktencheck: Dieser Fall befindet sich zweimal in der Liste. Unter Punkt acht wurde die Tat bereits überprüft. Der Täter ist kein Kosovare, sondern serbischer Staatsbürger. 

Fazit: Dieser Fall ist doppelt in der Auflistung. Den Fall gab es, der Täter ist kein deutscher Staatsbürger. 

21. Angeblicher Fall in Essen im Juli 2019

Zitat: 20-Jähriger wurde brutal in die U-Bahngleise gestoßen, Opfer leicht verletzt, gegen Jugendliche mit laut Bildern Migrationshintergrund wird ermittelt.“ 

Faktencheck: Die Pressestelle der Polizei Essen teilte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mit, dass die Tat am 22. Juni 2019 wie beschrieben stattfand. Die Täter wurden nach einer Fahndung mit Fotos identifiziert, zu der Nationalität macht die Polizei zum aktuellen Zeitpunkt aber keine Angaben. Zu der Tat veröffentlichte die Polizei Essen eine Pressemitteilung. Demnach gab es „mindestens sieben“ Tatverdächtige, dem Vorfall sei ein Streit zwischen zwei Gruppen Jugendlicher vorausgegangen. Es sei unklar, ob der 20-Jährige auf der Flucht ins Gleisbett gestoßen wurde oder selbst sprang.

Fazit: Die Tat fand statt, über die Nationalität der Täter gibt die Polizei jedoch derzeit keine Auskunft. 

Die Polizei Essen veröffentlichte eine Pressemitteilung (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung, die Täter seien ausschließlich Ausländer, ist falsch

Es stimmt nicht, dass bei den hier aufgelisteten 21 Fällen von 2012 bis 2019, in denen Menschen vor Züge gestoßen wurden, ausschließlich Ausländer als Täter beteiligt waren. In etwa der Hälfte der Fälle sind die Täter entweder unbekannt oder deutsche Staatsbürger.

Zwei der Fälle waren doppelt in der Liste enthalten. Bei zwei anderen Fällen wurde ein völlig falsches Datum angegeben. In drei Fällen wurden die Täter noch nicht ermittelt, zu ihnen kann also keinerlei Angabe gemacht werden. In zwei Fällen macht die Polizei aufgrund der andauernden Ermittlungen keine Angabe zur Nationalität. 

Bei sieben weiteren Fällen wurden als mutmaßliche Täter deutsche Staatsbürger ermittelt. Darunter sind ein Fall, in dem die zwei Beschuldigten die doppelte Staatsbürgerschaft hatten, und zwei weitere, bei denen sowohl deutsche als auch nichtdeutsche Täter beteiligt waren. 

Auflistung ist bei weitem nicht vollständig

Die Auflistung ist zudem nicht vollständig – wie Philosophia Perennis auch selbst schreibt. Wie oft jemand vor einen Zug gestoßen wird, wird nicht statistisch erfasst, wie mehrere Pressesprecher der Polizei und Staatsanwaltschaften CORRECTIV bestätigten. Eine Suche im Presseportal, in dem Pressemitteilungen der Polizei in ganz Deutschland zu finden sind, vom 1. Januar 2017 bis 11. September 2019 mit den Begriffen „Zug“ und „gestoßen“, förderte allein sieben Treffer zutage, die nicht in der Auflistung vorkommen. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilten die zuständigen Behörden per E-Mail mit, dass bei sechs dieser Fälle die Täter Deutsche seien. Bei einem Fall konnte der Täter nicht ermittelt werden. 

Im Juli 2019 schubste ein deutscher Mann in Seelze seine Ex-Freundin nach einem Streit ins Gleis. Im April 2019 schubste in Zweibrücken eine 18-jährige Deutsche ihre 19-jährige Begleiterin nach einem Streit ins Gleisbett. Im Juli 2017 wurde ein 26-jähriger Deutscher von vier Deutschen ins Gleisbett vor einen stehenden Zug gestoßen. Und im Juni 2017 stieß ein polizeibekannter, betrunkener Essener einen 28-Jährigen gegen eine fahrende S-Bahn. Außerdem gab es weitere Fälle in Köln und Eutingen, in denen die Täter laut Polizei ebenfalls deutsche Staatsbürger waren. Bei einem weiteren Fall in Buchloe konnte der Täter nicht ermittelt werden.

Auch dies sind nur Beispiele und keine vollständige Darstellung aller Fälle in Deutschland. Es ist also nicht möglich, einen Zusammenhang herzustellen zwischen Menschen, die andere vor Züge stoßen, und ihrer Nationalität.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die 21 aufgezählten Fälle waren nur 19 Fälle, da zwei doppelt aufgelistet wurden. Bei etwa der Hälfte waren die Täter entweder unbekannt oder deutsche Staatsbürger. Die Behauptung, dass ausschließlich Ausländer an den Delikten beteiligt seien, stimmt nicht. 

Bewertung: falsch

Der Fahrer, der in Berlin mit einem SUV in eine Menschengruppe raste, ist Deutscher

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Vier Menschen starben in Berlin, als ein SUV auf einen Gehweg raste. Die Polizei spricht bisher von einem Verkehrsunfall, ermittelt aber noch die Ursache. (Symbolfoto: Golda Falk / Pixabay)

von Alice Echtermann

Nach einem Verkehrsunfall in Berlin, bei dem ein Porsche Macan – ein SUV – in eine Gruppe Menschen fuhr, kursiert auf Facebook das Gerücht, der Fahrer sei Marokkaner. Das ist falsch. 

Am 6. September raste nach Angaben der Polizei in Berlin-Mitte ein Porsche Macan – ein sogenannter SUV (Geländewagen) – in eine Gruppe Menschen. Vier Personen starben, fünf weitere wurden verletzt. Der Vorfall ereignete sich an der Kreuzung Invalidenstraße Ecke Ackerstraße. Die Polizei spricht bisher stets von einem „schweren Verkehrsunfall“. 

Nun behaupten Nutzer auf Facebook, der Fahrer sei Marokkaner gewesen. In einem der Beiträge, der am 12. September veröffentlicht und mehr als 450 Mal geteilt wurde, steht: „Der SUV Fahrer, der in Berlin in eine Menschenmenge fuhr und dabei 4 Menschen tötete ist ein Marokkaner! Warum verschweigen die Medien das?“ Es handelt sich offenbar um eine Kopie eines Beitrags vom 10. September (mehr als 500 Mal geteilt), der wortgleich von mehreren Nutzern übernommen wurde.

Die Behauptung, der Fahrer sei Marokkaner, ist falsch. 

Ein Facebook-Beitrag mit der Behauptung vom 10. September 2019. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)
Ein weiteres Beispiel für einen Beitrag mit identischem Text. (Screenshot am 17. September: CORRECTIV)

Wie ein Pressesprecher der Polizei Berlin, Stefan Petersen, CORRECTIV am Telefon mitteilte, hat der 42-jährige Fahrer die deutsche Staatsbürgerschaft. Auch sei er nicht marokkanischer Herkunft. Auch der Deutschen Presse-Agentur gab die Polizei diese Information. In Medienberichten wird der Name des Fahrers mit „Michael M.“ angegeben. 

Es wird geprüft, ob der Fahrer gesundheitliche Probleme hatte

Der Unfallhergang ist laut Polizei noch immer unklar. Am 9. September bat sie die Öffentlichkeit um Hinweise und ging nach eigenen Angaben unter anderem der Möglichkeit nach, dass ein medizinischer Notfall zu dem Unfall geführt hat.

Am 16. September teilte dann die Pressestelle der Generalstaatsanwaltschaft Berlin auf Twitter mit, die Wohnung des Fahrers sei am Freitag, dem 13. September, durchsucht worden. Es seien Beweismittel sichergestellt worden, deren Untersuchung zeigen solle, „ob sich die Hinweise auf eine unfallursächliche, akute gesundheitliche Notlage konkretisieren lassen“. Einem Bericht des RBB vom 16. September zufolge hat der Anwalt des Fahrers bei der Staatsanwaltschaft eine schriftliche Stellungnahme abgegeben, nach der eine „akute gesundheitliche Problematik“ die Ursache des Unfalls gewesen sein könnte. Medien berichten über Hinweise, dass der Fahrer möglicherweise einen epileptischen Anfall hatte. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Fahrer des SUV war laut Polizei Berlin Deutscher und ist nicht marokkanischer Herkunft.  

Bewertung: falsch

Die Polizei berichtete nicht über die Vergewaltigung einer 13-Jährigen in Graz – zum Schutz des Opfers

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Warum wurde die Öffentlichkeit nicht über eine Vergewaltigung in Graz 2018 informiert? Die Polizei erklärt dies mit dem Schutz des minderjährigen Opfers. (Symbolfoto: fsHH / Pixabay)

von Alice Echtermann

In einem Leserbrief in der „Kleinen Zeitung“ in Österreich wird behauptet, über eine Vergewaltigung einer 13-Jährigen sei 2018 von der Polizei nicht berichtet worden, weil Ausländer beteiligt waren. Die Polizei bestreitet das. Der Grund sei der Schutz des Opfers gewesen.

Die Facebook-Seite „Einzelfälle in Österreich“ veröffentlichte am 18. August ein Foto eines Leserbriefs, offenbar aus einer Zeitung. Er bezieht sich auf einen Artikel mit dem Titel „13-Jährige brutal vergewaltigt“, laut des angegebenen Datums wurde dieser am 7. August veröffentlicht. In dem Brief schreibt ein Leser namens Werner S., über die Vergewaltigung habe nichts im Polizeibericht an die Presse gestanden. Weiter behauptet er, Amtshandlungen, die Ausländer betreffen, würden regelmäßig „in den Schubladen von Polizei und Justiz verschwinden“. Somit würden Verbrechen vertuscht und Täter geschützt. Der Facebook-Beitrag wurde bisher mehr als 2.800 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen haben ergeben, dass der Leserbrief aus der regionalen Tageszeitung Kleinen Zeitung stammt. Auf Anfrage schickte die Redaktion uns den Zeitungsbericht und den Leserbrief zur Bestätigung als PDF zu. Der Leserbrief erschien demnach am 18. August. Der Artikel ist online nicht zu finden, allerdings gibt es auf der Webseite der Kleinen Zeitung eine andere Version vom 6. August (bezahlpflichtig), in der es um denselben Fall geht.

Der Facebook-Beitrag mit dem Foto des Leserbriefs. (Screenshot am 9. September: CORRECTIV)

Der Artikel, der in der gedruckten Zeitung am 7. August 2019 erschienenen ist, beginnt mit den Worten: „Fast ein Jahr lang wurde dieser schockierende Fall der Öffentlichkeit verschwiegen.“ Allerdings wird im Artikel kein Grund dafür genannt. 

Im Text steht weiter, ein 13-jähriges Mädchen aus Afghanistan sei Ende Oktober 2018 in Graz von fünf jungen Männern – ebenfalls Afghanen – in einer Wohnung vergewaltigt worden. Die fünf Täter seien zwischen 17 und 22 Jahre alt gewesen. Sie seien am 11. Juli 2019 vor dem Grazer Landesgericht verurteilt worden, zu sechseinhalb, vier, sieben und zweimal acht Jahren Haft. Die Urteile seien aber noch nicht rechtskräftig. Das Mädchen sei ein „Flüchtlingsmädchen“, heißt es in dem Artikel. 

Polizeisprecher: Keine Pressearbeit zum Schutz des Opfers

Fritz Grundnig, Sprecher der Landespolizeidirektion Steiermark, bestätigte auf eine Anfrage von CORRECTIV per Mail, dass das Mädchen und die Täter die afghanische Staatsbürgerschaft haben. Er bestreitet aber, dass dies der Grund war, warum über den Fall nicht berichtet wurde. Es habe „aufgrund interner Vorschriften und in Absprache mit der Staatsanwaltschaft als Leiterin des Ermittlungsverfahrens bei Sexualdelikten aus Gründen des Opferschutzes keine aktive Pressearbeit“ gegeben. Das Opfer sei minderjährig und alle Verdächtigen seien bekannt gewesen, so dass keine Öffentlichkeitsfahndung nötig gewesen sei. „Dass Opferschutz in derartigen Fällen besonders zu beachten ist, beweist auch die Entscheidung des Gerichtes, die Verhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchzuführen.“

Die Email des Sprechers der Landespolizeidirektion Steiermark, Fritz Grundnig. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch Barbara Schwarz, Sprecherin des Landesgerichts für Strafsachen Graz, bestätigt, dass die Eckdaten des Falls im Bericht der Kleinen Zeitung korrekt wiedergegeben seien. Sie erklärt auf Anfrage per Email: „Bei dem von Ihnen angesprochenen und im Leserbrief monierten Fall handelt es sich um die Verurteilung von jugendlichen Straftätern, daher war die Öffentlichkeit bei der Verhandlung ausgeschlossen und gab und gibt es auch keine Informationen zu den einzelnen Personen (Täter und Opfer), dies zum gesetzlich vorgesehenen Schutz der jugendlichen Täter und des – ebenfalls jugendlichen – Opfers.“ 

Die Email der Sprecherin des Landesgerichts Graz, Barbara Schwarz. (Screenshot: CORRECTIV)

Polizei und Gericht betonen, die Nationalität der Täter oder des Opfers hätten bei der Entscheidung, die Öffentlichkeit nicht zu informieren, keine Rolle gespielt. „Die Nationalität von Täter und Opfer ist unerheblich, bedeutsam ist allein das jugendliche Alter von Täter und Opfer und der damit verbundene besondere rechtliche Schutz“, so Schwarz. 

Und Polizeisprecher Grundnig schreibt: „Die im von Ihnen zitierten ‘Leserbrief’ behaupteten Vorwürfe gegen Polizei und Justiz entbehren jeglicher Grundlage. Die Staatsangehörigkeit von Opfern und von Tatverdächtigen spielen für polizeiliche Ermittlungstätigkeit und die damit einhergehende Berichterstattung keine Rolle.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Nationalität von Tätern und Opfer war nicht der Grund, die Öffentlichkeit nicht zu informieren. Es ging um den Schutz des minderjährigen Opfers.

Bewertung: völlig falsch

Der Brief eines angeblichen Kommissars aus Chemnitz ist eine Fälschung

Design ohne Titel (2)
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Design ohne Titel (2)
Dieser Brief, der unter anderem per Whatsapp verschickt wird, ist eine Falschmeldung. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Brief eines angeblichen Kommissars aus Chemnitz wird behauptet, die Polizei habe einen Übergriff auf zwei Mädchen beim Bürgerfest Chemnitz durch junge Männer mit Migrationshintergrund verschwiegen. Laut Polizei Chemnitz und dem Veranstalter hat es den Vorfall nicht gegeben.

„Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin Polizeioberkommissar im Polizeirevier Chemnitz Mitte“: So beginnt ein Brief eines angeblichen Beamten, der im Netz und in Messenger-Diensten kursiert. Darin wird behauptet, es habe einen Übergriff beim Bürgerfest Chemnitz am 24. August gegeben. Mehrere Nutzer luden den Brief auf Facebook hoch, und ein Leser schickte ihn CORRECTIV auch per Email zu. Er hat ihn nach eigenen Angaben per Whatsapp erhalten.

Laut Polizei Chemnitz und dem Veranstalter des Bürgerfestes ist der Brief eine Fälschung. 

Einer der Facebook-Beiträge mit dem Foto des Briefes. (Screenshot am 6. September: CORRECTIV)

Der Brief, der zahlreiche Rechtschreibfehler enthält, ist auf den 27. August 2019 datiert. Darin wird geschildert, dass es beim Bürgerfest in Chemnitz am späten Samstagabend, 24. August 2019, einen Vorfall gegeben habe: Zwei 15-jährige Mädchen seien von einer Gruppe von sieben „jungen Männern mit Migrationshintergrund“ sexuell belästigt und geschlagen worden. Die zwei jugendlichen Begleiter der Mädchen seien ebenfalls geschlagen worden, einer habe „zwei Schnittverletzungen im Baubereich“ erlitten. 

Der Verfasser der Briefes erhebt zudem Vorwürfe gegen die Polizei Chemnitz: In einer Dienstbesprechung am Folgetag (Sonntag, 25. August) mit dem Revierleiter sowie einem Vertreter der Polizeipressestelle und zwei Personen von der Stadt Chemnitz sei beschlossen worden, über den Fall „aus Mangel an öffentlichem Interesse“ nicht zu berichten. Er und seine Kollegen hätten einen „Maulkorb“ bekommen. Der Grund dafür seien „das Parteibuch des Revierleiters“ und die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen.  

Polizei Chemnitz: Der Brief ist eine Falschmeldung

Auf eine Anfrage von CORRECTIV an die Pressestelle der Polizei Chemnitz schickte Sprecherin Jana Ulbricht uns eine Pressemitteilung vom 29. August 2019 zu, in der die Polizei erklärt, der Brief sei „in allen Belangen eine Falschmeldung“. „Der Polizei ist keine derartige Auseinandersetzung bekannt. Es waren keine Beamten der Polizeidirektion Chemnitz zu einem solchen Anlass im Einsatz.“ Zudem habe es keine Besprechung mit dem Revierleiter gegeben, und entsprechend auch „keine Anweisung zur Nichtberichterstattung oder zum Bewahren von Stillschweigen“. Die Mitteilung wurde auch am 29. August von der Polizei Sachsen auf Twitter verbreitet.  

Die Pressemitteilung der Polizei zu dem Brief. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt kein Polizeirevier namens Chemnitz-Mitte mehr

Zudem schreibt Ulbricht in ihrer Mail an CORRECTIV: „Noch zu erwähnen wäre, dass es bereits seit der letzten Strukturreform zu Beginn des Jahres 2013 kein Revier Chemnitz-Mitte mehr gibt.“ 

Tatsächlich findet sich dieses Revier nicht auf der Webseite des Polizeidirektion Chemnitz. Dort sind alle Polizeireviere aufgelistet. Das Revier Chemnitz-Mitte wurde offenbar nicht geschlossen, aber umbenannt. Gibt man bei Google „Polizeirevier Chemnitz Mitte“ ein, wird es noch auf Seiten wie dem Branchenbuch angezeigt. Als Adresse steht dort die Hartmannstraße 24. An dieser Adresse werden auf der Webseite der Polizeidirektion Chemnitz jedoch aktuell nur die Polizeidirektion selbst und das Polizeirevier Chemnitz-Nordost geführt. 

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Auch in einer Antwort auf die Anfrage einer Grünen-Abgeordneten im Sächsischen Landtag von August 2013 wird die Umstrukturierung zum 1. Januar 2013 im Rahmen des Projektes „Polizei.Sachsen.2020“ erwähnt. In der Liste der Reviere und ihrer Personalausstattung gibt es kein Revier Chemnitz-Mitte – aber das Revier Chemnitz-Nordost. Das macht den Brief über das Bürgerfest sehr unglaubwürdig: Jemand, der als „Polizeioberkommissar“ in Chemnitz arbeitet, müsste die korrekte Bezeichnung kennen. 

Veranstalter des Bürgerfests nennt den Brief einen „Fake“

Ein Sprecher der Stadt Chemnitz, von der angeblich laut dem Verfasser des Briefes zwei Vertreter bei der Dienstbesprechung der Polizei anwesend gewesen seien, teilte CORRECTIV per Email mit: „Wir haben keinerlei Hinweise auf diesen Vorfall und waren als Stadt das gesamte Wochenende mit den Organisatoren des Bürgerfestes in Kontakt.“ 

Die Email eines Sprechers der Stadt Chemnitz. (Screenshot: CORRECTIV)

Und auch der Sprecher des Chemnitzer Bürgerfestes, Sebastian Thieswald, sagt CORRECTIV am Telefon über den Brief: „Ich bin auf das äußerste empört. Das ist ein Fake, von vorne bis hinten.“ Er habe selbst beim Bürgerfest von Freitagmorgen bis Montagnachmittag alle zwei bis drei Stunden mit der Polizei in Kontakt gestanden. Er sei ständig vor Ort und auch nachts der letzte gewesen, der eine Runde gedreht habe, um Müll einzusammeln. Zudem habe es eine eigene Security gegeben, mit der er auch stets über Funk und Telefon in Verbindung gewesen sei. Er wisse nichts von dem angeblichen Vorfall, sagt er. „Ich war über jeden Zwischenfall informiert.“ Das Bürgerfest sei friedlich verlaufen.

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Der Brief ist eine Fälschung. Den Vorfall gab es nach übereinstimmenden Aussagen von Polizei, Veranstalter und der Stadt Chemnitz nicht.

Bewertung: richtig

Ja, dieses Video zeigt eine Schlägerei in Berlin-Neukölln im August 2019

Bildschirmfoto 2019-09-05 um 12.33.28
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Bildschirmfoto 2019-09-05 um 12.33.28
Dieses Video wird tausendfach auf Facebook geteilt. Es stammt aus Berlin. (Screenshot am 5. September 2019: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein tausendfach in Sozialen Netzwerken geteiltes Video zeigt eine Gruppenschlägerei in Berlin. Die Polizei bestätigt, dass es Ende August in der Weserstraße in Neukölln aufgenommen wurde. Die Angaben über das Video sind korrekt.

Auf Facebook veröffentlichte ein Nutzer am 28. August ein Video mit der Beschreibung „Willkommen in Berlin“. Es zeigt einen Tumult in einer Straße, bei dem mehrere Männer unter anderem mit Straßenschildern aufeinander losgehen. Ein Mann läuft mit einem schwertähnlichen Gegenstand in der Hand herum. Gefilmt wurde offenbar von einer  erhöhten Position aus einem Haus gegenüber. Das Video wurde innerhalb von neun Tagen mehr als 13.000 Mal geteilt. 

Der Facebook-Beitrag vom 28. August 2019. (Screenshot am 5. September 2019: CORRECTIV)

Am 29. August tauchte noch eine zweite Version des Videos auf Facebook auf, in der ab der Hälfte weiteres Material zu sehen ist, das von jemandem unten auf der Straße aufgenommen wurde. Der Nutzer schreibt zu dem Video, es zeige Berlin Neukölln am 28. August 2019. Tatsächlich scheinen die beiden Aufnahmen denselben Vorfall zu zeigen: Die Merkmale der Straße stimmen in beiden Video-Teilen überein, in beiden Videos ist ein weißer Lieferwagen am Straßenrand zu sehen.  

Eine zweite Version des Videos vom 29. August, bei der die Szene aus einem anderen Blickwinkel gezeigt wird. (Screenshot am 5. September: CORRECTIV)

Polizei bestätigt Echtheit des Videos

Die Polizei Berlin veröffentlichte am 28. August eine Pressemitteilung, die zu dem Fall passt. Darin heißt es, es sei „gestern“ – also am 27. August 2019 – zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung in der Weserstraße zwischen Fulda- und Weichselstraße gekommen, bei der 40 bis 50 Personen unter anderem Verkehrsschilder eingesetzt hätten. Am Einsatzort sei zudem eine Machete gefunden worden. Zwei Männer und ein 13-Jähriger seien verletzt worden.

Die Pressemitteilung der Polizei Berlin zu dem Fall. (Screenshot am 5. September: CORRECTIV)

CORRECTIV schickte der Polizei Berlin das Video per Email zu, mit der Bitte um eine Überprüfung. Daraufhin bestätigte Sprecher Martin Halweg am Telefon: „Ja, das Video gibt in Teilen wieder, was sich in der Weserstraße zugetragen hat.“ Es werde wegen gefährlicher Körperverletzung sowie des Verdachts auf Landfriedensbruch ermittelt. Zusätzlich verwies Halweg in einer Mail auf die Pressemitteilung vom 28. August.

Die Email mit der Bestätigung der Polizei Berlin, dass das Video den Vorfall in Neukölln zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Weitere Details zum aktuellen Stand der Ermittlungen teilte Halweg auf Nachfrage nicht mit. Es werde noch geprüft, ob ein Zusammenhang mit einem Vorfall einen Tag zuvor, am Montag, 26. August, bestehe, hieß es. Bei dem Vorfall kam es laut Pressemitteilung der Polizei in der Fuldastraße – also in unmittelbarer Nähe des Ortes, an dem das Video am 27. August entstand – zu einem Streit zwischen zehn bis 15 Personen. Zwei Männer erlitten Stich- beziehungsweise Schnittverletzungen.

Mit einem Abgleich der Aufnahmen von Google-Streetview lässt sich zusätzlich bestätigen, dass das Video an dem Ort aufgenommen wurde, den die Polizei in der Pressemitteilung nennt: in der Weserstraße zwischen Fulda- und Weichselstraße. Das Haus sieht heute etwas anders aus als in den Streetview-Bildern von 2008, aber die Anordnung der Fenster, Balkone und Türen stimmt überein.

Das Haus in der Weserstraße, vor dem der Streit passierte. Die Aufnahme von Google-Streetview ist mehrere Jahre alt, die Anordnung der Fenster, Balkone und Türen stimmt jedoch überein. (Screenshot am 5. September und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Richtig. Das Video zeigt eine Schlägerei in Berlin-Neukölln am 27. August 2019.  

Bewertung: größtenteils richtig

Ja, dieses Video ist echt, aber Wiesbaden ist so sicher wie seit 1984 nicht mehr

Wiesbaden 6
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Wiesbaden 6
Szene aus dem bei Facebook veröffentlichten Video von der Auseinandersetzung in Wiesbaden-Biebrich. (Screenshot: CORRECTIV)

von Philip Steeg

Ein vielfach geteiltes Video auf Facebook zeigt eine Szene in Wiesbaden-Biebrich, bei der sich zwei Personengruppen anschreien und mit Gegenständen bewerfen. Das Video ist authentisch. Dass Wiesbaden immer unsicherer werde, wie in der Video-Beschreibung behauptet wird, ist allerdings nicht richtig.

Das am 2. August auf Facebook veröffentlichte Video zeigt eine Auseinandersetzung zwischen zwei Personengruppen, die sich an einer Straßenkreuzung gegenüberstehen, bedrohen und einander mit Gegenständen bewerfen. Zu sehen sind etwa ein Dutzend Männer und einige Zuschauer. Der Facebook-Beitrag wurde bereits mehr als 4.800 Mal geteilt. 

Der Beitrag wurde bereits mehr als 4.800 Mal geteilt (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Wie die Polizei Wiesbaden auf Anfrage von CORRECTIV per Mail mitteilt, zeigt das Video einen Vorfall, der sich am 1. August 2019 gegen 21.30 Uhr in der Rathausstraße Ecke Adolf-Todt-Straße zutrug. Die Pressestelle der Polizei Wiesbaden veröffentlichte hierzu am 2. August eine Pressemitteilung

Auszug aus einer Pressemitteilung der Polizei Wiesbaden vom 2. August 2019 (Screenshot: CORRECTIV)

Die Polizei teilte CORRECTIV außerdem mit, dass der Vorfall möglicherweise die Folge eines Streits sei, der sich am 24. Juli 2019 gegen 19 Uhr vor einer Bar in der Rathausstraße zugetragen habe. Dabei soll ein 48-Jähriger einen 32-jährigen Barbesitzer beleidigt und bedroht haben. Die Polizei nahm hierzu nach eigenen Angaben eine Anzeige auf. 

Eine Mail der Polizei Wiesbaden an CORRECTIV. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Eine weitere Mail der Polizei Wiesbaden an CORRECTIV. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Doch, die Polizei war vor Ort 

Einige Nutzer fragen in den Kommentaren unter dem Video auf Facebook, warum die Polizei bei der Auseinandersetzung am 1. August nicht aktiv geworden sei. Die Annahme, die Polizei sei nicht eingeschritten, ist jedoch falsch. 

Aus dem Pressebericht der Polizei Wiesbaden geht hervor, dass diese vor Ort war. So seien nach dem Eintreffen der Polizei „die Personalien mehrerer mutmaßlicher Beteiligter festgestellt“ worden. Verletzte seien nicht festgestellt worden. Ebenfalls habe keiner der Beteiligten Anzeige erstattet. Die Polizei ermittle aber trotzdem in dem Fall.

Kommentar eines Facebook-Nutzers (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Kommentar eines Facebook-Nutzers (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Behauptung im Beschreibungstext des Videos, die Menschen auf der Straße seien keine Deutschen, stimmt: Wie die Polizei CORRECTIV per Email bestätigte, hatten die an den Vorfällen vom 24. Juli und 1. August beteiligten Personen, deren Personalien aufgenommen wurden, die rumänische Staatsbürgerschaft. 

Wiesbaden ist heute sicherer als in den 40 Jahren zuvor 

Nicht richtig ist jedoch die Botschaft, die im Beschreibungstext des Videos impliziert wird: dass die Stadt immer unsicherer werde. Wie aus der Kriminalstatistik der Polizei Hessen hervorgeht, sinkt die Kriminalitätsrate in dem Bundesland seit mehreren Jahrzehnten stetig. So sei „die Gefahr, in Hessen Opfer von Kriminalität zu werden, […] so gering, wie seit 40 Jahren nicht mehr“. Auch in Wiesbaden sank die Zahl der registrierten Straftaten laut Kriminalstatistik (Seite 5) insgesamt. Demnach stellten die in 2018 erfassten Fallzahlen in der Stadt den niedrigsten Wert seit 1984 dar.

Auszug aus der Kriminalitätsstatistik 2018 des Polizeipräsidiums Westhessen zur allgemeinen Entwicklung der Kriminalität in der Landeshauptstadt Wiesbaden. Die Aufklärungsquote (AQ) stieg in den letzten Jahre an. (Screenshot: CORRECTIV)

Einer  Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Westhessen vom 20. Mai 2019 zufolge, ist auch die Straßenkriminalität in Wiesbaden laut Statistik gesunken. Diese befinde sich auf dem niedrigsten Stand seit 1989. 2018 wurden 4.139 Fälle gezählt. Das sind 549 Fälle weniger als im Vorjahr. Auch die Aufklärungsquote von Kriminalität generell habe sich in Wiesbaden verbessert und liege „nun mit glatt 64,0 Prozent auf dem höchsten Wert seit 1984“.

Auszug aus der Kriminalitätsstatistik 2018 des Polizeipräsidiums Westhessen zur Straßenkriminalität. Auch bei dieser stieg die Aufklärungsquote (AQ) in den letzten Jahre an. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Video ist echt. Es wurde in Wiesbaden gefilmt und zeigt einen Streit zwischen zwei Gruppen. Dass die Stadt immer unsicherer werde, stimmt aber nicht.

Bewertung: falsch

Kindesentführung mit weißem Lieferwagen? Wie ein Gerücht von 2012 wieder Eltern verunsichert

Bildschirmfoto 2019-07-05 um 16.42.54
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Bildschirmfoto 2019-07-05 um 16.42.54
Das Gerücht eines weißen Lieferwagens, aus dem Kinder angesprochen werden, kursiert bereits seit 2012. (Symbolbild: weis2 /pixabay, Bearbeitung: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Ein Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2012 wurde in den letzten 24 Stunden von mehr als 12.500 Personen geteilt. Darin werden Eltern gewarnt, ein Mann in einem weißen Lieferwagen versuche, Kinder zu entführen. Der Beitrag wurde schon vor sieben Jahren entkräftet.

Am 12. Juni 2012 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer einen Beitrag, der Eltern davor warnt, ein Mann in einem „weißen Bulli“ versuche, Kinder anzusprechen und zum Einsteigen in seinen Lieferwagen zu überreden. Der Nutzer schrieb: „Heute war die Polizei an den Schulen in KH und hat nochmal darauf hingewiesen, dass wir allen Kindern sagen sollen, dass sie auf kein Fall in einen weißen Bulli steigen sollen. Denn es wurde mehrfach ein VW Bulli gesehen und der Mann hat sich als Fahrer der VBE ausgegeben und sagte den Kindern, die Busse sein defekt. Der Typ fährt wohl durch ganz Deutschland.“ Der Beitrag wurde insgesamt mehr als 28.000 Mal geteilt. Davon mehr als 12.500 Mal in den letzten 24 Stunden. 

Facebook-Beitrag aus dem Jahr 2012, der aktuell wieder tausendfach geteilt wird. (Screenshot: CORRECTIV)

Unklar bleibt in dem Beitrag, wo sich der Vorfall ereignet haben soll. Eine Google-Suche nach den Begriffen „weißer bulli kinder“, führt zu mehreren Artikeln zum Thema. Der erste Treffer ist ein Artikel des österreichischen Faktencheck-Vereins Mimikama aus dem Jahr 2012. Der Titel des Textes: „Stille Post 2.0: Der weiße Bulli! Der Mann im weißen Kleinbus welcher an Haltestellen Kinder anspricht – ist ein Fake!“. 

Die Autoren des Mimikama-Artikels gingen im Juni 2012 auf denselben Facebook-Beitrag ein, der nun wieder tausendfach geteilt wird. Detailliert recherchierte sie, was hinter der damals verbreiteten Warnung steckte. Das Ergebnis: Alles basierte auf einem Missverständnis im September 2011. Darüber berichtete im Oktober 2011 auch die Augsburger Allgemeine Zeitung. Ein Großvater hatte auf der Suche nach seiner Enkelin am 19. September 2011 in Kempten eine Gruppe Schüler aus seinem blauen Wagen angesprochen. Die Polizei klärte den Vorfall auf. Laut Berichten der Augsburger Allgemeine Zeitung verbreiteten sich im Netz jedoch weiter Gerüchte über Personen die Kinder in Fahrzeuge locken würden, diesmal über einen weißen Lieferwagen. 

Polizei: „Dabei handelt es sich de facto um eine Falschmeldung!““

Wir haben die zuständige Polizeistelle Schwaben Süd kontaktiert und den Facebook-Beitrag weitergeleitet. Die Antwort des Pressesprechers Christian Eckel: „Dieser Post ist mir persönlich aus dem Jahr 2012 bekannt. Damals wurde er deutschlandweit geteilt und ploppte immer wieder mal auf. Dabei handelt es sich de facto um eine Falschmeldung!“ Der Pressesprecher verweist auf den Artikel der Faktenchecker von Mimikama, der damals in Zusammenarbeit mit der Polizei entstanden sei und die Historie des Posts nachverfolge. 

Auch aktuell gebe es im Zuständigkeitsbereich der Dienststelle keine Vorfälle, auf die die Beschreibung im Facebook-Beitrag zutreffen könnte. Trotzdem kursieren Gerüchte. „In den folgenden Monaten und Jahren, bis heute, kommt es immer wieder zur ‘Auffrischung’ der Fälle des weißen Bullys und des blauen Wagens. Teilweise vermischt“, so der Polizeisprecher. 

Auch keine Fälle in Bad Kreuznach 

Weil in dem Facebook-Beitrag als Ort „KH“ erwähnt wird, haben wir auch bei der Polizei in Bad Kreuznach nachgefragt. KH ist das Ortskürzel auf Nummernschildern für Bad Kreuznach. Die dortige Kriminalpolizei antwortete uns, aktuell sei kein Fall von einem Kinderansprecher bekannt. Der Sprecher schrieb aber auch: „Ich kann nicht ausschließen, dass im Jahr 2011 oder 2012 Kinder aus einem weißen Bulli angesprochen wurden. Entsprechende Meldungen bewahren wir nicht so lange auf. Aber ich kann ausschließen, dass wir aktiv nach einem weißen Kastenwagen o.ä. gefahndet haben, weil der Verdacht bestand, dass ein Kind entführt werden sollte.“

Außerdem erinnere sich eine Mitarbeiterin daran, „dass es damals diese Warnung vor einem weißen Kastenwagen in den sozialen Medien schon gab und diese Warnung auch in der HOAX- Liste aufgeführt war“.

Email der Kriminalinspektion Bad Kreuznach. (Screenshot: CORRECTIV)

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Auch Entwarnung in Mittelfranken

Wer im Netz nach den Begriffen „weißer bulli kinder“ sucht, stößt jedoch auch auf aktuelle Meldungen von April und Mai 2019. Damals tauchten erneut Gerüchte um einen weißen Lieferwagen auf. Diesmal hieß es unter anderem, aus einem weißen Lieferwagen heraus seien in Mittelfranken Fotos von Kindern gemacht worden. 

Wir haben die zuständige Polizeidienststelle Mittelfranken kontaktiert. Pressesprecher Michael Hetzner sagte uns am Telefon: „Die Vorwürfe konnten nicht bestätigt werden. In einem Fall hatten offenbar Touristinnen Fotos gemacht. Es handelte sich nicht um eine Straftat“. In Whatsapp-Gruppen und anderen sozialen Netzwerken seien trotzdem Gerüchte ohne Quelle weiterverbreitet worden. In einer Pressemitteilung im Mai schrieb die Polizei zu den Beobachtungen: „Bislang konnten jedoch keine Erkenntnisse gewonnen werden, welche den genannten Sachverhalt bestätigen.“ Daran habe sich laut Pressesprecher bis heute nichts geändert.

Pressemitteilung der Polizei Mittelfranken vom 8. Mai 2019 (Screenshot: CORRECTIV).
Unsere Bewertung:
Falsch. Das Gerücht eines weißen Lieferwagens, aus dem Kinder angesprochen werden, kursiert bereits seit 2012. In Südschwaben, Bad Kreuznach und Mittelfranken gibt es laut Polizei keine Fälle, auf die die Beschreibung im Facebook-Beitrag zutreffen könnte.

Bewertung: falsch

Nein, der Polizist in Ostritz und der Neonazi-Sänger „Lunikoff“ sind nicht dieselbe Person

polizist lunikoff verpixelt3
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Diese Bildmontage kursiert im Netz. Darauf ist links ein Bundespolizist zu sehen, und rechts der Neonazi Michael Regener. (Screenshot und Anonymisierung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Im Einsatz bei einem Neonazi-Festival in Ostritz geriet ein Polizist in den Fokus, weil er Aufnäher mit Bezügen zu Kreuzrittern und Spartanern trug. Nun vergleicht ihn eine Fotomontage mit dem rechtsextremen Sänger Michael Regener.

Nach dem Rechtsrock-Festival „Schild und Schwert“ im sächsischen Ostritz wurde über das Bild eines Bundespolizisten diskutiert, weil er zwei Aufnäher auf seiner Jacke trug. Diese weisen Bezüge zu den Kreuzrittern und Spartanern auf und wecken damit Assoziationen zur rechten Szene. Sie sind jedoch kein Beleg dafür, dass der Beamte mit dieser Szene sympathisiert. CORRECTIV hat in einem Faktencheck dargelegt, dass das Foto echt ist. 

Einer von mehreren Facebookbeiträgen mit der Bildmontage. (Screenshot und Anonymisierung: CORRECTIV)

Kurze Zeit später tauchte auf Facebook eine Bildmontage auf, die das Foto des Polizisten neben das eines Sängers einer Rechtsrock-Band stellt. Darüber steht: „Skandalöse Doppelbelastung in Ostritz: Wenn du nach dem Dienst direkt auf die Showbühne musst.“ Das Bild wurde auf vielen Seiten geteilt. In einer etwas anderen Version heißt es in der Überschrift: „Cool, wenn man sein eigenes Nazi-Publikum vorher in Uniform kennenlernen kann.“ Zahlreiche Facebook-Nutzer reichten die Montage als potentielle Falschmeldung ein. Falls sie satirisch gemeint sein sollte, wird dies nicht deutlich. CORRECTIV hat das Bild überprüft. 

Konzert der „Lunikoff-Verschwörung“ fand 2009 statt

Die beiden Männer sehen sich auf den Fotos ähnlich. Beide haben eine Glatze und einen langen Bart. Sie tragen dunkle Sonnenbrillen, allerdings nicht dasselbe Modell. Unsere Recherche zeigt: Es handelt sich nicht um dieselbe Person.

Das Konzertfoto stammt nicht aus Ostritz; es ist zehn Jahre alt. Mit einer Bilderrückwärtssuche lässt sich das Original finden. Es zeigt den Sänger Michael Regener, auch genannt „Lunikoff“, im Jahr 2009. Es erschien 2010 in einem Artikel der Taz, als Quelle ist die Seite Infothek Dessau genannt.

Die Taz verwendete ein Foto der „Infothek Dessau“ von 2009 in einem Artikel von 2010. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der Infothek Dessau wurden im Juli 2009 zur Berichterstattung über das Festival „Rock für Deutschland“ in Gera zahlreiche Fotos des Auftritts von Regener hochgeladen. Er trägt darauf dasselbe T-Shirt und dieselbe Sonnenbrille, auch die Menschen im Hintergrund sind dieselben.

Auszug aus dem Artikel der „Infothek Dessau“ über „Rock für Deutschland“ in Gera 2009. (Screenshot: CORRECTIV)

Regener war Sänger in der Neonazi-Band „Landser“, die inzwischen verboten ist. Er und die Mitglieder der Band wurden 2001 verhaftet und 2003 verurteilt. Regener erhielt als „Rädelsführer einer kriminellen Vereinigung“ drei Jahre und vier Monate Haft. 2008 wurde er entlassen und tritt heute mit der Band „Die Lunikoff Verschwörung“ auf. 

Heute sieht Michael Regener mutmaßlich aber wesentlich älter aus als auf dem Foto, das für die Bildmontage verwendet wurde. Auf dem Portal Belltower-News der Amadeu-Antonio-Stiftung findet sich ein Foto von 2017, auf dem sein Bart deutlich mit grauen Haaren durchzogen ist. 

Das Foto von „Belltower-News“ zeigt Michael Regener im Jahr 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

Anmerkung, 28. August 2019: Wir haben das Gesicht des Polizisten in den Fotos verpixelt.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die zwei Fotos in der Montage zeigen nicht dieselbe Person. Das Bild des Neonazi-Sängers stammt von einem Konzert in Gera 2009.

Bewertung: richtig

Ja, in Ostritz trug ein Polizist Aufnäher mit Bezügen zu Kreuzrittern und Spartanern

Bildschirmfoto 2019-08-28 um 15.46.48
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Dieses Foto eines Polizeibeamten verbreitete die Initiative „Rechts rockt nicht“ am 22. Juni im Netz. (Screenshot, rote Markierung und Verpixelung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Beim Rechtsrock-Festival im sächsischen Ostritz am vergangenen Wochenende machte im Netz ein Foto eines Polizisten die Runde. Er trug Aufnäher auf seiner Weste, die angeblich Sympathien für die rechte Szene symbolisieren sollen.

Hunderte Neonazis haben am Wochenende in Ostritz in Sachsen das Rechtsrock-Festival „Schild und Schwert“ gefeiert. Am 22. Juni verbreitete sich ein Foto eines Polizisten, der dort im Einsatz war, auf Twitter und Facebook. Es zeigt angeblich, dass der Mann auf seiner Jacke zwei Aufnäher angebracht hatte. Der Tweet der Initiative „Rechts rockt nicht“, in dem das Bild zuerst hochgeladen wurde, wurde mehr als 1.000 Mal geteilt. Darin fragen die Autoren die Polizei Sachsen, ob die Abzeichen „offiziell oder mal wieder ein Einzelfall“ seien.

Auch Francesco Garita, Kreisvorstand der Linken in Ingolstadt, verbreitete das Bild auf Facebook und unterstellte dem Polizisten, dieser fühle sich womöglich als „spartanischer Beschützer des christlichen Abendlandes“. Er fragte: „Wen hat die Polizei Sachsen denn da in ihren Reihen?“ Der Beitrag wurde mehr als 1.400 Mal geteilt. 

Der Beitrag von Francesco Garita auf Facebook. (Screenshot und Verpixelung: CORRECTIV)

Das Foto ist keine Fälschung: Es zeigt einen Beamten der Bundespolizei. Das stellte die Polizei Sachsen in ihrer Reaktion auf das Bild klar. Auf Twitter schrieb sie, die Aufnäher seien nicht strafrechtlich relevant und seien nach Rücksprache entfernt worden. Ob ein Verstoß gegen die Bekleidungsvorschriften bestehe, müsse die Bundespolizei klären. 

Reaktion der Polizei Sachsen auf den Twitter-Beitrag der Initiative „Rechts rockt nicht“ am 22. Juni. (Screenshot: CORRECTIV)

Ähnlich steht es auch in der Pressemitteilung mit der Bilanz des Einsatzes. Die Bundespolizei unterstützte die Polizei Sachsen am Wochenende in Ostritz. 

Wie die Bundespolizei auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail mitteilte, hatte der Polizist keine Genehmigung, die Aufnäher auf der Uniform zu tragen. Private Abzeichen seien genehmigungspflichtig. Der Beamte habe keine Erlaubnis eingeholt, und eine solche „Genehmigung wäre auch nicht erteilt worden“. Deshalb werde der Vorgang dienstrechtlich geprüft. Mögliche Folgen für den Polizisten würden in einem gesonderten Verfahren geprüft. 

Die Antwort der Bundespolizei per E-Mail an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Was zeigen die Aufnäher?

Francesco Garita von den Linken und Medien wie Spiegel Online wiesen bereits am Wochenende auf den Hintergrund der Symbole hin. Der obere Aufnäher an der Jacke des Polizisten zeigt ein Zeichen der Kreuzritter mit zwei Flügeln und einem roten Templer-Kreuz über einem Schwert. Darüber steht vermutlich der lateinische Spruch „Recte Faciendo Neminem Timeas“, der übersetzt „Tue recht und scheue niemand“ bedeutet, oder auch sinngemäß „Keine Angst zu handeln“. Die Auflösung des Fotos aus Ostritz erlaubt es nicht, den Spruch zu lesen, doch es gibt in Onlineshops Aufnäher zu kaufen, die ähnlich aussehen.  

Auf der Webseite „Jackets to go Berlin“ wird ein ganz ähnlicher Aufnäher angeboten. (Screenshot: CORRECTIV)

Der zweite Aufnäher auf der Jacke zeigt ein Symbol mit einem Helm. Auch hier ist der Schriftzug nicht eindeutig lesbar. Eine Bildersuche zeigt aber, dass es in denselben Onlineshops, die das Tempelritter-Abzeichen führen, auch Aufnäher mit dem Helm-Symbol gibt. Darauf steht „molon labe“. Auf Amazon gibt es ähnliche Artikel. 

Das zweite Abzeichen, ebenfalls zu finden auf der Webseite „Jackets to go Berlin“. (Screenshot: CORRECTIV).

„Molon labe“ ist Altgriechisch und bedeutet so viel wie „Komm und hol (sie dir)“. Der Spruch soll auf König Leonidas von Sparta im antiken Griechenland zurückgehen. Die militärische Stärke der Spartaner und ihre Disziplin sind sprichwörtlich. Berühmt ist vor allem die Schlacht gegen die Perser (Schlacht bei den Thermopylen), bei der Leonidas angeblich mit einer Armee von nur 300 Männern antrat und starb. 

Bezüge zur rechten Szene?

Die Kreuzritter werden von Menschen in der rechten Szene als Vorbilder gesehen. Der Attentäter von Christchurch, der bei einem Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland 51 Menschen tötete, hatte laut Medienberichten eine Affinität zu den christlichen Kreuzrittern mit ihrem Krieg gegen Muslime. Und auch der norwegische Massenmörder Anders Breivik bezog sich laut Medienberichten auf die Tradition der Kreuzritter

Verherrlichende Bezüge auf Sparta finden sich in verschiedenen Kontexten immer wieder. Heute verwendet zum Beispiel die rechtsextreme sogenannte „Identitäre Bewegung“ das griechische Symbol Lambda als Logo. Es soll von den Spartanern im Kampf gegen die Perser getragen worden sein. Zudem beziehen sich Waffen-Befürworter in den USA gerne auf die Spartaner, wie die waffenkritische Organisation „The Trace“ berichtet. Der Spruch „molon labe“ finde sich zum Beispiel in einer Rede des konservativen Politikers Allen West, in der er sich für das Recht auf Waffenbesitz ausspricht.   

Die Abzeichen wecken also Assoziationen zur rechten Szene. Ein Beleg, dass der betreffende Polizist in Ostritz Sympathien für sie hegt, sind sie aber nicht. In den Onlineshops, die die Aufnäher führen, gibt es militärische Kleidung und Ausrüstung für Outdoor-Aktivitäten inklusive Waffen zu kaufen. Verfassungswidrige Symbole haben wir bei unserer Recherche dort nicht gefunden.

Mittlerweile kursiert übrigens auf Facebook auch eine mutmaßlich satirische Bildmontage, die das Foto des Polizisten neben das eines Sängers einer Rechtsrock-Band montiert. Darüber steht: „Skandalöse Doppelbelastung in Ostritz: Wenn du nach dem Dienst direkt auf die Showbühne musst.“ Es handelt sich aber nicht um dieselbe Person. Das ist unter anderem an der Haarfarbe und den Ringen am linken Ohr erkennbar. Das Konzertfoto stammt zudem nicht aus Ostritz. Mit einer Bilderrückwärtssuche lässt sich das Original finden: Es zeigt den Sänger Michael Regener, auch genannt „Lunikoff“, im Jahr 2009.   

Ein Facebook-Post zeigt den Polizisten und den Rechtsrock-Sänger Michael Regener. (Screenshot, Schwärzung und Verpixelung: CORRECTIV)

Anmerkung, 28. August 2019: Wir haben das Gesicht des Polizisten in den Fotos verpixelt.

Unsere Bewertung:
Richtig. Ein Bundespolizist trug beim Einsatz in Ostritz eine Jacke mit Aufnähern mit Bezügen zu den Kreuzrittern und dem antiken Sparta.