Faktencheck

Video einer angeblichen Krankenschwester aus Berlin: Behauptungen zur Corona-Lage in Krankenhäusern sind größtenteils falsch

Im Netz kursiert das Video einer Frau, die angibt, Krankenschwester in Berlin zu sein. Sie behauptet, Intensivbetten würden abgebaut oder auf den Covid-19-Stationen lägen Menschen, beispielsweise mit einem gebrochenem Bein. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

von Sophie Timmermann

Symbolbild Covid-19_Pixabay
Seit Beginn der Covid-19-Pandemie kursieren häufig dieselben Falschinformationen und Behauptungen – diesmal werden sie von einer angeblichen Krankenschwester aus Berlin verbreitet (Symbolbild: Pixabay / Geralt)
Behauptung
Die Pandemie sei herbei getestet und das Coronavirus nicht schlimmer als die Grippe. Positiv auf Covid-19 getestete Personen, die nur ein gebrochenes Bein haben, aber keine Symptome zeigen, würden auf die Covid-19-Station verlegt. Intensivbetten würden abgebaut und Krankenhäuser bekämen „Unsummen“ für jedes freigehaltene Bett. Es würden zudem vermehrt junge Menschen auf der Kardiologie-Station liegen.
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Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Viele der Behauptungen, die die Frau in dem Video aufstellt, kursieren schon seit Beginn der Pandemie. Es wurden weder Intensivbetten, noch Krankenhausbetten abgebaut. Es liegen laut Divi auch keine Menschen nur mit einem gebrochenem Bein auf Covid-Intensivstationen. Zudem zieht die Frau irreführende Vergleiche zwischen der Grippe und Covid-19 und lässt wichtigen Kontext über die Inzidenzen sowie Covid-19-Todesfälle aus.

In den letzten Wochen erreichten uns viele Anfragen und E-Mails von Leserinnen und Lesern zu dem Video einer Frau, die in einem Video sagt, sie heiße Linda, sei seit 25 Jahren Krankenschwester und arbeite in Berlin in einem „Haus mit 1.000 Betten“. Sie wolle erklären, wie es wirklich auf Covid-19-Stationen in Krankenhäusern aussehe. Unter der Überschrift „Krankenschwester packt aus“, berichteten unter anderem die Internetseiten Wochenblick und Politikstube über das 8-minütige Video. Auch auf Telegram und Facebook verbreitete es sich. 

Über die Covid-19-Station auf der sie angeblich arbeitet, sagt die Frau, dort würden teilweise Menschen liegen, die nur ein gebrochenes Bein hätten und keine Covid-Symptome zeigten. In welcher Klinik sie arbeitet, sagt sie aber nicht. Dazu stellt sie mehrere Behauptungen über den Vergleich von Covid-19 und der Grippe und Zahlungen an Krankenhäuser auf, die wir bereits in verschiedenen Faktenchecks widerlegt haben. Einige davon kursieren bereits seit Beginn der Corona-Pandemie. 

Screenshot des kursierenden Videos
Im Internet kursiert das Video einer Frau, die angibt, eine Krankenschwester aus Berlin zu sein. Ihre Behauptungen sind größtenteils falsch. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck).

Behauptung 1: Die Pandemie sei herbei getestet 

Zu Beginn sagt die Frau: „Was sagen Inzidenzen denn aus?“ Grippe werde immer symptomatisch festgestellt, aber „bei Covid wird jeder abgestrichen, der nicht bei drei auf den Bäumen ist“ (ab Minute: 1:15). Später behauptet sie, die Pandemie werde „herbei getestet“ (Minute: 4:21). Bereits im März berichteten wir in einem Faktencheck, dass sich der Anstieg der Corona-Fallzahlen nicht allein mit mehr Tests erklären lässt.  

PCR-Tests werden nicht wahllos durchgeführt, sondern vorrangig bei Menschen mit Symptomen oder bei Kontaktpersonen einer infizierten Person. Präventiv getestet wird aber beispielsweise in medizinischen Einrichtungen wie Krankenhäusern oder in Altenheimen, da dort besonders gefährdete Personen wohnen. 

„Dass die Zahl der Tests einen gewissen Einfluss auf die Zahl der positiven Fälle hat, ist unstrittig“, schrieb uns eine Sprecherin des RKI bereits für einen Faktencheck im November 2020. Die Anzahl der nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektionen hänge aber nicht nur von der Anzahl der durchgeführten Tests ab, sondern auch vom Vorkommen einer Infektionen, in diesem Fall Covid-19, in der Bevölkerung und der Nationalen Teststrategie.

Wie der Wochenbericht vom Robert-Koch-Institut vom 16. Dezember zeigt, ist die Anzahl der Tests nicht unbedingt mit höheren Fallzahlen gleichzusetzen. In der Kalenderwoche 40, also vom 4. bis 10. Oktober 2021 wurden zum Beispiel 100.000 mehr Tests durchgeführt, als in der darauffolgenden Woche. Obwohl in der Woche mehr Tests durchgeführt wurden (962.234 im Vergleich zu 862.348), gab es etwa 7.500 weniger positive Fälle als in der 41. Kalenderwoche.

RKI Wochenbericht PCR-Tests und positive Fälle
Die Anzahl der durchgeführten Tests ist nicht unbedingt mit höheren Fallzahlen gleichzusetzen, wie die Angaben im Wochenbericht (Stand: 16. Dezember 2021) des RKI zeigen (Quelle: RKI / Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Aussage, die Pandemie sei herbei getestet, ist somit falsch. 

Behauptung 2: Positiv getestete Menschen mit gebrochenem Bein lägen auf der Covid-19-Station

In dem Video berichtet die Frau auch von ihren angeblich eigenen Erfahrungen darüber, wer auf der Covid-19-Station im Krankenhaus liege. Ob sie damit eine Intensivstation meint, ist unklar. Sie behauptet, dass Menschen, die bei ihrem Krankenhausaufenthalt positiv auf Covid-19 getestet würden, auf die Covid-19-Station kommen. Sie sagt: „Nein, sie ringen nicht nach Luft. Sie sind im Krankenhaus mit ihrem gebrochenen Bein“ (Minute: 1:50). Auch Menschen, die eigentlich für eine Chemotherapie, Dialyse oder für die Geburt ins Krankenhaus kämen, würden auf Covid-19-Stationen liegen. 

Hier fehlt Kontext: Wie wir in einem Faktencheck Mitte Dezember berichteten, werden in der Regel nur Personen an das RKI gemeldet, die aufgrund ihrer Covid-19-Erkrankung hospitalisiert werden. Wenn eine Person mit gebrochenem Bein im Krankenhaus landet und dort zufällig positiv getestet wird, muss das Krankenhaus diese Person nicht als „hospitalisierten Covid-19-Patienten“ an die Behörden melden. 

Eine Sprecherin der Deutschen Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) teilte uns zudem mit, es gebe keine Patientinnen und Patienten, die nur mit gebrochenem Bein und einem positiven Corona-Test auf der Intensivstation liegen. Alle Personen auf den Intensivstationen, die positiv getestet sind, seien „schwer beeinträchtigt durch das Virus, egal weshalb sie ursprünglich eingeliefert wurden“.

Behauptung 3: Menschen würden nicht an Covid, sondern mit Covid sterben

Weiter behauptet die Frau: Menschen würden nicht an Covid-19, sondern mit dem Coronavirus sterben (Minute 3:47). 

Es stimmt, dass nach wie vor wenige Obduktionen an Menschen durchgeführt werden, die nach einer Covid-19-Erkrankung sterben. Um dem Thema gezielter nachzugehen, wurde im April 2020 am Universitätsklinikum Aachen ein zentrales Register für Covid-19-Obduktionen geschaffen, das sogenannte Deutsche Register Covid-19 Obduktionen (DeRegCOVID).

Zur Corona-Welle im Dezember 2021 gebe es im Register noch keine ausreichende Anzahl an Obduktionen, schreibt uns der Leiter des Registers, Peter Boor, auf unsere Anfrage. Vorläufige Untersuchungen zeigten jedoch, dass bei ca. 1.100 Autopsien aus der 1. und 2. Welle, 86 Prozent der obduzierten Personen aufgrund von Covid-19 gestorben seien. Da auch die aktuelle Welle von der Delta-Variante verursacht werde, sei nicht davon auszugehen, dass sich daran etwas ändere.

E-Mail Peter Boor vom DeRegCOVID
Antwort von Peter Boor, der das Obduktionsregister „DeRegCOVID“ leitet (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Deutsche Gesellschaft für Pathologie untersuchte zudem im letzten Jahr 154 Verstorbene, die zuvor an Covid-19 erkrankt waren. Bei mehr als drei Viertel der Obduktionen wurde die Covid-19-Erkrankung als wesentli­che oder alleinige zum Tode führende Erkrankung festgestellt. Bei einem schweren Verlauf der Erkran­kung war die Infektion meist die Todesursache.

Behauptung 4: Covid-19 sei nicht schlimmer als die Grippe

Weiter setzt die Frau Covid-19 mit einer Grippe gleich: „Ja es gibt schwere Fälle, die gibt es in jeder Grippe-Welle. In jeder Grippe-Welle sterben auch junge Menschen und Kinder. Sogar mehr als an Covid!“, sagt sie (ab Minute: 2:09). 

Die Behauptung, Covid-19 sei nicht schlimmer als die Grippe (Influenza), ist nicht neu, wir haben dazu bereits mehrfach Faktencheck veröffentlicht (hier, hier und hier). Bei SARS-CoV-2 und Influenzaviren handelt es sich um unterschiedliche Erreger, die beide Atemwegserkrankungen verursachen können, allerdings mit unterschiedlichen Symptomen und unterschiedlich schweren Krankheitsverläufen. Eine Studie von April 2021 deutet sogar darauf hin, dass Covid-19 primär keine Atemwegserkrankung, sondern eine Gefäßerkrankung sein könnte. 

Während eine Influenza oft auf die Lungen beschränkt ist, kann bei Covid-19 fast jedes Organ des Körpers erkranken. Im Oktober 2020 schrieb das Robert-Koch-Institut über die Unterschiede im Epidemiologischen Bulletin: „Eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer unterscheiden Covid-19 von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen.“ Letalität bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben.

Dass sich die Todeszahlen von Grippe und Covid-19 nicht miteinander vergleichen lassen, haben wir ebenfalls im vergangenen Jahr berichtet. Grippe-Todesfälle werden anhand statistischer Modelle geschätzt, während es sich bei den Covid-19-Todesfallzahlen um laborbestätigte Fälle handelt. 

Behauptung 5: Intensivbetten würden abgebaut und Krankenhäuser bekämen „Unsummen“ für jedes freigehaltene Bett 

Eine weitere Behauptung ist, Krankenhäuser würden für jedes freigehaltene Bett und jedes neue Intensivbett „Unsummen“ erhalten. Gleichzeitig würden die Kapazitäten verringert: „Sie haben die Betten abgebaut“, behauptet die Frau ab Minute 5:10.

Das stimmt nicht: Die Zahl der Intensivbetten wurde in Deutschland über die Jahre nicht reduziert, sondern stieg sogar. Laut neuesten vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamts stiegdie Zahl der Intensivbetten 2020 in den deutschen Krankenhäusern gegenüber 2019 um rund 5 Prozent. 

Zusätzlich werden zu den Daten des Statistischen Bundesamtes seit April 2020 freie Kapazitäten in Krankenhäusern von der Divi erfasst. Diese Daten stellen aber eher eine Momentaufnahme dar und eignen sich nicht für einen Jahresvergleich, wie wir bereits berichteten. Laut der Divi-Statistik ist die Zahl der „freien Intensivbetten“ leicht gesunken, doch das bedeutet nicht, dass sie abgebaut wurden. Per Definition ist ein Intensivbett laut Divi ein tatsächlich mit Personal und Mitteln ausgestattetes, „betreibbares“ Bett.

Der Rückgang der betreibbaren Betten ist laut der Divi vor allem durch Personalmangel zu erklären. Der Mangel an Pflegepersonal hat sich nach Einschätzung von Expertinnen während der Pandemie verschärft

Richtig ist, dass Intensivstationen Gelder für Patienten erhalten, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden. In einem Faktencheck Mitte Dezember berichteten wir, dass Krankenhäuser Versorgungszuschläge für positiv getestete Patienten erhalten, auch wenn sie nicht aufgrund von Covid-19 behandelt werden. Das ist deshalb so, weil den Kliniken durch diese Menschen mehr Aufwand entsteht: zum Beispiel dadurch, dass alle Kontaktpersonen der infizierten Person gefunden werden müssen oder Personal in Quarantäne geschickt werden muss. Darüber berichteten wir im März.

Behauptung 6: Viele junge Menschen seien auf der Kardiologie-Station

In dem Video sagt die Frau, sie habe beim Dienst auf der „Kardiologie-Station“ viele junge Menschen dort gesehen. Ihrer Frage, warum das so sei, sei man dort nur mit Schulterzucken begegnet (Minute: 4:53). Sie deutet an, die Impfung sei der Grund. 

Da wir nicht wissen, von welchem Krankenhaus die Frau spricht, können wir die Aussage nicht konkret überprüfen. 

Im Sommer berichteten US-Forschende, die Fallzahlen für eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung (Myokarditis und Perikarditis) würden sich durch die Impfungen erhöhen. Das betraf die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna. Die Entzündungen seien bei allen Behandelten jedoch schnell abgeklungen. Das schrieb auch das Paul-Ehrlich-Institut im Sicherheitsbericht vom 26. Oktober (Seite 5), die meisten Patienten würden gut auf Behandlung und Ruhe ansprechen und sich schnell besser fühlen. 

Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen (Myokarditis und Perikarditis) können als sehr seltene Nebenwirkung der Covid-19-Impfung auftreten, vor allem bei jungen Männern. Der Impfstoff von Moderna ist deswegen erst ab 30 Jahren freigegeben. Auch neuere Studien zeigen, dass eine Herzmuskelentzündung nach mRNA-Impfstoffen insgesamt sehr selten ist. 95 Prozent der Fälle wurden als mild beschrieben, mit einem meist kurzen Krankenhausaufenthalt. Zudem ist das Risiko einer schweren Herzschädigung bei einer Infektion mit Covid-19 offenbar größer als bei einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff. 

Dazu äußerte sich auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Prof. Stephan Baldus: „Es gibt klare Hinweise dafür, dass die Wahrscheinlichkeit für eine impfassoziierte Myokarditis oder Perikarditis drei- bis fünffach geringer ist als die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Komplikation der Erkrankung selbst.“ 

Fazit: Viele der Behauptungen, die die Frau in dem Video aufstellt, kursieren seit Beginn der Pandemie. Die Behauptungen sind größtenteils falsch und irreführend. Es gibt keine Belege, dass Intensivbetten abgebaut wurden. 

Menschen, die im Krankenhaus einen positiven Covid-19 Test, und nicht schwer krank sind, kommen laut Divi nicht auf die Covid-19 Station. Und: Die Behauptungen, Covid-19 sei nicht schlimmer als die Grippe und die Pandemie sei herbei getestet, sind ebenfalls irreführend. 

Redigatur: Sarah Thust, Matthias Bau

Update, 7. Januar 2022: Um Missverständnisse zu vermeiden, haben wir eine Grafik des RKI aus dem Text entfernt, die den Anteil der positiven Tests zeigt.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • RKI, Wochenbericht vom 16. Dezember 2021: Link
  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zu Nebenwirkungen von Covid-19-Impfstoffen (Datenstand bis 30. September 2021): Link (archiviert)
  • Deutsche Register Covid-19 Obduktionen: Link 
  • Deutsche Herzstiftung, Herzmuskelentzündung: Was bei Covid-19 bekannt ist: Link
  • Statistisches Bundesamt, Zahl der Intensivbetten im Jahresdurchschnitt 2020 um fünf Prozent höher als im Vorjahr: Link
  • Ärzteblatt, „Der Personalmangel in der Pflege ist mit weitem Abstand das drängendste Problem“: Link
  • RKI, Nationale Teststrategie – wer wird in Deutschland auf das Vorliegen einer SARS-CoV-2 Infektion getestet?: Link (archiviert)

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