Kein Filter
für Rechts

Wie die rechte Szene Instagram
benutzt, um junge Menschen
zu rekrutieren

»Die Mädels sind für das schöne Bild verantwortlich«, so offen sagt es eine Insiderin. Es sind vor allem Frauen, die Nutzer auf Instagram mit ästhetischen Bildern und subtilen Botschaften in die rechte Szene ziehen sollen. Emojis als Reichsflagge, Hashtags wie #heimatverliebt und AfD-Politiker, die für ein rechtes Modelabel posieren oder Accounts von Rechtsextremen folgen: Unsere Analyse tausender Instagram-Accounts zeigt, wie die rechte Szene auf der vermeintlich unpolitischen Plattform junge Menschen verführt. Und dass Instagram kaum etwas dagegen unternimmt. Eine Recherche in vier Teilen.

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Wer folgt wem?

Die AfD und ihre Verbindungen zu Rechtsextremen

Die AfD hat ganz offensichtlich ein Problem. Offiziell will die Partei nichts mit Rechtsextremen zu tun haben. Doch unsere Datenanalyse zum Netzwerk der rechten Szene auf Instagram zeigt einmal mehr: Einige AfD-Funktionäre haben ihre Schwierigkeiten, sich klar abzugrenzen. 

Eigentlich dürfen Mitglieder der AfD laut einer sogenannten „Unvereinbarkeitsliste“ weder Teil der „Identitären Bewegung“ (IB) noch Mitglieder von Parteien wie der NPD sein. Und die AfD-Spitze beteuert immer wieder, dass rechtsextremes Gedankengut keinen Platz in der Partei habe. Allerdings nehmen offenbar gleich mehrere AfD-Politikerinnen und Politiker die Abgrenzung nach ganz rechts außen nicht wirklich ernst. Sie folgen auf Instagram unter anderem Aktivisten der IB, darunter sehr prominenten. Mehr noch: Sie machen aus ihrer Offenheit der Organisation gegenüber keinen Hehl. 

Ein AfD-Spitzenpolitiker sagte gegenüber CORRECTIV, eine Vernetzung zur IB sollte es „in der Tat nicht geben“. Er fordert eine stärkere Abgrenzung und hält eine Überarbeitung der Unvereinbarkeitsliste für „erforderlich“.

In den vergangenen Monaten haben wir beobachtet, wie die rechte bis rechtsextreme Szene sich auf Instagram vernetzt – und auch, welche Rolle die AfD spielt. In den 4.500 Accounts, die wir als relevant kategorisierten, spielten Parteiorganisationen und -funktionsträger eine zentrale Rolle. Die Analyse der Hashtags, der verwendeten Worte und Emojis zeigt: Die AfD setzt Trends auf Instagram. Der Begriff „Altparteien“, der Hashtag #MutzurWahrheit und blaue Emoji-Herzen finden sich quer durch alle Gruppen. Außerdem auffällig: Mehrere AfD-Politiker nutzten den Hashtag #DefendEurope, einen Titel für eine menschenverachtende Aktion der Identitären Bewegung.

Wir zeigen am Beispiel dreier Funktionsträger der Partei, wie die informelle Vernetzung auf Instagram aussieht. Offiziell widerspricht diese zwar nicht der AfD-Linie; die Antwort der Partei auf unsere Anfrage zeigt aber auch, dass die Partei nicht allzu interessiert daran ist, solche Verbindungen zu verhindern: „Inwieweit einzelne AfD-Mitglieder und -Funktionsträger mit ihren wohl privaten Profilen in sozialen Netzwerken mit auf unserer Unvereinbarkeitsliste befindlichen Organisationen in irgendeiner Form verknüpft sind, entzieht sich unserer Kenntnis.“

Diese Grafik zeigt auf Basis absoluter Zahlen, wie stark die AfD-Funktionsträger Marie-Thérèse Kaiser, Dubravko Mandic und Roger Beckamp mit den Kategorien in unserem Netzwerk verknüpft sind. © Clemens Kommerell für CORRECTIV

Wer einem Account folgt, signalisiert in sozialen Netzwerken grundsätzlich Interesse; es bedeutet nicht, dass man sich mag oder persönlich kennt. Anders als beispielsweise Twitter, wo viele auch politisch andersdenkenden Menschen folgen, ist Instagram eher nicht als politisierte Plattform bekannt und funktioniert nach einer anderen Logik: Wer dort angemeldet ist, dem geht es meist um Einblick in das Leben der Menschen, denen er folgt, um „Gefällt-mir“-Angaben bei Fotos, um Reaktionen auf sogenannte Storys, eine Art Slideshow.

Folgt also eine Person auf Instagram gleich mehreren Accounts, die klar mit einer Organisation – in unserem Beispiel der „Identitären Bewegung“ (IB) – verbunden sind und zeigt sie sich auch abseits der Plattform offen oder zustimmend gegenüber deren Handeln, ist das sicherlich keine Feindbeobachtung. Bei AfD-Politikern, die nichts mit der rechtsextremen IB zu tun haben sollten, ist das ein Alarmzeichen.

Marie-Thérèse Kaiser: Das Kampagnengesicht der AfD

Bauchfreies T-Shirt, wissendes Lächeln und eine rote Karte in der Hand – so posierte Marie-Thérèse Kaiser auf einem Flyer für die Kommunalwahl 2020 in Nordrhein-Westfalen. „Den Linken die roten Karte zeigen! Am 13. September AfD wählen!“ Kaiser ist das Gesicht der Erstwählerkampagne, sie soll gezielt junge Menschen ansprechen. Die Junge Alternative hat ein Making-Of des Fotoshootings auf Youtube gestellt: Professionelle Posen, schnelle Kameraschnitte, dynamische Musik. 

Marie-Thérèse Kaiser ist das schöne Gesicht der AfD. Das Gesicht, mit dem die Partei ihre Plakate für Kampagnen quer durch die Bundesrepublik schmückt. Was dabei offenbar niemanden stört: Die 23-Jährige interessiert sich für Rechtsextreme. Unsere Datenanalyse zeigt: Kaiser ist unter den zehn wichtigsten Verbindungsknoten im Netzwerk der 4.500 rechten Instagram-Accounts. Das bedeutet, sie ist dort stark in mehrere Szenen vernetzt, darunter auch zu Rechtsextremen. 

Schon vor ihrem politischen Engagement modelte sie – ein Medienbericht von 2013 betitelte die damals 16-Jährige als „Sottrums next Topmodel“. Sie nahm als Jugendliche an verschiedenen Miss-Wahlen in Niedersachsen teil. Ab 2018 engagierte sie sich dann für die AfD und organisierte Demonstrationen unter dem Motto „Merkel muss weg“ in Hamburg. Ihr Aussehen verschaffte ihr die Aufmerksamkeit von rechten Medien; sie war 2018 Covergirl des Arcadi-Magazins und wurde vom Compact-Magazin als „Schöne des Monats“ vorgestellt. Aktuell ist Marie-Thérèse Kaiser Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes Rotenburg (Wümme) in Niedersachsen und Beisitzerin im Vorstand der Landes-AfD. 

Auf Instagram hat sie rund 9.000 Abonnenten – und noch ein Backup-Profil mit rund 1.200 Followern. Nach der Veröffentlichung der ersten Recherche von CORRECTIV „Kein Filter für Rechts“ entfernte Kaiser alle Fotos und Stories von ihrem Hauptaccount. Zuvor warb sie dort zum Beispiel für das rechte Modelabel „Peripetie“. Die Marke warb auch mit Björn Höcke, der in einem Poloshirt für ein Bild posierte. Das alles ist nun nicht mehr auf Instagram zu sehen. 

Stattdessen folgt Kaiser nun neuen Accounts, in denen rechtsextreme Inhalte zu sehen sind und die wir in unserem Artikel erwähnt hatten – wie „Madame Europa“, auf dem rassistische Slogans wie „When you’re white, there is no upgrade, don’t mix” zu lesen ist. Dahinter steht das rechtsextreme Label „Europa Invicta“.

Ein alter Post von Marie-Thérèse Kaiser – sie posiert mit einem Kleidungsstück des rechten Modelabels „Peripetie“. Den Beitrag löschte sie nach der Veröffentlichung des ersten Textes von „Kein Filter für Rechts“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie alle AfD-Politiker ist Kaiser auf Instagram vor allem mit anderen Parteimitgliedern vernetzt. Sie interessiert sich jedoch auch stark für die „Identitäre Bewegung“ und folgt zahlreichen Accounts von IB-Aktivisten. Darunter sind Brittany Sellner, Paula Winterfeldt und Reinhild Boßdorf. Außerdem folgt Kaiser dem rechtsextremen Rapper „Chris Ares“ (Christoph Aljoscha Zloch), einem anderen Rapper namens „Prototyp“ (Kai Naggert) und dem rechtsextremen Blogger und Musiker Frank Kraemer. 

Und auch beim Instagram-Account „Ruhrpott-Roulette“, einem als Satire deklarierten Format von Kai Naggert, hat Marie-Thérèse Kaiser auf „Folgen“ geklickt. In den Videos laufen der rechtsextreme Rapper und der Essener Identitäre Marius König zum Beispiel auf der Straße herum und sprechen Frauen mit Kopftüchern mit vermeintlichen Witzen an, zum Beispiel: „Was ist der Unterschied zwischen Deutschland und Spaß? Spaß hat seine Grenzen.“

Auf anderen Plattformen werden Kaisers Sympathien sogar noch deutlicher als auf Instagram: So teilte sie auf Twitter kürzlich direkt Beiträge der IB-Initiative „Ein Prozent“, von Reinhild Boßdorf oder von Paula Winterfeldt. Von Abgrenzung zur „Identitären Bewegung“ hält die 23-jährige AfD-Politikerin offenbar nichts. Auf unsere Presseanfrage, inwiefern sie sich im Hinblick auf dieses Vorgehen von der IB distanziere, antwortete Kaiser nicht.

Dubravko Mandic und Roger Beckamp: Verbindungsmänner im Hintergrund

In unseren Daten tauchten zwei weitere Instagram-affine AfD-Politiker als zentrale Verbindungsknoten innerhalb der rechten Szene auf: Dubravko Mandic und Roger Beckamp. Beide sind Rechtsanwälte und beide fielen bereits öfter mit ihrer Offenheit gegenüber Rechtsextremen auf, darunter Neonazis und Aktivisten der IB. Während unserer Recherche erkannten wir, dass beide auf Instagram als eine Art Brücke fungieren – sie stehen zwischen Accounts, die teils selbst nicht direkt vernetzt sind: Sie spinnen dort demnach Fäden zwischen parteinahen Accounts und extrem rechten Teilen der Szene. Sie unterscheiden sich allein in ihrem Vorgehen.

Dubravko Mandic ist Stadtrat in Freiburg und gilt als rechter Hardliner innerhalb der AfD. Der Rechtsanwalt ist laut, fällt immer wieder durch provokante Thesen, extreme Aussagen und Beleidigungen gegenüber Politikern und Medien auf. Auf einer Demonstration vor dem Gebäude des SWR in Baden-Baden im Januar brüllte er martialisch in Richtung des Senders: „Das ist erst der Anfang. Wir werden Sie aus Ihren Redaktionsstuben vertreiben.“ 

Damit machte sich Mandic nicht nur Freunde in der AfD: Kürzlich wurde eine zweijährige Ämtersperre gegen den Politiker gefordert. Darüber muss laut Medienberichten nun noch ein Schiedsgericht entscheiden. Mandic war Teil des sogenannten „Flügels“, der vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft wurde, bevor er sich im Mai laut eigener Aussage selbst auflöste. Der Verfassungsschutz interessiert sich aber auch schon länger für ihn persönlich; er tauchte 2019 in einem internen Gutachten auf. Dort heißt es, er habe in der Zeitschrift Arcadi Magazin um Praktikanten geworben, die einen „identitären“ Hintergrund haben. In der Beschreibung seines als privat eingestellten Instagram-Accounts präsentiert sich Mandic als „rightwing ethnopluralist“ – laut Bundesfamilienministerium ein „Kampfbegriff der Neuen Rechten, um rassistisches Gedankengut zu verschleiern“. Hinter den Begriff „Blutlinie“ setzt er die serbische und kroatische Flagge als Emojis.

Laut Tagesspiegel soll Mandic auf Facebook schon vor Jahren von einem „entstehenden rechtsradikalen Netzwerk zwischen AfD und ‘Identitärer Bewegung’“ geschwärmt haben. Wie ernst er das meint und dass er zumindest auf Instagram tatsächlich im Zentrum eines Netzwerk stand, zeigt ein Blick in unsere Daten: Mandic folgte auf seinem mittlerweile gelöschten offiziellen Instagram-Profil 56 Accounts, die wir als Aktivisten oder zumindest Teil der IB kategorisiert hatten. Er vernetzte sich außerdem stark mit der rechten Medienszene und Burschenschaften, die teilweise Räumlichkeiten für IB-Veranstaltungen stellen sollen. Und: Er folgte zehn Instagram-Accounts, die wir als Teil der NPD oder als Neonazis eingestuft haben. 

Auf unsere Anfrage, ob Mandic sich von der IB distanziere und was er von der Unvereinbarkeitsliste halte, antwortete der Rechtsanwalt mit einer sehr langen E-Mail. Mandic schreibt unter anderem, CORRECTIV dürfe „nicht den Eindruck erwecken, die von Ihnen als ‘identitär’ oder ‘klar rechtsextrem’ bezeichneten Konten machten mehr als etwa 3,25 % der Konten aus, denen ich gefolgt bin“ oder „die betreffenden Inhalte durch das Folgen zu Eigen gemacht oder in sonstiger Weise allgemein empfohlen/befürwortet“ oder „ich würde Instagram benutzen, um eine über das bloße Folgen hinausgehende, aktive ‘Netzwerkbildung’ zu betreiben“. 

Mandic schreibt außerdem, das „Folgen“ bedeute „einzig und allein, daß der Betreffende, aus welchem Grunde auch immer, daran interessiert ist, die Beiträge eines bestimmten Nutzers angezeigt zu bekommen“. Auf die konkreten Fragen antwortete er: „Ich bin nicht Mitglied der Identitären Bewegung. Im übrigen lehne ich es grundsätzlich ab, auf Zuruf bzw. Anforderung von Presse oder sonstigen Dritten anlaßlose Distanzierungsrituale zu praktizieren oder über sonstige Stöckchen zu springen.“ 

Zur Unvereinbarkeitsklausel meint Mandic: „Ich halte sie für überarbeitungsbedürftig.“  

Mandic vernetzte sich auf Instagram sehr breit und setzte dabei vor allem auf Streuung und Menge: insgesamt folgte er mehr als 6.800 Accounts. 

Roger Beckamp agiert genau anders herum.

Beckamp, der Landtagsabgeordneter der AfD in Nordrhein-Westfalen ist, gibt sich auf Instagram zurückhaltend. Er teilt hauptsächlich Beiträge mit den AfD-Farben und -Logos. Auffällig: Er folgt nur sehr wenigen, rund 60 ausgewählten Accounts – doch die haben es teilweise in sich. Unter den drei IB-Accounts, denen er folgt, ist etwa Paula Winterfeldt. Sie ist eines der bekanntesten Gesichter der rechtsextremen IB in Deutschland. 

Dass Beckamp eine Schwäche für die IB zu haben scheint, ist schon länger bekannt: Der AfD-Politiker besuchte im Oktober 2018 etwa eine Veranstaltung von Götz Kubitschek, einem Vordenker der Neuen Rechten, in einem IB-Haus in Halle. Von ihm übernimmt er teilweise auch ganz offen Ideen. Kubitschek schrieb in einem Beitrag seines Blogs etwa: „Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.“ Dieselbe Forderung übernahm Beckamp fast wortgleich in einer Rede im Jahr 2016.

Screenshot von Roger Beckamps Instagram Account (Screenshot: CORRECTIV)

Die ehemalige IB-Aktivistin Lisa H. („Lisa Licentia“) sagte uns in einem Gespräch Anfang September auf die Frage, ob sie Verbindungen zwischen der IB und der AfD benennen könne: „Ja, klar. Mich hat ja der Roger Beckamp ganz am Anfang kontaktiert. Ich hab mich dann persönlich mit ihm getroffen, und er meinte auch, er wollte einfach nur wissen, ob ich bei der IB bin, das sei kein Problem, er hätte sich auch erst vor kurzem mit der Paula Winterfeldt getroffen.“ Mit Winterfeldt hätte Beckamp laut der Ex-IB-Aktivistin „was in Planung“. 

Beckamp antwortete auf unsere Anfrage, warum er IB-Accounts folge: „Ich habe nicht, tue es derzeit nicht und habe auch zukünftig nicht vor, mit der IB zusammenzuarbeiten. Auch hier gilt: Von welchen Konten und Personen reden Sie denn? Die Ihnen angeblich vorliegenden Daten sind auch hier wohl unvollständig und mit Blick auf Ihre persönlichen Schlussfolgerungen irreführend und falsch.“ Inhalte von Konten, denen er folge, mache Beckamp sich „nicht zu eigen“. So folge er beispielsweise auch der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken.

Ein Treffen mit Winterfeldt habe es laut Beckamp nicht gegeben und er habe das Lisa H. auch nie berichtet, wie er auf unsere Anfrage schreibt. Lisa H. habe er jedoch tatsächlich getroffen und auch „ein Video mit ihr zusammen veröffentlicht“. Sie habe ihm dort jedoch „ausdrücklich gesagt, nicht mehr bei der IB zu sein“. Das stimmt laut Lisa H. nicht, die ihre Aussage eidesstattlich versicherte: Beckamp habe gewusst, dass sie zu diesem Zeitpunkt Teil der IB gewesen sei und ihr bei dem Treffen sogar Feedback zu einem Video, an dem sie beteiligt gewesen sei, gegeben.  

Rüdiger Lucassen, Landessprecher der AfD Nordrhein-Westfalen, sagte uns auf Anfrage, von einem solchen Treffen sei ihm nichts bekannt. „Weder zu einer Nähe wie auch Distanz des MdL Beckamp zu den vorgenannten Aktivisten kann ich eine Aussage treffen.“ 

Lucassen schrieb uns jedoch auch: „Eine Mitgliedschaft/Zusammenarbeit/Vernetzung mit der (IB) sollte es in der Tat nicht geben. Eine Überarbeitung der Unvereinbarkeitsliste, auch im Hinblick auf die Verfassungstreue der IB, halte ich für erforderlich.“ Gegen Vernetzungen allgemeiner Art der AfD auf Instagram sei laut Lucassen nichts einzuwenden.

Unsere Datenrecherche festigt jedenfalls die Erkenntnis: Sowohl Mandic als auch Beckamp sind an den Aktivitäten und den Vertretern der IB interessiert und halten – jeder auf seine Weise – zumindest informell eine Verbindung zu Teilen der rechtsextremen Organisation.

Auch ein JA-Kandidat folgt Rechtsextremen

Kaiser, Mandic und Beckamp sind nicht die einzigen AfD-Politiker in unserem Netzwerk, die auf Instagram Rechtsextremen folgen: Neben ihnen gibt es noch neun weitere. Einer von ihnen ist Jonas Dünzel, der für den Bundesvorsitz der Jungen Alternative kandidiert. Der 26-Jährige Sachse ist sehr aktiv in vielen sozialen Medien – beispielsweise postet er Videos, in denen er als Moderator auftritt, auf seinem Youtube-Account und auf Twitter hetzt er gegen die Bewegung „Fridays for Future“ oder leugnet die Existenz der Corona-Pandemie. 

Dünzel scheint die Bedeutung von Instagram für seinen Wahlkampf erkannt zu haben: Regelmäßig lässt er seine Follower an seinen Reisen teilhaben und berichtet von seinen privaten Aktivitäten, meistens versehen mit einer politischen Botschaft.

Instagram spielt speziell für die Jugendorganisation der AfD eine wichtige Rolle – das bestätigte Vadim Derksen, Beisitzer der JA, auf CORRECTIV-Anfrage. Etwa die Hälfte der Neuzugänge im vergangenen Jahr seien über Instagram auf die JA aufmerksam geworden, sagte er. Mit Jonas Dünzel kandidiert ein Instagram-affiner junger Mann für den Bundesvorsitz der JA, unterstützt wird er vom mitgliederstarken Landesverband in Nordrhein-Westfalen. 

An seiner Aktivität auf Instagram wird deutlich, dass die Organisation, die 2019 vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall“ eingestuft wurde, durchaus strategisch vorgeht. Instagram dient als Werkzeug, um Nachwuchs zu ködern und die eigenen Inhalte über zugängliche Personen anschlussfähig zu machen. In seiner Kandidatur erklärt Dünzel, seine „Reichweitenstärke“ der JA zur Verfügung zu stellen. Die JA müsse zudem andere Jugendorganisationen in den sozialen Medien übertrumpfen.

Unsere Analyse zeigt: Auf Instagram folgt er einem Account eines Rechtsextremen und vier Accounts, die wir der IB zugeordnet hatten. Auf unsere Anfrage, ob Dünzel sich von der IB distanziere, antwortete er nicht. Stattdessen schrieb er uns: „Wie Sie bei Ihrer Recherche sicher festgestellt haben, folge ich auch zahlreichen Accounts von den Grünen, der Jungen Union, einigen FDP‘lern und vielen anderen, um mich über deren Inhalte zu informieren. Als Mitglied des AfD-Bundeskonvents stehe ich natürlich zu unserer Unvereinbarkeitsliste.“

Kaiser und Dünzel treiben die Community an

Kaiser und Dünzel sind die jungen Wortführer der AfD-Community auf Instagram: Das zeigte sich auch am Montag im Nachgang der CORRECTIV-Berichterstattung über Codes und Erkennungszeichen der rechten Szene. Auf Initiative von Dünzel entstand eine „Bier und Brezel-Challenge“, bei der User die entsprechenden Emojis in ihre Selbstbeschreibung übernehmen und davon ein Foto posten sollten – um „Linke zu triggern“, wie Dünzel es beschrieb. 

Kaiser sprang darauf an, später wurde ihr Post allerdings gelöscht. Sie hatte den Hashtag #DefendEurope verwendet, der gegen die Gemeinschaftsrichtlinien der Plattform verstößt. Influencer als Wortführer, schnelle Mobilisierung und Diskreditierung von Andersdenkenden – die Mechanismen und Strategien, die wir bei der rechten Szene auf Instagram analysiert haben, gehen also weiter, angetrieben durch Kaiser und Dünzel.

Unvereinbarkeitsliste sei laut AfD-Kampagnengesicht eine „bürokratische Hürde“

Neben den beiden jungen Gesichtern, die auf Instagram sehr offensiv vorgehen, agieren Beckamp und Mandic eher zurückhaltend – und über allem schwebt die Frage, wie sehr sie die Unvereinbarkeitsliste der AfD respektieren. Weder Kaiser noch Mandic distanzierten sich auf unsere Anfrage von der IB. Gerade Kaiser gab zumindest öffentlich bekannt, was sie von der Unvereinbarkeitsliste hält: Als sich die AfD im Mai 2020 wegen seiner Verbindungen in rechtsextreme Milieu von Andreas Kalbitz trennte, kommentierte sie wenig später auf Twitter: „Ich habe die Unvereinbarkeitsliste schon vor dem Fall Kalbitz mehrfach kritisiert.“ Sie sei eine „bürokratische Hürde“. 

Als ein Twitter-Nutzer sie fragte, wie die AfD sonst verhindern wolle, dass sie von Extremisten unterwandert wird, erwidert Kaiser, man überprüfe die Leute ja, googele sie auch. In ihrem Kreisverband in Rotenburg (Wümme) sei zum Beispiel „ein junger Mann“ sehr engagiert, der im Wahlkampf helfe und für den sie „ihre Hand ins Feuer legen“ würde. Nur dürfe er kein AfD-Mitglied werden – denn er sei mal in der NPD gewesen. „Natürlich wollen wir keine Rechtsradikalen, Neo-Nazis oder sonst was“, schrieb Kaiser weiter. „Mal abgesehen davon, dass ich bislang noch nie jemanden kennengelernt habe, der das wirklich war – wir haben nicht täglich 100 Bewerber. Ich brauche Leute!“

AfD-Bundesverband auf Anfrage: Wer Rechtsextremen folge, entziehe sich seiner Kenntnis

Wir haben den AfD-Bundesverband gefragt, ob die Vernetzung mit Rechtsextremen auf Instagram für die Aufnahme als Parteimitglied – oder für eine Funktion innerhalb der AfD – eine Rolle spiele. Ein Sprecher antwortete uns, dass sich seiner Kenntnis entziehe, inwieweit sich Funktionsträger dort verknüpften. Auf unsere Nachfrage, ob er nun, da wir ihn von den einzelnen Fällen in Kenntnis setzten, eine Überprüfung anstoße, erhielten wir keine Antwort. Auch auf die Frage, ob die Unvereinbarkeitsliste um digitale Verbindungen erweitert würde, antwortete der Bundesverband nicht. 

Die stellvertretende Bundessprecherin der AfD, Alice Weidel, sagte uns dazu: „Zum Thema Unvereinbarkeit der AfD mit der IBD bestehen entsprechende Parteitagsbeschlüsse, die gültig sind.“ Und: „Inwieweit das reine ‘Folgen’ von Instagram-Accounts mutmaßlicher IB-Anhänger gegen Parteitagsbeschlüsse zuwiderläuft, ist juristisch zumindest streitig. Es wird der Einzelfall entscheidend sein.“

Jetzt hat die Partei genügend Einzelfälle auf Instagram, um zu überprüfen, wie ernst es ihr damit ist, dass sich ihre Mitglieder klar von der IB und anderen rechtsextremen Gruppen distanzieren.

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Veröffentlicht am 14. Oktober 2020

Recherche & Texte: Alice Echtermann, Arne Steinberg, Celsa DiazClemens Kommerell, Till Eckert
Datenwissenschaft: Celsa Diaz, Clemens Kommerell
Redaktion: Olaya Argüeso, Justus von Daniels
Design: Benjamin Schubert, Belén Ríos Falcón
Projektmanagement: Marius Wolf
Mitarbeit: Frederik Richter, Jonathan Sachse, Miriam Lenz, Carol Schaeffer, Melina Hemmer
Kommunikation: Katharina Späth, Luise Lange, Bao-My Nguyen, Valentin Zick
Foto: picture alliance/Sina Schuldt/dpa