Hintergrund

Jahresrückblick 2022: Die hartnäckigsten Falschmeldungen und meistgelesenen Faktenchecks 

Nach zwei Jahren Pandemie beherrschten die Themen Covid-19 und Impfungen erstmals nicht mehr die öffentliche Debatte in Deutschland. Stattdessen hatte es das Faktencheck-Team seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs mit prorussischen Kampagnen zu tun, die Fakes verbreiteten und Verwirrung stifteten.

von Alice Echtermann

Symbolbild Faktencheck Jahresrückblick
Nach der Pandemie war auch 2022 ein Jahr der Desinformation – vor allem Propaganda und wiederkehrende Narrative über den Krieg in der Ukraine haben die Arbeit von CORRECTIV.Faktencheck geprägt (Symbolbild: Picture Alliance / Zoonar / Viktor Gladkov)

Auf die eine große Krise folgte die nächste, keine Atempause, kaum ein Verschnaufen – diesen Eindruck hatten viele im Februar, als Russland die Ukraine angriff. Zwei Jahre Corona-Pandemie saßen auch unserem Faktencheck-Team noch im Nacken, als eine Welle der Desinformation über den Krieg heranrollte. 

Von dem Moment an, als die ersten Raketen in der Ukraine einschlugen, hatten wir es nicht mehr mit falsch interpretierten Studien oder Statistiken zu tun, sondern mit Propaganda. Mit Lügen. Neue Akteurinnen und Akteure tauchten auf – jetzt sind es nicht mehr Pseudo-Experten auf Youtube, die die Debatten manipulieren, sondern prorussische Influencerinnen auf Telegram. Sie gießen bei Diskussionen über die Energiekrise gezielt Öl ins Feuer und spielen Kriegsverbrechen Russlands herunter. Sie versuchen, die Stimmung in Deutschland gegen die Regierung, Hilfen für die Ukraine und ukrainische Geflüchtete zu drehen. 

Und unter all dem köchelt noch immer die Wut der Impfgegnerinnen und Impfgegner, die weiter nach Beweisen suchen, dass die Covid-19-Impfungen zu unzähligen Todesfällen führen würden.    

Denn Desinformation ist zwar im Detail erfinderisch, bedient sich aber oft der gleichen Muster. Wir zeigen Ihnen in unserem Jahresrückblick, welche das 2022 waren. Wir haben für Sie die fünf hartnäckigsten Narrative der Desinformation und unsere zehn meistgelesenen Faktenchecks herausgesucht. 

Die größten Narrative der Desinformation im Jahr 2022:

1. „Plötzlich und unerwartet“

Diese harmlose Formulierung, die seit vielen Jahren in Todesanzeigen verwendet wird, ist seit einem Jahr zur Chiffre für die Impfgegner-Szene geworden. Das Prinzip ist einfach: Todesfälle, die plötzlich ohne lange Vorerkrankung eintreten, werden zu potenziellen „Impftoten“ umgedeutet. Weltweit wurden Listen mit Sportlerinnen und Sportlern, die Herzstillstände hatten, zusammengetragen. Belege für die Todesursache, oder dafür, dass die Personen überhaupt gegen Covid-19 geimpft waren? Fehlanzeige. 

Wir haben in mehreren Faktenchecks (hier, hier und hier) erklärt, dass ein plötzlicher Herztod auch bei jungen und scheinbar gesunden Menschen eintreten kann und es keine Hinweise auf einen Anstieg solcher Fälle gibt. Doch das Narrativ lebt weiter. Im Dezember hat die AfD vermeintlich sogar einen statistischen Beleg geliefert: eine Auswertung von Krankenkassendaten sollte zeigen, dass ungeklärte Todesfälle 2021 drastisch angestiegen seien. Doch auch das stimmt nicht (hier geht’s zum Faktencheck).

Twitter-Beitrag von Stefan Homburg zu den KBV-Daten
Ein Tweet von Stefan Homburg über die Analyse der KBV-Daten enthält eine der Grafiken aus der Präsentation auf der AfD-Pressekonferenz. Sie ist nicht aussagekräftig, da die Daten mutmaßlich nicht vollständig sind. (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

2. Kriegsbilder aus der Ukraine seien inszeniert

Seinen traurigen Höhepunkt erreichte dieses Narrativ mit Behauptungen über getötete Zivilipersonen im Kiewer Vorort Butscha. Mehrfach wurde im April versucht, die schrecklichen Bilder von Leichen als Inszenierung der Ukraine darzustellen (unsere Faktenchecks zu Butscha lesen Sie hier, hier, hier und hier). Hinzu kam der Versuch, Berichte über Vergewaltigungen durch russische Soldaten als erfunden darzustellen

Es geht bei diesem Narrativ darum, zu bestreiten, dass Kriegsverbrechen geschehen und die Berichte darüber unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Oft heißt es auch, dass die Medien Bilder manipulieren würden – die Echtheit von Fotos verletzter Menschen wird zum Beispiel angezweifelt; es handele sich um Schauspieler, Verletzungen seien lediglich Schminke. Alle von uns überprüften Fälle, in denen Medien Inszenierung vorgeworfen wurde, waren jedoch Fälschungen, oder die Verbreiter der Desinformation stellten (altes) Bildmaterial in einen falschen Kontext

Eine Aufnahme zeigt die Zerstörung in Butscha am 6. April 2022 (Quelle: Picture Alliance / Associated Press / Felipe Dana)

3. Humanitäre Hilfe und Waffenlieferungen an die Ukraine würden veruntreut

Das Narrativ, dass vom Westen gelieferte Hilfsgüter, Gelder oder Waffen veruntreut und in falsche Hände geraten würden, wird in verschiedenen Formen verbreitet. Als vermeintliche Belege dienen zum Beispiel aus dem Zusammenhang gerissene Zitate oder erfundene Berichte von internationalen Organisationen. Besonders im Fokus stand die Behauptung, dass Waffen von Ukrainern auf dem europäischen Schwarzmarkt weiterverkauft würden. Bis heute gibt es keine Beweise dafür, dass es tatsächlich dazu kommt. Stattdessen gibt es zahlreiche Belege, dass es sich um ein Narrativ pro-russischer Desinformation handelt (hier, hier und hier). 

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges erreichen die Ukraine Hilfsgüter und Hilfsgelder der EU. Behauptungen über angebliche Angaben der Staatengruppe gegen Korruption, Greco, zu einer Veruntreuung der Gelder laufen ins Leere (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Fabian Strauch)

4. Die Menschen in der Ukraine seien Neonazis, Faschisten, Rechtsextreme

Von russischer Seite wird die Ukraine immer wieder als Staat dargestellt, der von Faschisten oder Neonazis regiert wird. Die Debatten im Netz sind gespickt mit Bildmaterial, das dieses Argument untermauern soll. Oft handelt es sich jedoch um Fakes. Zum Beispiel ein gefälschtes Plakat einer Kinderwunschklinik, die Material von „reinrassigen Ukrainern“ sucht. Oder ein manipuliertes Video über angebliche Nazi-Schmierereien durch ukrainische Fußballfans in Katar. Es kursierten außerdem wieder Bilder in falschem Kontext – wie ein Foto eines Mannes mit Nazi-Tattoos, bei dem es sich in Wahrheit um einen Russen handelte, oder ein viele Jahre altes Video aus London von einer Person, die in einem Einkaufszentrum ein Hakenkreuz auf den Boden schmierte. 

Unbestritten ist, dass es in der Ukraine – so wie auch in Deutschland – Neonazis gibt. Doch Desinformation bleibt Desinformation, und das Narrativ von der angeblich rechtsextremen  Nation wird gezielt genutzt, um den Krieg zu rechtfertigen. Eine ausführliche Recherche von uns dazu lesen Sie hier.

Alexej Maximov wird fälschlich als Wadim Trojan bezeichnet
Dieser Mann ist ein Neonazi aus Russland – und nicht, wie im Netz behauptet wird, der Ukrainer Wadim Trojan (Quelle: Twitter; Screenshot und Verpixeln der Tattoos: CORRECTIV.Faktencheck)

5. Ukrainische Geflüchtete nutzten die Hilfsbereitschaft in Deutschland aus

Schon früh wurde Stimmung gegen die Menschen gemacht, die aus der Ukraine nach Deutschland geflohen sind. Da wurde zum Beispiel fälschlich behauptet, sie würden ihre Unterkünfte anzünden oder verwüsten, dürften früher in Rente gehen als Deutsche und würden bei der KFZ-Versicherung bevorzugt. Eine erfundene Anekdote über eine ukrainische Frau, die beim Frisör nicht zahlen wollte, machte in Sachsen die Runde. Und die gänzlich unbelegte Behauptung, Ukrainerinnen und Ukrainer würden „Sozialtourismus“ betreiben – also kurz einreisen, Hartz IV beantragen und zurück in die Heimat fahren – wurde sogar in deutschen Talkshows diskutiert. 

Per Flixbus nach Deutschland und mit Hartz IV im Gepäck zurück in die Ukraine? Dafür, dass das stattfindet, fanden wir keine Belege
Per Flixbus nach Deutschland und mit Hartz IV im Gepäck zurück in die Ukraine? Dafür, dass das stattfindet, fanden wir keine Belege (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Bodo Schackow)

Ukraine, Coronavirus, Energiekrise – was hat unsere Leserinnen und Leser dieses Jahr am meisten interessiert?

Das waren unsere zehn meistgelesenen Artikel des Jahres 2022:

1. Ja, auf diesem Foto trägt ein ukrainischer Soldat einen Totenkopf-Aufnäher mit SS-Motiven

In Sozialen Netzwerken verbreitete sich im September ein Foto von einem Besuch des ukrainischen Präsidenten Selenskyj in Isjum. Es wird darauf hingewiesen, dass ein ukrainischer Soldat hinter ihm einen Aufnäher mit den Symbolen der SS-Division „Totenkopf“ auf seiner Weste trug. Das stimmt, hier unser Faktencheck.

2. Diese Zahlen zum Rentenniveau in Deutschland, Frankreich und Italien sind veraltet und es fehlt Kontext 

Renten- und Wirtschaftssysteme in verschiedenen Ländern werden in Sozialen Netzwerken öfter miteinander verglichen, obwohl sie sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Im Sommer kursierte ein Vergleich mit Italien und Frankreich, bei dem Deutschland scheinbar schlecht abschneidet. Das Ganze ist jedoch irreführend, denn es werden völlig unterschiedliche Daten gegenübergestellt – zum Faktencheck.

3. Diese Falschinformationen und Gerüchte kursieren zum Russland-Ukraine-Krieg

Wir haben alle Faktenchecks und Recherchen zu diesem Thema in einem Artikel gesammelt, den wir fortlaufend aktualisieren – zur Übersicht

4. Nein, Selenskyj trägt auf diesem Foto keinen Aufnäher mit SS-Totenkopf

Laut einem Blogartikel trug der ukrainische Präsident Selenskyj beim Besuch in Isjum ein Nazi-Symbol der Waffen-SS. Das stimmt nicht. Selenskyj trug das Abzeichen einer Brigade der ukrainischen Armee, wie unser Faktencheck zeigt.

5. Von den Emiraten nach Deutschland: Ein LNG-Tanker verursacht weniger CO2 als alle Autos weltweit in fünf Jahren

Im Oktober wurde im Netz behauptet, ein einziger Tanker, der von den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Deutschland fahre, verursache so viel CO2 wie alle Autos weltweit in fünf Jahren zusammen. Das ist falsch – zum Faktencheck.

6. Nein, es gibt keinen Lastenausgleich für Impfschäden

Im Netz hieß es Anfang des Jahres, ab dem 1. Januar 2024 könne der Bund Menschen enteignen, um mit diesem Geld Menschen zu entschädigen, die einen Impfschaden erlitten haben. Das ist falsch und beruht auf einer Fehlinterpretation einer Gesetzesänderung, wie Sie hier im Faktencheck nachlesen können.

7. Alina Lipp: Wie eine 28-Jährige zum Sprachrohr russischer Propaganda wurde

Der Russland-Ukraine-Krieg brachte ihr den Aufstieg, auf den sie schon seit Jahren hingearbeitet hatte: Alina Lipp inszeniert sich als deutsche Journalistin, verbreitet aber Putins Propaganda. Für ihr Publikum in Russland wiederum malt sie das Bild eines düsteren Deutschlands. Hier geht es zur ausführlichen Recherche.

8. Nein, eine britische Studie belegt nicht, dass Geimpfte „nie wieder volle Immunität“ gegen Covid-19 erreichen

Auf einer Webseite wird behauptet, Daten aus Großbritannien zeigten, dass infizierte Geimpfte dauerhaft weniger Antikörper hätten und anfälliger für „Mutationen des Spike-Proteins“, also neue Virusvarianten seien. Das stimmt nicht. Die niedrigeren Antikörperwerte weisen stattdessen auf einen milderen Krankheitsverlauf bei Geimpften hin – zum Faktencheck.

9. Bild-TV nutzte in Bericht über Russland-Ukraine-Krieg falsche Videos, hat den Fehler aber korrigiert

In Sozialen Netzwerken wurde im Februar behauptet, im Zuge des Russland-Ukraine-Kriegs würden „westliche Fake News“ verbreitet. Als Beispiel wurden Aufnahmen von Bild-TV genannt, die eine Explosion und den Absprung von Fallschirmtruppen zeigten. Doch die hatten tatsächlich nichts mit dem aktuellen Krieg zu tun – hier unser Faktencheck.

10. Asow, Bandera und Co.: Was steckt hinter Putins Narrativ von „Nazis“ in der Ukraine?

Wladimir Putin rechtfertigt seinen Einmarsch in die Ukraine damit, das Land von Faschisten befreien zu wollen – immer wieder fällt in der russischen Propaganda der Name Asow. Wir haben mit ukrainischen und internationalen Experten über den Einfluss rechtsextremer Gruppen in der Ukraine gesprochen. Lesen Sie hier unsere ausführliche Recherche.